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Miha Pogačnik - Terra Parzival

Viele Milliarden an EU-Subventionen flossen nach Ostslowenien, doch arm ist die Region noch immer. Der Geiger Miha Pogačnik will das ändern. Die Geschichte eines fantastischen Projekts.





• Das Bedeutsame ist oft das, was man nicht sieht. Der Geiger Miha Pogač nik steht an einem Hang des Berges Boč in Podravje, einem kleinen Tal im Osten Sloweniens. Gleich drei Quellen plätschern an diesem unscheinbaren Ort zwischen dünnen Bäumen aus dem Fels. Die mittlere der Quellen, sagt Pogačnik, habe das ganze Jahr über die gleiche Temperatur. Im Sommer wie im Winter. Pogač nik glaubt, das Wasser brauche lange, bis es endlich ans Tageslicht gelange. Er vermutet im Inneren des Berges einen unbekannten See.

Demnächst will der 60-Jährige zu einer Tauchexpedition aufbrechen, um mit Spezialisten diesen See im Berg zu suchen. Sollte er ihn finden, wäre dies der Beweis, dass der Boč nicht irgendein Berg ist, sondern Schauplatz einer der bedeutendsten Legenden der europäischen Kultur, dem Epos von Parzival nämlich und seiner Suche nach dem Heiligen Gral. Es wurde in 24 812 Versen vor mehr als 800 Jahren von Wolfram von Eschenbach geschrieben. Der dichtete darin von einem mythischen Berg, in dem ein See liegt. Über diesen lässt sich der Ritter Lohengrin, in einem Kahn sitzend, von einem Schwan ziehen.

Auf den ersten Blick ist Podravje nur ein unbedeutendes Tal. Die Arbeitslosenquote liegt bei 17 Prozent. Von den Jugendlichen unter 29 Jahren ist fast jeder Zweite ohne Job. Im ersten Halbjahr des Jahres 2013 wurden mehr als 6300 Unternehmen die Konten gesperrt, 66 Firmen zwangsliquidiert. Im Fördervokabular der Europäischen Union spricht man von einer strukturschwachen Region, deshalb stehen für Ostslowenien im Zeitraum 2014 bis 2020 mehr als 1,2 Milliarden Euro aus diversen Töpfen der EU bereit. Der mittlerweile dritte Subventionszyklus schließt nahtlos an die vorangegangenen an, die 2013 endeten. Mehr als 4000 Projekte wurden bislang unterstützt, Milliarden werden in Beton gegossen, in Straßen, Brücken, renovierte Fassaden.

Doch arm ist die Region noch immer.

Miha Pogač nik möchte sie nun auf seine Weise entwickeln. Vor allem mit dem, was man nicht sieht: den vielen Fäden einer imposanten Geschichte, denen Pogač nik in den zurückliegenden Jahren nachspürte und die er nun neu verknüpft. Er will Parzival zurück in die Gegenwart holen. Die 24 812 Verse im Tal auslegen, die Gegend mit Bedeutung statt Beton füllen und so neue Geschäfte ermöglichen. Er träumt von belebten Burgen, Schlössern, Klöstern, von Jugendcamps, mythologischem Tourismus, Gesundheitsangeboten, Managerseminaren, Kultur, interdisziplinären Meisterklassen, biodynamischer Landwirtschaft und einer eigenen Bank. Podravje soll zur Terra Parzival werden.

50 Prozent Fakten, der Rest ist Fantasie

So eine Geschichte hat Kraft. Vielleicht mehr, als ein Förderprogramm aufbringen kann, trotz der Milliarden. Drei nur wenig beachtete Quellen am Hang eines Berges umweht ein Zauber, sobald man weiß, dass sie einem See im Innern des Berges entspringen könnten. Der zudem vor Jahrhunderten einen Dichter zu einem gewaltigen Epos inspirierte, das Richard Wagner mit einer Oper weltberühmt machte. Nur: Dass Parzival auch in Podravje spielt, weiß bisher kein Mensch. Nicht mal in Podravje.

Miha Pogač nik ist dabei, das zu ändern.

Zu 50 Prozent setze er dabei auf Fakten, der Rest sei Fantasie. Ihm sei das erlaubt, schließlich sei er Künstler, sagt er.

In der Nähe der drei Quellen befindet sich das Kloster Studnice. Mit einer wunderschöne Kapelle. Teile des maroden Klostergemäuers will ein Unternehmerpaar aus Österreich nun zu einem Gesundheitshotel ausbauen, mit „Parzival-Wasser“. Vielleicht bietet es auch die Agrarprodukte aus dem kleinen Dorf in der Nachbarschaft an.

So fügen sich die Fäden der alten Geschichte wieder neu. Auf der anderen Seite des Berges entspringen einige Thermalquellen, denen die dortigen Kurorte viele Gäste verdanken. Jedes Jahr kommen eine Viertelmillion Russen auf der Suche nach Erholung. Könnte man denen mit Parzival-Wasser nicht noch mehr bieten? Und könnte man die riesigen Festsäle der Fünf-Sterne-Hotels nicht besser bespielen als bislang?

Miha Pogač nik fiel vor 20 Jahren das Manuskript eines Historikers in die Hände. Zunächst war er vor allem davon fasziniert, dass da ein Mann vier Jahrzehnte seines Lebens damit zugebracht hatte, die im Parzival-Epos beschriebenen oder angedeuteten Orte in der Wirklichkeit zu suchen. Dann fesselte auch ihn der Gedanke, dass sie in seinem Heimatland liegen könnten, wie der Historiker vermutet.

Einer der magischen Orte soll Schloss Ankenstein sein. Ein verwunschenes Bauwerk, das der Großvater von Parzival bewohnt haben soll, mit teilweise tausendjährigen Mauern. Opulent thront es auf einem Hügel, im Tal rauscht ein türkisblauer Fluss. Man sieht ein zugesperrtes Eisentor, dahinter einen Hof. An einer Wand hängt eine kahle Ranke wie ein alter Zopf am bröckelnden Putz. Viele Fensterscheiben fehlen. Das Gebäude ist verlassen. Draußen vor der Mauer stehen zwölf Zypressen in Reih und Glied. Alle gleich groß. Der Legende nach, sagt Miha Pogač nik, seien dies zwölf verzauberte Ritter.

Das Schloss Ankenstein, slowenisch Grad Borl, spielt in seinem Vorhaben eine zentrale Rolle. 1994 organisierte er dort ein Konzert. Kaum war der erste Takt erklungen, krachte ein Stück Mauer herunter. Es folgten Theater-Workshops für Jugendliche, Seminare für Führungskräfte, weitere Konzerte. Nach dem Ausbruch des Jugoslawienkriegs lud Pogač nik Jugendliche der verfeindeten Länder ein, sie probten zusammen eine Parzival-Aufführung.

Bis heute denkt er von Projekt zu Projekt. Er versuchte hartnäckig, die Stadtverwaltung zu überzeugen, ihm das Schloss zu übertragen, damit er es sanieren und als Veranstaltungsort etablieren kann. Doch die Kommune hatte das Übliche im Sinn: Japanische Investoren planten ein Golfhotel, amerikanische einen Wellnesspalast. Die Nationalisten ein Veranstaltungszentrum. Keines der Vorhaben wurde je Realität. Miha Pogač nik fasste den Plan, die hohen Mauern über Umwege einzunehmen.

Er traf sich mit Bürgermeistern, Schlossbesitzern, Behindertenverbänden, involvierte sie in seine Vorhaben. Er besuchte lokale Winzer, gab ein Ständchen auf dem Weinberg und versprach, sie in seinen Meisterklassen mit Musikern und Neurologen aus aller Welt zusammenzubringen.

Sonaten für die Unternehmungsentwickeln

In der Belojača-Höhle postierte er Chöre und Erzähler, ließ er Manager aus aller Welt den rutschigen Pfad zum Eingang hinunterstolpern und empfing sie unten bei Fackellicht mit Sonaten von Bach oder Schumann und Versen aus Eschenbachs Parzival. Nicht wenige Teilnehmer weinten.

Es soll der Ort sein, zu dem Parzival auf dem Rücken eines fremden Pferdes gelangte, das ihn dorthin führte. In der Höhle traf er den Eremiten Trevrizent, er blieb mehrere Tage, bereitete sein Lager auf dem nackten Fels. Trevrizent verhalf ihm zu einem Moment der Besinnung und Selbsterkennung. Am Ende findet Parzival den Heiligen Gral, indem er aufhört, ihn zu suchen.

So unbedarft wie Parzival vor die Höhle des Eremiten und damit zur Erkenntnis kam, gelangte der Geigenvirtuose Pogač nik in Wirtschaftskreise. Er referierte im russischen Kaluga über die A-Moll-Sonate für Violine und Klavier von Robert Schumann, sprach über Exposition, Durchführung, Reprise und Coda. Unter seinen Zuhörern war ein niederländischer Manager, der in den Worten des Geigers genau das entdeckte, was er in den Seminaren, die er selbst gab, als Unternehmensentwicklungsmodell vorstellte. Nur dass er keine Vokabeln aus der Musik verwendete, sondern von Pionier-, Differenzierungs-, Integrations- und Assoziationsphase sprach.

Er lud Pogač nik ein, als Dozent einem Führungskräfte-Seminar in den Niederlanden beizuwohnen. Darin wurden die Teilnehmer dann über Geigentöne in das Unternehmensentwicklungsmodell eingeführt. Ein Meisterwerk wie eine Sonate von Bach mache Dinge erlebbarer, ist Pogač nik überzeugt. Seit der gelungenen Premiere in den Niederlanden spielt er regelmäßig für Konzernmanager vor. Künftig will er die Teilnehmer zu den Schauplätzen von Parzival führen.

Um eine große Geschichte in ein reales Projekt zu überführen, braucht es eine ordentliche Portion Pragmatismus. Dafür ist in der Causa Parzival Elena Begant zuständig. Pogač nik lernte die ehemalige Mitarbeiterin einer Nichtregierungsorganisation kennen, als sie für ihn vor Jahren eines seiner Seminare organisierte. Heute ist sie diejenige, die aus den zahlreichen, ebenso fantastischen wie unstrukturierten Einfällen des Musikers konkrete Pläne macht. Pogač nik hat nun täglich Termine mit Bürgermeistern, Stadtentwicklern, Ministern.

Im Gegensatz zu ihm spricht Elena Begant mehrere Sprachen. Die der Politiker, die der Beamten und die der Planer. Während Pogač nik in den Meetings stets über Resonanzen, Kontrapunkte, Parzival, Lohengrin oder die Selbstverortung philosophiert, übersetzt sie mit Worten wie Jugendarbeitslosigkeit, Strukturentwicklung, Tourismusförderung und Know-how-Transfer. So ergänzen sich die beiden: Er begeistert mit Geschichten, die sie in förderfähige Projekte wandelt.

Mittlerweile stehen 41 Bürgermeister in der Umgebung von Podravje hinter dem Projekt. Terra Parzival wurde offiziell beschieden, ein Vorhaben von nationaler Bedeutung zu sein. Miha Pogač nik und Elena Begant haben gute Chancen, im aktuellen Förderzyklus mit ein paar Millionen Euro bedacht zu werden.

Von der Stadtverwaltung erhielten sie kürzlich ein weißes Kuvert. Darin befanden sich die Schlüssel für Schloss Ankenstein. Ein großer Moment: Neben vier Schlössern einer Höhle, zwei Klöstern und einem Weinberg zählt nun auch das verwunschene Ankenstein zur Terra Parzival. Das Anwesen gehört ihnen zwar nicht, aber sie können es wie die anderen Stätten bespielen.

Miha Pogač nik gefällt das gut. Damit besäßen sie nichts und hätten doch alles. ---
Miha Pogačnik sagt, die magischen Orte der Terra Parzival hätten ihn gefunden. So wie Parzival erst dann zum Heiligen Gral gelangt, als er aufhört, nach ihm zu suchen, kehrte der Geiger in seine Heimat zurück, nachdem er sie auf der Suche nach dem Glück ein halbes ­Leben lang verlassen hatte. Die alten Gemäuer wie das Schloss Statenberg haben ihn in ihren Bann gezogen. Er versucht nun, diesen Orten das zu geben, was man mit Geld allein nicht erreichen kann: Bedeutung
Podravje ist ein abgelegenes Tal, das selbst viele Slowenen nicht kennen. Erkundigt man sich hier nach Parzivals Geschichte, bekommt man meist nur ein Kopfschütteln zur Antwort. Die Menschen haben andere Sorgen, die Arbeitslosigkeit ist hoch, junge Menschen wandern ab. Wer hier bleibt, richtet sich als Selbstversorger mit eigenem Garten in einfachsten Verhältnissen ein. Dabei verfügt die ­Region über einen wahren Schatz: ihre ergreifende Schönheit
Die wehrhaften Mauern des Franziskanerklosters Zička Kartuzija stammen aus der Zeit Parzivals. Die Mönche lebten in dem Kloster schweigend und ohne Kontakt zur Außenwelt bis zu ihrem Tode. Vor ihrer Beisetzung wurden die Verstorbenen drei Tage lang in der kleinen Kapelle aufgebahrt. Miha Pogačnik veranstaltet hier Managerseminare. An diesem Morgen spielt er in der kleinen Kapelle eine Sonate von Schumann
Der EU sei Dank: die Brücke Viadukt Skednj. Viele Milliarden Euro wurden in den zurückliegenden Jahren in Podravje in Straßen, Häuserfassaden und Brücken gesteckt. Ein Subventionsprogramm löste das nächste ab, die Probleme aber sind geblieben. Bis 2020 werden nun weitere 1,2 Milliarden Euro für Ostslowenien ausgeschüttet. Miha Pogačnik hat für Terra Parzival drei Millionen Euro beantragt. Beton spielt in seinem Konzept eine eher untergeordnete Rolle
Ein großer Moment – und daher ein kleines Ständchen im Rittersaal von Schloss Ankenstein für Elena Begant und für „Jiji“, der seit Kinder­tagen ein guter Freund Pogačniks ist. Nachdem sie sich viele Jahre vergeblich um das alte Gemäuer bemüht hatten, übergab ihnen die kommunale Verwaltung schließlich doch die Schlüssel für das Schloss. Parzivals Großvater soll es einst bewohnt haben. Künftig werden dort Jugendliche aus aller Welt zusammenkommen, geplant sind Konzerte und Theateraufführungen