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Entwurzelte Patrioten

In Japan besuchen 10.000 Kinder Privatschulen, in denen Treue zu Nordkorea unterrichtet wird. Die Geschichte eines Identitätskonflikts.




• Kang Sae-ho steht auf der Freitreppe der Universitätsbibliothek und übt Posaune. Rund und voll schallt sein Spiel über die abendliche Stadt. Ein Gruppe von Kommilitonen, die aus der Mensa kommen, singen ein paar Zeilen mit. Es ist eine Volksweise aus Korea, deren Text von der Schönheit der Landschaft und dem Liebreiz der Menschen erzählt, ein einfaches Lied, doch für Kang und die anderen Studenten ist es Teil einer höchst komplizierten Geschichte. Denn das Land, das sie besingen, ist Nordkorea, aber ihre Universität liegt nicht etwa in Pjöngjang, sondern am Rande Tokios.

Kang ist in Japan geboren, genau wie seine Eltern, und äußerlich unterscheidet den 22-Jährigen nichts von anderen Studenten. Er trägt enge Jeans, ein weißes T-Shirt und Markenturnschuhe. Seine schwarzen Haare hat er mit Gel in modische Unordnung gezaust. Doch seit seiner Kindheit hat Kang Schulen besucht, an denen die Treue zu Nordkorea unterrichtet wird. Auch die „Koreanische Universität“ ist ein Außenposten des isolierten Landes.

Was Kang in seinem Geschichtsstudium lernt, orientiert sich in weiten Teilen an Pjöngjangs offizieller Weltsicht, in der Nordkorea eine ähnliche Rolle einnimmt wie das kleine gallische Dorf von Asterix und Obelix, als letzte Bastion von Ehre und Aufrichtigkeit. „Korea ist meine Heimat“, sagt Kang, „und das wahre Korea existiert heute leider nur noch im Norden unseres Landes.“

Einmal war er dort, vor zwei Jahren, bei einer Studienreise. „Ich war stolz zu sehen, wie viele Hochhäuser es in Pjöngjang gibt und wie modisch die Leute gekleidet sind“, berichtet er. Der Herrscher Kim Jong-un ist für ihn ein würdiger Nachfolger von dessen Großvater Kim Il-sung, den Kang den „Begründer des modernen Koreas“ nennt, weil er die Tradition eines großen Volkes vor dem Untergang bewahrt habe. Von Kritik an den Verhältnissen dort, will der Student nichts hören: „Die Demokratische Volksrepublik Korea ist viel besser als ihr Ruf.“

Würde er dort leben wollen? Kang lacht verlegen und lässt die Frage offen. Aber selbst wenn er Nordkorea nur aus der Ferne liebt: Was bringt einen im reichen, freien Japan sozialisierten Studenten dazu, sich mit einem solchen Land zu identifizieren? Einem Staat, der als einer der ärmsten und repressivsten der Welt gilt. Einem Regime, das Japan mit Raketen und Atombomben bedroht. Einem Land, für das die Gesellschaft, in der Kangs Familie seit vier Generationen lebt, nur Spott, Verachtung, Mitleid oder Hass übrig hat.

„Denken Sie nicht schlecht von uns oder unseren Studenten“, bittet Professor Pak Sam-sok. „Wer die Vergangenheit versteht, wird nichts Negatives über Nordkorea sagen.“ Er unterrichtet koreanisch-japanische Beziehungen und ist Vizepräsident der Koreanischen Universität. Auch er ist in Japan geboren, hat selbst einst hier studiert und könnte vom Äußeren her auf jeden anderen japanischen Hochschulcampus passen: ein grauhaariger Endfünfziger in einem weit geschnittenen Anzug, durch dessen besonnenes Auftreten immer wieder die Bestimmtheit des Lehrers durchscheint. Zehnmal hat er Nordkorea besucht, ein Land, in dem er sicher nicht leben wollen würde, aber über das er doch redet wie über seine Heimat. Für dessen Probleme ist seiner Meinung nach die feindselige Politik des Auslands verantwortlich, die das koreanische Volk daran hindere, seinen eigenen Entwicklungsweg zu gehen. So lernen es auch seine Studenten, die neben ihren Hauptfächern alle Geschichtskurse belegen müssen. „Deshalb werden Sie auf unserem Campus nichts Negatives hören.“

Mehr als 500.000 Menschen mit koreanischen Wurzeln leben in Japan. Rund 150 000 von ihnen bekennen sich zu Nordkorea und sind Mitglieder der nordkoreafreundlichen Vereinigung Chongryon. Die meisten sind in Japan geboren und nie in Nordkorea gewesen. Ein großer Teil von ihnen hat statt einer offiziellen Staatsangehörigkeit nur ein Dokument, das sie als „Zainichi Chosenjin“ ausweist. Dabei könnten sie leicht einen südkoreanischen Pass beantragen. „Die Koreaner sind ein sehr stolzes Volk“, sagt Park Too-jin, Leiter des Korea International Research Institute, eines privaten Thinktanks in Tokio. „In Japan fühlen sie sich häufig diskriminiert, was bei vielen zu einer komplizierten Identität geführt hat.“

„NORDKOREA IST KEINE DIKTATUR“

Einen nordkoreanischen Ausweis bekommen sie nicht ohne Weiteres, weil zwischen Pjöngjang und Tokio keine diplomatischen Beziehungen bestehen. „Die Chongryon-Vereinigung spielt die Rolle einer inoffiziellen Botschaft“, erklärt Park. Der Verband ist so undurchsichtig wie das nordkoreanische Regime selbst. Einige Beobachter glauben, dass Pjöngjang ihn finanziert, um sich einen Zugang zur westlichen Welt zu erhalten. Andere vermuten, dass die Zainichi Chosenjin ihrerseits mit großen Summen Nordkoreas Eliten unterstützen und das abgewirtschaftete System so am Leben erhalten. In jedem Fall müssen dem Verband stattliche Summen zur Verfügung stehen, denn er erhält in Japan seit Jahrzehnten ein eigenständiges Bildungssystem. Aktuell betreibt er 65 Grundschulen und 15 Mittelschulen, an denen rund 10 000 Kinder unterrichtet werden. Außerdem gibt es die Universität, an der heute rund 500 Studenten eingeschrieben sind.

Journalisten sind dort nicht gern gesehen. Vizepräsident Pak hat mit der Presse schlechte Erfahrungen gemacht, und es hat monatelange Überzeugungsarbeit gebraucht, um ihn zu einem Treffen zu bewegen. Nun sitzt er in einem Besprechungsraum mit abgewetzten Sesseln. Eine Sekretärin in einem Chima-Jeogori, einem ausladenden Gewand aus bunter Seide, bringt Tassen mit gesüßtem Nescafé und kniet sich zum Servieren auf den Boden. An der Wand hängt ein monumentales Ölgemälde mit Fluss, Wald und Felsen. „Eine Landschaft in Korea“, sagt Pak. Statt zwischen Nordkoreanern und Südkoreanern zu unterscheiden, solle man einfach von Koreanern sprechen, fordert er. Vor allem hier, in Japan.

Denn die Geschichte der Zainichi Chosenjin beginnt – lange vor der Teilung Koreas – in einem der hässlichsten Kapitel von Japans Vergangenheit. Anfang des 20. Jahrhunderts versuchte das Kaiserreich, seine Macht auf ganz Ostasien auszudehnen. Das rückständige Korea war eines der ersten Opfer und wurde 1910 zur Kolonie. Die Japaner waren grausame Herrscher, doch wer sich mit ihnen arrangierte, konnte von ihnen profitieren. Zehntausende Koreaner gingen nach Japan, weil die Aussichten auf Bildung und Arbeit dort besser waren. Als der japanische Militarismus im Zweiten Weltkrieg auf seinem Höhepunkt war, zwang Tokio viele Koreaner zur Zwangsarbeit, um die Lücken zu füllen, die durch die Rekrutierung der Armee entstanden waren.

Der Spuk endete 1945 mit dem Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki. Rund zwei Millionen Koreaner lebten damals in Japan – wer zurückwollte, musste sich plötzlich zwischen zwei Koreas entscheiden. Im Süden der Halbinsel waren nach dem Abzug der Japaner die Amerikaner eingezogen, im Norden hatte die Sowjetunion den Freiheitskämpfer Kim Il-sung als Herrscher installiert. Der Ausgang des Konflikts schien offen, ideologisch wie militärisch, und die nächste Konfrontation war nur eine Frage der Zeit. Viele der in Japan lebenden Koreaner hielten es deshalb für besser, vorerst nicht in ihre Heimat zurückzukehren. 1950 brach der Koreakrieg aus, und das am Boden liegende Land wurde abermals drei Jahre lang verwüstet, bevor sich die beiden Armeen am 38. Breitengrad – just dort, wo sie zu kämpfen begonnen hatten – auf einen Waffenstillstand einigten, der bis heute anhält und auch die Koreaner in Japan entzweit.

Zu denen, die damals in Japan blieben, gehörten auch die Eltern von Professor Pak. „Es gab für sie keinen Weg zurück“, erzählt er. „Dabei liebten sie ihr Land und hofften, eines Tages doch noch heimkehren zu können.“ Für ihren Sohn wünschten sie sich eine koreanische Erziehung. Doch die Japaner hatten ebenso wenig Interesse, sich um die Sorgen ihrer ehemaligen Untertanen zu kümmern, wie die Amerikaner, die in Tokio und Seoul die Politik diktierten. In Pjöngjang war man dagegen sensibler und schickte Geld nach Japan, um koreanische Schulen zu gründen – eine Investition, die sich bis heute auszahlt. „Alle haben uns im Stich gelassen, aber Kim Il-sung hat uns nicht vergessen“, sagt Pak. „Dafür sind wir ihm bis heute dankbar.“

Hat die Dankbarkeit aber nicht einen hohen Preis, wenn sie den Nachfahren der Kolonialisierungsopfer die Treue zum Kim-Kommunismus abverlangt, der sich längst von einer koreanischen Befreiungsbewegung zum orwellschen Terrorstaat gewandelt hat? Pak bleibt höflich, doch seine Miene zeigt, dass er bereut, sich auf das Gespräch eingelassen zu haben. „Nordkorea ist keine Diktatur“, behauptet er. So lernen es auch seine Studenten. Wie der Posaunenspieler Kang Sae-ho wissen auch die anderen Studenten nur Positives über Nordkorea zu berichten. „Ich habe strahlende Menschen erlebt, die das Leben genießen“, erinnert sich einer an die Studienfahrt, die alle Studenten im sechsten Semester machen. Ein anderer wirft den Südkoreanern vor, die Traditionen ihres Volkes der globalen Einheitskultur geopfert zu haben, weshalb die Aufgabe, ihren Fortbestand zu sichern, heute den Nordkoreanern und den Zainichi Chosenjin zufalle.

Spricht aus solchen Sätzen echte Überzeugung oder die Angst, für einen falschen Satz bestraft zu werden? „Womöglich denken sie anders, aber sie würden das Fremden nie sagen, weil das Verrat an ihrem Volk wäre“, sagt Park Too-jin vom Korea International Research Institute. Infolge häufiger Diskriminierung hätten viele japanische Koreaner ihre Standpunkte verhärtet. Die Ablehnung der anderen sei zum Kernpunkt der Identität geworden – ein Bedürfnis, das gut zur nordkoreanischen Herrschaftsideologie Juche passt, die ebenfalls die Eigenständigkeit betont. Das Ergebnis, so Park, seien „entwurzelte Nationalisten. Sie sehen es als ihre Mission an, das reine Korea zu schützen und diese Aufgabe ihren Kindern weiterzugeben.“ Die Jugendlichen stünden unter hohem Druck ihrer Familien, ihrem Volk keine Schande zu machen.

FERN DER HEIMAT IGEKLN SIE SICH EIN

Seine Beobachtungen passen zu Erkenntnissen des amerikanischen Politologen Brian Myers, der bei einer Analyse nordkoreanischer Propaganda Züge einer Rassenideologie ausmachte. Demnach sehen sich die Koreaner als „reine Rasse“, die Nordkoreaner fühlten sich berufen, diese zu bewahren, schreibt Myers in „The Cleanest Race“. Folglich wären die Schüler an Japans nordkoreatreuen Schulen so etwas wie die Kinder einer nationalkonservativen koreanischen Diaspora, die ihr Weltbild verbittert gegen Veränderung verteidigt. Ihr Leitmedium ist die »Choson Sinbo«, Japans koreanische Zeitung, die täglich mit einer Auflage von 30 000 Exemplaren erscheint. Pak Nibun ist eine von 15 Redakteuren. Über ihrem Schreibtisch hängen Bilder von Kim Il-sung und seinem 2011 verstorbenen Sohn Kim Jong-il, doch auf das Vater-Sohn-Gespann angesprochen, wechselt sie schnell das Thema. „Alle reden schlecht über Nordkorea, aber niemand will darüber sprechen, wie unsere Menschenrechte hier in Japan verletzt werden“, klagt die Journalistin.

Die Liste ihrer Vorwürfe ist lang: Die japanische Regierung gewähre den nordkoreanischen Schulen keine finanzielle Unterstützung und versuche, die Chongryon-Vereinigung mit Steuerverfahren in die Knie zu zwingen. Nicht weniger gravierend sei die öffentliche Diskriminierung: Konservative Spitzenpolitiker bis hinauf zu Premier Shinzo Abe leugnen bis heute die Existenz von Soldatenbordellen, in denen Koreanerinnen als Sexsklavinnen gehalten wurden. Obwohl unter den Opfern der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki rund 40 000 koreanische Zwangsarbeiter waren, wird dieser bei den jährlichen Gedenkveranstaltungen nicht gedacht. Japanische Unternehmen weigerten sich jahrzehntelang, Arbeiter koreanischer Herkunft einzustellen, ein Unrecht, das viele Koreaner in zwielichtige Existenzen zwang.

LANGSAM BRÖCKELT DIE IDEOLOGIE

„Wir Koreaner sollten stets an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden“, beschwert sich die Redakteurin. So mancher habe seine Herkunft lieber verschwiegen. Masayoshi Son etwa, der koreanischstämmige Gründer des Telekommunikationskonzerns Softbank und heute Japans drittreichster Mann, haderte am Anfang seiner Karriere noch damit, öffentlich seinen koreanischen Namen zu verwenden. Erst seit dem Aufschwung Südkoreas haben japanische Koreaner das Selbstbewusstsein, sich öffentlich zu ihrer Herkunft zu bekennen. Inzwischen ist Tokios Korea Town Okubo ein beliebtes Ausgehviertel und südkoreanische Popgruppen wie „Girl’s Generation“ füllen auch japanische Stadien.

Zainichi Chosenjin wollen damit nichts zu tun haben. „Das ist nicht unsere Kultur“, sagt die Journalistin Pak. Eigene Idole fehlen. Die Ausnahme ist der Fußballer Jong Tae-se, der sowohl die nordkoreanische als auch die südkoreanische Staatsangehörigkeit besitzt und lange zu den Stars der japanischen Fußball-Liga gehörte. Wegen seiner bulligen Statur und rustikalen Spielweise gaben ihm seine Fans den Spitznamen „Wayne Rooney des Volkes“. 2010 sorgte er für Schlagzeilen, als er sich entschied, bei der Weltmeisterschaft in Südafrika für Nordkorea aufzulaufen. Dabei hätten ihn auch die Südkoreaner gern in ihrem Team gehabt. „Ich bin glücklich, mein Volk repräsentieren zu können“, sagte er und weinte beim Klang der nordkoreanischen Hymne.

Doch Jongs Treue war nicht von Dauer. 2013 wechselte er nach Stationen beim VfL Bochum und beim 1. FC Köln zum südkoreanischen Club Suwon Samsung Bluewings. Bei den Zainichi Chongryon nahm man ihm das übel. In Südkorea zu spielen ist in ihren Augen schlimmer als ein Engagement in Japan. Doch womöglich ist Jongs Fahnenflucht symptomatisch. Denn der Zusammenhalt der japanischen Nordkoreaner-Gemeinschaft schwindet. „Wir haben leider weniger Studierende als früher“, gesteht Professor Pak von der Koreanischen Universität. In den Achtzigerjahren waren es noch dreimal so viele. Auch Kindergärten und Grundschulen haben Nachwuchsprobleme, weil immer mehr Eltern sich inzwischen doch lieber für japanische Schulen entscheiden.

„Am Anfang kam die Veränderung schleichend, aber inzwischen ist die Lage ziemlich ernst“, sagt Frau Lee, Leiterin einer Grundschule in einem Vorort von Tokio. Es tropft durch die Decken. Die Korridore sind mit Pappen ausgelegt. Statt ehemals 200 Kinder hat sie heute nur noch 63 Schüler und 15 Kindergartenkinder unter ihren Fittichen. Die Eltern bezahlen 20 000 Yen im Monat, das sind rund 150 Euro. Ohne Unterstützung vom Chongryon-Verband müsste die Schule schließen.

„Es wird immer schwieriger, unsere Identität zu bewahren“, sagt Lee, eine warmherzige Frau, die nicht wie eine Fanatikerin wirkt. Ihre Geschichte gleich der vieler koreanischer Diaspora-Familien: Ihr Vater stammt aus der Provinz Nord-Gyeongsang, die heute in Südkorea liegt. 1938 wurde er als Jugendlicher nach Japan verschleppt und musste auf dem Feld arbeiten. Irgendwann kam ein Wagen mit japanischen Soldaten. Er wurde ins Auto gezerrt und fand sich wenige Tage später in einer Kohlemine auf der japanischen Insel Hokkaido wieder. Als er mit 35, noch immer fern der Heimat, an einer Lungenkrankheit starb, die ihm die jahrelange Arbeit im Kohlestaub eingebracht hatte, nahm er seiner Frau das Versprechen ab, die gemeinsame Tochter in koreanischer Tradition zu erziehen. Das war 1957, der Koreakrieg lag vier Jahre zurück, und das Geld für Lees Erziehung kam aus Pjöngjang.

Korea die Treue zu halten ist für sie eine Lebensaufgabe geworden, die sie sich nicht ausgesucht hat. „Mich für die koreanische Tradition einzusetzen war für mich immer eine Möglichkeit, meinem Vater nah zu sein.“ Im Korridor hat Lee die Kinder mit Glasfarben die Fenster bemalen lassen. Auf einem übt ein Kind Klavier, auf einem anderen schreiten weinende Menschen durch das Tor zur koreanischen Wiedervereinigung – ein Tor zu einer Heimat, die sie nie hatte und die es längst nicht mehr gibt. ---