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Die Zweitkarriere

So wird man als Künstler zweimal erfolgreich.





• Der Weg zum Ruhm ist lang, steinig und endlos. Hat man erst einmal den Punkt erreicht, von dem man anfangs dachte, dort warte ein anderes, leichteres, interessanteres Leben, stellt man bald fest, dass es keinesfalls einfacher wird – oben bleiben ist auch Arbeit. Denn Erfolg ist flüchtig. Das gilt nicht nur für Unternehmer, die mit einer brillanten Geschäftsidee einen Markt erobert oder gar geschaffen haben und nun sehen müssen, dass sie keiner verdrängt. Auch Künstler, die mit dem Erfolg automatisch in den vermeintlich höherwertigen Status des Stars aufsteigen, müssen kämpfen. Wie ein Unternehmer haben sie ein Produkt, das sie verbessern, diversifizieren und optimieren müssen. Das können viele auch ganz gut. Es gibt nur ein Problem: Dafür sind sie eigentlich nicht gemacht.

Künstler sind kreative Menschen. Doch haben sie Erfolg, wird von ihnen erwartet, genau das nicht mehr zu sein. Jedenfalls nicht allzu sehr. Denn ihre Verleger, Galeristen, Auftraggeber, Käufer und Fans haben es lieber, wenn die Künstler das tun, wofür man sie ursprünglich gebucht oder geliebt hat – nur eben in neuen, überschaubar originellen Varianten. Das ist für viele Künstler eine ewige Quelle der Frustration. In der Musikszene wird das Phänomen auf einen Satz gebracht, der inzwischen ein geflügeltes Wort ist: „Shut up and play the hits.“ James Murphy, Gründer des Disco-Dance-Punk-Projekts LCD Soundsystem, stellte sein letztes Konzert im Madison Square Garden unter dieses Motto. Er war von dem Ruf nach dem immer Gleichen so genervt, dass er 2011 beschloss, seine enorm erfolgreiche Gruppe aufzulösen. Eine gleichnamige Doku über das Event erschien einige Monate später. Dann war Schluss.

Vermutlich würde es ihm mancher Künstler gern gleichtun: Schriftsteller, die von ihren Lesern und oft auch ihren Verlegern gedrängt werden, Varianten ihrer Bestseller zu schreiben. Künstler, die mit witzigen kleinen Zeichnungen, großen Collagen oder Gemälden mit kritischem Anspruch bekannt geworden sind und bei ihrem Sujet bleiben, um ihren Marktwert nicht zu gefährden. Selbst ein Regisseur wie Peter Jackson, der mit Amateur-Horrorfilmen anfing, wurde nach dem enormen Erfolg seiner Blockbuster-Trilogie „Herr der Ringe“ nur noch für Blockbuster mit viel Tricktechnik angefragt.

Und alle tun brav, was man von ihnen verlangt.

Für Menschen, die das mühsame Künstlerdasein gewählt haben, weil sie den Routinen des Alltags entgehen wollten, ist das natürlich schwierig. Doch ihnen zu entkommen ist ebenfalls nicht einfach. Man kann, wie James Murphy, sein Erfolgsrezept aufgeben – aber was dann? Er hat seit seinem letzten Konzert wenig getan, ein paar Bands produziert, aber nichts, was auch nur annähernd so überzeugend, interessant und erfolgreich war wie das LCD Soundsystem. Warum? Weil es nicht so einfach ist, eine gute Idee zu haben – aber noch viel schwerer, einer guten und erfolgreichen Idee eine andere gute, ähnlich Erfolg versprechende Idee folgen zu lassen. Jedenfalls auf den ersten Blick.

Doch bei näherem Hinsehen erweist sich das als Irrtum: Etliche Künstler haben es geschafft. Man muss nur wissen, wie es geht. Hier ein kleiner Überblick, wie Stars zu ihrer Zweitkarriere gekommen sind. Mit Tipps, zur Nachahmung empfohlen.

Der Agenturchef: Leonardo da Vinci

Die im angelsächsischen Raum populäre Bezeichnung „Renaissance Man“ für einen Universalgelehrten geht auf ihn zurück. Leonardo da Vinci war Maler, Anatom, Ingenieur, Architekt, Bildhauer, Erfinder und Philosoph. Selbst eine oberflächliche Liste seiner Werke, von der Mona Lisa über die detaillierten anatomischen Studien bis zu seinen Arbeiten zum Wasser, die von der Entdeckung der Oberflächenspannung über Stadtpläne bis zum Entwurf des ersten U-Boots reichen, würden den Rahmen dieses Heftes sprengen. Doch da Vinci war nicht allein. Er hatte unzählige Helfer, von einfachen Schülern und Assistenten über teilweise jahrzehntelange Begleiter bis zu anderen Wissenschaftlern und Künstlern, mit denen er sich austauschte und kooperierte. Er war offensichtlich ein sehr guter Kommunikator, was aber nur selten gewürdigt wird – das passt nicht zum Ideal des einsamen Genies.

Dabei war er auch damit seiner Zeit voraus: In der Kunst, wo es heute üblich ist, Medien in großen Installationen zu verbinden, ist es selbstverständlich, dass jeder Künstler Assistenten und Mitarbeiter hat. Stars beschäftigen ein eigenes Team, in der Mittelklasse werden Handwerker und andere notwendige Spezialisten von Auftrag zu Auftrag angeheuert, und wer sich auch das nicht leisten kann, bittet Freunde um Hilfe, denen man umgekehrt in ähnlichen Situationen beisteht. Alle betreiben Ich-Agenturen, und wenn ein Auftrag kommt, der neue Anforderungen stellt, werden neue Leute dazugeholt.

Zweitkarriere-Tipp: Im Netzwerk ist mehr möglich.

Der Arbeiter: Pablo Picasso

Der Spanier gilt als der größte Maler des 20. Jahrhunderts, war aber bekanntlich kein sehr guter Kommunikator. Das hat auch Vorteile: Wer nicht viel redet, hat mehr Zeit zum Arbeiten. Picasso ist dafür bekannt, dass er ohne große Mühe von Stil zu Stil wechselte: Kubismus, Surrealismus, simpel wirkende Zeichnungen wie die Friedenstaube, die er für den Pariser Weltfriedenskongress 1949 entwarf, wilde Gemälde, denen er sich zum Lebensende widmete. Und Skulpturen. Und Gedichte. Wie er das geschafft hat? Das riesige Meisterwerk „Guernica“ gibt eine Vorstellung vom Tempo, in dem Picasso arbeitete: Es entstand in rund einem Monat, inklusive Hunderten von Skizzen. Picasso hat, ganz schlicht, sehr schnell und sehr viel gearbeitet. Bis zur persönlichen Grenze oder Sättigung. Und dann etwas Neues. Schade, dass das auf dem modernen Kunstmarkt nicht mehr gefragt ist.

Trotzdem: Wer mehr tut, hat auch mehr zu verkaufen.

Zweitkarriere-Tipp: Arbeiten!

Das Wunderkind: Captain Beefheart

Mit seinen nervösen, krachenden, sperrigen Kompositionen brachte Don Glen Van Vliet alias Captain Beefheart in den späten Sechziger- und den Siebzigerjahren die Blues- und Rockmusik an ihre musikalische Grenze. Heute gilt insbesondere sein Album „Trout Mask Replica“ als Meilenstein des Genres. Doch in seiner Zeit als Musiker blieb Don van Vliet trotz der Unterstützung seines viel erfolgreicheren Avantgardepop-Freundes Frank Zappa der Erfolg verwehrt. Er zog sich frustriert zurück und beschloss, stattdessen zu malen. Erstaunlicherweise konnte er von seinen Bildern leben, was vermutlich nur ihn nicht wunderte – er hatte bereits als Kind als hochbegabtes Maltalent gegolten.

Zweitkarriere-Tipp: Talent hilft.

Der Seiltänzer: Helge Schneider

Leichtfüßig tänzelt der Koloss von Mühlheim von einem Medium zum anderen: Hier ein Nummer-eins-Hit, dort ein Bestseller, schnell noch einen Film erfolgreich ins Kino gebracht, und dann geht es schon wieder auf eine ausverkaufte Tournee, bei der die Hälfte der Zuschauer jubelt, weil er so witzig ist, und ihn die andere Hälfte als begnadeten Multi-Instrumentalisten verehrt. Man könnte sich fragen: Wie macht der das? Die Antwort ist simpel: Der 58-Jährige ist einerseits ein solider Handwerker – alles, was er tut, kann er auch. Andererseits ist Helge Schneider in der Lage, loszulassen. Draufloszuquatschen. Draufloszuspielen. Draufloszuschreiben. Als habe er nichts zu verlieren. Der erste Schritt, Helge Schneider zu werden, ist also: immer sagen, was einem gerade in den Kopf kommt. Und wer anschließend – was durchaus passieren kann – keine Arbeit mehr hat und keine Freunde, tja, der hat fortan viel Zeit zum Üben. Und wird vielleicht ein guter Handwerker.

Zweitkarriere-Tipp: Nur Mut!

Der Partner: Yoko Ono

Die Japanerin war eine mittelerfolgreiche Aktions- und Konzeptkünstlerin, als sie den Beatle John Lennon traf. Mit ihm an ihrer Seite stieg ihre Popularität steil an: Hätte sie 1969 allein für den Weltfrieden im Bett gelegen, hätte das wohl kaum jemanden interessiert – mit Lennon neben ihr war es eine Mediensensation. Doch ihr Ehemann schenkte ihr noch etwas viel Wichtigeres als Aufmerksamkeit: die Musik. Mit ihm begann sie eine zweite Karriere. Die ersten Aufnahmen des Paares wirkten wie die kläglichen Versuche eines Profimusikers, einem Amateur Raum zu geben. Doch bald fand Ono zu einem eigenen Stil, in dem sie den Blues von John Lennon mit den Exzessen ihrer Aktionskunst verband und dabei manchmal zu erstaunlich eingängigen Songs kam.

Zweitkarriere-Tipp: Lerne von deinem Partner.

Der Freundeskreis: Bryan Adams

Man muss die recht schlichte Rockmusik des Kanadiers Bryan Adams nicht mögen, um sie zu respektieren: Nummer-eins-Hits in mehr als 30 Ländern legen nahe, dass seine Lieder vielen Menschen etwas bedeuten. Umso erstaunlicher, dass er im neuen Jahrtausend eine neue Karriere begonnen hat: als Fotograf. Anfangs lichtete er seine Freunde und Bekannten ab, von denen einige, wie zum Beispiel Mick Jagger, Ben Kingsley oder Mickey Rourke, ebenfalls Stars sind. Ein Star fotografiert Stars – das garantierte öffentliches Interesse. Doch mit der Zeit zeigte sich, dass Adams tatsächlich Talent hat, und so steht inzwischen neben der stattlichen Diskografie des 54-Jährigen eine beeindruckende Liste von Fotoausstellungen und -preisen.

Zweitkarriere-Tipp: Mach einfach mal – es wird schon.

Das Vermarktungsgenie: Angelina Jolie

Will ein Star, der alles erreicht und getan hat, der Langeweile entkommen, ist der einfachste Weg, ein Kind zu kriegen. Oder sich für gute Zwecke zu engagieren. Leider wird beides selten als kreative Leistung anerkannt, obwohl jeder weiß, dass es kaum eine Aufgabe gibt, die mehr Kreativität erfordert als das Elterndasein. Und auch Charity braucht mehr als ein Lächeln, wenn man in Krisengebiete reist, in denen man schon Probleme bekommt, weil man eine Frau ist und kein Kopftuch trägt. Die Schauspielerin Angelina Jolie hat es geschafft, mit beidem berühmter zu werden, als sie es als Hollywood-Star war. Das ist eine erstaunliche Leistung – keine Ironie!

Jolie kam bei den Dreharbeiten zu dem Blockbuster „Tomb Raider“ in Kambodscha zum ersten Mal mit den Problemen der Dritten Welt in Berührung. In der Folge begann sie Flüchtlingslager zu besuchen und sich persönlich wie finanziell für Flüchtlinge und vor allem Kinder zu engagieren. Zudem adoptierte sie drei Kinder und bekam selber drei. Das alles ist an sich nicht unbedingt bemerkenswert: Viele Menschen engagieren sich für gute Zwecke – und noch mehr haben Kinder. Doch niemand ist so gut darin, seine Popularität zu benutzen, um auf Flüchtlinge oder die Geburt eines weiteren Kindes aufmerksam zu machen. Angelina Jolie und ihr Partner Brad Pitt sind Künstler in einem wenig gewürdigten Bereich: Sie leiten ihr PR-Orchester wie zwei Karajans der Pressemitteilung. Wobei die Botschaft sicherlich ein Teil der Kunst ist: Gut aussehende Menschen, glückliche Paare, Kinder und Mitgefühl sind immer in Mode. Doch das reicht nicht – man muss es auch perfekt rüberbringen.

Zweitkarriere-Tipp: Tue Gutes, rede darüber – und denke vorher nach, mit wem du sprichst. ---