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Tricker’s Schuhe

Noch nie war Tradition so wertvoll wie heute. Eine Geschichte über den Heritage-Hype und die englische Schuhmacherei Tricker’s.





• Der Anschluss ans Eisenbahnnetz. Die Arbeiteraufstände Mitte des 19. Jahrhunderts. Der Schwarze Freitag 1929. Der Erste Weltkrieg. Der Zweite. Die harten Jahre unter Thatcher.

In der Northamptoner St. Michael’s Road, einer Seitenstraße mit verwitterten Reihenhäusern auf der einen und Manufakturen auf der anderen Seite, haben sie all das erlebt. Vor 185 Jahren – zu einem Zeitpunkt, als die Elektrifizierung noch Jahrzehnte entfernt war – nähte hier ein gewisser Joseph Barltrop sein erstes Paar Tricker’s-Stiefel. Seither haben die Barltrops ihr Familienunternehmen von Sohn zu Sohn weitergereicht bis zu Nicholas Barltrop, dem aktuellen Chef der Schuhmanufaktur und Ur-Urenkel des Firmengründers.

Irgendwann haben sie elektrische Näh-, Schleif- und Punktiermaschinen angeschafft, die heute zum Großteil bereits Jahrzehnte alt und ölverschmiert sind. Vor gut hundert Jahren haben sie ihre Werkstatt abgerissen und durch einen mittlerweile denkmalgeschützten dreistöckigen Bau mit Sprossenfenstern, knarzenden Holzböden und steilen Stiegen ersetzt. Wer ihn heute von der St. Michael’s Road her betritt, steht in einem schmalen Flur mit abgetretenem Teppich, an der Decke baumelt eine nackte Energiesparleuchte. Der Weg zum engen Fabrikverkaufsraum wiederum führt über einen Parkplatz an der Gebäuderückseite, vorbei an einem Wellplastikverschlag, in dem die Arbeiter ihre Pausenzigaretten rauchen.

Um solche Äußerlichkeiten kümmern sie sich bei Tricker’s herzlich wenig. Die 85 Mitarbeiter des Familienunternehmens tun das, was sie seit 1829 machen: Sie stellen solides, zeitloses Schuhwerk her.

Nur dass dieses Produkt neuerdings erstaunlich gefragt ist. 1400 Paar Schuhe fertigt die Manufaktur jede Woche, das sind mehr als dreimal so viele wie noch zur Jahrhundertwende. Mehr als zwei Drittel der Produktion liefert das Unternehmen an Händler in Asien, Amerika und auf dem europäischen Festland. Vor zwei Jahren haben sie am Stadtrand Northamptons eine moderne Lagerhalle hinzugemietet, weil ihr Stammsitz aus allen Nähten platzte. Mitten in der Wirtschafts- und Finanzkrise erlebt das Unternehmen einen Boom wie nie zuvor in seiner 185-jährigen Geschichte.

Auf den ersten Blick scheint der späte Ruhm eines englischen Traditionsproduktes, das in einer überalterten Fabrik in Handarbeit hergestellt wird und fast 500 Euro kostet, höchst erstaunlich. Auf den zweiten jedoch erklärt sich der Trend durch ein ebenso kurioses wie globales Phänomen, das Marketingexperten als Heritage bezeichnen.

Heritage heißt unter anderem, dass sich Backshop-Filialen heute mit rauen Holzvertäfelungen, handgeschriebenen Menüs und angeblichen Traditionsrezepten wie alteingesessene Bäckereien präsentieren. Getränkemultis wie die Nordmann-Gruppe beleben untergangene Traditionsmarken wieder. Slow-Food-Marken und Kleinstmanufakturen boomen. Jeder Supermarkt bietet heute Produkte, die „handmade“, „homemade“, „regional“ oder zumindest „traditionell“ sind. Ganze Industrien befinden sich auf einer Zeitreise zurück in die Zukunft. Besonders augenfällig aber ist der Trend in der Modebranche.

„Getrieben von Verbrauchern, die ikonische, klassische Kleidung wollen, ist Heritage hip“, konstatierte das Fachmagazin »Women’s Wear Daily« bereits vor vier Jahren.

Den Anfang machten Designlinien wie Woolrich Woolen Mill, die die US-Traditionsmarke Woolrich als Variante ihrer zeitlosen Waldarbeiter-Ästhetik aufgelegt hatte. Dann begannen etablierte Modeunternehmen, Marken wie Penfield oder Maui & Sons wiederzubeleben. Männermagazine und jüngere Kunden entdeckten angegraute Produzenten wie Schott, Stetson oder Gitman Bros. Die Sneaker-Marke Keds besann sich der eigenen Historie und ersteigerte auf Auktionen Dutzende gebrauchte Exemplare vergriffener Kollektionen.

Es scheint, als hätten plötzlich reihenweise Manager von Modemarken im Firmenkeller gestöbert und vergessene Archive entdeckt, deren Schätze sie jetzt stolz ans Tageslicht zerren. „Die alte Modeweisheit, nach der alles Alte wiederkommt, ist momentan auf den Kopf gestellt“, so »Women’s Wear Daily«. „Heutzutage sieht alles Neue irgendwie alt aus.“

Conrad Hasselbach ist der Inhaber von Shoes & Garment, eines spleenigen Hamburger Damen- und Herrenausstatters, der sich auf klassisch-britische Kleidung mit selbstironischer Note verlegt hat. Blickfang von Hasselbachs Ladenlokal ist das Ölporträt eines kaiserlichen Kavallerieoffiziers. Als Türstopper dient ihm eine Panzergranatenhülse aus blank poliertem Messing. In seinen Regalen liegt viel Cord, Tweed und Schurwolle, außerdem fliederfarbene Flintenfutterale, naturlederne Patronentäschchen und eine ganze Wand voller königsblauer Tricker’s-Kartons. Der Hobbyjäger Hasselbach – gestreiftes Hemd, karierter Schlips und Tweedsakko mit Einstecktuch – hatte die britische Kleinstmarke in den Neunzigern für sich entdeckt und nach Hamburg geholt. Lange war es eher ein gemächliches Geschäft, bis irgendwann immer mehr Kunden nach dem Schuhwerk fragten. Hasselbach kann sich noch gut an diese Zeit erinnern: Es waren jene Wochen, in denen die Lehman Brothers ihrer Pleite entgegentaumelten.

„Das Finanzkrisenjahr 2008 wäre unser bestes Jahr seit Gründung gewesen“, sagt der Modehändler, „wenn wir nur ausreichend Ware bekommen hätten.“ Ganz offensichtlich hätten die Leute die Nase voll gehabt von „aufgepumpten Designermarken, die irgendwo in Asien von irgendwem zusammengetackert werden“. Damals schien mit jedem Ruck, den Aktienkurse und Ratings absackten, die Nachfrage nach handfesten Produkten weiter zu wachsen. Je mehr Gewissheiten sich plötzlich ins Nichts auflösten, desto stärker wurde die Sehnsucht nach anfassbaren, soliden Dingen. Heute verkauft Hasselbach dreimal so viele Tricker’s wie vor der Lehman-Pleite.

Doch es sind nicht bloß mehr, sondern auch andere Interessenten, die im saturierten Eppendorf nach Tricker’s fragen. „Klar, Qualität kostet nun einmal etwas“, sagt Hasselbach. „Manche wussten das schon immer. Neuerdings haben wir aber immer mehr Kunden, die es durchaus nicht so dicke haben. Aber die jetzt lieber mal eine Zeit lang sparen, um sich etwas Ordentliches zu leisten.“

Und „etwas Ordentliches“ meint heute immer auch „etwas Einzigartiges“. Momentan ist bei Hasselbach die Spezialversion eines pferdeledernen Tricker’s-Boots zu haben, den er in Northampton hat fertigen lassen. Gesamtauflage: acht Paar. Die Variante eines Stowe-Boots zeichnet sich durch einen Sturm-Rahmen aus, Nickel- statt der gängigen Messingösen sowie eine Schaftschlaufe in Regimentsfarben, die eigens in Italien gewebt wurde. Für Laien sind die feinen Unterschiede kaum zu erkennen. Für Hasselbachs Kunden aber sind sie entscheidend. Denn als Quasi-Einzelstücke kauft man mit ihnen auch ein Stück Unverwechselbarkeit.

Heute wie seit mehr als hundert Jahren beginnt der Weg einer solchen Preziose im obersten Stockwerk der Tricker’s-Manufaktur. Von den Dachsparren hängen Neonröhren, an den unverputzten Wänden Pin-up-Kalender, durch den Clicking Room dröhnt der Bass eines extrem gut gelaunten Privatsendermoderators. Arbeiter schneiden aus Ballen von Kalbs-, Pferde- und Rindshäuten die Leder-Rohlinge, wobei ihre Messer beim Herumfuhrwerken entlang der Messingformen jenes typische Geräusch erzeugen, dem der Clicking Room seinen Namen verdankt.

Eine steile Treppe tiefer, im sogenannten Closing Room, bringen Näherinnen die Innen- und Außenhäute zusammen, punktieren oder versehen sie in Handarbeit mit Ziernähten. Dawn Wright steht hier schon seit 17 Jahren an einer Schleifmaschine, mit der man das Leder an den Rändern ausdünnt. Das präzise Bearbeiten der Rohlinge sei ziemliche Übungssache, erklärt sie, aber ohne Ausdünnen ließe sich Leder nun einmal schwerlich elegant vernähen. „Den Unterschied merken Sie jedes Mal, wenn Sie in Ihre Tricker’s schlüpfen.“

Dringend gesucht: Marken mit Geschichte

Im Erdgeschoss erhält das Paar schließlich seine Innen- und Außensohle, wobei Sohlen und Oberschuh auf Rahmen genäht werden. Dieser Arbeitsgang ist zwar deutlich aufwendiger als das übliche Verkleben, sorgt aber dafür, dass der Schuh atmen und eines Tages erneuert werden kann. Ganz am Ende wird der Schuh gefettet, eine Nacht ruhen gelassen und sorgfältig poliert. In einem dunklen Flur, der hier Versandabteilung heißt, polstert man ihn schließlich mit Papier aus und packt ihn in einen königsblauen Karton. Tina Starmer und Sue Tidd, die beiden Versand-Mitarbeiterinnen, vermerken auf jedem Karton Modell, Größe, Stil und die Passform. Handschriftlich. Paar für Paar.

Der Schuh ist jetzt fertig. In ihm stecken mehr als 250 Arbeitsschritte, die vom Rohlederzuschnitt bis zur Korkfüllung alle unter dem Dach der Manufaktur ausgeführt werden. Sieht man von den elektrischen Maschinenantrieben, ein paar handwerklichen Veränderungen und kleineren Materialinnovationen ab, haben sich diese Produktionsschritte im abgelaufenen Jahrhundert kaum verändert. „Tricker’s sind keines jener Produkte, die sich spätestens nach zwei Saisons erledigt haben“, sagt Roy Martyniak, „im Gegenteil: Sie werden mit der Zeit immer besser.“

Er ist Verkaufsleiter bei Tricker’s und gerade erst aus Tokio zurückgekehrt. Dort verkaufen die Briten heute mehr Schuhe als in irgendeinem anderen Land. „Die Japaner sind ohnehin extrem anglophil, aber ihr Interesse an Tricker’s schlägt alles“ sagt Martyniak, ein grau melierter Mittfünfziger mit Schurwolle-Pullover und Steinchenkette am Handgelenk. Zweitgrößter Tricker’s-Markt ist Italien, gefolgt von diversen Ländern Europas, Asiens, Nord- und Südamerikas sowie Australien. Für dieses weltweite Vertriebsnetz ist Martyniaks vollgestopftes Büro Showroom, Konferenzraum, Büro und Referenzbibliothek in einem. Auf seinem Schreibtisch liegt ein Berg unerledigter Arbeit. „Momentan könnte ich jeden Tag ein Interview geben. Ich könnte zwei Leute einstellen, die ausschließlich Fabriktouren machen. Tue ich aber nicht.“

Denn man sei immer eine diskrete Marke gewesen, die davon lebe, dass man sie erst einmal kennen, finden und schätzen lernen müsse. Es gebe sie deshalb auch weder in Haupteinkaufsstraßen noch in Luxusboutiquen, sondern eher bei langjährigen, kleinen Handelspartnern wie Conrad Hasselbach. Diese unkonventionelle Verknappung wiederum führt dazu, dass Roy Martyniak zurzeit immer mal wieder überraschenden Besuch erhält.

„Zu uns“, so der Verkaufsleiter, „kommen momentan eine Menge Leute, die uns erst einmal erzählen, wie beliebt wir bei Ihnen seien. Dann fragen sie, ob sie unsere Produkte haben könnten. Mit anderen Worten: Sie wollen unser Image kaufen.“ Weil aber nicht jede Marke über eine glorreiche Geschichte verfügt, suchen Manager heute weltweit nach Geschichten, die sich mit einer Marke erzählen lassen. Nach Traditions-Manufakturen, die auf wundersame Weise alle Outsourcing-Wellen, Preisrunden und Effizienzwettkämpfe überstanden haben. Bemühen sich um Kooperationen und Assoziationen mit den Alteingesessenen.

Die 25 Jahre junge Handelskette J. Crew beispielsweise erweiterte ihr Sortiment vor einiger Zeit um Red-Wing-Boots, Timex-Uhren und Barbour-Jacken – „Marken, die lange da und unantastbar sind“, wie der Kreativdirektor Frank Muytjens sagt. Eine alternative Strategie verfolgt die dänische Sportmarke Hummel, die vergessene Designs aus ihren Firmenarchiven kramt und in modifizierter Form neu auflegt (siehe brand eins 06/2012: „Die Karma-Company“ *). Andere kreieren kurzerhand eine heroische Historie. Die Teenie-Marke Hollister beispielsweise suggeriert mit ihren Retro-Shops und dem Schriftzug „1922“ auf Shirts und Sweatern eine kalifornische Surfertradition, die es so nie gegeben hat. Dabei ist die Abercrombie-&-Fitch-Tochter mit ihren 14 Jahren sogar noch jünger als viele ihrer Kundinnen.

Für ältere und vor allem männliche Traditionalisten gibt es mittlerweile sogar ein deutsches Zentralorgan, das auch bei Conrad Hasselbach in Hamburg auf dem Tresen liegt. Die »Heritage Post« präsentiert sorgfältig unrasierte Kerle, deren Outfit anmutet, als hätte es mindestens einmal auf einem selbst geschraubten Motorrad die Welt umrundet. „Täuschen wir uns, oder sahen die Menschen früher besser aus?“, heißt es in der Zeitschrift, die vom Düsseldorfer Designer Uwe von Afferden herausgegeben wird. „Kleiden wir uns doch so, dass unsere Großväter stolz wären und sich nicht schämen müssten für ihre rosa tragenden halb männlichen Nachkommen. Kaufen Sie sich nur Stücke, die Sie lieben werden – und tragen Sie diese mit Würde.“

Nebenbei erfahren die Leser unter anderem Wissenswertes über Herkunft und Herstellung des Arbeiterhosenstoffes Corduroy, Essenzielles zu Auswahl und Einsatz von Tabakpfeifen sowie Erhellendes zur angeblich weithin unterschätzten Kunst, ein ordentliches Butterbrot zu schmieren.

Viermal pro Jahr trägt die »Heritage Post« auf diese Weise den Ethos von Manufactum weiter. Das Nostalgie-Versandhaus, das heute zum Otto-Konzern gehört, gilt als Begrün-der der Früher-war-alles-besser-Welle. Während Manufactum in den vergangenen 25 Jahren den Durchschnittskonsumenten beackerte, hat die Heritage-Welle in den vergangenen Jahren auch die Hipster und „bärtigen Pfeifenwiederentdecker“ erfasst, wie sie der Innovationsforscher Stefan Baumann nennt. Aus Tradition wurde Trend, aus alt modisch, aus der Manufakturnische ein Mainstream-Phänomen – für Baumann eine völlig logische Entwicklung.

„Erst hat die Wirtschaftswelt des globalen Kapitalismus Produkte nach Gesetzen der Effizienz abgeschmirgelt und windschnittig gemacht. Standardisierung und Skalierung haben ihnen jede Eigenheit und Seele ausgetrieben“, sagt der Geschäftsführer der Hamburger Agentur Sturm und Drang. „Dabei übersahen die Produzenten aber, dass Produkte und Marken kulturell eingebettet sind, dass sie dem Verwender Kultur verleihen.“

Für einen echten Kulturtransfer aber braucht es Originale, die mehr als eine Saison überstehen und ihren Käufern den Nimbus des Anspruchsvollen und Einzigartigen verleihen. Baumann nennt diesen Trend Anchoring, weil es darum gehe, Produkte in vergangenen Zeiten und Orten zu verankern. Marken wie Tricker’s profitieren davon und dürften sich über steigende Umsätze freuen. Zahlen veröffentlicht das Familienunternehmen jedoch nicht.

Klar ist nur: Ungeachtet der Nachfrage soll die Manufaktur in der St. Michael’s Road im Wesentlichen unverändert bleiben. „Es ist sehr leicht, sich zu vergrößern, wenn es gerade gut läuft“, sagt Roy Martyniak. „Sehr viel schwerer ist es, schnell genug wieder kleiner zu werden, wenn es eines Tages nicht mehr so gut läuft.“

Und dieser Tag, da hat er keine Zweifel, wird kommen. Wenn der Mainstream „Originalität und Individualität zunehmend integriert“, wie es Trendforscher Baumann nennt, wenn also das Besondere zum Gewöhnlichen geworden ist, sind die Tage des Trends gezählt. Für den Heritage-Hype gelten die gleichen Regeln wie für all die Bewegungen und Booms, Krisen und Moden, die sie bei Tricker’s in den vergangenen 185 Jahren erlebt haben: Sie kommen eines Tages, und genauso verschwinden sie auch wieder. ---

www.trickers.com
* siehe brand eins 06/2012: Die Karma-Company