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Adaptivia

Dank Natur und Technik ist Wien um eine Attraktion reicher: eine blühende Behörde.





• Das Wiener Abfallamt ist ein Hingucker. Eingezwängt von einer vierspurigen Bundesstraße und mächtigen Wohnklötzen mit Balkonen, die neben der Satellitenschüssel kein Grünzeug dulden, blühen an dem Bau die Steinnelken. Und nicht nur die: 16 000 Kräuter, Stauden und Gräser haben die Fassade in eine sechsstöckige Wiese verwandelt. Selbst im Spätherbst tänzeln hier noch die Schmetterlinge vor den Fenstern.

Die grüne Wand ist nicht nur schön, sondern auch praktisch. Im Winter wärmt sie das Haus, im Sommer kühlt sie es, sie schützt die Fassade, hält Lärm ab, filtert Feinstaub und erzeugt Sauerstoff. Ein Gewinn für die Stadt und die Umwelt – und ein ambitioniertes Projekt.

Denn an die Begrünung einer 850-Quadratmeter-Fassade hatte sich bislang noch niemand gewagt; Vergleichsobjekte und Langzeitstudien fehlten. Der Baureferatsleiter des Abfallamts Karl Schwaiger traute sich trotzdem. Als im Januar 2010 die Fassade des Nachkriegsbaus zu bröckeln drohte, entschied er sich für die grüne Sanierung. Er ließ die mächtige Häuserfront für 400 000 Euro mit Tausenden Pflanzentrögen behängen. Eine konventionelle Sanierung des ungedämmten Ziegelbaus wäre nur unwesentlich billiger gewesen. Dicht und grün liegt die neue Fassade heute über der alten, und Schwaiger hätte Anlass zur Freude. Doch er ist nicht der Typ, der seine Begeisterung offen zur Schau trägt. Er sagt nur: „Wir wollten zeigen, dass es funktioniert – und jetzt funktioniert’s.“

Wie gut, zeigen erste Messungen der Universität für Bodenkultur Wien. Im Hochsommer sind die Räume der Behörde rund 15 Grad kühler als die der Nachbarschaft – alternativ müssten dafür 50 Klimaanlagen acht Stunden am Tag laufen. Im Winter halbiert die Pflanzenwand den Wärmeverlust des Hauses. Wie viel Geld das spart, lässt sich nicht sagen, da das Amt bis zur Sanierung keinen eigenen Gaszähler hatte. Die Winterdämmung entspreche jedenfalls einem zwei Zentimeter dicken Vollwärmeschutz, sagt Schwaiger. Das Luftpolster des handbreiten Spalts zwischen Mauerwerk und Pflanzen wärmt das Gebäude wie eine Daunenjacke.

Allerdings braucht die lebende Fassade gute Pflege. Anfangs wurde sie nach den Vorgaben einer einfachen Zeitschaltuhr bewässert: Im Sommer öffnete sich der Hahn täglich zehn Minuten, im Winter blieb er geschlossen. Doch geschützt durch die nahe Hauswand lagen die Wurzeln selbst bei Schneefall manchmal noch in 25 Grad warmem Substrat. Wie im Gewächshaus erlebten die Pflanzen so einen zweiten Frühling und blühten im Winter noch einmal. Der Zeitschaltuhr war das egal: Der Hahn blieb zu, und die meisten Pflanzen wurden zu Biomüll.

Mittlerweile ist Gras über den Zwischenfall gewachsen, ein intelligentes Bewässerungssystem hat die Arbeit übernommen. „Wise Water“ misst die Bodenfeuchte unter der Flora und gibt ihr exakt so viel Wasser, wie sie braucht – zur Not dreimal am Tag. Doch obwohl an einem Sommertag bis zu 2000 Liter fließen, rinnt kein Tropfen in den Ausguss. Und wo es kein Abwasser gibt, da sind auch keine Abwassergebühren zu bezahlen. Das System des Wiener Start-ups Adaptivia GmbH hat dem Amt knapp 1000 Euro gespart und die Pflanzen schon durch den zweiten Winter gebracht. Der Gärtner, der jedes Frühjahr mit der Hebebühne anrückt, muss seither nur noch stutzen, nicht mehr pflanzen. Georg Simhandl, der Gründer der Firma, sagt: „Pflanzen zu säen ist das eine – sie am Leben zu halten das andere.“ Auf das andere hat er sich spezialisiert.

Der Wirtschaftsinformatiker hatte mit Botanik zunächst nichts am Hut. Nach der Promotion entwickelte er ein System, um die Wege ahnungsloser Kunden im Kaufhaus aufzuzeichnen. Dazu zapfte er mit legalen Mitteln schlecht gesicherte Handys an und speicherte Bewegungsprofile. Der Job war gut bezahlt, doch mit der Geburt seiner Tochter meldete sich sein Gewissen, und er kündigte.

Heute stellt er mit seinen beiden Mitarbeitern smarte vernetzte Recheneinheiten zur Bewässerung her. Das Herzstück seiner Entwicklung – eine unscheinbare Platine – passt in eine Streichholzschachtel. Sechs dieser Minirechner hat er in den Trögen des Wiener Abfallamtes verteilt. Rund um die Uhr messen sie die Umgebungsdaten und errechnen daraus einen Gießvorschlag. Den senden sie an den Rechner von Adaptivia, der ihn mit den anderen Sensoren vergleicht, eine Gießanweisung errechnet und zurückschickt. „Wir sind das Gehirn für den Wasserhahn“, sagt Simhandl.

Allein die Kleinstrechner vom Müllamt liefern jedes Jahr mehr als drei Millionen Datensätze. Mit jeder Messung wird das System klüger. Das gesammelte Wissen kommt bislang 35 Kunden in Europa und Nordafrika zugute, die sich per Monats-Abo ab 250 Euro mit Gießvorschlägen beliefern lassen. Gewinne verbucht das fünf Jahre alte Unternehmen noch nicht. Aber Simhandl hofft, dass seine Arbeit Früchte tragen wird, wenn das Beispiel des Wiener Abfallamtes Schule macht. ---

Kontakt: office@adaptivia.com
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