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Ahmed Jama

Ein zerstörtes Land, ein Volk ohne Hoffnung. Und dann kehrt ein somalischer Koch zurück und schafft in all der Tristesse Oasen des Genusses. Die Geschichte des Ahmed Jama.




• Nachmittags um fünf versucht Mogadischu zur Besinnung zu kommen. Die Sonne verliert ihre versengende Kraft, ein Muezzin ruft zum Gebet, in den kurzen Pausen seiner Kantilenen kann man Vögel zwitschern hören. Noch vor zwei Jahren pflegten die Kriegsparteien um diese Zeit ihre nächtlichen Angriffe mit Mörser-Sperrfeuer und den Salven schwerer Maschinengewehre vorzubereiten: Spätestens dann zog sich, wem seine Haut lieb war, in den Schutz der zertrümmerten Häuser zurück.

Heute ist das die Zeit, zu der sich das Restaurant „The Village“ füllt. Hinter hohen Mauern sitzen die Gäste in Grüppchen unter Palmenstauden vor einer zweistöckigen baufälligen Villa. Kellner huschen zwischen der offenen Küche und den teils mit Strohdächern gedeckten, teils diskret im Hinterhof versteckten Bereichen des Speiselokals hin und her. Über allem liegt der Duft von frisch gebrühtem Espresso, mit Koriander gewürzter Kamelfleischsuppe und dem parfümierten Tabak arabischer Wasserpfeifen. „Alle reden von der Hölle Mogadischu“, sagt ein Gast. „Für mich ist hier das Paradies.“

Ahmed Jama taucht einen Löffel in den Eintopf mit Ziegenfleisch, wendet auf dem Holzkohlengrill ein Fischfilet und heißt dann einen Gast willkommen, den er wie alle seine Kunden mit Namen kennt. Der Mittvierziger mit dem kahl geschorenen Kopf und den traurigen Augen trägt das traditionelle Gewand eines Kochs, das in seinem Fall allerdings rot wie Blut ist, sein schmächtiger Körper steckt in einer Khaki-Hose. So habe er es sich immer vorgestellt, sagt der Restaurantbesitzer, während er im Dämmerlicht über die inzwischen bis auf den letzten Platz besetzten Tische schaut: „Ich wollte einen Ort schaffen, an dem sich die Somalier ausnahmsweise einmal wohlfühlen können.“

Ahmed Jama kam vor fünf Jahren aus London zurück, um seinen Landsleuten das Genießen wieder nahezubringen – in der unwirtlichsten Stadt der Welt. Im vergangenen Vierteljahrhundert erlebte Mogadischus Bevölkerung mehrere Hungersnöte, den nicht enden wollenden Terror sich blindwütig bekämpfender Kriegsfürsten, eine ausländische Invasion, die Herrschaft fanatischer Islamisten und schließlich einen mehrjährigen Häuserkampf, den manche „Afrikas Stalingrad“ nannten. Wer nicht wie Millionen andere floh, mochte mit Glück dem Tod entgehen. Doch wirkliches Leben, wozu nach Jamas Worten gutes Essen, Lachen und mit Freunden unter freiem Himmel sitzen gehört, war in diesem Elend ausgeschlossen.

Jama kocht nicht nur die besten Gerichte der Stadt – er sieht sich als „sozialer Aktivist“ und will mit seinen Restaurants ein wenig zur Heilung der traumatisierten Heimat beitragen. Denn nichts, sagt der in England ausgebildete Koch, führe eine Gesellschaft besser zusammen als das Essen. Mittlerweile hat er die vierte Filiale seiner Village-Kette eröffnet und beschäftigt 140 Angestellte: Oasen des Dolce Vita in der von den italienischen Kolonialherren geprägten Trümmerstadt, die nach der Vertreibung der Islamisten allmählich zu neuem Leben findet. Auf den zerkraterten Straßen staut sich der Verkehr, Arbeiter in Overalls tragen die haushohen Abfallberge ab, jüngst wurde das erste Blumengeschäft der Stadt eröffnet. Fast könnte man von Frieden sprechen – würde die Stadt nicht immer wieder von gewaltigen Explosionen erschüttert. Die in den Untergrund gedrängten Al-Shabaab-Milizionäre zünden Autobomben, richten Abtrünnige hin oder schicken Selbstmordattentäter los, um Blutbäder unter der Bevölkerung anzurichten. Gelegentlich schweift Jamas Blick zu dem von Granatsplittern durchlöcherten Eisentor, durch das sie das letzte Mal gekommen sind. Mogadischus Paradies könnte sich jeden Moment wieder in eine Hölle verwandeln.

Die Fahrt vom Restaurant in den nahe gelegenen Stadtteil El Hindi, in dem Ahmed Jama geboren wurde, ist eine Reise durch ein Katastrophengebiet. Ehemalige Prunkbauten ragen wie verrottete Zähne in die Höhe, kein Gebäude, das nicht von Einschusslöchern perforiert ist. El Hindi war nie eine Sehenswürdigkeit, der Stadtteil wird auch Bermuda genannt. Wer hier lande, sagen die Leute, sei für immer verschwunden. Das Häuschen, in dem Ahmed als jüngstes von fünf Kindern aufwuchs, ist heute gemauert. Der Sohn hat der Mutter das Geld dafür aus London geschickt. Einst war die Hütte aus Lehm und die vom Vater verlassene Familie so arm, dass Ahmed gerade mal fünf Jahre lang zur Schule gehen konnte – danach musste auch er sich um den Lebensunterhalt der Familie kümmern. Neben der harten Arbeit habe er schon damals den Hunger kennengelernt: „Essen ist für mich nichts Selbstverständliches.“

Als 18-Jähriger rannte er davon. Ohne der Mutter oder seinen Geschwistern ein Wort zu sagen, setzte er sich zur Tante in die kenianische Hauptstadt Nairobi ab und schlug sich als Hilfskraft für Automechaniker durch. Es folgten vier Nomadenjahre als Lastwagenfahrerassistent in Uganda und Tansania, bis er schließlich das Geld für einen falschen Pass und das Ticket für einen Flug nach England zusammengekratzt hatte. Er wollte ein besseres Leben. Und dafür, sagt Jama, habe er schon immer Risiken in Kauf genommen. Auf dem Londoner Flughafen wurde der illegale Einwanderer festgenommen, kam in ein Flüchtlingsheim, schließlich nahm ihn eine sozial engagierte, in Exeter lebende Familie auf. Die Frau fand heraus, dass ihr somalischer Schützling gar nicht schlecht kochen konnte, und schlug ihm vor, eine Ausbildung zu machen. „Bei uns zu Hause kochen die Frauen“, wehrte der junge Mann zunächst ab, gab dem ungewöhnlichen Vorschlag dann aber doch eine Chance. In der Berufsschule von Birmingham war er der einzige dunkelhäutige Lehrling. Er wusste nicht, was Lauch oder Auberginen sind, ein Ei zu pochieren stellte ihn „vor unüberwindlich scheinende Probleme“.

Doch bald entdeckte er seine Leidenschaft für die Zubereitung von Speisen – und für die Magie, die dem Bekochen anderer innewohnt. Nachdem er die vierjährige Ausbildung abgeschlossen und seine Künste in englischen und fremdländischen Küchen verfeinert hatte, eröffnete er mit Freunden eine somalische Gaststätte in London, später sein eigenes Lokal, The Village, im Stadtteil Hammersmith. Es wurde eine Ersatzheimat für Exilanten und ein voller Erfolg.Immer mehr Somalier suchten in England Zuflucht vor dem Bürgerkrieg, das Restaurant half gegen das Heimweh. Zum ersten Mal in seinem Leben hätte sich Jama zurücklehnen können: Er hatte eine somalische Frau, drei Kinder und ein florierendes Geschäft – ein Traum war in Erfüllung gegangen.

Aber ausgerechnet da zog es Ahmed Jama in die Heimat zurück. Als er seinen Freunden sagte, was er vorhatte, erklärten sie ihn für verrückt. Er habe es nicht länger ausgehalten, seine Heimat vor die Hunde gehen zu sehen, versucht er heute den Schritt zu erklären: „Alle betrachteten unser Land als den schrecklichsten Ort der Welt, und wir Somalier schämten uns dafür.“ Wenn es jemandem gelingen konnte, ein neues Bild dagegenzusetzen, dann dem Mann, der seinen Landsleuten bereits in der Fremde eine Heimat zu schaffen wusste: „Ich wollte den Somaliern zeigen, dass sie an ihrem Schicksal etwas ändern können.“ Dass er dafür die Familie in England zurücklassen musste, fiel dem einst ebenfalls vom Vater Verlassenen schwer. Aber Frau und Kinder sollten ja bald nachkommen.

Im Sommer 2008 machte er sich auf den Weg – und landete im Kriegsgebiet. Islamisten und äthiopische Invasoren lieferten sich in Mogadischu heftige Kämpfe, es gab weder eine funktionierende Regierung noch ein Recht, das Menschen wie ihn hätte schützen können. Nach dem Abzug der Äthiopier blieb eine machtlose Übergangsregierung zurück, die lediglich die Kontrolle über den Präsidentenpalast, vier Hotels und ein paar Straßenblocks im Herzen Mogadischus ausübte – der Rest der Stadt wurde wie das ganze Land von fanatischen Islamisten beherrscht. Sie hatten neben Popmusik auch Sportveranstaltungen und das Baden im Meer verboten, sie hackten angeblichen Dieben die rechte Hand ab und steinigten Ehebrecher.

Jama aber blieb unbeirrt und suchte nach einem geeigneten Grundstück für sein Projekt. Nicht weit vom Präsidialamt fand er ein brachliegendes Areal, das bislang Passanten als Müllhalde und Gangstern als Unterschlupf diente. Er handelte mit der Übergangsregierung einen Pachtvertrag aus und ließ 72 Lastwagenladungen an Abfall und Gestrüpp abtransportieren. Auf dem freigeräumten Gelände entwickelte er sein Village-Konzept: Im Zentrum eine offene Küche – so etwas gab es in Somalia noch nicht. „Hier lässt sich keiner gern in die Küche schauen, und das nicht ohne Grund“, sagt Jama. Auch er habe seinen Beschäftigten erst mal abgewöhnen müssen, sich mit bloßer Hand die Nase zu schnäuzen.

Andere Besonderheiten sind die mit Holzkohle befeuerten Kochstellen und die aus Italien importierte Espressomaschine. Weil die Stromversorgung unsicher ist, ließ Jama das Bauteil zur Herstellung von Wasserdampf entfernen und durch einen Blechbehälter mit glühenden Holzkohlen ersetzen: eine von vielen Anpassungen an die somalische Mangelwirklichkeit, die sich der Koch einfallen ließ. Warzone Cuisine nennt er seine Frontline-Kreationen, zu der mit Haifischfleisch gefüllte Teigtaschen oder aus der heimischen Yicib-Nuss hergestelltes Pesto gehören.

Wer sich darüber wundert, dass man an einem Un-Ort wie Mogadischu hochwertige Lebensmittel bekommt, wird vom Küchenchef aufgeklärt. Selbst während der großen Hungersnot vor zwei Jahren, als in der somalischen Provinz Zigtausende Menschen starben und Hunderttausende Flüchtlinge in die Hauptstadt strömten, um zu den internationalen Hilfsorganisationen zu kommen, florierten seine Restaurants. Damals wurden die Speiselokale vor allem von den Mitarbeitern ausländischer Hilfswerke aufgesucht: die einzigen Orte, an denen sich die Helfer abends sicher fühlen und verwöhnen lassen konnten.

Jama weiß, wo es in oder rund um die Stadt frischen Kardamom, Zimtöl oder abgehangenes Kamelfleisch gibt und macht sich am liebsten selbst auf den Weg. Aber während seinen europäischen Gästen geraten wird, in Mogadischu nie ohne Kalaschnikow schwingende Beschützer vor die Tür zu gehen, um das Risiko, entführt zu werden, zu minimieren, geht Jama stets unbegleitet und ohne Schusswaffe auf Tour: „Ich fühle mich sonst als Gefangener.“ Den Bodyguards sei ohnehin nicht zu trauen, sagt er, während er in seinem scheppernden Suzuki über die Kraterstraßen holpert. Oft machten die Leibwächter gemeinsame Sache mit den Angreifern. Jama trifft seine eigene Art von Sicherheitsvorkehrungen, indem er seine Touren jeden Tag aufs Neue festlegt. Vorhersehbare Routinen kann sich der Koch nicht leisten, seit er ins Visier der Islamisten geraten ist.

Ahmed Jama will Orte des Genusses schaffen …

Seine wichtigste tägliche Anlaufstelle ist die Fischmarkthalle am alten Hafen. Dort schlägt Jama fachmännisch einem fast zwei Meter langen Schwertfisch die Kiemen zurück und lässt das noch helle Blut über die Finger rinnen. Obwohl ihm das Chaos in dem von schreienden Händlern und unzähligen Fliegen beherrschten Ort ein Graus ist, nimmt er sich Zeit, das Filetieren von drei mannsgroßen Königsfischen zu überwachen, und wählt schnell noch einen Hummer aus. Soeben hat er erfahren, dass er heute Abend für 350 Delegierte einer regionalen Friedenskonferenz kochen soll: Der Hummer ist für den Staatspräsidenten gedacht, die 80 Kilo Fisch für die Delegierten.

Großaufträge der Regierung sind für Jama mit einigem Risiko verbunden. So hat er im vergangenen Jahr während der Vorbereitungen zur Präsidentenwahl einen Monat lang 250 Parlamentarier versorgt, bekam dafür zunächst allerdings kein Geld. Bis heute ist ihm die Regierung einen Großteil der in Rechnung gestellten 600 000 Dollar schuldig geblieben. Trotzdem will der Küchenchef auf die staatlichen Großaufträge nicht verzichten. Auf diese Weise breite sich der Ruhm seiner Küche am schnellsten aus. Allerdings besteht er inzwischen auf Vorkasse.

Für den Rest des Tages herrscht im Village der Ausnahmezustand. Jamas Helfer schaffen in Schubkarren Kürbisse, Salatköpfe und Pampelmusen herbei, in einer Zinkwanne werden 40 tiefgefrorene Hühnchen aus den Vereinten Arabischen Emiraten aufgetaut. Zum Glück hat Jama eine ganze Truppe von Assistenten ausgebildet, auf die er sich blind verlassen kann: darunter ein früherer Armeekoch, ein ehemaliger Schuhputzer sowie mehrere Teenager, die er in einem Waisenhaus rekrutierte. Der Großeinsatz endet erfolgreich. Am Abend werden im nahe gelegenen Hauptquartier der Sicherheitspolizei 350 Delegierte auf angenehmste Weise satt, unter ihnen Präsident Hassan Sheikh Mahamud, der Jama nach dem Verzehr seines Hummers vor versammelter Mannschaft als seinen Leib- und Magenkoch preist.

Nachts um drei Uhr fällt der Küchenchef ins Bett. Entspannung aber ist ihm auch am nächsten Tag nicht vergönnt. Als er nach den Aufräumarbeiten und der täglichen Routine abends um sieben zu seiner Wasserpfeife greifen will, wird Mogadischu von einer mächtigen Explosion erschüttert. Über dem Stadtzentrum blitzt ein heller Schein auf, irgendwo in der Straße Maka al-Mukarama muss ein gewaltiger Sprengsatz hochgegangen sein. Genau dort hat sein ältestes Lokal seinen Sitz, das bereits zweimal von den Islamisten angegriffen wurde.

Das erste Mal, am 20. September 2012, schossen sich zwei junge Attentäter in das voll besetzte Lokal, zündeten neben der Espressomaschine eine Handgranate und rissen fünf Angestellte in den Tod. Einer der Angreifer forderte die in Panik geratenen Restaurantbesucher auf, sich in einem in der Nähe liegenden Raum in Sicherheit zu bringen. Nachdem viele tatsächlich dorthin geflohen waren, zündete er seinen Sprengstoffgürtel. „Ich will gar nicht wissen, wie viele Menschen dort gestorben sind“, sagt Jama, der wenige Minuten vor dem Angriff das Restaurant verlassen hatte. Zeitungsberichten zufolge waren es 15. Im Boden des Restaurants ist noch immer ein von der Handgranate gerissener Krater auszumachen. „Das ist meine Gedenkstätte“, sagt Jama mit belegter Stimme: „Jedes Mal, wenn ich den Krater sehe, spüre ich den Schmerz.“

Damals kratzte er mit seinen Helfern die Reste der zerfetzten Körper von den Wänden und trug mehrere Schichten Farbe auf. Zwei Wochen später war das Village wieder geöffnet. Zunächst wagte sich kaum ein Gast ins Restaurant, bald jedoch wich die Angst der Sehnsucht nach Normalität. Schon zwei Monate später schlugen die Gotteskrieger erneut zu, diesmal in einer anderen Filiale. Wie durch ein Wunder wurde dort neben den beiden Selbstmordattentätern nur ein Wachmann getötet. Jama trug die abgetrennten Köpfe der beiden Angreifer auf eine nahe gelegene Müllhalde und öffnete am nächsten Tag wieder das Eisentor. Im September des vergangenen Jahres schließlich nahmen die Terroristen das Restaurant in der Maka al-Mukarama-Straße erneut ins Visier. Doch dieses Mal gelang es ihnen nicht, in das mittlerweile mit Sandsäcken und einem Wachturm geschützte Lokal einzudringen, trotzdem starben im Kugelhagel vor dem Restaurant mehr als 20 Menschen. Die Extremisten hassen seine Inseln der Normalität und des Genusses, weiß Jama. Erschwerend kommt hinzu, dass zu seinen Stammgästen das somalische Establishment, Politiker und Journalisten gehören.

Am Telefon findet Jama heraus, dass der heutige Anschlag nicht seinem Restaurant galt. Diesmal war ein wenige Hundert Meter entferntes Hotel an der Reihe, vor dem eine Autobombe fünf Menschen in Stücke riss. „Ich mache mir vor Angst fast in die Hose“, sagt Jama und weist die Vorstellung zurück, er könnte sich an den Terror inzwischen gewöhnt haben: „Ich werde heute Nacht wieder nicht schlafen.“ Ist es unter diesen Bedingungen nicht unverantwortlich, ein Restaurant zu betreiben? „Ich will ja nicht, dass Menschen sterben, sondern ihr Leben genießen“, sagt der Küchenchef. „Und wenn ich aufgeben würde, dann hätten die Terroristen erst recht gewonnen.“

Freitag ist in Mogadischu Ruhetag – doch nicht für Ahmed Jama. Am muslimischen Ruhetag verlegt er seine Wirkungsstätte lediglich 30 Kilometer weiter nach Südwesten, in die Nähe des malerisch am Indischen Ozean gelegenen Fischerdörfchens Jazeera. Als Jama das Idyll vor vier Jahren entdeckte, war die Region wie ausgestorben, der Krieg hatte das Paradies leer gefegt. Direkt am Strand errichtete er sein drittes Restaurant mit einer kleinen Zehn-Zimmer-Lodge: Seitdem haben die Wohlhabenden von Mogadischu sogar ein Naherholungsgebiet – unter ihnen Rückkehrer, die in immer größerer Zahl den Sprung zurück in die Heimat wagen. In der Umgebung des Restaurants sind zahlreiche in den Boden gerammte Holzpflöcke Indizien dafür, dass neue Käufer bereits ihre Claims abstecken. „Wir haben etwas in Gang gesetzt“, sagt Jama stolz. Kürzlich habe sich hier sogar ein Europäer blicken lassen, der weder Hungrige speisen noch gute Ratschläge geben wollte.

… die Islamisten wollen dafür seinen Tod

Solche Szenen hat es in Somalia seit den Achtzigerjahren nicht mehr gegeben: Ein Liebespaar läuft Hand in Hand den Strand entlang. Eine Somalierin liegt mit langem, durchnässten Gewand in einer vom Meerwasser ausgewaschenen Kuhle im Schoß ihres Geliebten. Ein aus Finnland zurückgekehrter Musikvideoproduzent hält Ausschau nach einem passenden Drehort für sein nächstes Projekt. Zum Essen versammeln sich alle auf Jamas Veranda, wo frischer Fisch, selbst gemachte Chips und Salat gereicht werden. Man preist einstimmig den Meisterkoch.

Bis ein Geschäftsmann, der Jama lange nicht gesehen hat, die gelöste Stimmung mit dem Ausruf unterbricht: „Aber Ahmed, wie dünn du geworden bist!“ Bei seiner Rückkehr aus London habe der noch wesentlich mehr Fleisch auf den Rippen gehabt. „Kein Wunder“, erwidert Jama, murmelt etwas von den Islamisten, die ihm nach dem Leben trachten, und von der Verantwortung, die sein Unternehmen mit sich bringt – und dann ist da noch der Schmerz über die Trennung von der Familie.

Er habe seine Frau und die drei Kinder zuletzt vor über einem halben Jahr gesehen. Sämtliche Versuche, sie nach Mogadischu zu holen, seien bislang fehlgeschlagen. Als die 14-jährige Tochter Hayat im vergangenen Jahr zu Besuch kam, sei sie außer sich gewesen wegen der katastrophalen Straßen und der Küchenschaben, so groß wie Kinderfüße. Er solle sich wieder melden, wenn er Teerstraßen und Spray für das Ungeziefer organisiert habe. „Sie sind im Grunde genommen Londoner“, sagt Jama, dessen Augen bei diesem Thema noch etwas trauriger werden: „Ich dagegen bin Afrikaner und werde nie vergessen, wo ich hergekommen bin.“

Auf seinem iPad hat er Bilder aus Hobyo gespeichert – dem Geburtsort der Mutter, in dessen Umgebung sie inzwischen zurückgekehrt ist. In dem mehr als 400 Kilometer nordöstlich von Mogadischu liegenden Küstenstädtchen will Jama ein kleines Hotel errichten: der nächste und womöglich letzte Neuanfang, den er sich noch vorgenommen hat. Kürzlich machte er in Hobyo bereits einen Platz für eine Piste aus, auf der Flugzeuge landen könnten. Mit ihren unberührten Sandstränden, dem strahlend blauen Himmel und den unerschöpflichen Hummergründen sei die einstige Piratenhochburg ein wahres Touristenparadies. Ein Umzug nach Hobyo käme für Jama der endgültigen Heimkehr gleich – zur Mutter, seinen Wurzeln und zu sich selbst. „Hier lebten meine Großeltern noch als Nomaden“, sagt er. „Es ist ein Teil von mir, den ich nicht loswerden kann.“ Nicht zufällig ist auf dem Village-Logo ein Nomadenzelt unter einem Akazienbaum und vor einem Sonnenuntergang zu sehen.

Den Rückweg aus der Strandidylle in die Realität von Mogadischu muss der Küchenchef bereits am frühen Nachmittag antreten, denn in der Dunkelheit ist die Strecke zu gefährlich. „Man sieht sie nicht, aber sie sind überall“, sagt Jama. Unter anderem haben sich die fanatischen Gotteskrieger auf am Straßenrand platzierte Bomben spezialisiert. Jüngst setzten sie Ahmed Jamas Namen auf ihre Todesliste. Er sei ein „Agent des britischen Geheimdienstes“, teilten sie über Twitter mit. Seine Sachen zu packen, die Oasen des Lebensgenusses zu schließen und sich auf den Weg zurück nach England zu machen ist für den Agenten des somalischen Neuanfangs allerdings ausgeschlossen. „They want me to stop“, sagt der Afrikaner mit dem britischen Akzent. „But I won’t stop. I will never stop. I will win.“ ---
Ein geschundenes Land

1960 wurden Britisch- und Italienisch-Somaliland in die Unabhängigkeit entlassen – und eigentlich ist das Land seither nie zur Ruhe gekommen. Seit dem Sturz der autoritären Regierung unter Siad Barre (1991) gab es sogar 20 Jahre lang keine Zentralregierung mehr (siehe auch brand eins 03/2005 „Ein Land ohne Staat“) 2007/08, als Ahmed Jama in seine Heimat zurückkehrte, tobten in Mogadischu heftige Kämpfe zwischen der äthiopischen Invasionsarmee und Islamisten, die kurzfristig die Rolle der Ordnungsmacht übernommen hatten. Nach dem Rückzug der Äthiopier blieben die radikalisierten Gotteskrieger und eine weitgehend machtlose Übergangsregierung zurück. Erst seit vor zwei Jahren eine weitere afrikanische Interventionstruppe die extremistische islamistische Al-Shabaab-Miliz aus der Stadt vertrieb und 250 Clan-Vertreter im vergangenen Jahr den ersten, auch wieder im Ausland anerkannten Präsidenten wählten, kehrte zumindest ein wenig Normalität zurück – auch wenn der Terror noch andauert.

Mogadischu, die Stadt, in die Ahmed Jama zurückkehrte, um für seine Landsleute zu kochen
Die Zeit der Prachtbauten ist lange vorbei.
Aber es gibt einen Markt, auf dem Jama frischen Fisch kaufen kann
Ungewohnt in Somalia: die offene Küche im Village