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Gundula Tutt

Wann ist ein Oldtimer echt alt? Mit dieser Frage beschäftigt sich Gundula Tutt, eine Spezialistin in Sachen automobiler Patina.





• Die Formel für Originalität, der genetische Code sozusagen. Er liegt in einem Regal versteckt zwischen Büchern in einer Werkstatt im Breisgau. 400 Reagenzgläser, in ihnen Materialproben, vorwiegend Lackreste alter Autos, aber auch Polsterfüllung und Leder, verschraubt mit Metalldeckeln.

Seit sieben Jahren sammelt Gundula Tutt, 46, diese Proben von alten Karosserien, von denen viele schon mal in ihrer Werkstatt standen. Akribisch. Jede einzelne hat sie mit Druckbuchstaben beschriftet. Um später einmal, wenn endlich ein Institut gefunden und die Finanzierung geregelt ist, eine Basisdatenbank der Materialien von damals zu erstellen. Es gebe Dinge, die alt aussähen, aber nicht alt seien, Fälschungen also. „Vergleichsdaten zu haben ist das Wichtigste für Echtheitsbestimmungen.“

Sie ist eine zierliche Frau. Nur ihre Hände sind kräftig, mit Schrammen und Lackresten unter den Nägeln. Seit mehr als zehn Jahren restauriert sie alte Karosserien. Besser: Sie konserviert sie. Die ganz alten, die Oldtimer. Macht sie also nicht „wie neu“, mit glänzendem Lack und Politur. Sondern bessert nur aus, Stellen, die rosten oder abzublättern drohen. Sonst belässt sie alles, wie es ist. Die Kratzer und Flecken. Patina, so nennt man die jahrzehntelang gewachsene Schicht mit all ihren Gebrauchsspuren. Es ist eine neue Form der Restaurierung. „Die feinen Risse, Verfärbungen, die nur durch 70 Jahre Leben passieren, die zeigen: ,Ich bin echt.‘ “ In Sachen Patina ist Gundula Tutt weltweit eine von wenigen Spezialisten.

Nebenan in der Garage steht ein Rennwagen, ein Aston Martin, Jahrgang 1933, der Lack ist noch von damals. Er begann aufzuplatzen. Die vergangenen Wochen verbrachte sie damit, ihn mit Klebenadeln und einem Bügeleisen wieder „anzulegen“. Sehr vorsichtig. An der linken Hand hat sie eine Brandwunde. Manchmal komme man an die Risse im Lack „schwer heran, daher die Verletzung“, sagt sie. Eine Wahnsinnsarbeit sei das.

Bisher war es üblich, den alten Lack abzutragen und das Auto dann komplett neu zu lackieren. Eine Totalrestaurierung also. Das sei einfacher, als die Patina zu erhalten, sagt Tutt. Doch damit gehe der Originalzustand des Autos verloren.

Vor ihr liegt ein dicker Leitz-Ordner, 630 Seiten. Ihre Doktorarbeit. Der Titel: „Geschichte, Werkstoffe und Techniken der Fahrzeuglackierung zwischen 1900 und 1945.“ Sieben Jahre hat es gedauert, sie zu schreiben. Darin ist alles dokumentiert, was sie herausgefunden hat. „Ich habe das Buch geschrieben, das ich gebraucht hätte.“

Alter Lack sieht stumpfer aus als neuer, die Farbe ist an manchen Stellen ausgeblichen. Um auszubessern, muss man erst mal eine Farbmischung herstellen, die genauso aussieht wie der Originallack und genauso altert. Einen historischen Lack also. „Es geht um Authentizität.“ Jahrelang hat sie dafür geforscht, mit einem großen Mikroskop die Proben untersucht, die sie dann in die Reagenzgläser steckte. Eine Restauratorenkrankheit, sagt sie. „Wir können nicht anders.“

In der Werkstatt steht ein Sofa, das einzige Möbelstück in dem Raum. Dort hat sie schon so manche Nacht verbracht. Gegenüber steht eine selbst gebaute Farbmischmaschine. Sie nennt sie Höllenmaschine. Einen ganzen Sommer lang zog sie alle zwei Stunden eine Probe aus diesem Gerät, um zu sehen, wie lange es laufen musste, bis sich die neuen Farbpigmente mit dem historischen Klarlack vermischten.

Das war keine einfache Zeit. Anfangs musste sie Geld dazuverdienen. Ein Privatleben hatte sie so kaum mehr. „Eine normale Beziehung ist so nicht möglich“, sagt sie. Und ja, es gab Momente, da hätte sie beinahe aufgegeben. Als der Lack, jedes Mal wenn er trocknete, milchig anlief, beispielsweise. „Ich war richtig verzweifelt.“ Nachts träumte sie von Ideen, die es erklären könnten, wachte auf, schrieb die Gedanken nieder und träumte weiter. So sei sie ganz allmählich auf die Lösung gekommen. Die Verdünnung war falsch eingestellt. „Aber nirgends gab es Quellen und Bücher.“ Auch gab es keinen, den sie hätte fragen können. „Da fühlt man sich manchmal sehr einsam.“

Was zählt? Authentizität!

Disziplin, Durchhaltewillen, das hat sie schon im Studium gelernt. Gundula Tutt hatte einen der begehrten Plätze an der Stuttgarter Akademie der Bildenden Künste für das Restaurieren alter Gemälde bekommen. Wochenlang arbeiteten die Studenten an Malereien, die sich unter mehreren Schichten Kalkfarbe verbargen. Freilegen nennt man das. Immer die gleichen Bewegungen, zehn Stunden am Tag, wochenlang. „Da wird ausgesiebt.“ Ungeduldige gäben auf, sagt sie. Es sei ein seltsamer Beruf, sich der Kunst eines anderen unterzuordnen. „Dazu muss man geboren sein.“ Es gehe um den Erhalt, um die Sache.

Als es anfing, das mit den Oldtimern, hatte sie für Autos gar nichts übrig. Sie war in ihrem Beruf angekommen, dachte sie. Hatte in München und Darmstadt als Kunstrestauratorin gearbeitet, dann am Freiburger Münster, fünf Jahre lang. Sie erinnert sich noch gut, sie und ihr Kollege, der eine kleine Sammlung von Oldtimern hatte, saßen auf dem Baugerüst. Ob es nicht möglich sei, das Echte, das Alte an diesen Autos zu erhalten, fragten sie sich. Wenn es möglich sei, mit einem alten Farbrezept eine Malerei aus der Gotik auszubessern oder originalgetreu nachzuahmen, dann müsse es doch auch mit einem Wagen aus den Dreißigerjahren gehen. Gundula Tutt war fasziniert von der Idee. Das war 2002. Und wie das mit Visionen manchmal so ist, man spinnt herum, und dann, ganz allmählich, gewinnen sie an Substanz.

Da war dieser Freund des Kollegen. Er hatte 2004 einen alten Bugatti mit Originallack gekauft. „Damals war das Wort Patina in der Szene noch völlig unbekannt“, sagt sie. Er wollte die Oberfläche nicht opfern, sie nur ausbessern lassen. „Ihr Restauratoren müsstet doch wissen, wie es geht“, sagte er. Also mieteten Tutt und ihr Kollege eine Halle. Sie begann zu lesen, besorgte Materialien, die in den historischen Lacken enthalten zu sein schienen, spritzte Probeplatten mit unterschiedlichem Material, Unterlacke, Füller und Spachtelmasse. Diese Platten kamen dann auf den Bewitterungsstand, ein Holzgestell auf dem Dach.

Ein Jahr lang setzte Tutt sie dem Wetter aus. Regen, Schnee und Sonne. Tüftelte gleichzeitig aus, wie die Farbe in den Lack kommt. Zwei Jahre dauerte die Restaurierung des Bugatti. Der Besitzer war geduldig. Das Resultat grandios. Es sprach sich in der Szene herum. Und die Ersten klopften an. „Da merkten wir, es gibt noch andere, die die Frage nach Authentizität umtreibt“, sagt sie.

Heute ist es nicht mehr nur der Lack, den sie für jedes einzelne Auto neu analysiert, anders abstimmt. Ohne echtes Interieur, Ledersitze, die Verkleidung sei dieser Aufwand umsonst. Sie hat jetzt Verbündete. Holzbearbeiter für die Rückenlehnen, einen Karosseriebauer, „der aus einem Stück Blech den geschwungensten Kotflügel aller Zeiten macht“, einen Sattler, der die Sitzpolster mit Rosshaaren füllt. Vieles macht sie selbst. Sie hat ein Buch von 1950 entdeckt: „Polstern im Selbststudium“.

Sie will versuchen, ihren Vorsprung zu halten. „Die anderen holen auf.“ Patina sei mittlerweile ein Qualitätssiegel.

Was fehlt? Die Datenbank

Die anderen, damit sind die gemeint, die sich wie Tutt auf die Konservierung spezialisieren. Warum gerade jetzt, das weiß keiner so genau. Allmählich entsteht echtes historisches Interesse. Und dann ist da noch die Sache mit der Echtheit. In Argentinien gibt es eine Firma, die produziert Nachbauten. Zum Beispiel pro Jahr so viele Bugattis, dass Gundula Tutt es „Serienproduktion“ nennt. Sie sehen aus wie die alten. Und da man viele Oldtimer irgendwann überlackiert hat, kann man die neuen Bugattis von einem Original schwer unterscheiden. Die argentinische Firma verkaufe die Autos ohne Firmenlogo. „Das kommt dann später mit der Post, und man ist selber schuld, wenn man bei der Fälschung mitspielt.“

Es sei natürlich nichts dagegen zu sagen, wenn einer einen nachgebauten Bugatti besitzen möchte. Auch sei sie nicht dafür, ausschließlich mit alten Materialien zu restaurieren. Man müsse abwägen. „80 Prozent der Oldtimer fahren noch auf der Straße, ein historischer Lack aber ist empfindlich“, sagt sie. Eine Rolle spiele auch, wie verbaut der Wagen bereits sei. Es gebe Oldtimer, bei denen der Aufwand zu groß werde, sie dem Original wieder näherzubringen. „Wenn aber einer viel Altes aufzuweisen hat, lohnt es sich.“

In den nächsten Tagen will sie mit dem Aston Martin, der in der Garage steht, fertig werden. Eine Seitentasche in der Beifahrertür muss noch befestigt werden, sie warte auf das Leder. Heute macht sie erst mal Feierabend, forscht nicht mehr bis tief in die Nacht. „Es ist Zeit geworden für Privates.“ Freunde zum Beispiel, die sie durch die Autos kennengelernt hat. Restauratoren, Handwerker, Kunden. Sie nennt sie „die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“, es sind alles Männer. Das ist in der Branche so.

An der Wand in der Garage hängt eine Postkarte mit einem Motiv aus den Vierzigerjahren. Eine Frau mit hochgekrempelten Ärmeln, sie zeigt die Faust. Darunter steht: „We can do it!“ Es gibt Momente, da sieht sie sich das Bild ein wenig länger an. „Ich brauche das dann einfach.“

Die Doktorarbeit ist fast fertig, mehr Zeit für sich zu haben noch ungewohnt. Doch das kann sich schnell ändern. Wenn plötzlich der Sponsor kommt. Irgendein Institut, das die Datenbank ermöglicht. Den Inhalt der 400 Reagenzgläser auswertet und die Ergebnisse öffentlich macht. „Ja, diese Sache mit der Datenanalyse“, sagt sie. „Sie wird kommen. Wir brauchen Gewissheiten.“ ---