Partner von
Partner von

Henri d’Origny

Seit 55 Jahren entwirft Henri d’Origny Muster für Seidentücher. Und wenn es nach ihm geht, soll das immer so weitergehen. Wo sonst könnte er freier arbeiten?



• Ein Seidentuch, 90 mal 90 Zentimeter – das ist der Stoff, auf dem Henry d’Origny seine Bilder malt. Carré heißt es und ist eines der Markenzeichen des Luxusgüterherstellers Hermès, der mit der Seiden- und Textiliensparte immerhin zwölf Prozent seines Umsatzes erlöst. Was reizt den Designer an diesem zweifellos hochwertigen Stück Stoff?

Henri d’Origny, ein stattlicher Mann mit schlohweißem, aber immer noch vollem Haar, sitzt auf dem zerschlissenen Hocker in seiner winzigen Klause im verwinkelten Hermès-Gebäude in Paris und versteht die Frage nicht. Zu sehr liebt er, was er seit 55 Jahren tut: „Bei Hermès arbeitet man immer nahe an der Perfektion“, sagt er. Seine Entwürfe entwickelt er auf Millimeterpapier: „Ich brauche diese visuelle Disziplin, wenn ich zeichne. Es gibt Designer, die benötigen für ihre Arbeit völlige Freiheit. Aber ich brauche von Anfang an eine Struktur.“

So haben sich zwei gefunden, die von Anfang an zusammenpassten. D’Origny, Spross einer alten Adelsfamilie, und Hermès, das 1837 von Thierry Hermès gegründete Sattel- und Zaumzeuggeschäft, das bald schon Fürsten und Königshäuser zu seinen Kunden zählte. Bereits als Junge war d’Origny das Emblem so vertraut wie anderen Kindern heutzutage vielleicht das Logo eines Smartphones. „Ich hatte von Kindesbeinen an den Geruch von Hermès-Leder in der Nase“, erinnert er sich. Auf dem Gut der die Familie im zentralfranzösischen Sologne trugen die Pferde besagte Sättel und Zaumzeuge. Auch die Koffer, mit denen man verreiste, und die Handtaschen der Mutter schmückte der Name aus Paris.

Dass es zur glücklichen Verbindung kam, hatte allerdings noch einen weiteren, eher profanen Grund: Das Vermögen der Familie schwand. Er sei der erste der d’Orignys, der einer bezahlten Arbeit nachgehe: „Ich bin mit einem silbernen Löffel im Mund zur Welt gekommen. Um zu verhindern, dass er sich in irgendein rostfreies Metall verwandelt, musste ich einen Beruf ergreifen.“

Warum er Designer wurde? Vielleicht lag die Begabung in der Familie. Ein Onkel sei Bildhauer gewesen, erzählt d’Origny, allerdings nur zum Zeitvertreib. Er selbst hatte schon während der Schulzeit in einem der zahlreichen Internate, in denen es der junge Graf nie lange aushielt, erste Zeichnungen zu Papier gebracht.

Im Anschluss an den Militärdienst hatte er gerade zwei Kinderbücher illustriert, eine Geschichte über Hunde und eine andere über den Baron von Münchhausen, als er zufällig bei einem Diner in Paris seinen alten Schulfreund Patrick Guerrand wiedertraf. Dessen Vater war bei Hermès für Finanzen und Vertrieb zuständig, der Onkel jener Patrick Dumas, der d’Origny später engagieren sollte. Zuerst als freien Mitarbeiter. Dann, weil d’Origny, bald verheiratet und Vater von zwei Töchtern und einem Sohn, darum bat, in Festanstellung.

Die hat er immer noch, obwohl er im November 80 Jahre alt geworden ist. Damals, vor der Einstellung schickte ihn Dumas erst einmal für sechs Monate in eines der Ladengeschäfte: um die kennenlernen, für die er künftig arbeiten sollte. Eine Etappe, die d’Origny als eher mühsam in Erinnerung ist. Es gab noch keine japanischen oder chinesischen Touristen, die die Boutiquen stürmten, die Tage zogen sich in die Länge. Also vertrieb er sich die Zeit hinter der Kasse mit Zeichnungen auf einem kleinen Skizzenblock. Daraus wurden die ersten Modelle für gemusterte Krawatten – zu jener Zeit, als sich die Modelle auf unifarben, Streifen und Kaschmir beschränkten, der letzte Schrei. „Ein Welterfolg, alle begannen, uns zu imitieren.“

Da hatte er allerdings seine erste Lektion schon hinter sich. Der erste Entwurf für den künftigen Arbeitgeber war gründlich danebengegangen. D’Origny hatte den Kopf eines Hirsches mit imposantem Geweih gezeichnet, drum herum mehrere verzierte Jagdmesser. Mit sicherer Hand führte er den Stift, die Details waren dem passionierten Jäger gut bekannt. Nach drei Monaten Arbeit präsentierte er das Ergebnis – und bekam eine Lehrstunde über versteckte Botschaften, die unbedingt zu vermeiden seien. Erstens: Einer Frau setzt man keine Hörner auf. Zweitens: Messer verschenkt man nicht, weil sie die Freundschaft zerschneiden.

Robert Dumas, Spross der Hermès-Familie und zu jener Zeit Kreativdirektor des Pariser Luxushauses an der Rue du Faubourg Saint-Honoré, erkannte jedoch das Talent des jungen Mannes und gab ihm eine zweite Chance. Seither hat d’Origny neben Taschen, Tischwäsche, Porzellan, Uhren und Krawatten Entwürfe für mehr als 40 der berühmten Carrés abgeliefert. Die Seidentücher sind auch dank seiner Arbeit zu dem geworden, was der heutige Kreativdirektor Pierre-Alexis Dumas einen „Meilenstein in der Geschichte des Stils“ nennt.

D’Orignys erster Entwurf für ein Seidentuch, der nach der gescheiterten Probearbeit angenommen wurde, war „Mors et Gourmettes“: Es zeigt Kandaren und Kinnketten von Pferden. „Das verkauft sich immer noch gut.“ Inspiriert wurde er dafür von einem Katalog aus dem 16. Jahrhundert. In seinem kleinen Bücherregal drängen sich Bildbände über die Malerei im alten Persien, die Renaissance-Malerei in Siena, die Fresken von Giambattista Tiepolo, die Malerei der Sui, Tang und der fünf Dynastien im alten China oder „Die Grammatik der Ornamente“ des englischen Architekten und Designers Owen Jones.

Elegante Linien ohne viel Schnickschnack sind d’Origny am liebsten. Und am besten bleibe man als Designer nahe an der Realität, sagt er schmunzelnd. Wenn sich zum Beispiel die Segel eines Schiffes nicht akkurat im Wind blähen oder einer Pferdetrense ein Detail fehlt, das sie unbrauchbar macht, hagelt es Beschwerdebriefe.

Studiert hat er seinen Beruf nie. „Ich bin Autodidakt. Ich hätte mich bestimmt anfangs leichter getan, wenn ich die Technik des Zeichnens beherrscht hätte. Das ist tatsächlich das Einzige, was einen die einschlägigen Schulen lehren können. Talent können sie einem nicht beibringen. Wenn jemand eine gute Technik hat, aber kein Talent, kann man in dieser Branche arbeiten. Genauso gut kann man es aber mit Talent und ohne Technik zu etwas bringen.“

Vor allem, wenn man genügend Freiraum hat: „Für den Designer“, betont Henri d’Origny, „gibt es bei Hermès keiner-lei Beschränkung. Er muss sich nicht um die Zahl der Farben oder die technischen Schwierigkeiten bei der Umsetzung kümmern.“ Ob die Graveure hinterher über der Anfertigung der Druckschablonen schwitzen – peu importe. Für jede Farbe braucht man eine eigene Druckschablone. Sie werden allesamt von Hand nach den Vorlagen gezeichnet. Es dauert Monate, bis sie fertig sind.

In der Schweiz, wo die Uhrenfertigung ihren Sitz hat, wird der Designer bewun-dert und gefürchtet zugleich. „Henri ist mit seinen Kreationen ein großartiger Botschafter für Hermès und überdies ein sehr charmanter Mensch“, sagt Philippe Delhotal, der verantwortliche Kreativdirektor der Tochtergesellschaft La Montre Hermès diplomatisch. „Ich mag wirklich diese Freiheitsliebe und die Leichtigkeit in seiner Herangehensweise.“ Die „Arceau“ mit ihren gestürzten Ziffern ist seine Erfindung, auch die „Clipper“, die d’Origny als historisches Quarzmodell am Handgelenk trägt.

Doch als aus Paris seine Vorlage für die „Cape Cod Grandes Heures“ eintraf, rauchten die Köpfe. „Bei jedem laufen die Uhren anders“, lautete die kniffelige Anforderung für ovale Uhrwerke. D’Origny wollte, dass die Abstände zwischen den vollen Stunden unterschiedlich groß sind und die Zeiger sich mal schneller und mal langsamer bewegen – je nachdem, ob ihr Träger bei der Arbeit gerade den Feierabend herbeisehnt oder die Freizeit möglichst lange auskosten will.

Geplante Markteinführung war Ende 2008. Die Werbetrommeln wurden gerührt, die Spannung stieg, doch die technischen Schwierigkeiten waren größer als vermutet. Es dauerte fast ein Jahr länger, bis das ungewöhnliche Modell endlich in den Verkauf gelangte. „Jedes Produkt bekommt so viel Zeit, wie es braucht. Erst wenn es perfekt ist, wird es den Kunden vorgestellt“, so die gelassene Reaktion des Marketings.

„Ich habe mir keine Gedanken über die Technik gemacht“, sagt d’Origny. „Das Wesen einer Uhr ist zweifellos das Uhrwerk. Da muss man als Designer ein wenig zurückhaltend sein. Ich habe mich trotzdem manchmal in Opposition zu den Technikern gesehen. Um komplizierte Uhrwerke zu vermeiden, haben sie komplett die Ästhetik des Originals geändert.“

Woanders zu arbeiten als bei Hermès kam ihm nie in den Sinn. „Aber was heißt schon arbeiten?“, sagt d’Origny, und der Schalk in seiner Stimme ist nicht zu überhören. „Ich mache einfach, was mir Spaß macht. Wenn Freunde mich fragen: ,Sag mal, arbeitest du immer noch?‘, dann antworte ich ihnen, dass ich doch im Grunde nie gearbeitet habe und deshalb auch nicht aufhören kann.“ ---
Das Quadrat

Hermès macht – wie aus vielen anderen Dingen – ein großes Geheimnis daraus, wie viele der Carrés pro Jahr verkauft werden. Das Modemagazin »Stylebook.de« will wissen, dass alle 25 Sekunden irgendwo in der Welt eines über den Ladentisch geht. Mit einem Preis von nur 75 Francs hatte das Seidentuch schon beim Verkaufsstart 1937 das Zeug zum Massenprodukt. Es gehörte zu den günstigsten Artikeln im Sortiment und galt als „Beigabe“, sagt Caroline Muller, die ihre Abschlussarbeit in Wirtschaftsgeschichte an der Pariser Sorbonne-Universität über die Carrés schrieb. „Die Kunden gingen zu Hermès, um eine Lederjacke, eine Tasche oder einen Koffer zu kaufen und nahmen im Vorbeigehen noch ein Tuch mit.“ Niemand habe damals damit gerechnet, welchen Ruhm die Seidentücher dem Haus dereinst verschaffen würden. „Die Einführung war ein Nicht-Ereignis für Hermès. Der Verkauf war der schon rund 20 Jahre zuvor begonnenen Strategie geschuldet, das Sortiment in alle Richtungen zu diversifizieren. Die Hermès-Chefs hatten bereits Ende des 19. Jahrhunderts erkannt, dass das Auto sich als modernes Transportmittel der Wohlhabenden durchsetzen und der Umsatz mit Sätteln und Zaumzeug einbrechen würde.“

Inzwischen kostet der Klassiker 325 Euro, für jedes einzelne Tuch wird ein 450 Kilometer langer Faden aus 300 Schmetterlingskokons gesponnen. 12 Prozent des Umsatzes von 3,48 Milliarden Euro (2012) entfallen auf jene Sparte, zu der auch die Carrés gehören (siehe auch brand eins 06/2009 „Ein hübscher Wert“).