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The World in Dubai

Die Herren Dubais haben dem Persischen Golf ein mehrere Milliarden Dollar teures Naturschutzgebiet beschert. Versehentlich. Eine unglaubliche Geschichte aus der Welt des Überflusses.





• Brendan Jack lassen sie durch. Der 52-Jährige darf mit seinem Schnellboot am Patrouillenschiff vorbei. Die Leute in den marineblauen Uniformen bewachen Tag und Nacht die Einfahrten in den The World genannten Archipel vor Dubai, kreuzen ständig zwischen den 253 künstlich erschaffenen Inseln. Dabei scheint es hier nicht viel zu geben, das beschützt werden musste: einen Palast mit Infinity Pool versteckt zwischen zehn, zwölf Meter hohen Palmen in irgendwie maledivischem Ambiente und einen Beach Club in gut zwei Kilometer Luftlinie Entfernung auf einer anderen Insel. Ein paar verwaiste Container mit Baumaterial, deren Seitenwände durch die hohe Luftfeuchtigkeit und das Meersalz bereits an manchen Stellen korrodiert sind. Außerdem natürlich Sand, viel Sand. Dazwischen eine Vielzahl schmaler Meeresarme, manche nur wenige Meter breit. Und Lagunen in schönstem Türkisblau, wie aus dem Ferienkatalog. Nichts anderes sieht man hier, jedenfalls auf den ersten Blick.

Aber auf den zweiten strotzt diese Wüste im Meer inzwischen vor Leben. Dieser Vielfalt verdankt Brendan Jack seinen Job. Der Australier, der wie ein Universitätsdozent wirkt, trägt den Titel „Head of Sustainability and Environment“, ist also Umweltbeauftragter. Er erledigt in dem Baukonzern Nakheel Aufgaben, die eigentlich nicht vorgesehen waren: Er zählt mit seinem Team Vögel und Fische, kartiert deren Brutgebiete und die der Echten Karettschildkröten. Brendan arbeitet für ein Unternehmen, das seine im Meer versenkten und schon verloren geglaubten Milliarden aus der Zeit vor der Wirtschaftskrise gern wiedersehen möchte. Und das zwischenzeitlich mit dem Anlocken seltener Tiere mehr Erfolg hat als mit dem von Investoren.

Vor zehn Jahren wurde das Projekt – begleitet von gewaltigem PR-Rummel – begonnen. Zuerst schütteten Arbeiter von Ponton-Kränen aus ein künstliches Riff von 27 Kilometer Länge als Wellenbrecher auf. Dann sogen niederländische Spezialschiffe mit Vakuum-Rüsseln Kies und Muschelkalk vom flachen Meeresboden und spien sie ein Stück weiter im hohen Bogen wieder aus – fünf Tonnen pro Sekunde. Insgesamt wurden 320 Millionen Kubikmeter Sand auf 34 Millionen Tonnen aus dem Hadschar-Gebirge herbeigeschafft und zu Fundamenten drapierte Felsen gespült.

Zuvor hatte es nicht einmal Sandbänke gegeben, berichtet Brendan Jack. „Der Golf ist hier bloß zehn bis zwölf Meter tief. Es gab auf dem Meeresboden keine Pflanzen oder Korallen, nur so etwas wie eine untermeerische Dünenlandschaft.“ Er muss gegen das Motorengeräusch seines Boots anschreien. „Fast überall vor der Küste Dubais sieht es so aus – der Meeresgrund ist die Verlängerung der Wüste ins Wasser.“

Die 253 Inseln, ursprünglich waren 300 vorgesehen, sind aus der Luft betrachtet so angeordnet wie die Kontinente auf einer Weltkarte: Amerika ganz im Westen, Europa, Afrika und der Nahe Osten im Zentrum, Asien im Osten und Australien irgendwo ganz unten am südöstlichen Rand. Sogar an Grönland und an die Antarktis hat man gedacht. Die einzelnen Inseln tragen den Namen des Landes, dessen ungefähre Position sie innerhalb des Gesamtarrangements einnehmen.

Eine neue Welt wurde aufgeschüttet

Für die Einheimischen ist The World eine Attraktion. Waghalsige versuchen, per Jet-Ski und nur mit Schwimmweste und Badehose bekleidet vom Festland herüberzubrettern, den äußeren Ring des verbotenen Archipels mit seinen fünf Öffnungen im Riff hinter sich zu lassen und wieder davonzurasen, ehe sie jemand fassen kann. Yacht-Eigner fragen freundlich um Einlass, werden von den Uniformierten, die der Dubai Police unterstellt sind oder der Hof-garde von Scheich Mohammed bin Rashid al-Maktoum angehörden, aber abgewiesen.

„Vor allem haben wir hier inzwischen immer wieder Ärger mit lokalen Fischern, die mit ihren Booten bei Dunkelheit hereinzufahren versuchen und Netze auswerfen wollen“, sagt Brendan Jack und wischt sich den Schweiß von der Stirn. „Obwohl das streng verboten ist und sie sich jedes Mal viel Ärger und viel Papierkram einhandeln, wenn sie doch erwischt werden. Sie versuchen es, weil die Gewässer der Inselgruppe so fischreich sind.“

Eine erstaunliche Wendung. Vor einigen Jahren hieß es noch, das Ökosystem sei zerstört worden: brachial und ohne Skrupel, getrieben von Gier und Größenwahn.

Denn die Regenten von Dubai, denen der Baukonzern Nakheel gehört, hatten keineswegs an ein Naturparadies gedacht, sondern daran, größtmöglichen Profit aus exklusiven Wassergrundstücken in Sichtweite der Skyline der Hauptstadt zu schlagen. Sie haben die Küstenlinie des Emirats allein durch dieses Projekt um zusammengenommen 232 Kilometer verlängert – um eine Vielzahl teurer Grundstücke für Hotels, Shopping-Center, Freizeiteinrichtungen und Privatvillen zu schaffen. Und damit dem nach Superlativen gierenden Dubai nebenbei auch noch weltweit Schlagzeilen zu bescheren. Dass mancher diesen Gigantismus infrage stellte, war egal. Ebenso der Umweltschutz. In dieser Weltgegend fallen Entscheidungen auf dem kurzen Dienstweg. Sie in Zweifel zu ziehen ist nicht üblich.

Auch bei der Vermarktung der künstlichen Inseln gingen die Verantwortlichen selbstbewusst zu Werke. So war es nicht möglich, Grundstücke einfach zu erwerben. Jeder einzelne Interessent musste sich zunächst mit einem möglichst originellen Nutzungskonzept oder Architektenentwurf bewerben und abwarten, ob er den Zuschlag erhielt. Verkauft wurde nur inselweise, zu Tarifen, die laut offizieller Preisliste zwischen 5 und etwa 45 Millionen Dollar lagen. Dafür gibt es Sand pur, ohne jedes Grün, Fundament oder Anschluss an irgendeine Leitung. Die Insel Germany zum Beispiel ist in etwa so groß wie fünf Fußballfelder und kostete offiziell 30 772 000 Millionen US-Dollar. Die Bauarbeiten dort ruhen seit Langem, obwohl eigentlich bis Jahresende ein erstes Musterhaus auf der Insel hätte fertiggestellt sein sollen, so verspricht es jedenfalls die Website des Investors.

Auf The World wurde bislang fast nichts gebaut – die Finanzkrise kam dazwischen. Weder das Strandhotel im habsburgischen Kaiser-Stil auf der Insel Austria, das einmal unter dem Namen „Empress Sissi“ eröffnen soll und von dem österreichischen Immobilienmakler Josef Kleindienst geplant wurde, der praktischerweise auch gleich die Nachbarinsel Germany gekauft hatte. Noch die Apartmentanlage auf der Insel Irland. Sie war mit dem Slogan „My Ireland in the sun“ beworben worden, ehe auch nur ein erster Sack Zement dorthin verschifft wurde. Es lief wahrlich nicht rund auf dem Archipel.

Kleindienst ist unterdessen nach Auskunft von Nakheel gerade dabei, sein Projekt zu überarbeiten. Er werde die neuen Entwürfe schon bald zur Freigabe einreichen. Es sieht so aus, als wolle er nach wie vor zu den Ersten gehören, die auf The World loslegen.

Sie bietet ideale Bedingungen für die Fauna

Derweil laichen in den flachen Gewässern zahlreiche Fischarten. Ganze Schwärme haben sich in die Welt aus Inseln zurückgezogen, weil das Außenriff sie verlässlich schützt. Ihre Fressfeinde bevorzugen tiefere, offene Gewässer. In der Kinderstube der Fische gedeiht deshalb, was weiter draußen kaum eine Chance hätte – und das in ungeahnter Vielzahl.

Die Eilande haben sich zudem zum Rastplatz für Zugvögel entwickelt. Sie sind die neue Heimat von Flamingos und Sokotra-kormoranen geworden, von Fischreihern und Seeschwalben. Und in manchen Nächten arbeiten sich die Echten Karettschildkröten auf kurzen Stummelbeinen jenen Sand hinauf, den es vor zehn Jahren nicht gab. Sie graben Löcher, um dort ihre Eier abzulegen.

Mangels Zugriff oder Investitionsbereitschaft der meisten Inseleigner – 70 Prozent der Flächen sind verkauft, 30 Prozent hat Nakheel sich zu Infrastrukturzwecken oder eigenen Projekten zurückbehalten – hat sich die Natur gleichsam als Zwischenmieter das genommen, was ihr zuzustehen schien. Die Schöpfung grätschte in die Nische.

Und das ist in Zeiten, in denen das Geld am Golf wieder sprudelt, ein Problem. Plötzlich sind potenziellen Investoren seltene Schildkröten und anderes Getier im Weg, das es früher nicht gab. Der Mensch hat die Fauna angelockt, neues Land geschaffen und gleich darauf seinem Schicksal überlassen. Wohin nun mit den Zwischenmietern, jetzt, da die ersten Inseleigner bereit sind, ihre Pläne wieder aus der Schublade hervorzukramen?

Der Umweltbeauftragte Jack gibt sich gelassen: „Wir sehen das alles inzwischen mit einem 20-, 25-Jahres-Horizont. The World ist eine langfristige Idee. Vieles wird sich erst über die Zeit ergeben. Das gilt auch für Lösungen. Sie werden besser, wenn man sie nicht aus dem Ärmel schütteln muss.“ Er springt über die Reling auf den Strand einer Insel, um in der Nähe nach Nestern zu schauen. Der Australier hat Erfahrungen mit der grünen Seite von Großprojekten, er war Umwelt- und Nachhaltigkeitsmanager der Olympischen Spiele von Sydney, die mit dem Anspruch organisiert worden waren, als die ersten „Green Games“ in die Geschichte einzugehen.

Die verschärften Regeln sind seine ersten Erfolge: das absolute Fischfangverbot zum Beispiel. Und die Auflage, rein gar nichts in die Gewässer von The World einzuleiten. „Alles“, so Jack, „was hier an Abfall anfällt – ob Verpackung, Bauschutt, Nahrungsmittelreste oder Fäkalien – muss zurück aufs Festland und dort entsorgt werden. Der jeweilige Inselbesitzer steht dafür in der Pflicht. Er darf nichts einleiten, nichts vergraben, nichts verbrennen.“

Und wann immer ein Gelege – ob von Vögeln oder Schildkröten – zum Problem wird, sind wieder zuerst seine Leute gefragt. „Wir versuchen“, sagt er, während er mit dem Feldstecher die Küste von „Südafrika“ nach Nestern des Schwarzmilans absucht, „alle Interessen irgendwie unter einen Hut zu bringen und Tiere, wenn nötig, mit größter Vorsicht umzusiedeln.“

Während der Krise reichte das Geld in der Kasse von Nakheel gerade für die Wachleute und den Unterhalt ihrer Schiffe. Zuvor waren noch Prominente aus aller Welt auf Kosten des Konzerns in die Kunstwelt eingeflogen worden. Sie sollten für den Glamour beim laut Werbung „luxuriösesten“ Immobilienprojekt der Welt sorgen. Es kamen unter anderem der Modemacher Roberto Cavalli, der Tennis-Star Roger Federer, die berühmte Fotografin Annie Leibovitz und sogar die ehemalige US-Außenministerin Madeleine Albright. Gerüchte, wonach das unvermeidliche Hollywood-Paar Angelina Jolie und Brad Pitt auf dem Eiland Ethiopia ein Kinderheim errichten wollten, ließen die Marketing-Leute von Nakheel unwidersprochen Kreise ziehen. Ob wahr oder erfunden – alles war irgendwie Reklame für Dubai, wo es zum guten Ton gehört, auf die Pauke zu hauen, wann immer sich eine Möglichkeit dafür bietet. Nur als ein Investor seine Insel im Stil einer Meerjungfrau geformt und ein anderer die Umrisse von Darth Vaders Helm nachgebildet haben wollte – da war es dann selbst Nakheel zu viel, und die Wünsche wurden abschlägig beschieden.

Was wird nun aus den Zwischenmietern?

Hussein al-Yasiri, damals zuständig für die Betreuung der Prominenten und der ersten Inseleigner und inzwischen in Abu Dhabi beschäftigt, erinnert sich: „Wir haben sie meistens nach ‚Show Island‘ am Südzipfel ,Grönlands‘ gefahren, wo als damals einziges Gebäude auf The World ein Musterhaus mit ein paar Hundert Quadratmetern Wohnfläche und Pool entstanden war. Mit üppig bewässertem Garten und mit importierten Palmen.“ Abzuwarten, bis auch dort von allein etwas keimt und sprießt, schien den Machern aus der Konzernzentrale an der Al-Sufouh-Road drüben auf dem Festland zu langwierig.

Jene Import-Palmen sind inzwischen zum Sinnbild für das geworden, was die Natur auf dem Archipel anstellt, wenn der Mensch nachhilft. Sie sind – wenn auch mit Süßwasser gepäppelt – üppig gewachsen, haben ihre anfängliche Höhe mehr als verdreifacht und verhindern an manchen Stellen sogar den Durchblick vom Wasser aus auf das dreigeschossige weiße Haus mit seinen klaren Linien und der großen Glasfront, das einmal die Vorführvilla gewesen ist. Entstanden ist ein üppig grüner kleiner Palmenwald, ein Garten aus Bougainvillea und Mangobäumchen – ein Malediven-Inselchen, das sich in den Golf verirrt zu haben scheint. Nebenan ist noch Wüste.

„Als nicht mal mehr die Beteiligten so recht an ihr Großprojekt geglaubt haben und kein Musterhaus mehr erforderlich schien, wechselte es als Geschenk des Unternehmens an die Herrscherfamilie“, sagt al-Yasiri. Heute hat es Palast-Status, wird von der Garde bewacht und ist der exklusive Zweitwohnsitz von Hind bint Maktoum bint Juma, der ersten Frau des aktuellen Herrschers von Dubai. Ihre Nachbarn: Schmetterlinge, die man auf dem Festland niemals sieht und die irgendwie den Weg hierher gefunden haben, zwei Kormoran-Paare, ein paar Fischreiher. Und Schildkröten.

Einige Milliarden Euro hat der Baukonzern Nakheel bereits für The World ausgegeben. Die genauen Zahlen wurden nie preisgegeben. In der Summe aber waren die Schulden so drückend, dass sie das Emirat auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise fast in die Pleite gerissen hätten – und der reiche Nachbar Abu Dhabi mit Erspartem aushelfen musste. Nakheel hat inzwischen einen neuen Boss. Und einen Head of Sustainability and Environment, der bereits seit sechs Jahren dabei ist. Am Golf ist das eine Ewigkeit. Brendan Jack scheint Gefallen an seiner Mission zu haben.

Ein wenig hat sich die Welt in den Jahren seit der Krise verändert – die echte große ebenso wie die künstlich erschaffene kleine. Inzwischen stehen wieder Investoren bereit, wollen auf der Insel Taiwan einen Wellness-Tempel mit Luxus-Spa und Einkaufsmöglichkeiten errichten. Auch sie überarbeiten ihre Entwürfe gerade – nicht primär der Natur wegen, sondern um den Zeitgeist zu treffen und den veränderten Ansprüchen des Immobilienmarktes gerecht zu werden. Und um alle neuen Vorschriften zu erfüllen. Der Besitzer der Insel Libanon möchte seinen Beach Club um eine Reihe Hotelzimmer erweitern. Er ist nicht der Einzige, der wieder Geld in die Hand nehmen will. Auf Brendan Jack kommt Arbeit zu.

Wie die Sache ausgehen wird? Weil die Inseln nur nach und nach erschlossen und bebaut werden, bleibt für lange Zeit Platz für Fische, Vögel und Schildkröten. Wenn es eine Möglichkeit gibt, sie zu bewahren oder gar irgendwie zu vermarkten, wird sie wahrgenommen. Aber wenn die Natur dem Profit im Weg steht, wird sie das Nachsehen haben. Das war am Golf immer so. Bislang jedenfalls.

Die Schildkröten haben dabei so oder so die besten Chancen. Denkbar wäre, sie in Richtung des Emirats Abu Dhabi umzusiedeln. Dort gibt es eine ganze Reihe natürlicher Inseln vor der Küste, etliche davon unbesiedelt – und noch unverplant.

Dubais Herrscher Scheich Mohammed wurde in einem Interview einmal gefragt, was er auf eine einsame Insel mitnehmen würde. „Eine Angel, ein Transportmittel und jemanden, den ich liebe“, lautete seine Antwort. The World kann er dabei nicht im Sinn gehabt haben. Angeln ist hier verboten. ---