Was tun, wenn’s brennt?

Ein Kampfmittelräumer, ein Chirurg und ein Fluglotse in fünf Sätzen: 1. Hab einen Plan.
2. Hab Plan B. Und C.
3. Folge stets den Regeln.
4. Stell dir immer vor: Was wäre, wenn?
5. Keine Experimente!




• In dem brandenburgischen Dörfchen Spreenhagen, Postleitzahl 15528, Ortsteil Stäbchen, hatte eine Bombe 50 Jahre lang in einem Teich gelegen. Erst am 1. September 1995 wurde sie entdeckt. Sie sollte Peter Ewlers erste eigene Bombe werden.

Schon bei der Bundeswehr hatte der ehemalige Zeitsoldat als Feuerwerker mit Sprengstoffen zu tun gehabt. Anschließend hatte er alle Schulungen, Eignungsprüfungen und Tests für den Kampfmittelbeseitigungsdienst Brandenburg durchlaufen. Gerade erst hatte er im Munitionszerlegebetrieb Kummersdorf Gut die letzte Station seiner Ausbildung zum Truppführer mit eigenständigem Landkreis absolviert. Er hatte also alles gelernt über das, was etwas sperrig „Kampfmittel“ genannt wird: die unterschiedlichen Bombentypen aller Größen, Klein- und Nahkampfmittel, also Granaten, Aufbau und Verhalten der Zündsysteme sowie der Sprengkörper, Sprengung und Sprengverhalten, Transport und Zerlegung von Kampfmitteln, die chemische Zusammensetzung der Sprengstoffe. Ewler fühlte sich gut vorbereitet, als er in Stäbchen eintraf.

„Und dann sitzt du auf einmal in einem Schlauchboot, paddelst über diesen Tümpel, guckst ins Wasser und kannst so gut wie nichts erkennen.“ Er klingt immer noch ungläubig. Er fühlte die Augen aller Dorfbewohner auf sich, er schaute ins Wasser, das Gummiboot wackelte. Er konnte nichts sehen, die Leute tuschelten. Du darfst jetzt nichts falsch machen, dachte Peter Ewler. Er sah nicht mehr als ein paar Blechteile und die Form. „Ich hatte keine Ahnung, was das war. Das konnte ein aufgerissenes Fass sein oder doch eine Bombe“, sagt er. „Mein Blutdruck war am Anschlag, in meinem Kopf herrschte gähnende Leere.“

Ewler rief einen erfahrenen Kollegen an, beschrieb ihm, was er da im Wasser liegen sah. „Er sagte: Das ist eine aufgerissene deutsche Brandbombe. Die ist ausgebrannt, kannst du rausziehen, Peter. Und das habe ich dann gemacht. Zack. Eingepackt und mitgenommen, das Teil. War ungefährlich.“

Man hatte eigentlich eine gewaltigere Pointe erwartet, als Ewler begann, diese Geschichte zu erzählen. Doch für ihn war sie einschneidender als vieles, was er in den knapp 20 Jahren in seinem Job erlebt hat. Denn in diesem Moment hat er vor sich selbst versagt. Das hat ihn beschäftigt. „Ich dachte nur: Scheiße, was machst du jetzt? Ich habe einfach keine Lösung gefunden. Das kannte ich bis dahin von mir nicht.“

Wer mit Peter Ewler eine Weile durch Brandenburg fährt, von Frankfurt (Oder) aus hinauf zu den Seelower Höhen und in den Landkreis Dahme-Spreewald, in die Gegend des Dörfchens Halbe, dorthin also, wo in den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs grausame Schlachten tobten, unvorstellbare Mengen an Bomben und Granaten verschossen und aus Jagdbombern abgeworfen wurden, und sich von ihm zeigen lässt, wo er und seine Kollegen immer wieder massenhaft Granaten auf Äckern und Wiesen sowie Bomben und Munition in Dörfern und Wäldern finden, wer mit ihm also über das spricht, was ihn und seinen Beruf ausmacht, der wird sich nicht so recht vorstellen können, dass Ewler jemals nicht mehr weiterweiß.

Kein anderes Bundesland hat mehr unter den Spätfolgen des Zweiten Weltkriegs zu leiden als Brandenburg. Immer noch sind rund zwölf Prozent der Fläche kampfmittelbelastet, wie es in Amtsdeutsch heißt, jedes Jahr werden in dem Bundesland rund 300 Tonnen alter Bomben und Munition gefunden und beseitigt. Rund zehn Prozent aller Kampfmittel sind Blindgänger, bei denen die Zünder nicht funktionierten. „Und von 100 geborgenen Granaten sind gut zehn vom Zündsystem her so marode oder unsicher, dass wir sie vor Ort verbuddeln und sprengen. Alles andere wäre zu gefährlich“, sagt Ewler, der mehr als 120 Bomben unschädlich gemacht hat sowie Tausende von Granaten und Tonnen an Munition.

Immer wieder sagt Ewler, in Variationen, dass Selbstbewusstsein das Wichtigste in seinem Beruf sei: „seinen Mann stehen, mit breiter Brust zu der Bombe gehen, in das Loch reinsteigen, wenn jeder normale Mensch nur wegrennen will. Ein bisschen bekloppt muss man dafür schon sein.“

Peter Ewler ist kein Typ, der in seinem Job unter Minderwertigkeitskomplexen leidet. Er genießt es, wenn er mit seinem Geländewagen zur Fundstelle angefahren kommt, alle gucken, und Ewler, der Problemlöser, sperrt ab, macht Ansagen, die Herren vom Ordnungsamt gehorchen, und alle Anwohner in einem Radius von 1000 Metern verlassen ihre Häuser und keiner, der ihm widersprechen würde. „Klar, das gefällt mir sicherlich“, sagt er.

All das muss man wissen, um zu verstehen, warum der Tümpel von Stäbchen ihn bis heute beschäftigt und wohl auch dazu beigetragen hat, dass er seinen Beruf heute mit dem kerligen Selbstbewusstsein ausübt, das ihm zu Beginn wahrscheinlich noch fehlte. Es schützt ihn. So einfach ist das. Denn wer diesen Beruf überleben will, sagt Ewler, der müsse „funktionieren, nachdenken können, aber nicht zu viel, eher: machen, technisches Verständnis haben“ und „Lösungen finden, ohne Experimente einzugehen“. So die Theorie.

„Und dann hast du deine erste Fundstelle und fällst so auf die Schnauze. Daraus habe ich fürs Leben gelernt. Ich darf mich von keiner Situation und von niemandem unter Druck setzen lassen. Ich muss Herr der Lage bleiben. So was ist mir nie wieder passiert.“

Die US-amerikanische Skirennläuferin Mikaela Shiffrin gewann am 21. Februar die olympische Goldmedaille im Slalom, und es war reiner Zufall, dass Jörg Schröder das Rennen im Fernsehen sah. Skifahren interessiert ihn eher nicht. Doch dann wurde es auf einmal interessant. „Sie wurde gefragt, wie sie als gerade mal 18-Jährige mit dem Druck zurechtgekommen sei, bei den Olympischen Spielen zu starten. Sie hat geantwortet, Olympia sei nichts Besonderes, das sei wie jedes Rennen. Schließlich sei sie diesen Berg gedanklich schon hundertmal runtergefahren.“ Das hat ihn beeindruckt.

Schröder lehnt sich in seinem Stuhl zurück, als er die Geschichte erzählt, macht eine Pause. Und sagt: „Da ist mir mal wieder klar geworden, wie viel weiter die Sportler sind als wir beim Thema mentales Training.“ Mit „wir“ meint er Chirurgen. Jörg Schröder ist seit mehr als 20 Jahren Chirurg, er hat es weit gebracht in seinem Beruf. Der 53-Jährige ist Chefarzt für Allgemein- und Visceralchirurgie – vulgo: Bauchchirurgie – der Schön Klinik Hamburg-Eilbek.

Er ist davon überzeugt, dass Chirurgen viel lernen könnten von Sportlern. „Eine Operation ist vergleichbar mit dem Parcours eines Slalomrennens. Jeder Chirurg muss, genauso wie der Skifahrer, bei der Operation bestimmte Arbeitsschritte durchlaufen, er muss im Körper des Patienten an bestimmten Stellen entlangoperieren. Das geht gar nicht anders. Und natürlich können diese Arbeitsschritte schon vor der Operation gedanklich simuliert und wie eine Trockenübung trainiert werden. Vor allem jüngere, unerfahrenere Chirurgen können durch die Visualisierung der Arbeitsschritte entlang der Knotenpunkte Sicherheit gewinnen.“

Jedes Mal, wenn Schröder wieder eine große Operation durchführen muss, etwa am Magen, der Leber, der Bauchspeicheldrüse oder einen komplexen Eingriff am Enddarm, dann weiß er, „es reicht nicht, einfach in den Operationssaal reinzurennen, und los geht’s“. Es gibt Operationen, die selbst für erfahrene Chirurgen wie Schröder, der Tausende von Operationen hinter sich hat, nie wirklich Routine sein können, weil sie über mehrere Stunden hochkonzentrierte Arbeit erfordern.

Er schiebt dann am Tag vor der OP die beiden Ledersesselchen in seinem Büro zusammen, setzt sich in den einen, legt die Beine auf den anderen, schließt die Augen. Atmet in den Bauch. Kommt, wie er sagt, „runter“. Und holt sich Bilder der anstehenden Operation vor sein inneres Auge. „Das ist wie Fernsehen mit geschlossenen Augen“, sagt er, „ich sehe meine Hände, sehe den Körper des Patienten, sehe, wie meine Hände Organe freilegen, Schnitte setzen. Ich gehe die wichtigsten Operationsschritte gedanklich vollständig durch. Die Konzentration auf die Operation dauert manchmal nur ein paar Minuten. Jede OP durchläuft bestimmte, charakteristische Knotenpunkte. Ein erfahrener Chirurg kennt diese zwar, doch wenn man sich konzentriert und sich auf diese Weise mental auf die Handlungsschritte vorbereitet, ist man besser vorbereitet, wenn man an den OP-Tisch tritt, davon bin ich überzeugt.“

Eine aufwendige Studie am European Surgical Institute (ESI) in Norderstedt bei Hamburg, deren Durchführung und Auswertung sieben Jahre dauerte, bestätigt dieses Gefühl, mit dem sich Schulmediziner traditionell eher schwertun. Man untersuchte die Operationsleistungen von 98 Chirurgen, die zunächst alle gemeinsam ein Basistraining in laparoskopischer Chirurgie (Endoskopie in der Bauchhöhle) durchliefen. Anschließend wurden die Ärzte in drei Gruppen unterteilt. Die erste erhielt zusätzlich zum Basistraining mentales Training, in dem eine OP nach Atem- und Entspannungsübungen visualisiert wurde. Die zweite Gruppe erhielt ein praktisches Training an chirurgischen Simulationsvorrichtungen, in denen dieselbe OP nachgestellt wurde, die die erste Gruppe anhand eines mentalen Trainings durchlaufen hatte. Die dritte Gruppe erhielt kein zusätzliches Training. Abschließend durchliefen die Ärzte aller drei Gruppen einen weiteren Test, für den sie dieselbe Operation erneut praktisch simulieren sollten. Ergebnis: Die mental trainierten Chirurgen schnitten in allen Bewertungskriterien ähnlich gut ab wie die Chirurgen, die vorher eine praktische Übung durchlaufen hatten. Die dritte Gruppe ohne zusätzliches Training schnitt am schlechtesten ab.

„Gute Chirurgen machen ohnehin eine Art mentales Training – sie wissen es nur nicht“, sagt der Sportpsychologe Marc Immenroth, der Vater dieser Methode in der Chirurgie. Immenroth, der früher mit dem psychologischen Betreuer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, Hans-Dieter Hermann, zusammenarbeitete, hat es sich zur Aufgabe gemacht, dem mentalen Training in der Chirurgie den Stellenwert zu geben, den es im Sport und auch in der Luftfahrt schon lange hat. Er leitete die Studie am ESI, deren Ergebnisse in der angesehensten chirurgischen Fachzeitschrift der Welt veröffentlicht wurden, den »Annals of Surgery«. Immenroth weiß, dass dies das mentale Training ein wenig besser vor der Skepsis der Ärzte schützt: „Sie sind noch ein wenig, sagen wir: zurückhaltend.“

Schröder spricht es offen aus: „Viele Chirurgen halten das für Esoterik. Doch das ist totaler Unsinn.“ Die meisten der Kollegen wüssten nur nicht, was sich hinter dem Begriff verbirgt und hätten teilweise ihre ganz eigenen Entspannungstechniken, die gar nicht so weit weg seien von mentalem Training. „Letztlich ist es ein Plan für eine Operation, dazu kommen bestimmte Techniken der Visualisierung“, sagt er. „Es geht darum, Operationen zu standardisieren, indem Abläufe in festgelegter Reihenfolge und ohne Abweichungen durchgeführt werden. Mit anderen Worten: Der Arzt kann in bestimmten Situationen nicht individuell handeln, er muss sich streng an einen Plan halten, genau wie etwa ein Pilot.“

Viele Chirurgen, sagt Schröder, hingen noch sehr der Vorstellung eines Künstlers mit den goldenen Händen an. „Es gibt unter den Chirurgen sicherlich auch einige Künstler, doch die Mehrheit sind in Wahrheit Handwerker.“ Das solle keine Abwertung sein, sagt er. „Der Begriff Chirurgie stammt schließlich aus dem Griechischen und bedeutet, na was?“

Er gibt die Antwort selbst: „Handwerk.“

Vorweg: Jan Janocha traf keine Schuld. Es war der Pilot.

„Er hat die Flughöhe nicht eingehalten, die ich ihm vorgegeben habe“, sagt Janocha. Er hat sich später oft gefragt, wie passieren konnte, was, wie er es sagt, „einfach. Nie. Passieren. Darf.“ Was sich wiederum übersetzen lässt mit: Zwei Maschinen fliegen aufeinander zu und kommen sich zu nah. Später ist der Vorfall von den Behörden untersucht worden. Letztlich war die Erklärung banal, ein menschlicher Fehler. „Dann sitzt du da, starrst auf den Radarschirm, es wird dir heiß und kalt, du hörst dein Herz schlagen, und du denkst: Scheiße, das darf doch nicht wahr sein.“

Ein Tag vor rund zehn Jahren in der ehemaligen Kontrollzentrale der Deutschen Flugsicherung (DFS) auf dem Flughafen Berlin-Tempelhof. Janocha sitzt seit einer Stunde am Board, wie Fluglotsen ihren Arbeitsplatz nennen, ein mit Elektronik vollgepacktes Pult mit verschiedenen Bildschirmen und Monitoren. Er ist an diesem Tag eingeteilt als Radarlotse, er steht in Funkkontakt mit den Piloten. Jeder Radarlotse ist einzig und allein dafür zuständig, darüber zu wachen, was bis zu einer Höhe von 28 500 Fuß, rund 8687 Meter, in „seinem Sektor“ passiert – ein Gebiet auf der Landkarte, dessen zweidimensionalen Umriss er vor sich auf dem Radarschirm sieht.

Wenn der 39-Jährige seinen Job erklärt, nennt er die Sektoren Puzzleteile. Ganz Deutschland ist mit ihnen überzogen. Wenn ein Flugzeug etwa von Berlin nach München fliegt, durchquert es, je nach Flugroute, sechs bis acht dieser Sektoren und wird von dem für das jeweilige Puzzleteil zuständigen Radarlotsen per Funk so lange kontrolliert, bis es den Sektor wieder verlässt und in den angrenzenden hineinfliegt, um dann von einem anderen Radarlotsen betreut zu werden. Die „Übergabe“ macht der sogenannte Koordinationslotse, der mit dem Radarlotsen gemeinsam über das Puzzleteil wacht. Janochas Arbeitsauftrag ist dabei im Prinzip schnell erklärt: „Fünf Meilen, 1000 Fuß. Das ist der Sicherheitsabstand, der nicht unterschritten werden darf. Es dürfen also keine Flieger zusammenstoßen“, sagt er lapidar.

Man könnte dem Hamburger diesen Satz als trockenen norddeutschen Humor auslegen wollen. Man läge falsch. Die Komik seines Satzes, die sich aus dem Benennen des Offensichtlichen ergibt, sieht er in diesem Moment gar nicht. Janocha beschreibt nur die Aufgabe eines Fluglotsen mit den einfachsten, klarsten und vor allem mit unzweideutigen Worten, ohne Raum für Interpretation. Fliegersprache. Genau so hat die Kommunikation zwischen Pilot und Lotse stattzufinden. Sie ist nur ein Teil eines Sicherheitssystems, das durch Wiederholen und Überprüfen der immer gleichen, standardisierten Abläufe gewährleisten soll, dass keine Missverständnisse auftreten, aus denen dann Fehler werden können. Jede Anweisung des Lotsen etwa muss der Pilot deshalb „zurücklesen“, also wörtlich wiederholen.

Es ist nicht ganz klar, ob Janocha diese Art des Sprechens im Laufe seiner Jahre als Lotse verinnerlicht hat oder ob er einfach schon immer so gesprochen hat, doch es ist auffällig: Während des Gesprächs transportiert er eher Information von A nach B, als sich zu unterhalten. Er drückt sich dabei mitunter fast schon überpräzise aus – auf die Frage etwa, bis zu welchem Alter man die Lotsenausbildung machen kann, antwortet er, bei ihm habe die Altersgrenze bei 25 Jahren, 364 Tagen gelegen. Kein Wort zu viel, keines zu wenig, um präzise zu sein. Er macht auch keine längeren Denkpausen, und kaum einmal hört man von ihm ein „Äh“. Und wenn er sich bei einer Sache mal nicht ganz sicher ist, weist er darauf hin, bevor er weiterredet.

Spricht man ihn darauf an, muss er lachen. „Ja, das ist eine Berufskrankheit“, sagt er, „doch ich bin von Natur aus so strukturiert. Ich bin ein Kontroll-Freak, in allem, was ich tue. Ich habe gern einen Plan, zusätzlich noch Plan B und C als Back-up. Ich kann das nicht anders. Das ist im Privatleben manchmal eher ein Problem, ich kann einfach nicht in den Tag hineinleben, ich muss alles planen.“ In seinem Beruf ist das eine Gabe.

Es ist wenig los am Himmel, als die Maschine als kleiner, sich langsam bewegender Punkt auf dem Radarschirm auftaucht und in Janochas Puzzleteil hineinfliegt. Die anderen sich bewegenden kleinen Punkte sind weit genug entfernt.

„Ich habe dem Piloten die Höhe durchgegeben, auf die er steigen und auf der er dann bleiben soll, er hat sie bestätigt, und auf einmal sehe ich: Der steigt weiter!“ Sofort gibt Janocha dem Piloten die Anweisung, zu sinken und die angegebene Höhe zu halten. „Doch der meldete sich nicht zurück und flog in die Nähe einer Höhe, auf der ihm eine andere Maschine entgegenflog. Dann ist es passiert.“

Was war „passiert“? Bekanntlich gab es vor zehn Jahren keine Katastrophe über dem Osten Deutschlands. Und doch ist Janocha damals das Schlimmste widerfahren, was einem Lotsen passieren kann, wenn eigentlich nichts passiert. „An Bord der beiden Maschinen hat das niemand auch nur gemerkt. Und die Piloten haben sich nicht einmal gesehen.“ Um jedes Flugzeug herum gibt es einen Sicherheitsabstand. In der Vertikalen dürfen sich zwei Maschinen nicht mehr als 1000 Fuß nähern, also rund 300 Meter, in der Horizontalen fünf nautische Meilen, also rund neun Kilometer.

Jan Janocha nennt diesen Sicherheitsabstand die Seifenblase, die niemals und unter keinen Umständen zerplatzen darf. „Der Pilot hat sich nach kurzer Zeit, in der ich innerlich fast gestorben wäre, gemeldet und ist wieder auf die vorgegebene Höhe zurückgegangen, die Maschinen sind letztlich kilometerweit aneinander vorbeigeflogen, für mich hat es trotzdem nicht gereicht. Die Seifenblase ist zerplatzt.“

Inzwischen arbeitet Janocha am Bremer Flughafen, die DFS hat die Berliner Kontrollstelle im Jahr 2006 in die Hansestadt verlagert. Von Bremen aus wird der gesamte Flugverkehr von der niederländischen bis zur polnischen Grenze kontrolliert sowie von der dänischen Grenze bis zur geografischen Linie auf der Höhe von Kassel /Cottbus. Jeder Fluglotse arbeitet fünf Tage hintereinander und hat dann drei Tage frei. Ein Arbeitstag dauert sieben Stunden 45 Minuten, je nach Flugaufkommen muss er im Schnitt nach rund zwei Stunden am Board eine halbe Stunde pausieren.

Der Rhythmus soll dafür sorgen, dass die Konzentrationsfähigkeit der Lotsen erhalten bleibt. Doch egal, wie man es auch versucht: Vorbereiten könne man sich auf eine Situation wie die vor zehn Jahren nicht, sagt er, „eine Stress-Situation kündigt sich nicht an“. Es komme eher darauf an, immer auf alles gefasst zu sein, die Aufmerksamkeitsschwelle hoch zu halten und vor allem dann konzentriert zu bleiben, wenn vermeintlich wenig Verkehr sei. Wie er das macht? Kann er nicht wirklich sagen. Es gebe jedenfalls keine Techniken, „ich zähle nicht von zehn runter, mache keine Atemübungen oder Kopfstand“, sagt er. „Für Lotsen ist das eher esoterisches Zeugs.“ ---