Sch, sch, schschsch!

Schule ist Stress, da sind sich inzwischen auch Lehrer und Eltern mit den Schülern einig. Aber warum verschaffen sie sich dann noch zusätzlichen Druck? Ein Besuch beim Schulorchester des Karlsruher Helmholtz-Gymnasiums.





• Wer sich dem Helmholtz-Gymnasium in Karlsruhe nähert, etwa mit der Straßenbahn vom Hauptbahnhof aus, merkt schnell, wofür die Schule weit über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt ist. An der Haltestelle Mathystraße steigt ein Junge mit Saxofon zu, einen Halt weiter zwei Mädchen mit Geigen. Während die Bahn vor dem dreistöckigen Bau aus der Gründerzeit zum Stehen kommt, strebt ein Ensemble aus Geigen und Klarinetten, Bratschen und Celli durch die Schultüren hinaus. Ein Horn kommt per Fahrrad angefahren, ein Kontrabass lässt sich tragen – an den dicken Mauern des Gebäudes vorbei und dann durch den Seiteneingang hinein in den Anbau, in dem Hans-Jochen Stiefel gerade Notenständer aufstellt: zur Probe des Orchesters I, in dem die Kursstufenschüler mit dem Leiter des Musikzuges musizieren.

• Seit dem vergangenen Jahr kooperiert das Gymnasium außerdem mit der Badischen Staatskapelle. Wie sich diese Zusammenarbeit anhört, konnten die Karlsruher im Februar erleben. Da standen die Schüler der Orchester I und II zusammen mit den Profis auf der Bühne und luden rund tausend Zuhörer ein zu einer musikalischen Reise durch die Welt – mit Klängen aus Mexiko und Marokko, Kuba und Irland. Hoch konzentriert auf die Noten, den Dirigenten und das Publikum. Kathrin Algner aus der 7c spielte ein Flötensolo, und die Lehrerin Monika Weiler, die eine der Bands leitet, dirigierte von der Tribüne aus heimlich mit.

Langsam füllt sich der Saal; ein Schüler kommt fiedelnd hinein, ein anderer singt. Es zirpt und zupft und tutet, pfeift und flötet, bis sich alle in einem langen, klaren Leitton treffen. Vorn steht Stiefel, im grünen T-Shirt und Kapuzenpulli, und hebt den Taktstock. Zwei Dutzend gespannte Gesichter blicken zu ihm auf und setzen auf sein Signal ein. Der Dirigent bewegt die Arme auf und ab, sieht aus, als wolle er das Orchester anschieben, dann wieder, als wolle er es mitziehen, zum Sprung ansetzen, mit ihm tanzen, einen Kampf austragen, anstacheln. Der Klang erfüllt den Raum, mal sacht, mal kräftig, reißt alle mit, Stiefel ebenso wie seine Musiker, ein Meisterstück: Beethoven, eines seiner Klavierkonzerte.

„Stopp, stopp, aufhören“, ruft Stiefel dann plötzlich, als müsste er einen Schnellzug in voller Fahrt bremsen, „Takt 16 ist forte, danach muss es sich entspannen zu piano. Die Bratschen sind etwas laut, erst die letzten Takte ist Crescendo drin: tadaaa iam pa-daaaa. Und die Celli: di-diiii-diii – das ist Hardcore, ne?“

Das Orchester gehört zu den besten Schulensembles in der Republik – genauso wie die Bigbands, die Jazzband, die Chöre und ein weiteres Orchester des Helmholtz-Gymnasiums. Die Ensembles gewinnen regelmäßig Auszeichnungen; in Stiefels Orchester spielen Preisträger des Wettbewerbs „Jugend musiziert“, die Bigband hat im vergangenen Jahr bei „Jugend jazzt“ abgeräumt. Die Musiker unternehmen weite Reisen, die Bigband etwa spielte kürzlich an der Ostküste der USA, der Kammerchor war im Herbst in Namibia und Südafrika auf Tournee, und Stiefel ist mit seinem Orchester schon in Jordanien und Syrien aufgetreten.

Als wäre das nicht genug, spielen die Orchester regelmäßig mit Musikern der Badischen Staatskapelle. All das schaffen die rund 350 Schüler im Musikzug, obwohl sie genauso pauken müssen wie die 650 anderen Schüler des Gymnasiums – und seit der Verkürzung von 13 auf 12 Schuljahre dafür deutlich weniger Zeit haben als früher.

Selbst vier Stunden Chemie-Klausur und schwierige thermodynamische Formeln können etwa Julia Bauer nicht davon abhalten, fünf- bis sechsmal in der Woche ihre Violine zwischen Schulter und Kinn zu pressen und zu üben. Auch die Probe heute, am Tag vor der Prüfung, lässt sie nicht sausen. Die Klausur zählt doppelt und ist die letzte vor dem Abitur. Aber deswegen die Probe schwänzen? Während Stiefel vorn dirigiert, geht Julia Bauer im Kopf noch einmal den Lernplan für den Abend durch: „Mir hilft die Musik dabei, Dinge zu sortieren und mich zu konzentrieren“, sagt die 17-Jährige.

Ein bisschen Blues im Beethoven? Schön!

Studien belegen, was Julia Bauer beschreibt. So hat Lorenz Welker vom Institut Musikwissenschaft der Ludwig-Maximilian-Universität München zusammen mit dem Hirnforscher Ernst Pöppel untersucht, welche Wirkung Musikunterricht langfristig hat. In einem Experiment zeigten die Wissenschaftler den Versuchsteilnehmern auf einem Bildschirm mehrere Dreiecke und baten sie, immer dann eine Taste zu drücken, wenn drei davon nach unten zeigten. Je mehr Fehler ein Proband machte, umso schlechter seine Konzentrationsfähigkeit. Ergebnis: Wer musiziert, kann sich länger und besser konzentrieren.

Natürlich gelingt das nicht immer. In der Probe mit Hans-Jochen Stiefel lässt die Aufmerksamkeit mit der Zeit nach. Wer gerade nicht spielen muss, tuschelt mit seinem Nachbarn. „Sch, sch, schschsch“ und „sss, ssss, sssss“, ruft der Dirigent dann immer wieder, um für Ruhe zu sorgen. „Die Schüler haben oft einen langen Tag hinter sich, wenn sie zur Probe kommen, und sind dementsprechend ausgepowert“, sagt der Pädagoge. „Das tut mir manchmal weh, weil man so viel mehr rausholen könnte.“ G8, also die Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur von 13 auf 12 Jahre, mache es noch schwerer. Außerdem würden sich die Schüler heute viel früher um ihre berufliche Laufbahn Gedanken machen. Manche hätten schon Konzertreisen abgesagt, weil sie lieber ein Praktikum machen wollten.

Als Dirigent muss er selbst vollkommen bei der Sache sein und jeden Verspieler bemerken. Untersuchungen des Neurologen Thomas Münte belegen, dass Orchsterchefs wahre Aufmerksamkeitsmeister sind und Feinheiten hören, die den meisten anderen verborgen bleiben. Bei Hans-Jochen Stiefel kommt zu dieser Fähigkeit reichlich Humor dazu: „Schön, ein bisschen Blues“, ruft er, als ein Bläser einen Ton verfehlt und erntet Lacher. Oder: „Zu brav, Leute, das ist noch kein Beethoven-Feeling!“ Und irgendwann: „Felix, Felix, wake up, are you ready?“

Felix Umbach spielt Klarinette, seit er sechs ist. Er ist nach der zehnten Klasse auf das Helmholtz-Gymnasium gewechselt, um dort im Orchester mitzuspielen. Jetzt geht er in die zwölfte Klasse und bereitet sich aufs Abitur vor – und auf die nächsten Konzerte. „Musik“, sagt Felix Umbach, „ist so ziemlich meine Hauptbeschäftigung.“ Er ärgert sich über die verkürzte Schulzeit, hat aus Zeitnot aufgehört, Klavier zu spielen. Gelegentlich nimmt er Lateinvokabeln mit in die Probe und büffelt, wenn er gerade nicht selbst spielen muss. Die Musik hilft ihm dabei, den Stress an der Schule zu kompensieren: „Musik ist wie Sport“, sagt er, „sie lenkt dich ab und nimmt dich ganz ein.“

Ermüdet und erfrischt zugleich: die Probe

So manchen lässt sie nie wieder los. Hartmut Petri etwa, der die Bigband leitet, haben Rhythmen und Melodien verzaubert, als er selbst noch zur Schule ging. Er wollte Trompete lernen, aber seine Eltern hielten wenig davon. Petri überzeugte sie. Den Klavierunterricht musste er selbst bezahlen. Später lernte er noch Bass. „Die Musik war Liebe auf den ersten Blick.“

Gestern hatte er Glück: Während der Probe fehlte der Bassist, natürlich wegen der Klausuren. Also hat Petri nicht dirigiert, sondern selbst zum Instrument gegriffen. „Miami Spice, Afro-Cuban Jazz, ein ganz vertrackter Rhythmus und moderne Elemente wie ein 7/8-Takt – ich war part of the game, auf einer Wellenlänge mit den Schülern, ich habe es richtig genossen.“ Dabei sei er so konzentriert gewesen, dass er danach müde und doch erfrischt aus der Probe gekommen sei. „Man kriegt die Dinge geordnet, wenn man sich so sehr auf die Musik fokussiert“, sagt Petri.

Das ist wichtig, denn die Musiklehrer am Helmholtz-Gymnasium haben weit mehr zu tun, als die Ensembles zu dirigieren und zu unterrichten. Vor allem Hans-Jochen Stiefel, der seit 2000 an der Schule arbeitet. Als Fachabteilungsleiter des Musikzugs kümmert er sich nicht nur um das Orchester und den philharmonischen Chor, sondern auch um etwas, das an vielen Schulen ein Tabu-Thema ist: Geld. Stiefel hat es geschafft, dass nach dem Goethe-Institut diverse Stiftungen und die Drogerie-Kette dm die Schule fördern.

All das hilft ihm, Konzertreisen zu finanzieren. Und wenn mancher Kollege die Zusammenarbeit mit Unternehmen kritisch sieht, wirbt er für mehr Verständnis: „Es ist eine einzigartige Erfahrung in Ländern wie Jordanien und Syrien zu spielen und Schüler aus der arabischen Welt zu treffen, mit eigenen Mitteln könnten wir das nie schaffen.“

Musik macht krass wach

Nebeneinander am selben Pult: die Geigerin Rosemarie Simmendinger-Kàtai, die seit 35 Jahren in der Staatskapelle spielt, und Huka Ideue, elf Jahre alt. Auf dem Programm: Tänze aus Estancia von Alberto Ginastera – eine Herausforderung, sagt Simmendinger-Kàtai. Mit Huka malte sie Striche zwischen die Noten, die zeigen, ob man den Bogen hinauf oder hinab über die Saiten zieht. Dann hat die Profimusikerin mit der Schülerin besprochen, warum sie das letzte Stück besser „nah am Frosch“, also am Ende des Bogens spielen sollten: „So wirkt es kürzer und lauter und ist etwas weniger anstrengend.“ Am Ende haben sich die beiden Geigerinnen gemeinsam im Scheinwerferlicht verbeugt.

Ulrich Wagner hat mitgeklatscht, obwohl er selbst auf der Bühne stand. Er ist Direktor des Badischen Staatsopernchors, hat Profis und Schüler durch das Konzert dirigiert und die gemeinsamen Übungen geleitet. Die ersten sieben Minuten der ersten Probe seien zwar etwas chaotisch gewesen, aber danach sei alles professionell gelaufen. Besonders die Disziplin und Aufmerksamkeit der Schüler habe ihn beeindruckt. „Wie in einer normalen Probe mit unseren Musikern.“

Für Wagner und den Bassisten Joachim Fleck aus dem Orchestervorstand der Staatskapelle steht ein wichtiger Gedanke hinter der Kooperation: „Publikum generieren“, wie Fleck es nennt. Die Zahl der Berufsorchester in Deutschland ist seit der Wiedervereinigung von 168 auf 131 geschrumpft, statt ehemals 12 400 beschäftigen sie nur noch 9600 Musiker. Gleichzeitig ist das Durchschnittsalter der Besucher immer weiter und schneller gestiegen als das der Bevölkerung. Laut einer Studie des Kulturwissenschaftlers Martin Tröndle von der Zeppelin Universität Friedrichshafen aus dem Jahr 2010 liegt es heute zwischen 55 und 60 Jahren. „Wenn wir in Zukunft nicht vor halb leeren Sälen spielen wollen, müssen wir Klassik stärker im Bewusstsein junger Leute verankern und ihnen besondere Konzerte bieten“, sagt der Dirigent Wagner, „deswegen versuchen wir, an allen Ensembles Schüler zu beteiligen.“

Von denen in Stiefels Orchester denken nur wenige darüber nach, später mit Musik ihr Geld zu verdienen. Als die Probe an diesem Donnerstag zu Ende ist, breitet sich eine gleichmäßige Ruhe im Saal aus. Die Schüler stehen noch eine Weile zusammen und sprechen darüber, was sie von befreundeten Musikern gehört haben: dass Festanstellungen selten sind und die Konkurrenz hart ist. Und sie erzählen, warum sie trotzdem weiter Musik machen: „Nach so einer Probe ist man voller Adrenalin“, sagt der Geiger Benjamin Hans aus der zehnten Klasse, „es ist richtig krass wach machend.“ Der Cellist Gustav Hübner schwärmt von den Glücksgefühlen, die Musik auslösen kann. „Manchmal kann man richtig in Rage geraten, wie auf einem Trip“, sagt Ines Kunze, die Geige spielt, seit sie vier Jahre alt ist, „je mehr du in die Musik einbringst, umso mehr holst du auch für dich heraus.“ ---