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Autismus: Christine Preißmann im Interview

Menschen mit Autismus können sich auf kleinste Details konzentrieren. Menschen mit Autismus kann schon die Konzentration auf Alltägliches überfordern. Christine Preißmann über ihr Pendeln zwischen beiden Polen.





• Christine Preißmann sitzt in der Lobby eines Stuttgarter Hotels. Sie meidet den Blickkontakt und schaut während des Gesprächs suchend umher. Preißmann ist Ärztin und Psychotherapeutin in einer Suchtklinik. Mit 27 Jahren wurde bei ihr das Asperger-Syndrom festgestellt, eine leichtere Form des Autismus. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, über Autismus zu informieren. Auch an diesem Abend wird sie einen Vortrag halten. Vorher reden wir über ihren lebenslangen Kampf mit der Konzentration.

brand eins: Sie kommen von einer 24-Stunden-Schicht. Ich hoffe, Sie hatten eine gute Nacht?

Christine Preißmann: Es war alles ruhig. Ich mag die Nachtschichten ganz gerne. Man kann nachts die Dinge so erledigen, wie man es selbst für richtig hält. Konzentriert, im eigenen Rhythmus. Ohne störende Reize von außen.

Passiert in der Drogenentgiftung nicht dauernd Unerwartetes?

Nein, die Tage in der Klinik sind geplant und strukturiert. Deswegen kann ich da auch ganz gut fokussiert arbeiten. Feste Strukturen sind für Menschen mit Autismus sehr wichtig. Im Nachtdienst hingegen weiß man nie so genau, was passiert. Bisher hatte ich Glück. Die meisten Beschwerden nachts sind allgemeinmedizinischer Art, etwa Patienten mit akuten Halsschmerzen, Migräne-Anfällen, auch mal Herzbeschwerden.

Haben Süchtige nicht eher Probleme mit einem strukturierten Tagesablauf, wie er Ihnen liegt?

Die wissen inzwischen, dass wir Pünktlichkeit erwarten. Und das klappt auch ganz gut. Diese feste Struktur tut meinen Patienten gut. Und mir auch. Ohne dass ich das ursprünglich wusste, als ich mich für den Job entschieden habe, ist das ein perfektes Arbeitsumfeld. Meinem Chef habe ich damals nichts vom Asperger-Syndrom gesagt.

Sie haben das verschwiegen?

Damals war ich noch nicht so weit. Auch die Kollegen habe ich erst später informiert. Generell rate ich zur Offenheit. Und würde das heute anders machen. Ein offener Umgang vermeidet Missverständnisse. Früher, als Allgemeinmedizinerin in einer Praxis, hatte ich massive Probleme. Diese Dienstleistung zu erbringen, auch wenn die Patienten unpünktlich waren, das konnte ich nicht. Wenn ich zu einem Patienten elf Uhr sage, dann meine ich elf Uhr. Und nicht zehn nach elf. Ich habe öfter Patienten, die zu spät kamen, nach Hause geschickt. Das brachte mir sehr viel Ärger ein.

Menschen mit Autismus fällt das Reden vor einer Menschenmenge besonders schwer. Sie halten gleich einen Vortrag. Und wirken sehr ausgeglichen.

Das musste ich lernen. Vor zehn Jahren habe ich meinen ersten Vortrag gehalten. Da war ich lange nicht so weit wie heute. Da habe ich noch jedes Wort abgelesen. Inzwischen halte ich 50 Vorträge im Jahr. Das meiste wiederholt sich. Schwer tue ich mich, wenn ich in Schulen komme.

Warum?

Die Schulzeit war die entsetzlichste Phase in meinem Leben. Inzwischen nehme ich Lehrer als nette Menschen wahr. Das war während meiner Schulzeit nicht so. Vergangene Woche erst hatte ich wieder einen Vortrag in einer Schule. Das sind immer wieder schöne Veranstaltungen. Aber jedes Mal, wenn ich ein Schulgebäude betrete, muss ich mich überwinden.

Welche Probleme hatten Sie als Schülerin?

Wie alle Menschen mit Autismus habe ich Schwierigkeiten, übertragene Sprache zu verstehen. Einmal sagte eine Mitschülerin: „Mein blödes Mäppchen. Ich würde es am liebsten wegschmeißen.“ Also habe ich es in den Mülleimer geschmissen. Weil ich dachte, sie wolle es so. Dafür habe ich einen Klassenbucheintrag bekommen. Das habe ich nicht verstanden. Mitschüler und Lehrer haben mich als provozierend und böse wahrgenommen. Das wörtliche Sprachverständnis macht mir heute noch oft einen Strich durch die Rechnung. Ich habe mehr als tausend Sprichwörter und Redewendungen auswendig gelernt. Das Auswendiglernen fiel mir schon als Schülerin nicht schwer.

Waren Sie in der Schule die kleine Professorin?

Nein, das sind die wenigsten Menschen mit Autismus. Ich bin an vielen Anforderungen der Schule gescheitert. Zum Beispiel, wenn es darum ging, Aufsätze zu schreiben oder Bücher zu interpretieren. Ich kann mir bis heute keinen Film anschauen. Ich kann einfach der Handlung nicht folgen. Ich habe es immer wieder probiert. Bei Büchern ist es das Gleiche, mit Ausnahme guter Fachliteratur. Aber Romane gehen gar nicht. Irgendwann habe ich aufgegeben. Ich bekomme keinen Zusammenhang mit. Vor allem, wenn es um menschliche Beziehungen geht. Ich fokussiere mich auf die Rechtschreibfehler, hänge an falschen oder fehlenden Kommas.

Sie haben Ihre Diagnose sehr spät bekommen. Wie sind Sie vorher mit den Auffälligkeiten umgegangen?

In meiner Jugend hatte ich Knieschmerzen. Heute denke ich, dass die psychosomatisch bedingt waren. Weil ich so Hilfen bekam, die ich sonst nicht bekommen hätte. Ich durfte in der Pause im Klassenraum bleiben und musste nicht auf den chaotischen Schulhof. Und ich durfte bei Klassenfahrten zu Hause bleiben. Heute sind das Nachteilsausgleiche, die man autistischen Kindern gezielt ermöglicht.

Das autistische Spektrum ist sehr breit. Doch die Schwierigkeit, sich zu konzentrieren, scheint allen Formen gemein zu sein.

Die meisten autistischen Menschen haben Auffälligkeiten bei der Konzentration. Das bemerkt man von außen nicht immer. Aber die Konzentration gehört zu den Auffälligkeiten, die wir selbst am stärksten wahrnehmen. Typisch ist der Wechsel von übermäßig starker Konzentration hin zu übermäßig starker Offenheit für verschiedene Reize. Die Offenheit führt dann schnell zur Reizüberflutung, dem krassen Gegenteil von Konzentration. Dann geht gar nichts mehr. Die Reize strömen ohne jegliche Filtermöglichkeit auf einen ein.

Was unterscheidet Konzentration von Aufmerksamkeit?

Aufmerksamkeit ist die Offenheit für alles, was in einem bestimmten Moment wichtig ist. Konzentration ist das Fokussieren auf einen Aspekt. Eine Klassenarbeit in der Schule, auf die muss ich mich konzentrieren. Da kann ich nicht offen sein für alles andere, was um mich herum passiert. Idealerweise sollte sich das zwischen Konzentration und Aufmerksamkeit in der Mitte einpendeln. Aber bei autistischen Menschen ist es oft so, dass sie zur einen oder anderen Seite kippen. Und diese Zustände wechseln sehr oft.

Wie fühlt sich das an, wenn die Aufmerksamkeit schwindet?

Man bemerkt es erst dann, wenn es zu spät ist. Bei der Reizüberflutung merkt man es erst, wenn es nicht mehr zu stoppen ist. Man muss sich hinlegen. Und dann gibt es das Versinken in bestimmte Tätigkeiten, das viele autistische Menschen kennen. Sie haben kein Hungergefühl, keinen Durst. Und sie können stundenlang dieselbe Sache ausführen. Das ist ein Zustand von Überkonzentration. Generell ist die Detailwahrnehmung bei autistischen Menschen sehr stark ausgeprägt. Das Fokussieren auf Kleinigkeiten tut uns gut.

Der Software-Konzern SAP hat angekündigt, verstärkt Menschen mit Autismus einzustellen. Wie offen ist die Berufswelt?

Solche Projekte sind wichtig, und SAP macht das sehr informiert und engagiert. Aber Menschen mit Autismus können auch andere Sachen, als Software testen. Die Arbeitslosenquote autistischer Menschen ist immer noch außerordentlich hoch. Man geht davon aus, dass nur fünf Prozent der autistischen Menschen auf dem ersten Arbeitsmarkt tätig sind. Viele sind arbeitslos, verrentet oder arbeiten in Werkstätten. Und das ist für Menschen mit höherer Intelligenz ja keine wirkliche Option. Außerdem ist so eine Werkstatt mit vielen Reizen verbunden. Ein Autismus-Forscher hat als Kontrast einmal Universitäten als „Behindertenwerkstätten für autistische Menschen“ bezeichnet. Das hat mir gefallen.

Der Vorwurf der „Modediagnose Autismus“ führt zu einer strengeren Definition in den medizinischen Leitlinien. Was heißt das für Menschen mit Autismus?

In der Tat wird das autistische Spektrum mittlerweile anders gefasst. In der neuen amerikanischen Klassifikation ist zum Beispiel der Begriff Asperger-Autismus nicht mehr aufgeführt. Es gibt nur noch Autismus-Spektrum-Störungen mit einem fließenden Übergang zur Normalität. Einerseits begrüße ich das. Andererseits dürfen den Menschen am Rande des Spektrums dadurch nicht die Therapien versagt werden.

Was erwarten Sie von der Forschung?

Da passiert eine ganze Menge. Ein wichtiger Punkt ist das Thema Stress. Viele autistische Menschen stehen unter einem sehr hohen Stress, auch als Folge des Ungleichgewichts zwischen Aufmerksamkeit und Konzentration. Dabei hat man schnell festgestellt, dass viele der gängigen Entspannungsverfahren für Autisten nicht machbar sind. Also zum Beispiel das autogene Training. Das ist vielen zu komplex. Das gilt auch für die Muskelentspannung. Die motorische Ungelenkigkeit gestattet es vielen Menschen mit Autismus nicht, die Muskeln so anzuspannen, wie es nötig wäre. Eine gute Lösung ist die Weiterentwicklung des Achtsamkeitstrainings. Das ist ein in den Siebzigerjahren entwickeltes Programm zur Stressbewältigung durch eine gezielte Lenkung der Aufmerksamkeit. Das kommt uns sehr entgegen.

Sie sind 43 Jahre alt. Warum wohnen Sie noch bei Ihren Eltern?

Sie sind der stabilisierende Faktor in meinem Leben. Ich bin jetzt dabei, das ein wenig zu ändern. Ich habe gerade eine kleine Wohnung gekauft. Das ist sehr aufregend und neu. Aber ich wusste: Sehr lange kann ich nicht mehr warten. Vor der Rente muss ich sie noch abbezahlen.

Sie halten Vorträge, haben Bücher geschrieben, arbeiten als Ärztin und haben Angst vor dem Alltag?

Lange dachte ich: Müsste ich allein leben, würde alles verkommen. Ich bin ja nicht einmal in der Lage, einen Handwerker anzurufen, wenn etwas im Haushalt kaputtgeht. Meine Eltern haben mir dann ein Verzeichnis mit allen möglichen Handwerkern zusammengestellt. Damit ich weiß, wenn dieses und jenes nicht geht, rufe ich da und dort an. Ich bin nicht überzeugt, dass ich alles allein hinkriegen kann. Aber ich hoffe, dass in einer neuen Wohnung nicht sofort alles kaputtgehen wird. Viel mehr Sorgen macht mir das Alleinsein am Abend.

Dann ist es ein Irrtum, dass Menschen mit Autismus am liebsten allein sind?

Ja. Zwischendurch ist das Alleinsein wichtig. Aber es schmerzt auch. Eine gewisse Zeit mit anderen Menschen ist schön. Freundschaften zu schließen fällt mir sehr schwer. Aber ich setze mich abends gerne in ein schönes Café im Martinsviertel in Darmstadt, wo sehr bunte und tolerante Menschen unterwegs sind und jeder ein bisschen anders ist. ---