Manfred Klimek Kolumne

Ein Erfahrungsbericht über das Leben ohne Führerschein und heimliche automobile Träume.





• Ich kann drei Dinge richtig gut: fotografieren, trinken und Modelleisenbahnanlagen bauen. In Insider-Kreisen werde ich seit Jahren respektvoll „Schotter-King“ genannt, weil ich die beste Gleisbett-Mischung zusammenrühre – leicht gebraucht aussehendes, leicht bemoostes Krümel-Gestein, das authentischer rüberkommt als diese uninspiriert vorgefertigten Märklin-Gleisbettungen. Außerdem kann ich das Geräusch eines Doppelflügelhauptsignals imitieren, wie ich es gerade eben einer staunenden Öffentlichkeit in Westerland vorführen durfte.

Autofahren kann ich nicht. Ich habe keinen Führerschein. Nie gehabt. Ein Führer langt mir.

Wie kann man so leben? Die Frage hat man mir unzählige Male gestellt. So, als wäre ich ohne Hoden geboren. Man kann. Ganz gut sogar, denn das Fehlen des Führerscheins hat viele Vorteile. Ich darf zum Beispiel jeden Abend Alkohol bis zum Abwinken in mich hineinschütten, ohne dass mich ein Uniformierter zum Oralverkehr auffordert. Ich kann im Bett liegen bleiben und eine weitere Folge von „House of Cards“ sehen, während andere bei Sturm und Hagel zum Reifenwechsel anstehen. Ich muss keine Steuern für motorisierte Blechkisten zahlen, die irgendwann mit irgendeinem Defekt liegen bleiben – gern auf einer einspurigen Fahrbahn ohne Ausweichmöglichkeit.

Ja wenn du auf dem Land leben würdest! Diesen Einwand höre ich oft. Ich lebe aber nicht auf dem Land. Lebte ich dort, käme ich nicht mehr weg. Ich spräche selbstvergessen mit Kühen und spießte im Wald Käfer auf wie Ernst Jünger.

Mir blieb der Fetisch Auto immer fremd. Als Kind schenkten mir wohlmeinende Verwandte Spielzeugautos, die ich sofort kunstfertig zu demolieren begann. In meinem grellorange austapezierten Jugendzimmer gab es ein modernes und sehr stabiles Fenster mit einer scharfen und gnadenlosen Kante, die geradezu danach rief, die kleinen Karren einzudellen. Danach sahen sie so aus, als hätten sie sich um eine Straßenlaterne gewickelt. Die Blutspritzer der Unfallopfer schmierte ich mit einem kleinen Pinsel auf die putzigen Lenkräder. Nach einigen Tagen in der Vitrine kamen die Leichenwagen auf die Modelleisenbahn, wo ich sie noch etwas ankokelte. Meine Erziehungsberechtigten fragten sich nicht ohne Grund, ob man mich ohne psychiatrische Betreuung in die Gesellschaft entlassen dürfe. Doch im Westeuropa des Jahres 1975 produzierte die Mehrheit der Arbeitnehmer noch Dinge. Und keine Dienstleistungen, zu welchen auch das Seelenklempnern gehört.

Im Fernsehen, damals nur drei Kanäle, freute ich mich über jedes Crash-Car-Rennen, wo straßentaugliche Fahrzeuge auf staubigen Schotterpisten zu Schrott gefahren wurden. Motorsport mit befremdlich aussehenden Boliden, also Formel 1, hat mich hingegen nie interessiert. Schon früh war klar: An Autos fasziniert mich nur, Autos zu zerstören. Deswegen hörte ich vor meiner Volljährigkeit den mir unvergesslichen Satz: „Dir zahlen wir keinen Führerschein, denn du wirst ein Mörder am Steuer.“ Eine korrekte Einschätzung, wie ich heute weiß.

Aber selbst wenn mir die Autorität den Führerschein bezahlt hätte (was zu jenen Zeiten mit der Aufforderung, endlich auszuziehen, verbunden war), hätte ich die Fahrprüfung nie bestanden. Das erfuhr ich, als ich einmal einen alten Mercedes auf dem Parkplatz des Wiener Stadionbades in Betrieb nahm. Das Starten klappte, das Lenken auch. Doch als das Schalten kam, versagten Grob- und Feinmotorik – ich kam mit dem gleichzeitigen Handeln von Hand und Fuß nicht klar. Also ließ ich mich wie Scarlett O’Hara nach hinten fallen, den Arm schützend vor die Augen geworfen. Nur das beherzte Eingreifen meines Beifahrers sorgte dafür, dass dieser Bericht hier zu lesen ist.

Fortan also ohne Führerschein. Der gesellschaftliche Druck war zwar gigantisch, doch ich wagte die Abstinenz.

Aber dann kam das Berufsleben. Und ich habe einen Beruf, der mich nicht an einen Ort bindet. Ganz im Gegenteil. Schon bald war klar, dass ich als Fotograf ganz Europa sehen würde. Ob es mir passte oder nicht. Also stand ich in aller Früh mit meinem kofferraumgroßen Ausrüstungskrempel bereit und ließ mich von Kollegen der schreibenden Zunft abholen, die mich in jenem Moment zu hassen begannen, als sie mir nach 500 Kilometer den Schlüssel in die Hand drückten und dachten, ich würde die restliche Strecke fahren, während sie auf dem Beifahrersitz ein Nickerchen machten.

Manchmal wär’s schon schön

Apropos Beifahrer: Ich wurde ein guter Beifahrer, der beste überhaupt. Und ich erlebte Momente größter Intimität. Zum Beispiel jenen, als sich unser Leihwagen auf der Brennerautobahn zu überschlagen begann. Der Blick meines Frankfurter Kollegen vermittelte jene Ungläubigkeit, die auch ich empfand. Ist das nun echt? Gerade eben hatten wir beide noch gut geschlafen. Und das hätten wir auch noch ein paar Minuten länger, wäre da nicht diese Leitplanke gewesen. Und die Kurve. Und der holländische Lkw. Es ist ein ruhiger und heiliger Moment, wenn die Realität ins Großhirn einzieht. Und er dauert unendlich lange. Dann nur noch den Kopf einziehen, sich nicht von den Geräuschen entmutigen lassen und keine Glassplitter einatmen. Als wir wieder auf den Rädern standen, stiegen wir aus und rauchten. Eine Armee Blaulichtfahrzeuge beendete diesen kontemplativen Moment.

Ein guter Beifahrer kann natürlich nerven. Vor allem einer, der nach der ersten Million gefühlt gefahrener Kilometer ge-nau weiß, welche Art Person sich in dem Fahrzeug davor befindet und wie sie reagieren wird. Wenn Sie die Nummer der nächsten Diskriminierungsmeldestelle zur Hand haben, dann können Sie schon mal zu tippen beginnen, denn es sind meistens Frauen, die lebensgefährliche Fahrfehler begehen. Die anderen sind Männer mit Hut, rumänische Lkw-Fahrer und Jugendliche mit Migrationshintergrund. Wenn Sarrazin das liest, schreibt er sein nächstes Buch mit mir.

Natürlich beeinflusst mein fehlender Führerschein auch Partnerschaft und Partnerwahl. Eine große meiner vielen Lieben litt am gleichen Defizit wie ich. Wir blieben in der Stadt, gingen mit dem Hund spazieren und sahen der Langeweile beim Wachsen zu. So ganz ohne Karre geht’s halt doch nicht.

Eine andere Freundin plagte die Vergesslichkeit. Sie konnte sich nicht erinnern, was diese Straßenschilder bedeuten. Auf der Autobahn fuhr sie gerne 40. Das ist ungefähr so entsexualisierend wie ein Teelöffel Brom. Eine intensive Affäre hingegen scheiterte daran, dass die gerade der Minderjährigkeit entwachsene Frau auf jeder Autobahn sofort auf 240 Sachen beschleunigte, bis der Motor ihren Tempowahn abriegelte. Noch nie war ich so oft in Lebensgefahr. Auch vorbei.

Vorbei wie das Autofahren überhaupt. Befriedigt sehe ich, dass mein Sohn nun schon seit fünf Jahren nicht in die Fahrschule geht, obwohl der Gutschein bereitliegt. Sein Kommentar: „Zu teuer und braucht keine Sau.“ Gut erzogen.

Doch zugegeben: Manchmal fehlt mir die Freiheit. Die Freiheit einfach aus der Wohnung zu gehen, in ein Auto zu steigen und irgendwohin zu fahren. Nach Kreuzberg. Oder nach Paris.

Doch wenn ich diesem Drang nachgebe und doch noch den Führerschein mache, dann müsste es schon ein besonderes Auto sein. So ein breites Auto aus Zuffenhausen. Das mit den drei Ziffern. Schwarz. Dann würde ich den Motor anlassen, diesen fetten Sound genießen, dieses Stöhnen ungebändigter Kraft. Dann würde ich aus der Stadt rausfahren, mal einen Gang zulegen und nachsehen, wie viel die Karre draufhat. Und kreischen, wenn die Kurven enger werden und die anderen Verkehrsteilnehmer mit ihren Krücken ängstlich nach rechts flüchten. Mein Gott wäre das geil! So ein bisschen Mörder am Steuer. Das möge Gott – auch der, der nicht existiert – verhüten. ---