Lenken sich Studierende und Forscher durch Bildungsreformen selbst ab?

Fragen an Stephan A. Jansen



Wissenschaft sollte Wissen schaffen, dabei kommt man ums Denken nicht herum: Bleibt dafür noch Zeit im Wissenschaftsbetrieb?

Erlauben Sie zunächst den Zweifel an Ihrer These – tatsächlich ist Wissenschaft vor allem das Zweifeln an bisherigem Wissen. Und der Zweifel braucht und nimmt sich seine Zeit, wie insbesondere Verzweifelte wissen.

Die Ablenkung vom Denken aber gibt es, solange der Mensch auf Gemeinschaften angewiesen ist, also schon immer. Im 3. Jahrhundert vor Christus haben deshalb die Peripatetiker, die Anhänger der aristotelischen Schule, Wanderungen unternommen, um sich zu konzentrieren, die Klöster im Mittelalter waren besonders geschützte Zellen, und Wilhelm von Humboldt hat vor mehr als 200 Jahren die „Einsamkeit und Freiheit“ als die „vorwaltenden Principien“ der Universität eher zurückgefordert denn beschrieben.

Die kleine Auswahl zeigt: Fehlende Konzentration gab es schon immer und Konzentrationstechniken auch. Da sind Smartphones und Ritalin nichts substanziell Neues.

Dennoch ging es zu Humboldts Zeiten an den Universitäten vermutlich geruhsamer zu. Heute müssen Professoren für Drittmittel sorgen, und Rektoren wie Sie fordern Spitzenplätze bei diversen Rankings.

Ich mache das nicht ernsthaft. Aber sicherlich stehen wir als Rektoren unter dem Druck des Exzellenz-Paradigmas und ringen mit überdehnten Ansprüchen an die Universität. Das heißt heute „Profilierung“ der Hochschule. So gibt es nun Business Schools, Technische Universitäten, Duale und Pädagogische Hochschulen oder eben auch Lehr-, Forschungs- beziehungsweise Transferhochschulen. Die Idee der „universitas“ war anders gedacht, nämlich als ein Ort, der Vielfalt erlaubt. Auf diese Idee konzentriere ich mich als Bildungsromantiker noch immer.

Bei Schülern, Studierenden und auch Wissenschaftlern ist es zudem sinnvoll, zwischen verschiedenen Typen zu unterscheiden: Es gibt Denker-, Macher- und Beziehungstypen – mit jeweils eigenen Konzentrationspraktiken. Und „Bildungsanstalten“ sind häufig noch nicht viel weiter als in der Kritik von Friedrich Nietzsche aus dem Jahr 1872: Die Konzentration auf Bildung erfolgt nahezu ausschließlich über das Ohr. Das ist nicht sinnlich genug für all diese Typen.

Sind die Studierenden von heute vielfältigeren Ablenkungen ausgesetzt?

Für Pubertierende mit „Leistungskurs Bäume ausreißen“ oder für die Opfer der Bildungsbeschleunigung, die nun mit 22 Jahren, um sich und ihre Eltern zu beruhigen, gleich in die Promotionsphase einsteuern, ist Konzentration natürlich ein zynisches Wort. In zu großen Schulklassen oder zu vollen Vorlesungssälen geht es vor allem um die Verdichtung kleinster Lerneinheiten, nicht um Vertiefung. Das demotiviert und ermutigt zur Ablenkung. Der Studierende wie der Wissenschaftler haben eigentlich das „Recht auf geistige Verwahrlosung“, die ja erst eigenwillige Konzentration ermöglicht.

Konzentration heißt präzise übersetzt „zusammen zum Mittelpunkt“. Und das ist eben tatsächlich auch Selbstbildung – mit anderen zu sich kommen. Und Selbstbildung braucht Eigenzeiten, braucht die Abwechslung zwischen Konzentration und Zerstreuung, und sie braucht Eigenwilligkeiten, also einen eigenen Willen und ein immer wieder überprüftes Erkenntnisinteresse. Interesse aber ist etwas, das irgendwie vor lauter Reform aus dem Fokus geraten zu sein scheint. Konzentration braucht Motivation.

Das lässt nichts Gutes für die psychische Verfassung der Studierenden erhoffen.

Als untherapierbarer Laie der Psychologie vertrete ich noch immer die These, dass psychische Gesundheit nicht normal ist. Ich freue mich bei Studierenden und Wissenschaftlern weiterhin über Verhaltensauffällige. Erfolgreiche sind nicht selten Ausbeuter ihrer psychischen Defekte, wie wir bei Workaholics, also Überkonzentrierten, sehen. Aber es gibt zwei zeitgeistige Pathologisierungen von vergleichsweise alten Phänomenen: ADS und der Hang, alles aufzuschieben.

Während das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom des Zappelphilipps – wie wir aus der Entwicklungspsychologie wissen – nicht selten für herausragende Kulturschaffende und Unternehmer verantwortlich ist, ist die Prokrastination, also das dauernde Aufschieben von Aufgaben, auch mal eine gesunde Rebellion gegen die Regeln Dritter. Nun erleben heutige Schüler und Studierende ihre Eltern auch nicht gerade als hoch konzentriert, wenn sie etwa am Steuer E-Mails schreiben, und auch nicht als Menschen, die alles schnell erledigt haben wollen, wenn wir an die Staatsverschuldung oder das Rentenproblem denken.

Zur Konzentrationsschwäche an den Universitäten soll auch der Bologna-Prozess beigetragen haben. Professoren beklagen, dass sich die Zahl der Prüfungen – bei verkürzter Studienzeit – von 28 auf 96 erhöht habe. Wer denkt sich so was aus?

Professoren. Bologna ist leider eine geschickt eingesetzte Entschuldigungs-Chiffre. Wir können innerhalb der Bologna-Struktur eigentlich fast alles halbwegs legal auch anders machen, als es die stereotypen Kritiken vermuten lassen. Man müsste sich allerdings konzentriert dransetzen, also zusammen mit Studierenden zum Mittelpunkt des Studiums kommen.

Die Kleinteiligkeit des in Teilmodule aufgespaltenen Wissens hat die wahre Kredit-Krise des Jahrhunderts ausgelöst: Jede kleinste „Leistung“ wird bepunktet. So wie Software zu Apps mutierte, hat sich das Studium vom Inwendiglernen zum mikroskopischen Auswendiglernen entwickelt. Der Vorteil: Es ist für alle schneller – zu lernen, zu vergessen und auch zu korrigieren …

War die Promotion früher noch eine Beförderung durch konzentriertes Selbststudium, ist auch sie in die Kleinteiligkeit von publikationsbasierten Ministudien abgerutscht, mit begleitender Verschulung. Begründung: bereitet besser auf das kleinteilige Antrags- und Publikationsgeschäft als Wissenschaftler vor. Headhunter hatten übrigens genau das konzentrierte Durchhalten bei einer Promotion als letztes arbeitsmarktrelevantes Kriterium aufrechterhalten wollen. Vergeblich.

Wir leben nach Einschätzung der Soziologen in einer Wissensgesellschaft. Müssten wir dann nicht auch innovativer werden?

Pure Neugier ist eben auch nur eine Sucht – ohne Reflexion. „Information frisst Aufmerksamkeit“, so das knappe Paradox des Nobelpreisträgers Herbert Simon. Wir sind nun endgültig in einer Sphäre der Plötzlichkeit angekommen, in der sogar die Kanzlerin unruhig wird, wenn die Online-Nachrichtenportale am Abend nicht aktualisiert werden. Und wir sehen gleichzeitig, dass mit der digitalen Zugänglichkeit dessen, was man wissen kann, eine wahrhaft unheimliche Gleichschaltung von Informationen und Wissenschaftspublikationen einherging sowie eine Monopolisierung von wissens- und datenbasierten Geschäftsmodellen. Metaportale wie Newstral machen das unangenehm deutlich. Aber Durchbruchsinnovationen für die wirtschaftliche Produktivität sind nach Auffassung von Forschern wie Robert Gordon seit den vergangenen 40 Jahren auf der Vermisstenliste.

Brauchen wir eine neue Wertschätzung für Ruhe und Konzentration?

Die einfache Antwort wäre der Verweis auf die stetig wachsende „Konzentrationsdienstleistungsindustrie“ wie Zen-Seminare, Esoterik-Ratgeber, Aufmerksamkeitslabore, Drogen, Coaching, Therapie, Ausdauersport. Aber die Antwort ist komplexer: Wir brauchen eine neue Wertschätzung für die Spannung zwischen Spannung und Entspannung, zwischen produktiver Ruhe und produktiver Unruhe, zwischen Rastlosigkeit und dem Zelebrieren der Zerstreuung.

Meine These ist daher, dass wir einen selbstbeherrschteren, das heißt eben auch zeitsouveräneren Umgang mit den erfundenen Zeitzerteilungsmaschinen üben müssen. Affektkontrolle wird zum Überlebenstraining. Denn sonst konzentrieren wir uns weiter am liebsten auf das, was uns zerstreut. ---

Stephan A. Jansen

Lehrstuhl für Strategische Organisation &

Finanzierung und Direktor des Civil Society

Center (CiSoC) der Zeppelin Universität

und dort Gründungspräsident