Yorck Jetter

Der Münchner Anwalt Yorck Jetter, Partner in einer internationalen Wirtschaftskanzlei, genießt seine 14-Stunden-Tage.





• Ich verbringe 60 Prozent meiner Arbeitszeit mit Telefongesprächen und Meetings. Das ist nicht anders machbar. Unsere Arbeit lebt von der Kommunikation mit den Kollegen und den Mandanten, und in der Regel hat es mein Team mit zehn Dingen gleichzeitig zu tun. Aber es bedeutet, dass ich mich oft erst abends, wenn es ruhig wird, so richtig an die Jahresberichte, Bilanzen, Hintergründe und Vertragstexte setzen kann. Das Analysieren, Formulieren und Dokumentieren ist ein komplexer Prozess.

Mein Schreibtisch ist ziemlich voll. Umso wichtiger ist mir eine aufgeräumte Struktur. Und eine grobe Struktur für den Tag. Die anstehenden Aufgaben gehe ich im Kopf durch, wenn ich morgens um viertel nach sechs unter die Dusche springe, also vor dem Frühstück mit den Kindern. Die eigentliche Konzentrationsphase beginnt dann im Büro. Da lasse ich das Private so bewusst hinter mir, wie ich die Zeit mit der Familie als Familienzeit zu betrachten versuche. Das heißt nicht, dass mich meine Familie im Büro nicht erreichen könnte.

Ich bin froh, dass wir kein Großraumbüro, sondern eigene Räume haben. Ich könnte mich auch schwer an die Praxis unserer Londoner Niederlassung gewöhnen, wo sich ein erfahrener und ein unerfahrener Anwalt zu Lernzwecken einen Raum teilen. Aber die Türen bleiben bei uns mit wenigen Ausnahmen offen – ich mag es, ein bisschen von dem mitzubekommen, was draußen passiert, und die Kollegen haben ja ebenfalls einen Arbeitsfluss, bei dem Informationen schnell ausgetauscht werden müssen.

Ich bin in der Regel den ganzen Tag im Konzentrationstunnel. Kleine Bürokatastrophen und Störungen bringen mich allenfalls kurzfristig raus. Schlimmer sind die Gespräche und Verhandlungen, die dahinplätschern und nicht zum Punkt kommen. Lästig sind auch die E-Mails, die an zu viele Adressaten statt an die wirklich relevanten rausgehen. Das sind dann virtuelle Meetings, wenn Sie so wollen. Diese E-Mail-Flut! Allein in der letzten Stunde bekam ich 30-mal Post. Ich habe das Tonsignal ausgeschaltet, um nicht ständig daran erinnert zu werden. Ich blende das aus, bis es dran ist. Wenn ich Mails und Telefonate abarbeite, versuche ich, die Dinge weitestmöglichst abzuschließen.

Wo man das lernt? Das spielt sich im Büro-Alltag ein. Dabei hat jeder seine eigenen Routinen. Ich habe vor vielen Jahren verstanden, dass ich nach den Mittagspausen zu lange brauche, um wieder in die Gänge zu kommen. Seitdem verzichte ich darauf. Ich mache, wenn der Kopf voll ist, einen zehnminütigen Powernap. Oder ich schnappe mir die Sporttasche, die immer parat liegt, um eine halbe Stunde aufs Laufband zu steigen. Einige Mitarbeiter nehmen auch am Yoga-Kurs teil.

Die beste Vorbereitung für das konzentrierte Arbeiten scheint mir das konzentrierte Entspannen zu sein. Für die Zeit, die ich mit meiner Frau und meinen Kindern verbringe, heißt das: gemeinsam handwerklich arbeiten. Urlaube vorbereiten. Urlaube machen, die weit weg sind von allem Trubel und den Kopf trotzdem fordern. Das macht man alles eher intuitiv.

Sicher, wir haben ein großes Arbeitsvolumen. Das muss man erst mal alles unter einen Hut kriegen. Wir kommen hier oft erst um Mitternacht raus, der Erwartungsdruck ist hoch, die Mandanten bezahlen viel Geld. Wir wissen allerdings, dass man pausieren sollte, wenn die Konzentration nachlässt. Außerdem wächst da die berühmte Generation Y heran, die andere Vorstellungen vom Berufs- und Privatleben hat als die Generationen zuvor. Wenn man die besten Absolventen haben will, muss man auf ihre Vorstellungen reagieren – indem man zum Beispiel über Zeiträume redet, in denen eine Teilzeitregelung möglich ist.

Dass ich mich konzentrieren kann, liegt eben auch daran, dass mir der Job wirklich Spaß macht. Ich kann nicht beschreiben, wie sich das konzentrierte Arbeiten anfühlt. Es fühlt sich vermutlich nach nichts an, weil es in diesem Zustand nichts Ablenkendes gibt, nicht einmal Kapazitäten dafür, mir das Gefühl einzuprägen. Aber wenn ich nachts aus dem Büro komme und abschalte, alles hinter mir lassen kann: Dann stellt sich ein Hochgefühl ein. ---