Eine offene Rechnung

Wie viele andere Gläubiger in Deutschland kämpft unser Autor vergeblich um sein Geld – mittlerweile seit rund dreieinhalb Jahren. Dabei geht es dem Schuldner anscheinend gut. Ein Tagebuch.




18. November 2010

Ich ahne noch nicht, dass ich diesen Text einmal schreiben werde, in dem ich die Namen aller Personen und Unternehmen der Gegenseite verändere, da ich mich noch in einem Rechtsstreit befinde. Stattdessen fühle ich Erleichterung. Denn so reibungslos läuft das Geschäft eines freien Journalisten nicht immer: Vor vier Wochen hat mich der Chefredakteur des in München erscheinenden Magazins »Struktur«, Dieter Tauber, beauftragt, einen Text über eine Lampenmanufaktur und einen weiteren über einen Druckerhersteller zu schreiben. Der Text über die Lampenmanufaktur ist bereits in der November-Ausgabe erschienen. Der Chefredakteur findet ihn „wunderbar“. Wie vereinbart schicke ich ihm die erste Rechnung über 1016,50 Euro Texthonorar plus 85,80 Euro Spesen mit einer Zahlungsfrist von 30 Tagen. Auf Wunsch des Chefredakteurs soll ich als Rechnungsadresse die Anschrift des auch im Impressum aufgeführten Schweizer Mutterunternehmens Urli Holding AG angeben, die Rechnung jedoch nach München schicken, von wo aus sie beglichen werde.

3. Januar 2011

Das Geld ist noch nicht überwiesen worden. Aber es war ja Weihnachten. Die Feiertage. Und Silvester. Zudem werden Forderungen in Deutschland im Schnitt erst nach 45 Tagen beglichen. Aber ist die Rechnung überhaupt angekommen? Ich schreibe eine höfliche Zahlungserinnerung an den Chefredakteur. Schließlich hoffe ich auch künftig auf Aufträge von ihm. Parallel schicke ich ihm den zweiten Text über den Druckerhersteller. Sozusagen als Zeichen meines guten Willens.

20. Januar 2011

Tauber hat sich noch immer nicht gemeldet. Auch zwei Anrufe bleiben unbeantwortet. Vorsorglich schicke ich nun auch die Rechnung über 321 Euro für den zweiten Text nach München, zudem eine Mahnung für den ersten. Unbehagen stellt sich ein: War es naiv, eine Schweizer Rechnungsadresse zu verwenden? „Sie sollten immer versuchen, dass die Rechnung auch dort gestellt wird, wo die Leistung erbracht wurde – also in Deutschland“, wird die Juristin Andrea Schweer, die seit 18 Jahren das Inkassounternehmen Eventus in Bayern betreibt, mir rund drei Jahre später sagen. An anderer Stelle lese ich: Vorsicht sei vor allem bei Rechnungen in der Schweiz geboten. Denn dort sei, im Falle von Nichtbezahlung, ein langwieriges Verfahren nötig, bis eine Forderung überhaupt anerkannt werde.

24. Februar 2011

Kommt es zu krisenhaften Entwicklungen in Unternehmen, ist dafür in 82 Prozent der Fälle die schlechte Zahlungsmoral der Kunden verantwortlich, so das Ergebnis einer Studie der Kreditversicherung Euler Hermes. Und: Mittelständler hätten im Jahr 2012 rund 15 Milliarden Euro verloren, weil sie Außenstände nicht eingetrieben hätten, schreibt die »Welt«. Hauptgrund sei, dass Unternehmen glaubten, sie hätten dafür nicht die nötigen Ressourcen. Weiter lese ich, dass es beim Forderungsmanagement auf „Kommunikation“ und „Fingerspitzengefühl“ ankomme. Da ich glücklicherweise nicht existenziell vom Magazin »Struktur« abhängig bin, schreibe ich nun eine deutliche E-Mail an den Chefredakteur Tauber, in der ich ihm drohe, die Sache meinem Rechtsanwalt zu übergeben.

28. Februar 2011

Aha, das ist also die Sprache, die Tauber versteht: In einer E-Mail entschuldigt er sich für die noch nicht geleistete Zahlung. Es gehe derzeit „etwas drunter und drüber“, zudem habe der zuständige Manager Peter Mertens drei Wochen im Krankenhaus gelegen. Er sei ab morgen wieder da und werde sich dann um die Überweisung kümmern. Im Übrigen gefalle ihm auch der Text über den Druckerhersteller sehr gut. Was ich noch nicht weiß: Es ist das letzte Mal, dass ich mit Tauber zu tun habe.

März 2011

Ich spreche zweimal mit Mertens. Er informiert mich, dass es zu einem Chefredakteurswechsel gekommen sei – und er nun ein Chaos verwalten müsse. Doch er verspricht, die relevanten Personen in der Schweiz anzuhalten, die Rechnungen umgehend zu begleichen. Eine Entschuldigung gibt es nicht. Im Gegenteil: Verglichen mit den Forderungen anderer Geschäftspartner gehe es mir geradezu gut. Aber das Geld kommt nicht.

April 2011

Per Onlineformular vom Amtsgericht Hagen lasse ich offiziell das Mahnverfahren gegen die Urli Holding AG in der Schweiz eröffnen. Das dauert circa fünf Minuten. Weil der Antragsgegner im Nicht-EU-Ausland sitzt, ist eine erhöhte Gebühr von insgesamt 57,50 Euro fällig. Mir soll’s recht sein: Die Kosten des Verfahrens trägt am Ende der Verlierer.

August 2011

Überraschung: Die neue Chefredakteurin Ursula Schillung druckt in der September-Ausgabe meinen Text über den Druckerhersteller. Sie unterrichtet mich darüber per E-Mail und mit „ganz lieben Grüßen“. Ich antworte ihr, dass bereits das Mahnverfahren laufe. Das tue ihr „sehr leid“, sie höre davon zum ersten Mal und empfiehlt mir, mich mit Mertens in Verbindung zu setzen: „Ich hoffe, Sie kommen gemeinsam auf eine gute Lösung.“

7. September 2011

Meinem Mahnbescheid wurde nicht widersprochen. Ich halte einen Vollstreckungsbescheid über 1189,80 Euro für den ersten Text in den Händen. Antragsgegner: die Urli Holding AG in der Schweiz, vertreten durch ihren Verwaltungsrat Urs von Klarfeld.

2. November 2011

Ich beauftrage den im Schweizer Recht versierten Konstanzer Rechtsanwalt Timm Zahl mit der Durchsetzung meiner Forderung. Er will sich der Sache annehmen, weist mich aber darauf hin, dass das in der Schweiz eine teure Angelegenheit für den Gläubiger werden könne, da dort nicht per Pfändung vollstreckt werde. Stattdessen müsse der Gläubiger dem Schuldner einen Konkurs androhen oder sogar einen Konkursantrag stellen. Der Vorschuss dafür, den der Gläubiger zu entrichten habe, liege „grob geschätzt“ bei 4000 bis 6000 Franken plus Anwalts- und Verfahrensgebühren. Zahl schlägt daher vor, den Schuldner erst einmal mit Schweizer Briefkopf anzuschreiben, um zu sehen, ob dieser vielleicht „freiwillig“ zahle.

8. bis 11. November 2011

Zahl meldet sich per E-Mail: „Es gibt ein Problem.“ Das Schreiben, das er an die Urli Holding AG in die Schweiz geschickt hat, sei mit dem Vermerk „Empfänger konnte unter angegebener Adresse nicht ermittelt werden“ zurückgekommen – obwohl dies die Adresse sei, die im Impressum der Zeitschrift als die Verlagsanschrift genannt werde und obwohl dies auch laut Handelsregister die korrekte Adresse sei. Weitere Recherchen hätten ergeben, dass für die Urli Holding AG keine zeichnungsberechtigte Person mehr im Schweizer Handelsregister eingetragen und „der Fall“ bereits beim Handelsregister in Bearbeitung sei. „Dem Gesamtbild nach zu urteilen, halte ich es für nahezu ausgeschlossen, dass ich mit meinen Versuchen irgendeinen Erfolg für Sie erzielen kann. Die Firma wird es faktisch wohl nicht mehr geben. Persönlich haftet auch keiner. Wenn ich jetzt aber weitere Schreiben abschicke, kostet das für Sie Geld. Bitte sagen Sie mir Bescheid, ob Sie das wirklich wollen.“ Will ich nicht. Zwei Tage später liegt die aktuelle Ausgabe von »Struktur« in meinem Briefkasten.

12. November 2011

Soll ich den Betrag einfach abschreiben? Andererseits: Rechnet die Gegenseite – vormals mein Auftraggeber – nicht genau damit? Ist Ermüdung nicht deren Taktik?

17. November 2011

Einem Ratschlag von Zahl folgend, stelle ich die Rechnung über die beiden Texte und die Spesen in Höhe von insgesamt 1423,30 Euro noch einmal – diesmal mit Rechnungsanschrift der Redaktion in München. Ich will es nun wissen und die Sache ganz nüchtern durchziehen. Notfalls bis vor den Europäischen Gerichtshof.

1. Dezember 2011

Die Rechnung ist noch immer nicht bezahlt, und ich bin aus beruflichen Gründen in München. Während ich durch die verschneiten Straßen gehe, frage ich mich: Existiert die Redaktion überhaupt unter der angegebenen Adresse? Und falls es sie gibt: Würde es helfen, Herrn Mertens persönlich auf die offenen Rechnungen anzusprechen?

2. Dezember 2011, vormittags

Morgens um elf Uhr stehe ich vor dem Büro des Magazins »Struktur« und drücke auf den Klingelknopf. Schon von außen sieht man, dass in dem ehemaligen Fabrikgebäude rund 20 junge Menschen vor Computern sitzen. Es gibt also etwas zu pfänden!

Als die Dame am Empfang mich bei Herrn Mertens per Telefon ankündigt, muss sie zweimal wiederholen, dass ich leibhaftig vor ihr stehe. Dann führt sie mich in den zweiten Stock, wo Mertens mir die Tür zu seinem rund 100 Quadratmeter großen Büro aufhält. „Soll ich Ihnen Kaffee servieren?“, fragt die Dame noch, während Mertens sie schon wieder aus dem Raum schiebt und sagt: „Den werden wir hier nicht brauchen.“

Kurz darauf sitzen wir an einem Besprechungstisch. Mertens ist ein mittelgroßer, stämmiger Mann in Jeans und Sakko, der unvermittelt anfängt loszuschreien: Das hätte ich mir ja schön überlegt, einfach mal vorbeizukommen. Was mir überhaupt einfiele, ihn zu überfallen, ich solle nach Hause zurückgehen und dort auch all den anderen Schreiberlingen sagen, hier gäbe es für sie nichts zu holen. Nach etwa zehn Minuten schiebt er mich Richtung Tür. Als ich ihm sage, dass wir uns dann wohl vor Gericht wiedersähen, lacht er zum ersten Mal und sagt: „Viel Erfolg, Herr Rechtsanwalt.“ Dann fällt die Tür zum Redaktionsgebäude hinter mir zu.

2. Dezember 2011, nachmittags

Ich ertappe mich dabei, wie ich auf der Internetseite von Moskau Inkasso surfe. Der Slogan: „Ihre Schuldner müssen kein Russisch sprechen, sie werden uns auch so verstehen“, beeindruckt mich. 12 bis 15 Prozent Provision von der offenen Forderung kostet der Einsatz der Muskelmänner, die dem Schuldner einen Besuch abstatten. Manche Gläubiger träten freiwillig 50 Prozent an Moskau Inkasso ab, lese ich in der »Süddeutschen Zeitung«, wohl um die Eintreiber noch stärker zu motivieren.

12. Januar 2012

Die Münchner Lektion in Demut ist noch präsent, doch ich habe mich gegen Moskau Inkasso entschieden und in der Zwischenzeit zwei Mahnungen in die bayrische Landeshauptstadt geschickt. Da auch diese ignoriert werden, habe ich erneut durch das Amtsgericht Hagen das Mahnverfahren eröffnen lassen, diesmal gegen die Urli Holding Redaktion Deutschland GmbH. Die Inkassounternehmerin Schweer wird mich später noch darauf hinweisen, dass ich mir die beiden Mahnungen hätte sparen können: „Es gibt keine Pflicht zum mehrmaligen Mahnen.“

26. Januar 2012

Der Mahnbescheid über 1865,71 Euro inklusive aller mir entstandenen Kosten (242,50 Euro) und Mahngebühren (200 Euro) ist der Redaktion zu Händen von Herrn Mertens per Post zugestellt worden. Die Widerspruchsfrist beträgt zwei Wochen.

9. Februar 2012

Einen Tag vor Ablauf der Frist wird dem Mahnbescheid widersprochen. Dazu genügt ein Kreuz auf dem Formular, das der Urli Holding Redaktion Deutschland GmbH zugegangen ist. „Es gibt in den vergangenen 20 Jahren in Deutschland die Entwicklung, dass Gläubiger immer mehr in Vorleistung gehen müssen, wenn sie versuchen, ihre berechtigten Forderungen durchzusetzen – während es den Schuldnern an vielen Stellen sehr leicht gemacht wird“, sagt Schweer. „Deshalb scheuen sich viele Gläubiger, ein Mahnverfahren überhaupt anzustoßen – und das wissen die Schuldner.“ Rund vier Monate dauere es, bis Forderungen beglichen werden, wenn ein Mahnverfahren vor Gericht landet und optimal verläuft, so die einhellige Einschätzung von Experten – egal ob Amtsrichter, Rechtsanwälte oder Inkassounternehmer. Lege es der Schuldner jedoch darauf an, die Rechnung nicht zu begleichen, kann er das Verfahren ohne Schwierigkeiten auf mehrere Jahre strecken. Der schöne Begriff dafür: Lieferantenkredit.

19. März 2012

Das zuständige Amtsgericht schickt mir eine Einladung für den 13. Juni 2012, also in rund drei Monaten, „zur Güteverhandlung und zur mündlichen Verhandlung“. Die Gegenpartei soll innerhalb der nächsten 14 Tage ihren Widerspruch begründen. Kurze Zeit später erhalte ich einen weiteren Brief. Eine Anwaltskanzlei aus München „zeigt die anwaltliche Vertretung des Beklagten an“.

22. März 2012

Ich habe beschlossen, persönlich den Termin am Amtsgericht wahrzunehmen. Denn noch habe ich die Vorstellung, Richter freuten sich, wenn ein Bürger den Weg ins Gericht findet. Da ich an dem besagten Termin im Büro nur schwer abkömmlich bin, frage ich telefonisch beim Amtsgericht nach, ob es möglich sei, den Termin auf einen anderen Wochentag zu verlegen. „Ist es nicht“, so die Antwort der Rechtspflegerin. Die gute Nachricht ist: Wenn ich belegen könne, dass ich an dem Tag einen Verdienstausfall habe, könne ich diesen „ohne Problem“ vor Gericht geltend machen. Zudem würden mir die Anreisekosten ersetzt.

28. März 2012

Während ich mich schon vor Gericht wähne, lese ich in der Fachpresse, dass das erfolgreiche Premiummagazin »Struktur« einen Ableger bekommen hat: »Vision« heißt er und soll in einer Auflage von 50 000 Exemplaren künftig alle zwei Monate erscheinen. Das neue Heft werde ebenfalls von der Redaktion in München produziert. Der Verlag: die Urli Holding AG aus der Schweiz, bei der doch eigentlich keine zeichnungsberechtigte Person existiert.

3. April 2012

Während ich ein Dossier über den bisherigen Verlauf des Mahnverfahrens mit Beweisstücken anlege und an das Amtsgericht sende, beantragt der Anwalt der Gegenpartei die Klageerwiderungsfrist bis zum 20. April 2012 zu verlängern, da „zurzeit noch umfangreiche Recherchen zum Sachverhalt erfolgen, die noch nicht abgeschlossen sind“. Dem Antrag wird stattgegeben.

13. Juni 2012

Der große Tag ist gekommen: Heute wird endlich für Gerechtigkeit gesorgt! Um 10.30 Uhr sitze ich vor Raum 1 / 118 im Amtsgericht. Ich bin aufgeregt. Von meinem Schuldner oder dessen Anwalt ist noch nichts zu sehen. Im Sitzungssaal thront die Richterin erhöht auf einem Pult, neben ihr zwei Rechtspfleger. In gelangweiltem Ton stellt die Richterin fest, dass der Beklagte noch nicht anwesend ist. Nach 15 Minuten sagt sie: „Okay, das war’s wohl. Hatten Sie Auslagen?“ Ich berichte ihr von meinem Verdienstausfall, zudem von meinen Reisekosten. Insgesamt rund 950 Euro. Jetzt muss die Richterin grinsen. „Reichen Sie uns die Belege ein. Hoffnungen auf eine Erstattung in der Höhe mache ich Ihnen keine.“ Anschließend fragt sie mich – eher rhetorisch –, ob es in Ordnung sei, wenn sie aus den 200 Euro Mahnkosten 50 Euro mache. Damit ist die Sitzung beendet. Zum Schluss gibt mir die Richterin noch einen Tipp: „Kommen Sie doch das nächste Mal besser mit Anwalt.“ Dass Bürger ohne Rechtsvertretung – im Richterdeutsch Naturalpartei – nicht gern gesehen werden und Richter und Anwälte lieber unter sich bleiben, wird mir später von mehreren Seiten bestätigt. Hauptgrund: Die Bürger nerven. Denn sie kennen die Abläufe oder Begrifflichkeiten nicht, stellen deshalb vermeintlich doofe Fragen und kosten Zeit – Zeit, die Amtsrichter immer zu wenig hätten. Schließlich müssten sie, so Jens Gnisa, stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Richterbunds und Direktor des Amtsgerichts Bielefeld, im Schnitt 700 zivile Verfahren pro Jahr bearbeiten, „also pro Arbeitstag rund drei“.

20. Juni 2012

Ich erhalte vom Amtsgericht das Versäumnisurteil gegen die Urli Holding Redaktion Deutschland GmbH, vertreten durch Herrn Mertens und die Chefredakteurin Schillung, in Höhe von 1423,30 Euro plus 50 Euro Mahngebühr. Zudem hat der Beklagte die Kosten des Rechtsstreits zu tragen. Gegen dieses Urteil kann binnen 14 Tagen Widerspruch eingelegt werden. Danach wird es rechtskräftig. Ich wähne mich kurz vor dem Ziel.

2. Juli 2012

Genau einen Tag vor Ablauf der Frist legen die Anwälte der gegnerischen Seite Einspruch gegen das Versäumnisurteil ein: „Leider konnten uns von unserer Mandantin erst jetzt die für die Klageerwiderung erforderlichen Unterlagen und Informationen zur Verfügung gestellt werden.“ Der Grund für den Einspruch: Nicht der Beklagte, sondern der ehemalige Chefredakteur habe den Auftrag für die Texte erteilt. Der Beklagte habe lediglich den Titel des Magazins übernommen. Bestritten werde daher „die Passivlegitimation des Beklagten“. Sowohl der Grund für das Nichterscheinen vor Gericht als auch der Grund für den Einspruch sind Quatsch, wie ich durch hektische Telefonate mit Anwälten erfahre. „Das Grundgeschäft anfechten“, nennt einer den Vorgang, der als Sanierungsexperte häufig von Unternehmen geholt wird, wenn sich dort die Forderungen schon stapeln: „War die gelieferte Menge auch richtig? Hat vielleicht der Azubi den Kaufvertrag unterschrieben, der keine Prokura hat?“ Das seien einige der Klassiker aus dem Einmaleins der Schuldner. Auch beliebt sei: eine Ratenzahlung zu vereinbaren und spätestens nach der dritten Rate nicht mehr zu zahlen. Oder die Qualitätssicherung noch einmal über die Ware schauen zu lassen mit dem Ziel, bei kleinsten Mängeln die gesamte Lieferung zu monieren: „Irgendetwas finden die immer.“ Bei Wikipedia lese ich zudem, dass das Verhalten der gegnerischen Partei eine bekannte taktische Figur in einem Mahnprozess ist. Der Name: „Flucht in die Säumnis.“ Mir kommt das so platt und durchschaubar vor, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass ein deutsches Gericht sich auf solchen Unfug einlässt.

4. Juli 2012

Ich erhalte einen Brief des Amtsgerichts. Dem Einspruch wurde stattgegeben. Ein neuer Termin ist für den 24. Oktober 2012 angesetzt, also in rund drei Monaten. Später spreche ich den Amtsgerichtsdirektor Gnisa auf den Vorgang an: „Ein Amtsrichter muss einen solchen Einspruch annehmen, wenn nicht formale Gründe dagegensprechen.“ Die Inkassounternehmerin Schweer gibt allerdings zu bedenken: Wenn der Richter den Einspruch abgelehnt hätte, hätte er eine ausführliche, rechtlich fundierte Begründung verfassen müssen. Das koste erst einmal Zeit. Einen neuen Termin festzusetzen sei daher aus Sicht des Richters immer die beste Lösung: „Der Fall ist erst einmal wieder vom Tisch.“

Juli 2012

Ich kapituliere! Ab jetzt wird die Anwaltskanzlei Ecovis Daehnert Buescher + Kollegen aus Köln dafür sorgen, dass mir Gerechtigkeit widerfährt. Deren erste Handlung: ein Schreiben ans Gericht, in dem die Begründung für den Einspruch gegen das Versäumnisurteil als haltlos dargestellt wird. Anschließend prüft der Anwalt, ob mein Antragsgegner, die Urli Holding Redaktion Deutschland GmbH, überhaupt im deutschen Handelsregister eingetragen ist. Eigentlich eine Formsache. Doch überraschenderweise ist die GmbH unauffindbar. Mein Anwalt beruhigt mich: Zum einen wird die GmbH in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen des Magazins ausdrücklich als verantwortliche Gesellschaft genannt. Zum anderen werde sie ja auch von einem Anwalt vor Gericht vertreten. Dass dieser seinen guten Namen für eine nicht existierende Gesellschaft hergebe, sei „wenig plausibel“.

20. August 2012

Mein langer Atem sowie mein entschlossenes Auftreten scheinen Wirkung zu zeigen: Unerwartet bietet die Gegenseite mir über meinen Anwalt 1000 Euro als „Vergleichsangebot“ an. Meine offenen Forderungen belaufen sich mittlerweile auf 2095,26 Euro, die zig Stunden Arbeit, die ich investiert habe, nicht eingerechnet. Über meinen Anwalt lasse ich daher mitteilen, dass der Betrag zu niedrig ist, wir jedoch offen seien für eine gütliche Einigung.

September 2012

In verschiedenen Fachmedien tauchen Berichte über das Geschäftsgebaren und die Zahlungsmoral von »Struktur« und der Urli Holding AG auf. Der schwache Trost: Ich bin nicht allein. Von zahlreichen Gläubigern ist die Rede, und die offenen Rechnungen sollen sich mittlerweile mindestens auf einen fünfstelligen Betrag summieren. Mein Anwalt leitet die Presseberichte an das Gericht weiter. Derweil bekomme ich noch immer Monat für Monat die aktuelle Ausgabe von »Struktur« zugeschickt, stets gut gefüllt mit Anzeigen und einem launigen Vorwort der Chefredakteurin Schillung.

22. Oktober 2012

Zwei Tage vor dem nächsten Termin am Amtsgericht erhält mein Anwalt Post: Die Gegenseite hat den Einspruch gegen das Versäumnisurteil zurückgenommen. Der Termin für den 24. 10. wird abgesagt. Das Urteil wird rechtskräftig. Zudem hat die beklagte Partei die Kosten des Rechtsstreits zu tragen. So spektakulär mir mein Fall vorkam, so unspektakulär scheint er plötzlich zu enden. Aber: Ich habe gewonnen! Habe ich das?

31. Oktober 2012

Mein Anwalt stellt Anwalts-, Reise-, Gerichts- und Arbeitsausfallkosten in Höhe von 1211,82 in Rechnung, wobei mein Posten „Reisekosten und Arbeitsausfall“ mit 930,61 Euro der größte ist. Daraufhin teilt mir das Gericht mit, dass der maximale Verdienstausfall, der mir erstattet werde, bei 17 Euro pro Stunde liege. Als ich erbost bei Gericht anrufe, um zu sagen, dass mir etwas anderes versprochen wurde, höre ich: „Das kann nicht sein.“

26. November 2012

Mein Anwalt beauftragt einen Gerichtsvollzieher, die Summe von 1563,17 Euro, die mir laut Vollstreckungsbescheid zustehen, bei »Struktur« einzutreiben. Die Anwalts- und Gerichtskosten sind in dieser Summe noch nicht enthalten.

22. Januar 2013

Per E-Mail erhalte ich eine Pressemitteilung: Die Boltext Holding AG aus der Schweiz habe alle Markenrechte sowie Titelrechte an den Magazinen »Struktur« sowie »Vision« von der Urli Holding AG erworben: „Redaktionell werden die Magazine weiterhin aus München betreut.“ Und: „Das Team freut sich auf die Erweiterung und Expansion der Print- und Online-Magazine.“

Kurz darauf teilt der Anwalt der Gegenseite meinem Anwalt mit, dass die Urli Holding AG Insolvenz angemeldet habe und er nun mit der Abwicklung der Gesellschaft beauftragt worden sei. Offene Forderungen sollten wir daher bei ihm einreichen.

8. Februar 2013

Der Gerichtsvollzieher aus München meldet sich mit schlechten Nachrichten: Es sei ihm nicht möglich gewesen, die Zwangsvollstreckung durchzuführen, obwohl er mehrfach vor Ort gewesen sei. Weder Herrn Mertens noch Frau Schillung habe er dort angetroffen. Auch im Handelsregister seien die Schuldner nicht eingetragen. Ich bekäme daher die Vollstreckungsunterlagen zurück und möge bitte die Vollstreckungskosten begleichen.

9. Februar 2013

Ich überweise 18 Euro an den Gerichtsvollzieher.

19. Februar 2013

Das Amtsgericht legt die Anwalts- sowie die Reise-, Gerichts- und Arbeitsausfallkosten auf 709,99 Euro fest. Auch dieser Titel gegen die Urli Holding Redaktion Deutschland GmbH ist nun vollstreckbar.

13. März 2013

Mein Anwalt teilt mir mit, dass er den gegnerischen Anwalt kontaktiert habe. Dieser wolle ihm gegenüber keine Angaben machen, wer ihn beauftragt habe und ob es die Urli Holding Redaktion Deutschland GmbH überhaupt je gegeben habe. Von Kollege zu Kollege habe er jedoch durchblicken lassen, dass die Abwehr der Gläubiger zumindest für ihn ein lukratives Geschäft gewesen sei. Ich überlege, die Anwaltskammer und den Presserat zu informieren. Auch mein Anwalt fühlt sich offenbar mittlerweile herausgefordert und denkt darüber nach, ob man nicht die Staatsanwaltschaft benachrichtigen müsste.

Juni 2013

Weder ich noch mein Anwalt sind aktiv geworden. Es wäre ein Kampf gegen Windmühlen. Geld ist auf meinem Konto nicht eingegangen. Das Einzige, was nach wie vor erscheint, ist das Magazin »Struktur« und sein Ableger »Vision«; Mertens wird dort noch immer als Manager im Impressum geführt. Ich überweise die Rechnung von 429,11 Euro an meinen Anwalt und danke ihm für seine Unterstützung. Die Hoffnung, dass mir noch Gerechtigkeit widerfährt, habe ich nicht mehr.

14. August 2013

Völlig unerwartet geht ein Brief des gegnerischen Anwalts bei meinem Anwalt ein: „Wir haben zwischenzeitlich die Antwortschreiben der Gläubiger ausgewertet und die darin enthaltenen Forderungen geprüft.“ Das Ergebnis: Er bietet uns ein außergerichtliches Vergleichsangebot in Höhe von 1008,88 Euro an. Im Gegenzug sollen wir auf sämtliche Forderungen gegenüber der Urli Holding AG verzichten. Ohne eine Sekunde zu zögern, gehe ich auf das Angebot ein. Zwar habe ich mittlerweile reale offene Forderungen in Höhe von rund 3000 Euro plus etwa 60 Stunden Zeitaufwand – aber die hatte ich schon abgeschrieben. Die 1008,88 Euro fühlen sich kurioserweise an wie ein großzügiges Geschenk.

5. November 2013

Die Euphorie ist wieder verebbt. Noch immer wurde nicht bezahlt. Das ist unüblich in einem Fall, in dem der Gläubiger auf ein außergerichtliches Vergleichsangebot eingeht. Die Vermutung meines Anwalts: Die Gegenseite wollte nur weiter Zeit schinden. Oder die noch offene Forderungssumme aus der Bilanz haben. Dennoch schickt mein Anwalt ein Erinnerungsschreiben an den gegnerischen Anwalt. Der meldet sich nicht.

19. Dezember 2013

Ich rufe noch einmal persönlich bei dem Anwalt der Gegenseite an. Eine Sekretärin geht ans Telefon. Statt mich zu ihrem Chef durchzustellen, informiert sie mich, dass man noch mitten in der Sichtung der Antworten auf die Vergleichsangebote sei. Dies könne noch „einige Zeit“ in Anspruch nehmen, schließlich „sind Sie nicht der einzige Gläubiger“. Schon klar. Entschuldigung.

Ende Februar 2014

Noch immer ist kein Geld überwiesen worden. Dafür habe ich rund 7000 Euro verloren, wenn ich mit einem Stundensatz von 50 Euro meinen bisherigen Zeitaufwand berechne. Daher habe ich vor wenigen Tagen eine umfassende Premium-Rechtsschutzversicherung abgeschlossen. Welchen Schluss soll ich sonst aus meinen Erfahrungen ziehen, die laut Experten nicht unüblich sind? Dass ich künftig offene Rechnungen, die kleiner sind als 7000 Euro, nicht weiter verfolge? „Selbstverständlich nein“, sagt Schweer. Sie habe sogar Fälle, in denen es nur um fünf Euro gehe, und ihr längster Fall datiere aus dem Jahr 1996. Erst im vergangenen Jahr habe sie aufgrund einer Änderung im Vollstreckungsrecht etliche Schulden aus den Jahren 2002 bis 2004 eintreiben können. „Auch für Sie“, sagt Schweer, „gibt es noch Hoffnung.“ ---