Salpeterkrieg

John Thomas North war der Profiteur des Salpeterkriegs Ende des 19. Jahrhunderts. Porträt eines Spekulanten.





• Als John Thomas North 1866 in Valparaiso von Bord ging, war er 24 Jahre alt, hatte zehn Pfund Sterling in der Tasche und suchte das Glück. Zu Hause in Leeds hatte der Sohn eines Kohlenhändlers als Mechaniker gearbeitet. In der neuen Heimat Chile aber strebte er nach Höherem. Doch zunächst fing er klein an, nietete Heizboiler zusammen, zog dann nach Peru, wo er in der Grenzstadt Iquique ein Wasserwerk leitete.

Ohne es zu wissen, war North zur richtigen Zeit am richtigen Ort. In Peru begann gerade ein neues Zeitalter: Mit der Ausbeutung der Salpeterminen entstand großer Reichtum, der Begehrlichkeiten weckte.

Salpeter war zu jener Zeit ein in Europa dringend benötigter Dünger. Das Nitrat wurde auf den ausgelaugten Äckern des alten Kontinents ausgebracht, um die Böden zu verbessern. Der Rohstoff dafür kam meist aus Peru und Bolivien, chilenische und britische Geschäftsleute verdienten daran. Als die bolivianische Regierung den Bergwerksbetreibern Steuern abknöpfen wollte, marschierten 1879 die Chilenen in das Nachbarland ein. Sie besetzten die Provinz Antofagasta und rissen sich bei der Gelegenheit auch die peruanischen Häfen Iquique, Pastillos und Junín unter den Nagel. Der Salpeterkrieg begann.

Mit ihm begann der Aufstieg von North. Er nahm Bankkredite auf und kaufte Aktien von peruanischen Salpetergruben zum Spottpreis. Aus Angst vor dem Krieg überließen ihm die Eigner die Papiere zum Teil zu einem Zehntel des eigentlichen Wertes.

North hatte gute Kontakte, er wusste, dass britische Geschäftsleute die chilenische Flotte aufrüsteten, und er rechnete damit, dass die Peruaner und Bolivianer dieser Übermacht nicht lange standhalten würden. Er behielt recht. 1883 gaben sich beide geschlagen. Peru verlor durch den Krieg die wichtigsten Salpetergruben an Chile, Bolivien den Zugang zum Meer.

North hingegen stand auf der Seite der Sieger. Nach dem Krieg verfügte die chilenische Regierung, dass die annektierten Salpetergruben den „rechtmäßigen Besitzern“ zuzuführen seien. Gemeint waren Spekulanten wie North.

Damit hatte Chile das Monopol auf ein Produkt, das auf der ganzen Welt gebraucht wurde. Die Ausfuhren boomten. 1890 machten die Exportsteuern aus den eroberten Gebieten die Hälfte des chilenischen Staatshaushaltes aus. Auch Lastensegler aus Deutschland waren gut im Geschäft. Der Hamburger Unternehmer Henry B. Sloman, der Erbauer des Chilehauses, hatte sein Vermögen im Salpeterhandel gemacht und galt 1912 als reichster Mann der Hansestadt.

Den Titel des „Nitrat-Königs“ allerdings verlieh die »New York Times« einem Briten: John Thomas North. Die von ihm gegründete Liverpool Nitrate Company bescherte ihren Aktionären traumhafte Dividenden, und North gelang der Aufstieg in die bessere Gesellschaft.

Auf rauschenden Bällen machte er die Bekanntschaft mit Lord Randolph Churchill und weiteren Adeligen. Auf Partys erschien er gelegentlich als Heinrich VIII. verkleidet und führte stolz den Spitznamen „der chilenische Monte Christo“.

Doch Unheil drohte in Person des neuen chilenischen Präsidenten José Manuel Balmaceda. Und North wehrte sich mit allen Mitteln.

1888 wollte der Staatschef die Minen verstaatlichen – wodurch North viel Geld verlieren würde. Aber plötzlich stemmte sich das Parlament gegen den Präsidenten.

Wie das kam, erfuhren die North-Aktionäre, als sie sich beim Finanzchef darüber beschwerten, dass in der Firmenkasse 100 000 Pfund fehlten. Der Manager belehrte sie, dass Bestechung in Chile eine „Nationalsitte“ sei und dass man diese im Moment der Not zu nutzen gewusst habe: „Ich glaube, dass viele Mitglieder des Senats, deren Finanzen knapp waren, einen Teil dieses Geldes als Gegenleistung für ihren Nutzen gezogen haben sowie dass es dazu gedient hat zu verhindern, dass sich die Regierung von Grund auf weigerte, unsere Proteste und Ansprüche zu berücksichtigen.“

Es blieb nicht beim Streit zwischen Parlament und Präsident. Über die Pläne der Regierung brach 1891 ein Bürgerkrieg in Chile aus. Und auch in diesen war North involviert: Er finanzierte großzügig die Rebellen, während britische Kriegsschiffe die Häfen blockierten. Am Ende beging Balmaceda Selbstmord. Danach stand North wieder aufseiten der Sieger.

Und das hat sich gelohnt: Bis kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs florierte der Nitratexport wie nie zuvor. Chile verzeichnete abenteuerlich hohe Einkünfte. Schließlich aber waren es deutsche Chemiker, die der Bonanza ein Ende bereiteten: Justus von Liebig mit der Entdeckung des Phosphatdüngers sowie Fritz Haber und Carl Bosch mit einem Verfahren zur Erzeugung von Ammoniak aus Stickstoff und Wasserstoff. Damit war das Salpetersalz aus den chilenischen Bergen überflüssig.

John Thomas North hatte sich da schon neu orientiert. Er hatte sich von König Leopold II. von Belgien dazu überreden lassen, eine Kautschukplantage im Kongo aufzubauen, was zu seinen Lebzeiten ein gutes Geschäft war. North starb am 5. Mai 1896, eine halbe Stunde nach dem Verzehr von frischen Austern. Die Schalen wurden sofort zur Untersuchung in ein Labor geschickt. Doch die Chemiker konnten nichts Verdächtiges finden. ---