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Hans Reichenbach - Myxobakterien

Sein ganzes Berufsleben widmete er den Myxobakterien. Er wurde dafür belächelt und gedemütigt – bis er einen spektakulären Coup landete. Die Geschichte des Mikrobiologen Hans Reichenbach.





• Er weiß noch genau, wie er sich fühlte, als ihn die Nachricht erreichte. Sechs Jahre nach seinem Ausscheiden aus dem Braunschweiger Forschungsinstitut, für das er 30 Jahre gearbeitet hatte. Über weite Strecken keine gute Zeit. Am Anfang war er noch euphorisch gewesen. Aber dann ging es bergab. Er stand unter Druck, wurde degradiert. Man wollte ihn loswerden. Aber er harrte aus. Forschte einfach weiter, mit dickem Fell und den paar Mitarbeitern, die man ihm bis zum Ende ließ. Was für eine Genugtuung, als ihn die sensationelle Nachricht erreichte! Eine Nachricht, die ihn, den Unerwünschten, im Oktober 2007 nachträglich zum Star des Instituts machte.

Hans Reichenbach bittet in das Wohnzimmer seines Hauses am Rand von Wolfenbüttel. Seit mehr als 30 Jahren lebt er hier, die Kinder sind längst erwachsen, für sie wäre gar kein Platz mehr. Überquellende Bücherregale, eine Sammlung von 30 000 verschiedenen Muscheln und Schnecken, eine andere von 20 000 Fossilien, Mineralien und Gesteinen. 77 ist er heute. Stundenlang erzählt er dann von seinen Myxobakterien. „Ich wollte diese sonderbaren Mikroben verstehen“, sagt er. Ein ganzes Forscherleben lang war das sein Antrieb. So sind sie eben, die Wissenschaftler, etwas weltfremd, weil mit Leib und Seele dem Erkenntnisgewinn verhaftet. So weit das Klischee.

In Wahrheit aber können sich die wenigsten eine solche Haltung noch leisten. Statt sich ihrem Thema zu verschreiben, sind sie heute mehr denn je um die Vermarktung ihrer Arbeit bemüht. Der wichtigste Grund ist die gewachsene Bedeutung von Drittmitteln, jener Gelder, die Unternehmen, Stiftungen und öffentliche Förderstellen für bestimmte Forschungsvorhaben bereitstellen. An ihnen misst sich das Renommee eines Forschers.

Drittmittel eintreiben kostet Zeit. Projektpläne müssen erstellt, Forschungsverbünde organisiert und Anträge geschrieben werden. Wissenschaftler mit den meisten Publikationen in den wichtigsten Fachblättern haben die besten Karten.

Wolfgang Frühwald, ehemaliger Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), monierte schon 2010, dass „die Performanzfaktoren in Forschung und Wissenschaft in einem fast unerträglichen Ausmaß zugenommen“ hätten; oft gehe es nicht mehr um die Substanz des neuen Wissens, sondern vor allem um Werbung in eigener Sache. „Publikationsdruck, vorgegebene Forschungsthemen und Orientierung an den Gesetzen der Marktwirtschaft beeinflussen die Qualität der wissenschaftlichen Arbeit“, pflichtet ihm Ulrike Beisiegel bei, Präsidentin der Georg-August-Universität Göttingen. „Wissenschaftler sollten nicht danach gehen müssen, was trendy ist und wirtschaftlichen Gewinn verspricht, sondern sich wieder mit Zeit und Kreativität dem Prozess der Erkenntnisgewinnung widmen können.“

Hans Reichenbach hat genau das getan. Seine Geschichte zeigt, dass wissenschaftlicher Fortschritt nicht so planbar ist, wie es die Projektanträge suggerieren. Sie handelt von einem Forscher, der sich auf seine Arbeit konzentriert, von einem unter Ergebnisdruck stehenden Forschungsinstitut und der Entdeckung eines Wirkstoffs gegen Krebs.

Der Forscher

Die Myxobakterien faszinierten Reichenbach schon im Studium. „Vor allem wegen ihres verblüffenden Sozialverhaltens“, sagt er, während er in Fachbüchern nach Abbildungen sucht. „In Notzeiten rotten sich die in Kolonien lebenden Bakterien zu Zellhaufen zusammen und bilden Fruchtkörper, die teilweise wie mikroskopisch kleine Bäume aussehen. Ich wollte wissen, wie sie solche Kunststücke hinkriegen und miteinander kooperieren.“

Seine Examensarbeit, seine Dissertation, seine Habilitation, immer ging es um Myxobakterien. 1975 kam Reichenbach an das Braunschweiger Institut, wo er zu untersuchen begann, ob sich seine Bakterien als Produzenten von medizinisch oder industriell verwertbaren Naturstoffen eignen. „Das war Pionierarbeit, wir fingen quasi bei null an“, sagt er. Es klingt ein wenig wie eine Rechtfertigung.

Die Fahndung nach Wirkstoffen aus der Natur ist eine alte Disziplin. Schon lange wissen Forscher, dass Mikroorganismen Substanzen produzieren, die ihre Feinde töten oder zumindest deren Wachstum eindämmen – und möglicherweise dem Menschen bei der Abwehr von Krankheitserregern helfen können.

Die ersten Antibiotika etwa wurden in den Dreißigerjahren aus Mikroorganismen gewonnen. Heute gehen rund die Hälfte aller Medikamente auf Substanzen zurück, die Pflanzen oder Mikroben produzieren. Weltweit ergründen Naturstoffforscher dieses natürliche Waffenarsenal. Es ist ein Stochern im Nebel. Von einer schier unendlichen Zahl von Mikroorganismen scheinen nur wenige geeignet.

Reichenbach war der Erste, der das Potenzial von Myxobakterien systematisch untersuchte, jener stäbchenförmigen Organismen, die sich in allen Klimazonen von den Tropen bis in die Antarktis finden lassen. „Wäre schön, wenn ihr mir wieder Erde, Schlamm und verrottetes Holz mitbringt“ – jedes Jahr, wenn im Sommer die Ferienzeit nahte, verschickte er einen Rundbrief. Zudem verteilte er unter den Kollegen kleine Dosen mit Schnappdeckel, die dem Transport der Proben dienen sollten. Reichenbach selbst brachte von seinen Reisen ebenfalls reichlich davon mit, um seine Myxobakterien-Sammlung auszubauen. Mehr als 6000 Stämme umfasste sie am Ende.

Akribisch untersuchte er die unzähligen Bodenproben, stand dabei ständig vor neuen Herausforderungen. So klebten die Bakterien in den Erdklumpen fest an Bodenpartikeln, vermischt mit Pilzen, Amöben und anderen Bakterien. Für die weitere Untersuchung brauchte er aber den Stamm in Reinkultur. Darum entwickelte er Techniken, die Bakterien unter dem Mikroskop zu isolieren, sie dann zu kultivieren und zu konservieren.

Viele Stämme blieben anschließend jahrelang unberührt, bis Reichenbach und seine Mitarbeiter in sogenannten Screenings ihre Wirkung auf Pilze oder tierische Zellen untersuchten. Eine Geduldsprobe, denn die weitaus meisten Stämme entpuppten sich als Nieten. Wochenlange Arbeit für nichts. Noch ärgerlicher war es, wenn die Tests vielversprechend verliefen, sich aber hinterher zeigte, dass der von den Bakterien erzeugte Naturstoff Eigenschaften besitzt, die ihn disqualifizieren. Das kam immer wieder vor. Besonders bitter war die Enttäuschung über eine Substanz, die Reichenbach und seine Kollegen 1986 entdeckten und auf den Namen Soraphen tauften.

Produziert wurde sie von Myxobakterien, die einst in Ziegenmist auf der Insel Djerba lebten. In den Screenings zeigten sie sich als außergewöhnlich wirksam gegen Pilze. Die Forscher leiteten die isolierte Substanz für weitere Untersuchungen an ihren Industriepartner weiter, das Schweizer Pharma- und Biotechnologieunternehmen Novartis. Soraphen, hoffte man dort, könnte sich als lukratives Pflanzenschutzmittel entpuppen. Tests ergaben, dass die Substanz Apfelbäume von Schorf befreit, Weintrauben vor Grauschimmel bewahrt und auch die Reisbräune auf japanischen Feldern in den Griff kriegt. Ein neuer Blockbuster schien nah. Etwa 100 Wissenschaftler, Ingenieure, Kaufleute und Juristen arbeiteten daran, bis ein Experiment mit Ratten die Hoffnung zerschlug. Es kam zu Missbildungen an Embryonen. Außerdem führte Soraphen bei verschiedenen Versuchstieren zu Allergien sowie zur Reizung der Schleimhäute. Für Novartis bedeutete das, Entwicklungskosten in Millionenhöhe in den Sand gesetzt zu haben. Reichenbach musste die Hoffnung begraben, nach Jahren unermüdlicher Forschung endlich etwas ökonomisch Verwertbares vorweisen zu können. Bei seinem Arbeitgeber war er zu diesem Zeitpunkt längst in Misskredit geraten.

Das Institut

Eine Stelle an einem außeruniversitären Forschungszentrum gilt unter Wissenschaftlern als Privileg. Gute Ausstattung, viel Personal, keine Lehrverpflichtung – also deutlich bessere Voraussetzungen als an den Hochschulen. Einerseits. Andererseits zeigt der Fall Reichenbach, dass auch dort für langwierige Grundlagenforschung oft die Geduld fehlt.

Als der Bund und das Land Niedersachen im August 1976 das von einigen Professoren aus Braunschweig und Göttingen gegründete Forschungsinstitut übernahmen und Gesellschaft für Biotechnologische Forschung (GBF) nannten, stellte der damalige Bundesforschungsminister Hans Hermann Matthöfer gleich klar, worauf es ihm ankommt. „Die Zusammenarbeit mit der Industrie“, sagte er in einer Rede, „wird zur Praxisbezogenheit und Realitätskontrolle der Forschung führen.“

Die Frage nach der inhaltlichen Ausrichtung wurde in den folgenden Jahrzehnten zum internen Dauerkonflikt. Die in den Aufsichtsgremien sitzenden Ministeriumsvertreter äußerten wiederholt ihre Unzufriedenheit über den mangelnden Wissenstransfer in die Wirtschaft. Sie erwarteten von den Wissenschaftlern, dass sie Drittmittel eintreiben oder durch Kooperationen mit Unternehmen Geld verdienen. Die hingegen machten deutlich, dass sie sich nicht als Auftragsforscher verstehen.

Hans Reichenbach ließ sich von der Diskussion nicht beirren. Er blieb seinen Myxobakterien treu – auch, als er von Beginn der Achtzigerjahre an zunehmenden Gegenwind verspürte. Es empört ihn bis heute, wie man ihn damals behandelte. „Die Leute in den Aufsichtsgremien verstanden nicht, dass sich nicht sofort Erfolge einstellen, wenn man wissenschaftliches Neuland betritt.“

Keine industriell verwertbaren Ergebnisse, kaum aufsehenerregende Publikationen – die Kritik wurde immer massiver. Im März 1984 beschloss der Aufsichtsrat, ihn als Abteilungsleiter abzusetzen. „Die Sekundärstoffforschung in dieser Abteilung hat nicht die kritische Masse“, heißt es als Begründung in einem internen Dokument. Der Fokus auf die Myxobakterien sei zu einseitig und der Abteilungsleiter ungeeignet und daher durch einen Wissenschaftler mit breitem Horizont zu ersetzen.

„Manchmal braucht Forschung eben 20 bis 30 Jahre, bis sie zu großen Ergebnissen führt. Doch dafür fehlt meist das Verständnis“, kommentiert Helmut Blöcker das Geschehen rückblickend. Er arbeitete zwischen 1980 und 2010 ebenfalls an dem Braunschweiger Institut, lange Zeit als Leiter der Abteilung Genomanalyse. Reichenbachs Degradierung führt er auch auf wissenschaftliche Moden zurück. In den Achtzigerjahren begann der Aufstieg der molekularbiologischen Methoden. Organismen wurden seitdem hinsichtlich ihres genetischen Apparats untersucht. Mit der Zeit lernte man, einzelne Gene auszuschalten oder durch andere zu ersetzen – mit dem Ziel, etwa Bakterien so zu verändern, dass sie gewünschte Substanzen produzieren. Molekularbiologisch zu arbeiten bedeutete, selbst zu steuern, statt nur zu beschreiben und zu charakterisieren, was man in der Natur vorfindet.

„Entdeckt man neue Methoden, werden die alten oft vorschnell abgeschrieben“, sagt Blöcker. Nicht zuletzt das sei Reichenbach zum Verhängnis geworden. Man habe ihm zum Vorwurf gemacht, dass er die Molekularbiologie ignoriere.

Er war eben überzeugt, dass es nur eine Frage der Zeit sei, einen Stamm zu finden, der einen wertvollen Naturstoff produziert. Nach seiner Degradierung blieb er noch 17 Jahre am Institut. Seine Vorgesetzten ließen ihn gewähren. An den großen Wurf glaubte keiner.

Das Krebsmittel

„Plötzlich tat sich etwas“, sagt Reichenbach. „1995 war das. Binnen vier Wochen erkundigten sich drei US-Firmen bei der GBF nach Epothilon.“ Er verstand zunächst nicht, warum dieser Stoff auf einmal so gefragt war. Gemeinsam mit Gerhard Höfle, einem Naturstoffchemiker, mit dem er über Jahrzehnte eng zusammengearbeitet hatte, hatte er ihn 1987 entdeckt – bei der Untersuchung von Myxobakterien aus dem südlichen Afrika. Damals stellte sich heraus, dass der Stoff eine starke Wirkung auf Pilze und tierische Zellen hat. Die GBF ließ ihn daher patentieren. Wie beim Soraphen dachte man an ein neues Pflanzenschutzmittel. Doch wieder zerschlug sich die Hoffnung: Freilandtests ergaben, dass Epothilon nicht nur Pilze tötet, sondern auch Pflanzen schädigt. Der Stoff verschwand für Jahre im Chemikalienlager.

1995 kramte Reichenbach ihn wieder hervor. Das US-Unternehmen MSD hatte kurz zuvor 70 000 Naturstoffextrakte auf ihre Wirkung auf Krebszellen untersucht. Das Ergebnis veröffentlichte es in einem Fachblatt und erwähnte dabei auch die GBF als Entdecker eines Stoffes, der die Teilung von Krebszellen verhindern kann. Das war der Grund, warum US-Firmen sich plötzlich in Braunschweig nach einer Lizenz erkundigten.

Reichenbach machte sich sofort ans Werk: Zum einen ging es nun darum, Epothilon in großen Mengen herzustellen. Der ursprüngliche Bakterienstamm schaffte viel zu wenig. Zusammen mit seinen Kollegen gelang es ihm, die produktivsten Epothilon-Erzeuger zu mutieren, zu selektieren und beste Wachstumsbedingungen zu finden. Zum anderen brauchte man einen Industriepartner, der aus dem Stoff ein Medikament machte. Hans Reichenbach schickte ihn fünf deutschen Pharmaunternehmen, doch die winkten alle ab.

Schließlich verhandelte er mit Bristol-Myers Squibb. Das US-Pharmaunternehmen brauchte dringend ein neues Krebsmittel. Das hochwirksame Taxol, das auf dem Naturstoff eines Nadelbaumes, der Pazifischen Eibe, basiert und dem Unternehmen immer satte Umsätze eingebracht hatte, durfte neuerdings auch als Generikum verkauft werden. 1997 reiste Reichenbach nach Princeton, er wollte eine Anzahlung in Höhe von einer Million Dollar, bevor er seine Substanz zur Weiterentwicklung bereitstellte. Man einigte sich auf einen etwas niedrigeren Betrag, der aber ausreichte, um Reichenbachs Ansehen an der GBF schlagartig zu erhöhen. Ob aus seinem Naturstoff wirklich ein Medikament würde, war zu dieser Zeit noch äußerst fraglich. Man wusste nur, dass Epothilon ähnlich wie Taxol wie eine Art Schraubzwinge wirkt und so die Teilung von Tumorzellen verhindern kann – sogar von solchen, die sich gegen Taxol bereits als resistent erwiesen hatten.

Zehn Jahre und viele Tests später erreichte Reichenbach die sensationelle Nachricht, dass ein auf Epothilon basierendes Mittel in den USA die Zulassung als Krebsmedikament erhalten hatte. „Das war ein großer Moment. Eine Genugtuung“, sagt er. Im Forschungsinstitut war er plötzlich ein Star. „Epothilon beweist, dass die öffentliche biomedizinische Forschung in Deutschland Weltklasse hat“, ließ sich dessen damaliger Leiter Rudi Balling in der Presse zitieren.

Brystol-Myers Squibb beschert das Medikament, das in den USA, Südamerika, Asien und der Schweiz gegen Brustkrebs eingesetzt wird, heute jährlich rund 100 Millionen Dollar Umsatz. Das Forschungszentrum in Braunschweig kassiert ein paar Prozent davon als jährliche Lizenzgebühr, an der auch Reichenbach und sein langjähriger Partner Höfle partizipieren. Epothilon gilt als einer der größten Erfolge in der Geschichte des Instituts. Auch die Myxobakterien sind dort plötzlich wieder gefragt. Es gibt Leute, die Reichenbachs Begeisterung für diese sonderbaren Organismen teilen und ihnen besondere Fähigkeiten im Kampf gegen weitere Krankheiten zutrauen. Zu Recht? „Durchaus“, sagt er. „Aber um das zu erforschen, braucht es einen langen Atem.“ ---

Das Braunschweiger Institut wurde 1965 von acht Professoren mit Unterstützung der Volkswagen-Stiftung gegründet, der Zweck war die interdisziplinäre Grundlagenforschung. Es hieß Institut für Molekulare Biologie, Biochemie und Biophysik.

1976 wurde es in Gesellschaft für Biotechnologische Forschung (GBF) umbenannt. Der Bund und das Land Niedersachsen finanzieren es seit-dem im für öffentliche Großforschungseinrichtungen üblichen Verhältnis: 90 Prozent der Kosten trägt der Bund, 10 Prozent das Land.

Seit 2006 heißt es Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung. Statt klassischer Biotechnologie stehen seitdem die Mechanismen von Infektionskrankheiten und ihrer Abwehr im Fokus.