Timo Boll im Porträt

Wenn der Ball mit 140 Stundenkilometern übers Netz jagt, bleiben ihm 22 Hundertstel Sekunden Zeit zum Reagieren. Eine Begegnung mit dem Weltklasse-Tischtennisspieler Timo Boll.





• Ja, sagt Boll, sein Ziel sei weiterhin ein ganz großer Titel, er könne immer noch alle schlagen.
Ja, bis zu den Olympischen Sommerspielen 2016 in Brasilien mache er sicher weiter, vielleicht sogar bis 2020, wenn sein Ausrüstervertrag auslaufe.

Nein, Tischtennis sei nicht so wichtig, wie man denken könnte.
Im Dezember sei er Vater geworden.
In seinem Heimatort baue er gerade ein Haus für die Familie.
„Die Chinesen reden nur über Tischtennis, immer. Wenn ich aus der Halle komme, ist Feierabend.“

Zäher Auftakt. Ob das was wird? Ob Timo Boll überhaupt willens ist zu erklären, warum er im Ruf steht, einer der nervenstärksten Tischtennisspieler der Welt zu sein?

Boll spricht nicht gern mit Journalisten. So war es schon 2002, als er erstmals Europameister wurde. „Für jemanden, der so introvertiert ist, wie ich es bin, und nicht gerne über sich erzählt“, zitiert ihn der Berliner Sportjournalist Friedhard Teuffel in seinem Buch über eine Reise mit Boll durch China, „waren die ersten Tage nach der EM ein kleiner Horror. Nur noch Interviews, Radio, Fernsehen, Zeitungen. Alle Telefone haben gleichzeitig geklingelt.“ Teuffel sagt: „Sein Temperament zu beschreiben ist schwierig, er scheint keines zu haben, nur das Tischtennis scheint es aus ihm herauszuholen.“

Boll, 33, geboren in Erbach im Odenwald, aufgewachsen im benachbarten Höchst, ist Deutschlands erfolgreichster Tischtennisspieler. 16-mal Europameister in Einzel, Doppel und mit der Mannschaft. Zweiter im Doppel bei der Weltmeisterschaft 2005. Dritter im Einzel bei der WM 2011. Silber- und Bronzemedaillengewinner mit dem DTTB-Team bei den Olympischen Spielen 2008 und 2012. Zweimal hat er den World Cup, das Turnier der zwölf weltbesten Tischtennisspieler, gewonnen. 2003 und 2011 war er mehrere Monate Nummer eins der Weltrangliste. Keiner hat die chinesischen Spieler öfter besiegt als er, der im Wunderland des Tischtennis als bekanntester ausländischer Sportler gilt.

„Aus Mediengesichtspunkten“, sagt Teuffel, „ist er langweilig, er hat keine Ecken und Kanten, keinen doppelten Boden, er ist ein grundehrlicher, anständiger Mensch.“ Keine Skandale, keine Fehltritte, keine Peinlichkeiten. Sein Lieblingswort, schreibt Teuffel, sei „so“.

Als Tischtennisspieler ist Boll eine Sensation. Er verfüge, so Experten, über den besten und variabelsten Topspin, mit dem er aus fast jeder Spielsituation attackieren kann. Dynamik, Kreativität, Eleganz. Er hat alles. Ein Jahrhunderttalent. „Bei den meisten“, sagt Manfred Schillings, ehemaliger DTTB-Pressesprecher und als Fotograf seit mehr als zwei Jahrzehnten mit dem Tischtenniszirkus auf Tour, „bleibt alles Handwerk, Timo ist ein Künstler, der den genialen Pinselstrich setzen kann.“

Neun Tage vor dem Termin in Frankfurt hat er in Lausanne gespielt. Europe Cup. Pingpong der Extraklasse. Im Viertelfinale gegen Dimitrij Ovtcharov lag Boll nach Sätzen 2:3 und nach Punkten 9:10 zurück. Matchball Ovtcharov. Vor seinem nächsten Aufschlag schien er sich zwei, drei Sekunden mehr Zeit zu nehmen, schaute an die Hallendecke, ließ den Ball ein paar Mal öfter auf die Platte tippen als zuvor. Der Ball senkte sich hinter das Netz, machte einen Haken nach links. Matchball abgewehrt. Nach dem nächsten Ballwechsel hatte Boll Satzball, nach dem übernächsten den Satz gewonnen.

Was passierte da? Warum hat er gemacht, was er gemacht hat? Die Frage gefällt ihm. Es geht um Technik, um Strategie, um sein Denken. Boll beugt sich nach vorn, lächelt. „Ich gehe nie mit einem starren Plan ins Spiel.“ Er registriere fortlaufend, „was passiert, und dann versuche ich, darauf zu reagieren. Mit welchen Bällen hat der Gegner Punkte gemacht. Mit welchen ich. Was hat bei ihm funktioniert, was bei mir. Da führe ich eine Statistik im Kopf, daraus schließe ich, was kommen könnte. Zwischen den Ballwechseln überlege ich eine Schlagvariante und kalkuliere die zu erwartenden Rückschläge des Gegners, für die ich mir meine nächsten Schläge parat lege. Und bei manchen Gegnern weiß ich einfach: Wenn es ein wichtiger Punkt ist, probiert er was, womit ich nicht rechne. Das programmiert man mit ein.“

Eine Matrix also, eine Software im Kopf, entwickelt, seit er mit vier Jahren zum ersten Mal an der Tischtennisplatte stand im Keller seines Elternhauses, zusammen mit seinem Vater, der sein erster Trainer war. Verfeinert und verbessert in Tausenden von Spielen. Und unterstützt von Talenten, die nicht jeder hat. Bei Tests, in denen dynamisches Sehen, die Fähigkeit, einen sich schnell bewegenden Gegenstand zu verfolgen, gemessen wurde, lag er 180 Prozent über dem Durchschnittswert. Boll fixiert beim Aufschlag des Gegners den Firmenstempel auf dem Zelluloidball, um seine Rotation einzuschätzen und zu kalkulieren, in welchem Winkel er abspringen wird, wenn er im Spielfeld ankommt.

Man muss Boll auch glauben, wenn er sagt, er könne die Psyche seines Gegners „lesen“. „Was ist das für einer? Spielt der nur seinen Stiefel runter, oder ist der kreativ?“ Oder nervös? Unvorsichtig? Oder hat er sich in einen Rausch gespielt? Darauf muss er reagieren, immer anders. Boll sagt: „Das ist meine große Stärke, das Gespür dafür, wie der Gegner denkt.“

Beim Tischtennis kommen Fähigkeiten, wie Boll sie beschreibt, entscheidende Bedeutung zu. Unter Spitzenathleten erreicht der Ball eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 60 km / h. Schmetterbälle 140 km / h und mehr. Zwar werden im Tennis höhere Geschwindigkeiten gemessen, doch beim Tischtennis ist die Ballfluglänge ungleich kürzer. Die Platte misst 2,74 Meter. Stehen beide Spieler etwa einen Meter von der Platte entfernt, überwindet der Ball diese Distanz bei 60 km / h in 28 Hundertstelsekunden; bei einem Block – wenn der Spieler direkt an der Tischkante steht –, sind es 22 Hundertstel.

Höchstleistung im Grenzbereich

Die Reaktionszeit eines Menschen hängt ab von Alter, Geschlecht, Tageszeit und den Informationen, die er besitzt. Um einen optischen Reiz verarbeiten zu können, benötigt das Auge etwa 3 Hundertstel, das Großhirn weitere 12 Hundertstel, um das Geschehen zu verarbeiten. Bis zur Weiterleitung in die Muskulatur sind es noch einmal 3 bis 4 Hundertstel. Macht etwa 20 Hundertstel reine Leitungszeit, bis die Hand reagieren kann. Dann hat der Spieler noch keine Bewegung ausgeführt. Und er muss darüber hinaus erkennen und bewerten, welche Rotation der Ball hat, Überschnitt, Unterschnitt, Seitschnitt oder eine Mischung daraus. Er muss berücksichtigen, wo der Gegner steht, wohin er sich bewegt und entscheiden, wohin er den Ball spielen will. Alles in wenigen Hundertstelsekunden.

Tischtennisspieler bewegen sich permanent am Rande des biologisch Machbaren. Boll hat einmal gesagt: „Wenn du bei diesen Geschwindigkeiten nicht weißt, wohin der Ball geht, dann fliegt er dir um die Ohren. Du hast keine Zeit zu reagieren, du musst alles automatisch richtig machen.“ Das erfordere, sagt der Bundestrainer Jörg Roßkopf, selbst einmal Weltmeister und Olympia-Zweiter im Doppel, Olympia-Dritter im Einzel, „Antizipation, die nur möglich ist mit absoluter Fokussierung“. Ein Ballwechsel dauert häufig nur wenige Sekunden, ein Satz kann nach sieben, acht Minuten vorbei sein, ein Match auf vier Gewinnsätze in einer halben Stunde. Roßkopf: „Die mentale Anstrengung ist extrem, wenn du mit deinen Gedanken irgendwo anders bist, sind ruck, zuck drei, vier Punkte weg.“

Boll kann darüber ausführlich erzählen. 2002, beim ersten Matchball im Einzelfinale der EM, leistet er sich einen „kurzen Rundblick durch die Halle“. Prompt waren zwei Punkte weg. 2004, im Viertelfinale der Olympischen Spiele von Athen, sieht er, „dass der Südkoreaner am Nebentisch sein Match gewinnen würde“. Der Mann würde also im Falle eines Sieges sein nächster Gegner sein. Boll denkt darüber nach, dass er gegen ihn noch nie einen Satz abgegeben hat. Und verliert. Oder 2012. Olympische Sommerspiele in London. „Ich war in Top-Verfassung“, sagt Boll, „doch dann kommst du da hin, hast einen schlechten Auftakt, der Aufschlag funktioniert nicht, du merkst, wie der Kopf versteinert.“ Endstation Achtelfinale. Er müsse, sagt Boll, daher stets darauf achten, „meine Mitte“ zu finden.

„Das hat nichts mit Taktik oder Technik zu tun, ich versuche, in mich zu kommen, jeden Gedanken zu verlieren.“ Er habe sich mit Buddhismus und Meditation beschäftigt, seit einiger Zeit mache er Yoga, weshalb er sich zwischen den Ballwechseln „Mantras vorsinge, Verse vorsage, die mich zentrieren und von guten und schlechten Gedanken wegholen“. Es gehe um die Leere im Kopf. Das Nichts. Damit die Matrix greifen kann. Boll nennt es „Flow“, den Zustand, „in dem alles automatisch passiert“.

Es gibt wenige Tischtennisspieler, die sich länger in der absoluten Weltspitze behaupten konnten als Boll. Doch bei einer derart enormen fortwährenden Belastung bleiben Rückschläge nicht aus. Boll hat sie stets überwunden. Auch kurzfristig. Nach dem Aus im Einzel bei den Olympischen Sommerspielen 2012, gewann er im anschließenden Teamwettbewerb gegen den Olympiasieger aus China. 2013 spielte er zum wiederholten Mal in der chinesischen Superliga und besiegte den Weltranglistenersten.

Doch seine Konstanz hat nachgelassen, bedingt auch durch Verletzungen. Knie, Schulter, Rücken, Bizeps im Schlagarm. Irgendwas ist immer. In Lausanne hat er doch noch verloren gegen Ovtcharov, seinen Kumpel aus dem DTTB-Team, zum vierten Mal in Folge. Der ist sieben Jahre jünger, groß, kräftig, sein Spiel ist mitunter von brachialer Gewalt.

Ob er den ganz großen Titel noch gewinnt? Wird schwer. Was vor allem an den Chinesen liegt. Keiner kennt sie besser als Boll, der von einem rigiden Sportsystem erzählt, in dem bereits Kinder unter professionellen Bedingungen trainieren, betreut von hoch qualifizierten Trainern. Als er in China spielte, „dauerte jede Übung im Training dreimal so lange wie bei uns, am Ende war meine Schulter geschwollen, ich konnte kaum noch den Arm heben“, sagt Boll. „In China ist die Konkurrenz brutal, deine Trainingspartner sind Weltklasse, und Chinesen können sich bei internationalen Auftritten keine Niederlage erlauben, weil das ganze Land zuschaut und Siege erwartet.“

Konzentration, mentale Stärke, taktisches Geschick. Große Qualitäten in Verbindung mit Bolls anderen Talenten. Der Bundestrainer Roßkopf sagt: „Damit kann Timo die Vorteile der Chinesen ausgleichen.“ Überwinden nicht immer und nicht in jedem Moment. Es kommt noch etwas dazu. Und das hat weniger mit guten oder schlechten Gedanken zu tun und der Fähigkeit, sie auszuschalten. Wohl auch nicht mit einem Siegeswillen, der über all das hinausgeht.

2005 bei der WM in Schanghai spielte Boll im Achtelfinale gegen den Chinesen Liu Guozheng. Und hatte Matchball. Lius Rückschlag verfehlte die Platte. Die Schiedsrichter hoben den Arm. Boll hatte gewonnen. Was machte der? Er korrigierte die Entscheidung. Er monierte, der Ball habe die Kante des Tisches gestreift. Danach verlor er den Satz und wenig später das Match.

„Wofür macht man den Sport das ganze Leben lang?“, fragte Boll danach: „Natürlich auch um Geld zu verdienen, aber es ist vor allem eine große Liebe, und die betrügt man nicht.“ ---
Bolls Trophäen lagern im Keller seiner Eltern