Fiat Blick in die Bilanz

Was tun als Konzernchef, wenn die Firma Verluste schreibt, hohe Schulden und eine veraltete Produktpalette hat? Einfach einen profitablen Konkurrenten kaufen! Wie das funktioniert, zeigt Fiat-Boss Sergio Marchionne.





Seit 2004 sitzt Sergio Marchionne bei Fiat am Lenkrad. Dass er den italienischen Autobauer, dem Marken wie Alfa Romeo, Lancia, Maserati und Ferrari gehören, saniert hätte, kann man nicht behaupten. Damals setzte das Unternehmen knapp 47 Milliarden Euro um, Ende 2013 waren es fast 24 Prozent weniger, rund 35 Milliarden. Damals wie heute schreibt Fiat Verluste, wenn auch geringere (2004: 1,6 Milliarden, 2013: 441 Millionen). 2004 lag die Nettoverschuldung bei rund 5 Milliarden Euro, heute ist sie mit 10 Milliarden Euro doppelt so hoch. Immerhin: Die Traditionsfirma überlebte.

Das ist vor allem Marchionnes Finanzkompetenz und seinem Verhandlungsgeschick zu verdanken. Größe ist für ihn das alles Entscheidende im Autogeschäft. Er zielt auf einen Absatz von vier bis fünf Millionen Wagen pro Jahr – und den glaubte er mit Fiat nicht durch organisches Wachstum erreichen zu können. Er sparte, statt in innovative Modelle zu investieren, fuhr die Forschungs- und Entwicklungskosten zurück. Sie betrugen bei Fiat im dritten Quartal 2013 (für das Gesamtjahr wurde die Position noch nicht veröffentlicht) 3,2 Prozent des Umsatzes. Zum Vergleich: Daimler gibt 4,6 Prozent seiner Erlöse für neue Technik und Designs aus, BMW 6,8 Prozent. Und selbst bei einer Firma wie PSA Peugeot Citroën, die nicht für ihre Innovationskraft berühmt ist, sind es 3,4 Prozent. Während Marchionne Fiat so über Wasser hielt, machte er sich auf die Suche nach einem geeigneten Partner, im Visier immer mehr oder minder angeschlagene Firmen, unter anderem Opel, denn viel zahlen konnte er nicht.

Die Finanz- und Wirtschaftskrise trieb ihm 2009 Chrysler in die Arme, für den es keinen ernsthaften anderen Interessenten gab. Fiat übernahm 20 Prozent – zum Nulltarif. Ein guter Deal: Die US-Regierung trug die Hauptlast der Sanierung. Außerdem zog die Konjunktur unerwartet schnell wieder an und mit ihr die Autoverkäufe. Alle großen Hersteller, auch Ford und General Motors, erholten sich zügig. Chrysler setzte schon 2011 mit knapp 55 Milliarden Dollar mehr um als vor der Krise und schrieb schwarze Zahlen – ohne dass Marchionne die Produktpalette groß verändert hätte. Auch bei Chrysler hält er die Forschungs- und Entwicklungskosten mit 3,5 Prozent vom Umsatz niedrig.

Ende Januar übernahm Fiat für 4,35 Milliarden Dollar Chrysler komplett. Und das, obwohl die Italiener wieder mal kein gutes Jahr hatten. 246 Millionen blieben nach Herstellungskosten von 35 Milliarden Euro Umsatz übrig, 0,7 Prozent (PSA Peugeot Citroën: 15, Daimler: 21,6). Nach Abzug aller anderen Kosten entstand ein Verlust. Doch glücklicherweise musste Fiat den Kaufpreis zu weniger als die Hälfte selbst finanzieren – Chrysler zahlte: 1,9 Milliarden Dollar an Cash flossen sofort an den Verkäufer, die Gewerkschaftsholding Veba. Weitere 700 Millionen Dollar zahlen die Amerikaner in Raten. Nur die restlichen 1,75 Milliarden Dollar brachte Fiat selbst auf.

Ob der Deal auch Chrysler nützt, ist fraglich. Der europäische Markt, den Fiat der US-Firma öffnet, gilt als wachstums- und margenschwach, zudem verlieren die Italiener dort stetig Marktanteile, fielen von 8,7 Prozent (2009) auf 6 Prozent (2013) zurück. Auch in Südamerika, der zweitwichtigsten Region für die Italiener, läuft es schlecht. Der Plan, in großem Stil Klein- und Mittelklassewagen von Fiat in den USA abzusetzen, ging bislang nicht auf. Einzig die Luxusmarken Ferrari und Maserati verkaufen sich gut. Marchionne indes hat sein Ziel erreicht. Sein neues Unternehmen, FCA (Fiat Chrysler Automobiles), verkauft mehr als 4 Millionen Fahrzeuge jährlich, der Umsatz ist mehr als doppelt so hoch, es macht fast 2 Milliarden Dollar Gewinn, und die Nettoverschuldung beträgt dank der üppigen Barmittel bei Chrysler nun weniger als 10 Milliarden Dollar. ---

Fiat wurde 1899 von Giovanni Agnelli als reiner Fahrzeughersteller gegründet, wandelte sich aber durch Akquisitionen schnell zum Mischkonzern, der auch Flugzeuge und Kraftwerke produzierte. Anfang der Siebzigerjahre stiegen die Turiner zum größten Automobilkonzern Europas neben VW auf. In diese Zeit fielen allerdings bereits Fehlentscheidungen, die den späteren Niedergang einläuteten, etwa eine verfehlte Modellpolitik. Anfang des Jahrtausends schossen die Agnellis, die bis heute gut 30 Prozent der Fiat-Aktien besitzen, 750 Millionen Euro nach, wenig später verstarb der letzte Enkel des Gründers. Die Führung wurde Sergio Marchionne anvertraut. Die Firma beschäftigt gemeinsam mit Chrysler weltweit rund 215 000 Mitarbeiter.