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Verkehrte Welt

Es gibt sie: Finanzprofis, die im Interesse ihrer Kunden handeln – und im Zweifel sogar auf Profit verzichten. Wer das ist? Nicht die üblichen Verdächtigen. In dieser Geschichte sind die Bösen die Guten.





... und Simon Savage

• Der Gedanke liegt nahe: Wer sein Geld gut investieren möchte, also einen wirklich vertrauenswürdigen Experten sucht, nimmt den, der die meisten Kunden hat. Denn wären die alle da, wenn sie sich nicht anständig behandelt fühlten? So landet man als Anleger fast unvermeidlich bei der Deka, mit mehr als 120 Milliarden Euro an verwaltetem Vermögen der Marktführer unter den Anbietern von Investmentfonds in Deutschland, und stellt erfreut fest: Die Deka gehört zur Sparkassenorganisation. Das sind doch die Guten! Haben sich in der Finanzkrise kaum etwas zuschulden kommen lassen, tummeln sich nicht an den weltweiten Kapitalmärkten – was will man mehr? Von denen wird man ja wohl ein faires Angebot bekommen.

Werfen wir einen Blick auf das Geschäftsmodell, das im Wesentlichen mit dem anderer großer Fondsanbieter hierzulande identisch ist. Sie bieten einem Kunden, vereinfacht gesagt, Folgendes an: Du gibst uns dein Geld. Dafür bezahlst du eine Gebühr (genannt Ausgabeaufschlag) von bis zu fünf Prozent, die derjenige unserer Verkäufer erhält, der so nett war, dir das Geld abzunehmen. Den Rest bekommt ein Fondsmanager, der dein Erspartes anlegt. Dafür zahlst du jedes Jahr eine weitere Gebühr (Management-Fee) von bis zu drei Prozent, und zwar egal, ob er seinen Job gut oder schlecht macht. Einverstanden?

Wenn Sie einmal ein ganz anderes Geschäftsmodell aus der Investmentbranche kennenlernen wollen – nur so zum Spaß, denn es ist nicht für Normalverbraucher gedacht –, fliegen Sie nach London. Sie nehmen dann einen Zug in die Innenstadt, wechseln in die Victoria Line und steigen schließlich an der Station Green Park aus. Es ist schön dort in Mayfair, der Buckingham Palace ganz in der Nähe, der Park direkt gegenüber, daneben das „Ritz“ mit seinen malerischen Arkaden. Doch lassen Sie sich nicht täuschen: Sie sind auf dem Weg zu den Bösen. Wie böse? Sehr böse. Sie managen Milliarden, und man wirft ihnen vor, mit ihren risikoreichen und oft kreditfinanzierten Strategien die Kapitalmärkte zu destabilisieren. Dennoch: Verglichen mit Deka & Co., sind sie gar nicht so übel – zumindest wenn es um den Umgang mit ihren Kunden geht. Die Rede ist von Hedgefonds.

1 Curzon Street, fünf Gehminuten vom Green Park entfernt, ein weißes Bürohaus. Empfangsdamen kontrollieren streng jeden Besucher, dann geht es hinauf in den zweiten Stock, wo Simon Savage, 45, wartet. Er ist Hedgefondsmanager bei GLG Partners, die umgerechnet 23 Milliarden Euro an Kundenvermögen verwalten. Ein Zwerg im Vergleich zur Deka. Savages Kunden indes sind größer als die der Sparkassentochter: Pensionskassen oder Dachfonds und reiche Privatanleger. In jedem Falle sind sie Profis oder werden von Profis beraten, was gut ist. Denn es hat gravierende Auswirkungen auf das Gebaren von GLG und allen anderen Vertretern ihrer Zunft. Savage: „Wir dürfen bei der Qualität unserer Produkte keine Kompromisse eingehen.“

Was Hedgefonds ihren Kunden offerieren, sieht so aus: Du überlässt uns dein Geld. Wir geben es einem Fondsmanager und sorgen dafür, dass er es gut anlegt. Du zahlst uns eine Managementgebühr von maximal zwei Prozent. Und wenn mindestens zehn Prozent Gewinn im Jahr für dich herauskommen, gibst du uns 20 Prozent davon ab. Wenn nicht, bekommen wir auch nichts und feuern den Fondsmanager. Einverstanden?

Man muss nicht lange grübeln, um zu erkennen, welches der beiden Angebote, das der großen Investmentkonzerne oder das der Hedgefonds, im Interesse der Kunden ist: Erstere verdienen am meisten, wenn sie viel Kapital einsammeln – was den Anlegern nicht das Geringste bringt; Letztere profitieren vor allem, wenn sie eine hohe Rendite erwirtschaften. Das freut beide Seiten. Die gute Nachricht ist: Es scheint, als würde sich das Geschäftsmodell der Hedgefonds nun auch in jenem Teil der Investmentwelt durchsetzen, zu dem nicht nur Groß-, sondern auch normale Anleger Zugang haben. Das erfolgreiche Vorbild von GLG und anderen inspiriert junge Leute, ihnen nachzueifern; und sogar erfahrene Banker aus den großen Firmen steigen aus und starten noch einmal neu durch. Und viele Kleininvestoren folgen ihnen. Denn die Fakten lassen sich nur noch schwer ignorieren.

Ansgar Guseck, 37, beschäftigt sich seit Langem mit diesem Thema. Die Kölner Firma Sauren Finanzdienstleistungen, deren Research er leitet, ist einer der größten Dachfondsverwalter hierzulande. Bei Sauren machen sie tagein, tagaus nichts anderes, als herauszufinden, welches die besten Fonds sind, um dann die 2,5 Milliarden Euro, die Kunden ihnen anvertraut haben, möglichst gewinnbringend zu investieren. Guseck ist dabei auf folgendes Phänomen gestoßen: Fonds schneiden eine Zeitlang überdurchschnittlich ab, ihnen fließt daraufhin viel Geld zu – und genau dann lässt ihre Wertentwicklung drastisch nach. „Im Schnitt“, zitiert Guseck eine Studie der Universität Gießen, Exeter und der Cass Business School, „schneiden diese Fonds nach den hohen Mittelzuflüssen 2,5 Prozentpunkte schlechter ab als solche Fonds ohne größere Mittelbewegungen.“

Gilt das unabhängig davon, wie gut der Fondsmanager ist? Der Analyst ist überzeugt: „Selbst wenn er außergewöhnlich gut ist, wird es immer schwieriger für ihn, wenn der Fonds zu groß wird.“ Da die Inhalte der Studie in der Branche bekannt sein dürften und 2,5 Prozentpunkte Rendite pro Jahr nicht wenig sind, stellt sich die Frage: Was tut eine kundenfreundliche Anlagefirma, wenn einem Fonds Millionen über Millionen oder gar Milliarden zufließen?

„Es war, als stünden wir nackt auf der Straße“

Einer, der live dabei war, ist Graham Clapp, 53, in Hemdsärmeln mit gelben Hosenträgern und dröhnendem Bass der Prototyp des kernigen Fondsmanagers. In Deutschland war er mal ein Superstar – in der Szene. Von 2002 bis Ende 2006 managte er den größten europäischen Aktienfonds, den European Growth Fund der US-Fondsgesellschaft Fidelity. Als Clapp ihn übernahm, war er rund acht Milliarden Euro schwer, am Ende seiner Dienstzeit lag das Volumen bei gut 20 Milliarden. Fidelity unternahm nichts, um die Zuflüsse zu stoppen.

Clapp war bis dahin ein sehr erfolgreicher Manager. Deshalb wurde ihm das Flaggschiff anvertraut, für das er stetig nach den besten Anlagemöglichkeiten suchte. „Ich habe in meinem Berufsleben circa 15 000 Treffen mit Unternehmenschefs gehabt, Hunderte im Jahr, viele von ihnen habe ich 10- oder 15-mal getroffen“, erinnert er sich. „Und doch wurde es durch die schiere Größe des Fonds immer schwerer, gute Investment-Ideen umzusetzen. Bei 200 Positionen in einem 20-Milliarden-Fonds hält man im Schnitt Anteile an einem Unternehmen im Wert von 100 Millionen Euro. Da haben Sie nicht mehr viele Möglichkeiten.“

Ein paar Börsendaten helfen, das zu verstehen. Von einem Konzern wie der Deutschen Lufthansa etwa werden aktuell rund 66 Millionen Aktien am Tag gehandelt. Bei einem Kurs von um die 19 Euro bedeutet das einen Umsatz von gut 1,2 Milliarden Euro. Eine Position von 100 Millionen Euro entspricht damit schon knapp zehn Prozent des Marktes. Egal, ob sie verkauft oder aufgebaut, also Angebot oder Nachfrage erhöht werden soll – in jedem Fall wird die Masse an Papieren den Preis beeinflussen.

Bei mittleren Firmen wird das Problem noch größer. Das IT-Unternehmen Wincor Nixdorf etwa steht für Börsenumsätze von rund 280 Millionen Euro täglich. Da ist ein Paket im Wert von 100 Millionen Euro kaum noch handelbar. Clapp: „Selbst bei Bluechips haben unsere Händler bei Fidelity oft Monate gebraucht, um eine Position auf- oder abzubauen.“

2006 kündigte er nach 22 Jahren bei Fidelity. Heute sitzt Clapp entspannt im Konferenzraum seiner Londoner Firma Pensato Capital, mit der er 500 Millionen Euro verwaltet. Das ist immer noch ein dicker Batzen, und doch viel leichter zu verwalten. Jetzt dauert es meist nur ein oder zwei Tage, um eine Idee umzusetzen. Clapp ist viel schneller und flexibler. Sein Blick geht über die Dächer von Mayfair, und er gibt eine Anekdote aus Fidelity-Zeiten über den Verkauf von Aktien einer großen türkischen Bank zum Besten. „Ich gab unseren Händlern den Auftrag, alles zu verkaufen. Plötzlich kollabierte der Kurs. Ich hatte einen türkischen Assistenten und rief ihm zu: Ruf ein paar Broker in der Türkei an, frag sie, was da los ist!“ Heute kann Clapp über die Antwort lachen. „Ein Broker sagte ihm, die Sonne werde über dieser Bank erst wieder aufgehen, wenn Fidelity alle Aktien verkauft habe. Der ganze Markt wusste über unseren Verkauf Bescheid! Es war, als stünden wir nackt auf der Straße.“

Bei Hedgefonds wie GLG tun sie alles dafür, dass solche Situationen gar nicht erst entstehen. Simon Savage und seine Kollegen treffen daher regelmäßig eine Entscheidung, die professionellen Gewinnmaximierern Tränen in die Augen treiben müsste: Sie schließen einen Fonds. Mitte 2012, als er umgerechnet gut eine Milliarde Euro groß war, war der von Savage mit gemanagte und sehr beliebte Fonds European Equity Alternative dran. GLG hätte vermutlich gut noch mehr Geld einsammeln können, was eine sichere Managementgebühr bedeutet hätte. Savages Kommentar: „Es ist der einzige Weg. Man läuft sonst Gefahr, seine Anleger zu enttäuschen, die basierend auf der vergangenen Performance, etwa 10 oder 15 Prozent Rendite erwartet haben.“

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Hedgefonds sind beileibe keine Heiligen. GLG musste unlängst an die US-Wertpapieraufsicht SEC wegen Kursmanipulation bei einem ihrer Fonds eine Strafe von neun Millionen Dollar zahlen. Ein Großanleger klagte wegen Fehlberatung bei einem komplexen Swap. Für die Kunden sind indes folgende Fragen entscheidend: Haben die Fehltritte System? Oder ist das Geschäftsmodell so beschaffen, dass im Normalfall ihre Interessen im Mittelpunkt stehen oder sogar identisch sind mit denen des Unternehmens?

Eine wachsende Zahl vor allem inhabergeführter, aber auch einiger größerer Fondsgesellschaften, die weniger von großen Vertriebsnetzen als von Mundpropaganda und Empfehlungen durch Experten wie Sauren leben, richten sich mittlerweile ähnlich wie die Hedgefonds aus. Sie wachsen trotzdem, langsamer allerdings, als sie könnten, würden sie ihre Kapazitäten nicht freiwillig beschränken. Bis zu einer gewissen Grenze dürfen ihre bestehenden Fonds anschwellen; wollen sie noch größer werden, müssen sie zusätzliche Teams an Bord holen. Dann entstehen neue Fonds mit neuen Anlagestrategien, in die wieder Kundengeld fließen kann. Nach diesem Prinzip geht etwa die britische Fondsgesellschaft GAM vor. Oder der deutsche Anbieter Discover Capital, 2004 gegründet von zwei Absolventen der Augsburger Universität und bis heute dort beheimatet.

Squad Value hieß ihr erstes Produkt, spezialisiert auf unterschätzte kleinere Börsenfirmen. „Es war eine ideale Zeit, um zu starten“, sagt Gründer Stephan Hornung, 38. „Viele konkurrierende Nebenwertefonds waren mit dem Zusammenbruch des Neuen Marktes verschwunden.“ Zu Anfang übertrieben sie es ein wenig mit ihrer Vorsicht beim Volumen. Überrascht und überwältigt davon, wie schnell die Millionen hereinrauschten, machte Discover nur wenige Monate nach Auflegung zu – bei 60 Millionen Euro. Später öffneten sie den Fonds wieder, heute ist der Squad Value 210 Millionen Euro schwer.

Dabei soll es bleiben. Die Gründer haben ihre Marketingaktivitäten weitgehend eingestellt. Sie wollen kein Interesse bei neuen Anlegern auslösen. Selbst bestehende Investoren stünden schon auf der Warteliste. Ein Treffen mit brand eins lehnten die Fondsmanager ebenso ab wie ein Foto, gaben nur telefonisch und sehr zurückhaltend Auskunft. Schade – aber zweifellos im Interesse ihrer Kunden. ---