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Soll der Staat die Arbeitszeiten begrenzen?

In Deutschland regelt das Gesetz, wie lange man arbeiten darf und Pause machen muss. Passt das noch zu der gewandelten Arbeitswelt?





• Es klang nach einer Revolution, was die amerikanische Elektronikkette Best Buy vor zehn Jahren ankündigte: Wann, wo und wie lange sie arbeiten – darüber durften fortan die Mitarbeiter selbst entscheiden. Das Einzige, was zählte: Am Ende musste das Ergebnis stimmen. Rowe heißt das Konzept, kurz für Results Only Work Environment.

Feste Arbeitszeiten, Anwesenheitspflicht, fixe Besprechungstermine wurden abgeschafft und die Verantwortung für die Arbeitsorganisation weitgehend den Mitarbeitern überlassen. Vormittags einkaufen, mit den Kindern nach der Schule ins Kino und dafür abends die E-Mails abarbeiten, alles war möglich (vgl. brand eins 5/2007, „Große Freiheit“).

Das Unternehmen bekam vergangenes Jahr einen neuen Chef, der das Experiment beendete. Er meinte, nur mit möglichst viel Personal in den Büros flexibel genug sein zu können. Dabei war die Bilanz von Rowe beeindruckend: Nach der Einführung erhöhte sich die Produktivität um bis zu 41 Prozent. Die Mitarbeiter waren zufriedener, weil sich Familie und Beruf besser vereinbaren ließen, die Fluktuation ging deutlich zurück. Auch andere Firmen wie Gap oder Banana Republic sind inzwischen auf Rowe umgestiegen.

In Deutschland wäre ein solches System rein rechtlich nicht zulässig: Das Arbeitszeitgesetz schreibt vor, dass im Durchschnitt nicht mehr als acht und maximal zehn Stunden pro Tag gearbeitet werden darf, dass nach sechs Stunden Pause gemacht werden muss und zwischen Feierabend und Arbeitsbeginn mindestens elf Stunden Ruhezeit zu liegen haben. Dahinter steht der Gedanke, dass zu viel Arbeit die Gesundheit gefährdet. Doch wie sinnvoll sind solche Bestimmungen heute noch?

Bei immer mehr Angestellten kommt es nicht mehr auf die körperliche, sondern auf geistige Präsenz an: Es zählt eine gute Idee, die sich schwer an Ort oder Zeit knüpfen lässt. Zudem vermischen sich zunehmend das Private und die Arbeit. Im Büro schnell mal den Urlaub übers Internet buchen, Facebook checken und dafür abends auf dem Sofa noch eine E-Mail beantworten – durch Smartphones und Co. verschwimmen die Grenzen.

Nur: Wer die Kinder ins Bett gebracht hat und sich danach noch mal an die Idee vom Nachmittag setzt, handelt streng genommen illegal. „Ein Verstoß gegen das Arbeitszeitgesetz kommt täglich vor“, sagt Christian Schlottfeldt, der als Rechtsanwalt Unternehmen bei der Entwicklung von Arbeitszeitmodellen berät. Dafür belangt werde allerdings kaum jemand.

Könnte man dann nicht wie in den USA auf starre Regelungen verzichten? Dagegen spricht zum einen ein prakti-scher Grund: Eine EU-Richtlinie schreibt den Mitgliedstaaten Mindeststandards vor, darunter eine Höchstarbeitszeit von 48 Stunden in der Woche und eine Mindestruhezeit von elf zusammenhängenden Stunden. Und es gibt noch ein anderes Gegenargument: Es mag zwar immer mehr Arbeitnehmer geben, die sich nicht vom Staat bevormunden lassen wollen. Doch dass die einen mehr arbeiten wollen, sollte nicht dazu führen, dass andere mehr arbeiten müssen. Nicht jeder Angestellte kann über seine Aufgaben und Zeiteinteilung selbst entscheiden. Eine Gesetzesänderung würde eben nicht nur für jene gelten, die sich 14 Stunden täglich mit Freude an einem Projekt festbeißen wollen, sondern auch für Beschäftigte, die der Chef dazu verdonnert.

Daher sind viele Forscher dagegen, dass die Vorschriften gelockert werden. „Man muss die große Menge an durchschnittlichen Arbeitnehmern schützen“, sagt Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung.

Immer pünktlich ins Bett

Eine völlige Liberalisierung fordert denn auch kaum jemand – eine Lockerung dagegen schon. Der Berater Schlottfeldt schlägt vor, über eine Aufteilung der elf Stunden Ruhezeit nachzudenken. Bislang dürfen die nicht unterbrochen werden. „Dahinter steht das Leitbild einer täglichen Arbeitsschicht“, sagt er. „Das ist überholt in einer Zeit, in der man von überall aus arbeiten kann.“

Praktikabler sei es, die Ruhezeit in einen kürzeren und längeren Abschnitt aufteilen zu können, sodass zum Beispiel nicht mehr gegen das Gesetz verstößt, wer E-Mails nach dem Abendessen beantwortet.

Die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände (BDA) fordert zudem, von einer täglichen Begrenzung der Arbeitszeit umzustellen auf eine Wochenarbeitszeit, wie es die EU-Richtlinie vorsieht. So könnte an einem Tag auch mal länger als zehn Stunden gearbeitet werden, solange das an einem anderen wieder ausgeglichen wird.

Auch bei einer Lockerung des Gesetzes stellt sich die Frage: Wie schafft man den Spagat zwischen ausreichend Schutz für die einen und mehr Selbstbestimmung für die anderen? Eine Lösung könnten differenziertere Regeln sein. Der Berater Schlottfeldt plädiert für flexible Regelungen, abhängig vom jeweiligen Job. Während Lkw-Fahrer nicht länger als zehn Stunden täglich am Steuer sitzen sollten, seien bei einer Tätigkeit im Home Office vielleicht auch zwölf Stunden vertretbar.

Bereits jetzt sind bestimmte Gruppen wie leitende Angestellte oder Chefärzte von den gesetzlichen Regelungen ausgenommen. Warum nicht auch Wissensarbeiter?

Dass Ausnahmen möglich sind, zeigte die Bundesregierung im vergangenen Jahr: Seit August 2013 gilt die Offshore-Arbeitszeitverordnung. Um den Aufbau von Windkraftanlagen im Meer und damit die Energiewende zu beschleunigen, darf in dieser Branche nun bis zu zwölf Stunden sowie an Sonn- und Feiertagen gearbeitet werden.

Viele Fachleute sehen mehr Handlungsbedarf bei einer modernen Arbeitszeitgestaltung, die den Beschäftigten erlaubt, dabei mitzureden, wie die Arbeit im Unternehmen organisiert wird. Wichtiger als die Möglichkeit, die Arbeitszeit ins Unendliche auszudehnen, ist es demnach, sie den eigenen Bedürfnissen anpassen zu können.

Wie das gehen kann, zeigt die Darmstädter Software AG. Dort richten sich beispielsweise mehr als die Hälfte der Mitarbeiter nicht mehr nach festgelegten Zeiten, sondern nach Zielen. Wie, wo und wann sie daran arbeiten, ist ihnen weitgehend freigestellt.

Im Gegensatz zu den amerikanischen Kollegen von Best Buy müssen sie zwar jede Minute, die das tägliche Acht-Stunden-Limit überschreitet, dokumentieren und ausgleichen. Die Mitarbeiter seien teilweise genervt von dieser Aufzeichnungspflicht, sagt die Leiterin des Personalwesens. Dennoch zeigt das Beispiel: Eine Art Rowe light ist auch hierzulande möglich. ---