Partner von
Partner von

Können wir Ihnen helfen?

Finanzbeamte, die es den Bürgern so einfach wie möglich machen. Ein Traum? In den Niederlanden ist er Wirklichkeit.





• Der Unternehmensberater Arne Gillert ist nicht der Einzige, der sich über das Labyrinth des deutschen Steuerrechts wundert. Seit er in den Niederlanden lebt, weiß er, dass es auch anders geht. Hier sein Erfahrungsbericht:

„Ich habe mich 2002 in den Niederlanden selbstständig gemacht und bei der Handelskammer angemeldet. Daraufhin bekam ich einen freundlichen Anruf vom Finanzamt. Der zuständige Sachbearbeiter gratulierte mir zu meiner Selbstständigkeit und fragte, ob wir uns mal treffen könnten, damit er mir erklären könne, wie das steuerlich alles funktioniert. Er hat mich zu Hause besucht. Natürlich hat er in meiner Wohnung alles Relevante gesehen, um mir zu erklären, wie ich mein Home Office absetzen kann. Das hat auch etwas von Kontrolle, aber das ganze Auftreten war das eines hilfsbereiten Dienstleisters. Er hat mir sogar geholfen, den Fragebogen zur Ersterhebung auszufüllen. Mein Umsatz lag im ersten Jahr vielleicht bei 50 000, 60 000 Euro. Der Sachbearbeiter hat mir geraten, mich bei bestimmten Fragen an meinen Steuerberater zu wenden, seine Aufgabe sei es nur, mir die Regeln zu erklären, und nicht, mich zu beraten, wie ich Steuern sparen kann.

Mein Steuerberater in den Niederlanden macht auch die Buchhaltung. Ich schicke ihm die Belege und meine Kontoauszüge, mehr nicht. Auch bei Bewirtungskosten oder Reisekostenabrechnungen genügen die Belege, ohne Erklärungen, weshalb ich wann zu welchem Termin gereist bin. Ich muss im Normalfall nicht nachweisen, weshalb Bewirtungskosten entstanden sind. Solange das Verhältnis zwischen Unternehmensumsatz und diesen Kosten nachvollziehbar ist, ist das okay.

Der Datenschutz ist in den Niederlanden weniger streng als in Deutschland. Jeder Bürger hat eine digitale Identität, mit der sich vieles online regeln lässt. Das Finanzamt hat fast alle relevanten Informationen, von Kontobewegungen und Daten der Sozialversicherungsträger bis zum Wert meines Hauses. Aufgrund dieser Daten füllt das Finanzamt meine Steuererklärung aus und schickt sie mir. Ich kann sie mit Nachweisen ergänzen und korrigieren. Weil das Finanzamt über immer mehr Daten verfügt, ist es auch immer besser geworden: Die IT-Abteilung gilt als ausgesprochen anspruchsvoll und kompetent.

Seit zwei Jahren habe ich ein Tochterunternehmen in Hamburg. Hätte ich vorher genau gewusst, was an Steuer-Bürokratie auf mich zukommt, hätte ich mich vielleicht dagegen entschieden, eine Firma in Deutschland aufzubauen, und stattdessen lieber von Holland aus für die deutschen Kunden gearbeitet.

Mein Hauptwohnsitz und der Schwerpunkt meiner Arbeit sind in den Niederlanden, dort zahle ich meine Einkommensteuern. Die Einkommensteuersätze sind höher als in Deutschland, aber das ganze Prozedere ist weniger kompliziert. Ich zahle lieber die höheren niederländischen Steuern, als mit der deutschen Gesetzgebung zu tun zu haben. Das niederländische Steuersystem wurde vor anderthalb Jahrzehnten radikal vereinfacht. Es wäre heute dort undenkbar, dass das Versprechen, das Steuerrecht zu vereinfachen, irgendjemanden als Wahlkampfthema interessieren würde.

Wir brauchen für das Unternehmen in Deutschland einen höher qualifizierten und entsprechend teureren Steuerberater als in den Niederlanden. Bezogen auf den Unternehmensumsatz, sind die Kosten für die Steuerberatung in Deutschland doppelt so hoch wie in den Niederlanden.

Ein großer Unterschied ist, dass in Deutschland sehr regelgerecht entschieden wird. In den Niederlanden haben die Sachbearbeiter in den Behörden – nicht nur im Finanzamt – größere Ermessensspielräume, die oft im Dienst der Kundenzufriedenheit genutzt werden. Man will die Leute nicht unnötig mit Bürokratie behelligen. Man hält sich an die Regeln, aber notfalls macht man auch eine Ausnahme. Das liegt in der Kultur.

Unsere Beratung richtet sich darauf, Wissen in Organisationen produktiv zu machen. Dabei geht es immer auch um Lernen im weitesten Sinne. Beratungsdienstleistungen sind mehrwertsteuerpflichtig, Bildungsdienstleistungen sind nach EU-Recht mehrwertsteuerfrei. Wir wollten von den Finanzämtern gern wissen, wofür wir Umsatzsteuer zahlen müssen und wofür nicht. In den Niederlanden funktioniert es so, dass man das Finanzamt anruft und sagt, wir haben ein Problem, können wir das gemeinsam klären, auch, damit wir Rechtssicherheit haben. Der Sachbearbeiter hat uns besucht, wir haben alles transparent gemacht und zusammen geklärt, wie wir unser Angebot jeweils steuerrechtlich einordnen, freundlich und unkompliziert.

In Deutschland haben wir dasselbe Problem. Der Steuerberater hat nur mitleidig gelächelt, als ich ihm vorgeschlagen habe, dass wir es genauso machen wie in den Niederlanden. Hier kann man dem Finanzamt nur einen Brief schreiben, etwas beantragen und auf den Bescheid warten, so sagte er.

Wenn Steuerpflichtige in den Niederlanden Fragen haben, können sie bei einem Callcenter des Finanzamtes anrufen, das funktioniert sehr unkompliziert. Kollegen von mir haben dieses Callcenter beraten. Es ging darum, eine Kultur zu schaffen, in der sich die Mitarbeiter weiterentwickeln können, in der Lernprozesse in die Arbeit integriert sind. Das Ziel war, im Dienst der Kunden für eine gute Arbeitsatmosphäre in diesem Callcenter zu sorgen.

Die ganze Haltung ist eine andere. In den Niederlanden bemüht sich das Finanzamt darum, sympathisch zu wirken. Es hat einen professionellen Marketingauftritt und einen eigenen Werbe-Claim, den jeder Holländer kennt: ,Leuker kunnen we het niet maken. Wel makkelijker.‘ Das ist etwas selbstironisch: ,Angenehmer können wir es nicht machen. Nur einfacher.‘ Das Finanzamt sagt, wir wissen, dass niemand gern Steuern zahlt, aber wir geben uns Mühe, dass es wenigstens unkompliziert ist. Im Jobmarketing wirbt das Finanzamt mit dem bezeichnenden Satz: ,Traust du dir zu, für 16 Millionen Menschen zu arbeiten?‘ “ ---
Arne Gillert, Jahrgang 1969,
ist Partner der Unternehmensberatung Kessels & Smit. Er lebt und arbeitet mit Unterbrechungen seit 1989 in den Niederlanden. Seit 2012 betreibt er eine Dependance der Firma in Hamburg.
Eingangssteuersatz bis zu einem Jahreseinkommen von 19.645 Euro37 %
Spitzensteuersatz ab 55 991 Euro Jahreseinkommen52 %
Belastung von Arbeitnehmern mit Einkommen-/Lohnsteuer und Sozialabgaben 2012, in Prozent des Bruttoarbeitslohns:
- alleinstehend, ohne Kind, Durchschnittseinkommen31,9 %
- verheiratet, 2 Kinder, Alleinverdiener, Durchschnittseinkommen28,7 %
BIP pro Einwohner 201336.654 Euro
Eingangssteuersatz bis zu einem Jahreseinkommen von 8131 Euro14 %
Spitzensteuersatz ab 250.730 Euro Jahreseinkommen45 %
Belastung von Arbeitnehmern mit Einkommen-/Lohnsteuer und Sozialabgaben 2012, in Prozent des Bruttoarbeitslohns:
- alleinstehend, ohne Kind, Durchschnittseinkommen39,9 %
- verheiratet, 2 Kinder, Alleinverdiener, Durchschnittseinkommen21,3 %
BIP je Einwohner 201333.809 Euro