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Manfred Klimek Kolumne

Dinge gehen kaputt. Das ist der Welten Lauf. Unser Autor nimmt das persönlich.





• Ich habe mein nagelneues iPhone auf den Holzfußboden geworfen. Mehrmals. Dann auf den Estrich in der Küche. Dann habe ich es an die Wand geschleudert. Es hat überlebt. Knapp. Eigentlich wollte ich mit dem Ding all das machen, was Julija Timoschenko angekündigt hat, mit Wladimir Putin zu tun. Aber ich hatte keine großkalibrige Schusswaffe zur Hand.

Warum ich ausgerastet bin? Das Scheißteil hat nicht funktioniert! Ich habe ihm nach dem Kauf die klitzekleine SIM in den Rachen gedrückt und nach dem Start gewartet, dass es ein Netz findet. Doch es hat kein Netz gefunden. Minuten! Stunden! Nicht einmal mein W-Lan konnte es erkennen. Dafür aber drei andere Stationen: „Spongebob Squarepants“, „La Pimpa“ und „Fickdich“ – nicht wundern, es ist Berlin –, die aus weit entfernten Wohnungen herüberstrahlen. Dort, wo die Welt noch in Ordnung ist.

Andere Menschen würden jetzt zu ihrem alten Gerät greifen und das neue, kaputte am Tag danach umtauschen. Ich nicht. Ich will, dass dieses Telefon sofort funktioniert. Oder sofort stirbt. Denn es ist eine Verschwörung. Gegen mich.

Sie hat wahrscheinlich mit diesem Karma-Dings zu tun, an das ich nicht glaube. Es ist zudem eine Verschwörung, die schon mein ganzes Leben lang läuft. Ich müsste dieses Komplott längst der Bundesanwaltschaft melden, doch ich glaube, dass mich die Beamten in ein anderes Zimmer bitten, wo mich zwei Muskelschränke zu Boden reißen und mir eine osteuropäische Krankenschwester – dem Aussehen nach eine ehemalige Hammerwerferin der DDR – eine Spritze in den Hintern verpasst. Danach schlafe ich ein paar Stunden und wache in einem Gebäude mit vergitterten Fenstern auf. Weit weg von jeder Stadt, fern von Facebook und Twitter, an einem Ort, an dem man meine Schreie nicht hört. Denn die stecken alle unter einer Decke.

Pssst! Nicht weitersagen: Meine Elektrogeräte wollen mich in den Wahnsinn treiben. Alles, was eine Steckdose benötigt und von mir legal oder illegal erworben wurde, verweigert seinen Dienst. Und das entweder gleich nach dem Kauf oder am ersten Tag nach Ende der Garantiezeit. Sie glauben mir nicht? Ich würde es auch nicht glauben. Aber es ist wahr.

Es gibt etliche Zeugen. Zum Beispiel meine Exfrau. In der Scheidungsverhandlung vor dem Bezirksgericht übergab sie dem Familienrichter einen Ordner mit der Aufschrift „Telekommunikationsgeräte 1989 – 1997“. Dort war nachzulesen, dass ich während der gemeinsam verbrachten Lebensjahre 16 Apparate zertrümmert habe. Was sollte ich dagegen vorbringen? Es ist ja wahr.

Mein Anwalt warf mir einen Blick zu, der mich erkennen ließ, dass er erst da draufkam, welchem Irren er seit Jahren Beistand leistete. Der Richter begann, die ganze Liste laut vorzulesen. „April 1990: Mehrfaches Einschlagen mit einem Hauswerkzeughammer auf ein Faxgerät der Marke Panasonic, bis das Gerät in vielen Trümmern in der Wohnung verstreut lag. September 1990: Eine Fax-Drucker-Kombination der Marke Canon mit einem Fußtritt auf den Hausgang und dann mit weiteren drei Fußtritten die Stiegen hinabgestoßen. Danach unter lautem Geschrei dem bereits schwer beschädigten Gerät unter Zuhilfenahme eines Küchenmessers der Marke Zwilling die Elektronik herausgeschnitten und die Innereien aus einem Fenster in den Hof des Hauses Zollergasse 11 geworfen. Juni 1995: Ein Mobiltelefon der Marke Sony in Mautern bei Krems“ (exzellentes Weinbaugebiet, so nebenbei) „aus dem Auto geworfen, die Fahrerin zum Halten und Umdrehen genötigt und dann nach dem Aussteigen der Fahrerin befohlen, mehrfach über das Kleingerät zu fahren, bis dessen Körper zersprungen war. Danach die Platinen und verbliebenen Einzelteile bis zur Pulverisierung zertreten.“ Ich kann mich gut erinnern. Auch an die Blicke der auf dem Parkplatz herumstehenden Braunschweiger Bustouristen.

Es begann 1981. Da habe ich mir von meinem ersten ehrlich erworbenen Geld (also nicht jene Knete, die ich beim illegalen Zocken im Wiener Prater einsackte) eine hochwertige Stereokombination gekauft: Plattenspieler von Dual, Kassettendeck von ITT und einen Verstärker von Marantz. Schweineteuer, aber ich wollte die lebensfeindlichen Lieder von Joy Division und Tubeway Army in einer mir erträglichen Qualität in die Ohren geschraubt bekommen. Was war? Der Dual ließ sich erst gar nicht in Betrieb nehmen, und der Verstärker brachte nur ein Krächzen heraus. Die Geräte mussten in die Werkstatt. Da Dual keine Vertretung in Wien hatte, fuhr das Gerät per Bahn zurück in den Schwarzwald und hing bei seiner Rückkehr wochenlang im Zoll fest. Der Verstärker blieb im Lande, kehrte auch bald wieder, krächzte aber weiterhin.

Und nun begann auch das Kassettendeck jedes Band zu verschlucken, vor allem die teuren von BASF, die mit den Songs (heute sagt man Tracks), die ich für herzhafte Petting-Stunden mit meiner damaligen Freundin ausgewählt hatte. Drei Jahre später waren alle Komponenten endgültig verstorben. Ich war verzweifelt. Doch noch wurde ich nicht gewalttätig.

Die nun nachfolgenden Hightech-Geräte der Marken Thorens, Linn und NAD hielten genau ein Jahr und einen Tag. Irgendwer hatte ihnen die Order gegeben, den Betrieb genau nach Verlöschen aller Garantieansprüche einzustellen. Eines Abends, es war 1988, öffnete ich das Fenster meiner Wohnung (vierter Stock) und ließ den Thorens genau auf die damals noch metallischen Hausmülltonnen plumpsen. Was für ein befreiender Moment! Doch der Krach rief Polizisten auf den Plan, die mir eine Anzeige wegen Störung der öffentlichen Ordnung verpassten. Meiner Bitte, die restlichen Geräte wegen Hochverrats zu verhaften, konnte die Exekutive nicht entsprechen. Wie gesagt: Die stecken alle unter einer Decke.

Waren es anfangs nur die Geräte der Unterhaltungselektronik, so verweigerten vor der Jahrtausendwende auch größere stromschluckende Apparaturen des Haushalts ihren Dienst. Was soll mir das alles sagen? Ich habe keine Antwort. Was will das Schicksal? Gibt es den Geist in der Maschine? Und ist es ein Geist, der von Gerät zu Gerät springt? Und warum macht er das? Will er, dass ich in eine abgelegene Hütte in die Berge ziehe? Wer war ich in meinem früheren Leben? Nikola Tesla? Graham Bell? Christian Schwarz-Schilling? Arthur Koestler?

Bin ich ein ausgesuchtes Exemplar der Spezies Mensch, ein Versuchskaninchen elektrischer Geräte? Demnächst, so lese ich, kann man Strom einfach durch die Luft in die Geräte schicken. Dann wird mein Maschinengeist Volt und Watt bündeln und gegen meine Brust schleudern. So wie man es aus Hollywood-Filmen kennt. Dagegen hilft keine Stiftung Warentest. ---