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Der Erfinder <i>und</i> die Wahrheit

Ein Mann entwickelt ein Produkt, mit dem Unternehmen vielleicht viele Hunderte Millionen Euro hätten einsparen können. Jetzt ist er ruiniert und wittert eine Intrige.





• David Iolaos ist Kung-Fu-Lehrer. Mit sehr hohem Dan. Er hatte eine eigene Kampfsportschule. Er wandert durch Wüsten. Er steigt auf sehr hohe Berge im Himalaya. Davon erzählt der Physiker gern. Und er zeigt gern Fotos von sich und Bundesministern an einem Messestand mit seinem alten Firmenlogo. Die Minister beglückwünschen ihn zu seinen Innovationspreisen. Im Hauptberuf ist Iolaos Erfinder. Auf den Bildern mit den lächelnden Politikern, die seine Hand schütteln, muss er Anfang 40 gewesen sein. Heute geht er auf die 50 zu. Seine alte Firma gibt es nicht mehr. Aus seinem Berufsleben kann der Erfinder noch interessantere Dinge erzählen als aus seinem Leben als Hobby-Extremsportler. Man könnte auch sagen: seltsame Dinge.

Schon der Ort, an dem er seine Geschichte erzählt, ist seltsam. Er sitzt im Besprechungsraum einer kleinen Firma in einem Gewerbehof in einer mittelgroßen, bayerischen Stadt. Dort gibt es eine Motorradwerkstatt, ein Automaten-Casino, eine evangelikale Freikirche und einen Massagesalon, in dem donnerstags Strapse-Tag ist. Auf dem Besprechungstisch vor Iolaos liegen viele Akten. Dort steht auch sein Computer, mit jeder Menge offener E-Mail-Fenster und PDFs mit technischen Zeichnungen.

Er wird seine Geschichte über weite Strecken erzählen wie ein Anwalt, der einen Indizienbeweis führt. Um ihn herum stehen mehrere Flipcharts, an der Wand hängt ein Whiteboard. In den kommenden acht Stunden wird er sie alle vollschreiben. Wäre seine Geschichte ein Roman des Autors David Iolaos, dann stünde im Klappentext:

Der Held hat eine revolutionäre Erfindung gemacht. Er baut eine Firma auf. Er verkauft diese Firma für viele Millionen Euro, wird aber durch üble Tricks um einen großen Teil des Kaufpreises gebracht und gerät ins Visier der Steuerfahndung. Er macht eine zweite Erfindung und lässt sie patentieren. Gemeinsam mit einem großen Konzern will er sie groß vermarkten, doch der raubt ihm die Idee. Seine Hausbank lässt ihn im Regen stehen. Am Ende steht der Held ohne geistiges Eigentum, aber mit vielen Millionen Euro Schulden da.

Der Erfinder hat etwas Abstand gefunden, zwei Jahre nach seiner Insolvenz. Und bemüht sich, seinen Indizienbeweis so rational zu führen, wie es ihm möglich ist. Er spricht von einem „Dreifachskandal“, der ihm in den vergangenen acht Jahren widerfahren sei und der wohl auch für einen erfahrenen Wirtschaftsjuristen nicht ganz leicht zu durchschauen wäre.

Auf den Flipcharts im Besprechungsraum werden am Abend auf drei Blättern die Überschriften stehen:

• Der Steuerskandal
• Der Bankenskandal
• Der Plagiatsskandal

Die wichtigsten Figuren im Steuerskandal sind Investoren aus Süddeutschland und der Schweiz, ein hessischer Steuerberater, Finanzbeamte, Steuerfahnder und Staatsanwälte mit Schwerpunkt Steuerfahndung. Im Bankenskandal sind es die Mitarbeiter der örtlichen Haus- und der Förderbank. Im Plagiatsskandal treten auf: ein Berater, der Türen zu Vorständen eines Konzerns und zweier Tochterfirmen öffnet. Außerdem der wichtigste Gegenspieler des Erfinders, ein mittlerer Manager.

Die Hauptfigur heißt nicht David Iolaos. Der Erfinder möchte zwar, dass „die Wahrheit ans Licht kommt“. Er möchte aber Ross und Reiter nicht nennen. Er hat zu viele Vertraulichkeitsvereinbarungen unterschrieben. Seine Geschichte erzählt er so:

Die Steuer Kapitel I

Im Industriegebiet der mittelgroßen Stadt in Bayern entwickelt Iolaos seit Mitte der Neunzigerjahre ein Produkt, das die Abläufe in der Lebensmittellogistik – und damit die Qualität der gelieferten Speisen – erheblich verbessern kann. Die Entwicklung wird zum Teil mit öffentlichem Fördergeld, zum Teil durch Investoren aus Bayern und der Schweiz finanziert. Es geht um Summen im mittleren einstelligen Millionenbereich. Obwohl die Hürden für den Markteintritt hoch sind, lässt sich die Vermarktung zunächst gut an. Die Firma wächst auf rund 35 Mitarbeiter. Zwischen Investoren und Erfinder kommt es aber zu Verstimmungen. Im Jahr 2006 entscheidet sich Iolaos, die Firma samt Know-how komplett an die Investoren zu verkaufen.

Im Kaufvertrag einigen sich beide Seiten auf ein „Earn-out-Modell“. Ein Teil des Kaufpreises, rund drei Millionen Euro netto, fließt sofort. An künftigen Umsätzen der Firma wird der Erfinder in gewissem Umfang beteiligt. Sollte die Firma weiterverkauft werden, bekäme er einen Teil des Erlöses. Der Kaufpreis könnte sich insgesamt auf rund 14 Millionen Euro summieren.

Die Firma macht allerdings nach dem Verkauf kaum Umsätze: Das Produkt schafft den Sprung auf den Massenmarkt nicht. Nach Darstellung des Erfinders verkaufen die Investoren das Unternehmen deshalb zwei Jahre später zum symbolischen Preis von einem Euro an eine bekannte italienische Branchengröße weiter. Das hat für den Erfinder unschöne Konsequenzen. Zum einen bekommt er keinen finanziellen Nachschlag. Zum anderen nährt der symbolische Preis bei den Beamten des örtlichen Finanzamts den Verdacht, dass der Erfinder einen „verdeckten Patentverkauf“ in die Wege geleitet hat, um Steuern zu sparen. Denn nach Aussagen seines Anwalts werden die Erlöse aus Firmenverkäufen geringer besteuert, wenn sie in einer Holding-Gesellschaft nur zwischengeparkt und bald in eine andere Firma reinvestiert werden. Für die Gewinne aus Patentverkäufen gilt dagegen der Einkommensteuersatz – im konkreten Fall der Spitzensteuersatz.

„Erst hast du kein Glück“, sagt Iolaos, „und dann kommt auch noch Pech dazu.“ So richtet sein Steuerberater aus dem Rhein-Main-Gebiet „für die Parkposition des (beim Firmenverkauf erlösten) Geldes“ ein Konto bei einer hessischen Bank mit Nassau im Namen ein. Die schickt gesetzeskonform eine Kontrollmitteilung an das Finanzamt des Erfinders. Den Beamten in der Provinzstadt kommt eine Überweisung aus der Schweiz über rund drei Millionen Euro an die Bank mit Nassau im Namen verdächtig vor. Die Steuerfahnder geben später zu: „Wir dachten, es ginge um eine Bank in Nassau auf den Bahamas.“ Dass eine Bank auf den Bahamas vermutlich keine Kontrollmitteilung in deutscher Sprache schicken würde, haben sie offenkundig nicht bedacht.

Das Plagiat Kapitel I

Nach dem Verkauf seiner Firma gründet der Erfinder wie geplant eine neue. Und hat im Jahr 2007 die Idee zu einem Produkt, das seine erste Erfindung gut ergänzen würde. Die Entwicklung zur Marktreife dauert in diesem Fall nur ein Jahr. Das neue Produkt ist technisch nicht aufwendig, aber clever: eine Art Kühlbox, die bessere Leistung und hohe Einsparungen durch eine effizientere Logistik verspricht. Diverse Schutzrechtsanmeldungen sind auf dem Weg. Im April 2008 stellt Iolaos die Box bei einer Messe erstmals vor. Wie zuvor schon für andere Erfindungen gewinnt er wichtige Branchen-Innovationspreise. 2009 liefert er die ersten Boxen an international tätige Unternehmen aus. Nach zwei Jahren hat er nach eigenen Angaben neun große Kunden, die meisten aus Asien und der arabischen Welt. Auch mit dem größten deutschen Unternehmen aus der Branche, einem bekannten Konzern mit strahlender Marke, ist er in regem Austausch. Auch dort scheint das Interesse groß.

Man vereinbart einen größeren Test. Der Konzern darf das kühlboxartige Behältnis mit einer Spezialisolierung im Sommer 2011 ausführlich erproben. Offenbar mit Erfolg. Das Interesse an der Erfindung wächst. Ein in der Branche gut vernetzter Berater, nennen wir ihn A, öffnet dem Erfinder immer mehr Türen. Am 11. 11. 2011 trifft er den zuständigen Vorstand des Mutterkonzerns. Er präsentiert das Produkt und die Ergebnisse der vorangegangenen Meetings mit Konzernmitarbeitern, bei denen Wege zur Einführung der Innovation besprochen wurden. Iolaos rechnet die zu erzielenden Einsparungen vor: laut Modellrechnung mindestens 250 Millionen Euro in fünf Jahren. Die Branche steht allgemein unter hohem Spardruck.

David Iolaos bekommt noch immer leuchtende Augen, wenn er dieses Gespräch nachspielt. Vor allem beim Schlussdialog:
Konzernvorstand: „Wir machen das jetzt.“
Erfinder: „Wirklich? Sie müssen das doch sicher intern abstimmen.“
Konzernvorstand: „Ich bin der zuständige Vorstand. Wen soll ich bitte schön fragen? Wenn ich sage, wir machen das, dann machen wir das.“
Handschlag.

Im Zug zurück nach Bayern kann der Erfinder sein Glück kaum fassen. Der Handschlag, so kalkuliert er, hat einen Wert von mindestens sechs Millionen Euro. Er überlegt, wie schnell er die Produktion hochfahren kann – für kleine Firmen eine Herausforderung. Aber viel wichtiger ist für ihn: Der Handschlag könnte das Liquiditätsproblem seines Unternehmens lösen.

Denn auch wenn er bereits weltweit Kunden für seine Box gefunden hat: Die Kosten sind sehr hoch. Der Gewinn aus dem Verkauf seiner ersten Firma ist längst aufgezehrt, die Kreditlinien bei der Hausbank sind ausgeschöpft. Mit einem Großauftrag vom deutschen Branchenprimus wäre endlich eine solide Absatz- und Umsatzplanung möglich. Damit sollte es doch gelingen, an frisches Kapital zu kommen.

Die Banken Kapitel I

Iolaos hat in der Branche einen exzellenten Ruf als Innovator. Es gelingt ihm im Laufe seiner Karriere immer wieder, öffentliche Geldgeber vom volkswirtschaftlichen Nutzen seiner Ideen zu überzeugen. Sein erstes Produkt wurde laut Angaben des Erfinders mit rund zwei Millionen Euro gefördert. Seit der Gründung der neuen Firma hat er rund 2,5 Millionen Euro an Forschungsgeld eingesammelt, das Gros vom Bundeswirtschaftsministerium und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Mit Unterstützung seiner örtlichen Hausbank war es zudem gelungen, einen Kredit einer Landesförderbank im mittleren sechsstelligen Bereich zu bekommen. Der war die Grundlage für zusätzliche Kredite seiner Hausbank.

Im Frühjahr 2011, also ein halbes Jahr vor den Verhandlungen mit dem Konzern, denkt Iolaos gemeinsam mit seiner Hausbank darüber nach, wie sie das Kreditvolumen der neuen Firma erhöhen können. Sie vereinbaren, einen zweiten Kredit bei der staatlichen Förderbank über rund zwei Millionen Euro zu beantragen. Klappt das, wäre die Hausbank bereit, weitere 1,25 Millionen Euro zu gewähren – so stellt es zumindest der Erfinder dar. Es folgt, so seine Darstellung, eine Posse: Lange passiert nichts. Die zuständigen Mitarbeiter sind oft krank oder im Urlaub oder wollen sich „zeitnah zurückmelden“. Was sie selten tun.

Irgendwann aber reagiert die Hausbank und reicht – ohne weitere Rücksprache mit Iolaos – einen Kreditantrag bei der Förderbank ein. Darin ändert sie das verabredete Volumen und die Laufzeit und fügt dem Antrag eine falsche Bilanz bei. Iolaos erfährt davon erst, als er sich zur Förderbank aufmacht, um die Möglichkeiten eines neuen Antrags zu besprechen. Und auch erst bei diesem Termin – so stellt es Iolaos dar – sei dem Mitarbeiter der Förderbank aufgefallen, dass der Antrag gar nicht vom Erfinder unterschrieben war. Von der unprofessionellen Vorbereitung sichtbar genervt bescheidet er dem Unternehmer: „Bekommen Sie erst einmal Ihre Hausbank in den Griff, bevor Sie es mit einem neuen Antrag versuchen.“ Die Mitarbeiter seiner Hausbank erklären ihren eigenmächtigen Vorstoß laut Iolaos so: „Wir wollten mal vorfühlen, was möglich ist.“ Man vereinbart einen neuen Versuch.

Der Erfinder liefert, wieder nach eigener Darstellung, alles, was die Bank von ihm wünscht. Er gibt bei einem Wirtschaftsprüfer ein Wertgutachten in Auftrag. Dieser kommt zu dem Ergebnis: Firma II ist zu diesem Zeitpunkt 56 Millionen Euro wert.

Im September bekommt Iolaos einen Anruf von seiner Hausbank. Endlich sei man so weit: Der Antrag für den neuen Förderkredit sei vorbereitet. Dummerweise sei die Sache jetzt extrem eilig, der Antrag müsse noch heute raus. Die Bankmitarbeiter kommen zu Iolaos ins Büro – und der fällt aus allen Wolken, weil die Laufzeit des Kredits nur drei Monate betragen soll, bis 31. 12. 2011, und die Höhe nach unten deutlich korrigiert wurde. Der folgende Dialog muss eher emotional geführt worden sein. Der Erfinder hat ihn so im Kopf:
Iolaos: „Was soll ich bitte mit einem Drei-Monats-Kredit anfangen? Und wie bitte soll ich am Jahresende 1,7 Millionen Euro zurückzahlen?“

Bankmitarbeiter: „Wir haben mit den Kollegen der Förderbank auf dem kurzen Dienstweg alles besprochen. Wenn der Antrag durch ist, wird die Laufzeit zum Jahresende automatisch auf drei Jahre angepasst. Eine reine Formsache. Aber wegen bestimmter Förderrichtlinien müssen wir den Weg jetzt so gehen.“
Der Erfinder unterschreibt den Antrag.

Einige Wochen später, im Oktober 2011, kommt die Absage von der Förderbank: Leider müssen wir Ihren Kreditantrag ablehnen. Der zuständige Mitarbeiter der Hausbank ist „zutiefst bestürzt“, kann sich „das alles beim besten Willen nicht erklären“. Später wird sich ein Vorstand der Hausbank entschuldigen, man wolle weiter gemeinsam nach Lösungen suchen. Kurzfristig soll helfen, dass die Geschäftskonten ohne weiteren Kreditvertrag um die zugesagten 1,25 Millionen Euro überzogen werden können.
Am Ende summieren sich die Schulden auf insgesamt knapp 1,7 Millionen Euro.

Die Steuer Kapitel II

Der Herbst 2011 gehört zu den „stressigsten Phasen“, die David Iolaos in seinem an Stress nicht armen Leben erlebt hat. Er arbeitet mindestens 14 Stunden am Tag. Sieben Tage pro Woche. Die Kreditklemme und die Verhandlungen über seine Kühlbox erfordern seine volle Aufmerksamkeit. Just zu diesem Zeitpunkt holt ihn der Ärger um seine alte Firma wieder ein: Seine Büro- und Geschäftsräume werden von der Steuerfahndung durchsucht.

„Verdeckter Patentverkauf“ ist rechtlich gesehen Steuerhinterziehung. Die örtlichen Finanzbeamten haben den Fall an die zuständige Staatsanwaltschaft weitergegeben. Die Steuerfahnder schleppen kistenweise Akten und Festplatten aus dem Unternehmen. Iolaos ist überzeugt: „Der Vorwurf wird sich in Luft auflösen.“ Schließlich hatte seine Firma zum Zeitpunkt des Verkaufs rund 35 Mitarbeiter, ein Entwicklungslabor samt Gerätschaften, eine Produktion, jede Menge Anfassbares. „So verkauft man keine Patente im Steuersparmodell.“ Doch bei aller Selbstsicherheit – die Durchsuchung erhöht den Druck, unter dem er steht.

Vor allem aber sind die Geschäftsunterlagen der vergangenen Jahre weg – wie soll er weiterarbeiten? Zwar bekommt Iolaos, nach Sichtung durch die Steuerfahnder, wieder Zugang zu seinen Unterlagen und darf sich „selbstverständlich jederzeit Kopien ziehen“. Allerdings lagern die Unterlagen verteilt an drei unterschiedlichen Orten, nämlich beim Finanzamt, einer Außenstelle des Finanzamts und bei der Staatsanwaltschaft in einer knapp 100 Kilometer entfernten Stadt. Was wo lagert, weiß keiner ganz genau.

Das Plagiat Kapitel II

Die Absage der Förderbank ist für Iolaos ein harter Schlag. Aber er kann vorerst damit leben, schließlich hat er den Großauftrag vom Konzern, glaubt er. Bis das Vorstandsbüro mitteilt: Das Projekt ist an die Logistiktochter übergeben worden. Der Erfinder möge dort wieder vorstellig werden. Das versucht er auch. Aber wie es so ist in Konzernen, wenn es auf Weihnachten zugeht: Niemand hat Zeit.

Im Januar 2012 öffnet der Berater A wieder eine Vorstandstür, dieses Mal zum Chef der Konzerntochter. Das Gespräch verläuft „extrem positiv“. Man vereinbart, in weiteren Workshops zu erkunden, wie man das Produkt zum Erfolg führen könne. Der Erfinder liefert die Technik, der Konzern den Zugang zum großen Markt. So der Plan. Explizit so ausgesprochen, behauptet Iolaos.

Trotz akuter Liquiditätssorgen ist er „durch und durch optimistisch“. Im März steht die wichtigste Branchenmesse an. Wenn er dort den Deal mit der Konzerntochter „schon kommunizieren dürfte, würde man ihm „die Bude einrennen“. Kurz vor der Messe aber erhält sein Vertriebschef eine E-Mail von einem Manager der Tochter-GmbH. Man werde bei der Messe „ein sehr interessantes Produkt“ vorstellen. Die E-Mail liegt vor dem Erfinder. Er spricht plötzlich ganz leise:

„Du musst als Unternehmer mit allem rechnen. Auch mit Ideenklau. Wir hatten immer Angst, dass uns irgendein Chinese kopiert. Aber dass uns die Idee von einem deutschen Konzern geklaut wird, dem wir das Produkt bis in kleinste Detail vorgestellt haben, dem wir unser Produkt zu Tests überlassen haben, mit dem wir intensiv an der Markteinführung gearbeitet haben – das übersteigt bis heute meine Vorstellungskraft.“ Und ergänzt noch: „Bei dem Test im Sommer 2011 haben wir denen 120 Behältnisse zur Verfügung gestellt. Zurück kamen 118.“

Bei der Messe stellt die Konzerntochter den Prototyp eines Isoliersystems für Lebensmittellogistik vor. Konzept und Aufbau sind dem des Produkts aus Bayern verblüffend ähnlich. Laut Iolaos preisen die Konzernvertriebsleute ihr System mit den Worten an: „Wir haben genau das gleiche Produkt. Nur viel billiger.“

Kurz danach, am 27. 3. 2012, meldet sein Gesprächspartner bei der Tochter-GmbH zusammen mit einem Kollegen ein Patent auf das Produkt an. Das ist für dieses Unternehmen ungewöhnlich. Denn obwohl es über eine eigene Entwicklungsabteilung verfügt, hat es bis dato kaum Interesse gezeigt, Patente anzumelden. In der Datenbank des Deutschen Patent- und Markenamtes finden sich noch vier weitere. Mehr nicht.

Iolaos schreibt wütende Briefe und E-Mails an Vorstände und leitende Mitarbeiter. Er ruft an. Viele Male. Er bittet um neue Termine. Noch hofft er, dass die Vorstände gar nicht wussten, dass ihre eigenen Entwickler „auf Ideenraubzug sind“. Er führt ein langes Gespräch mit dem Geschäftsführer der Tochter-GmbH, der nach Darstellung des Erfinders signalisiert: „Natürlich haben wir weiter Interesse, mit Ihnen zusammenzuarbeiten.“

Die Banken Kapitel II

Aber wird es dazu noch Gelegenheit geben? Inzwischen steht die Firma kurz vor der Insolvenz. Im Januar unternehmen Hausbank und Iolaos einen neuen Anlauf bei der Förderbank, mit neuem Fokus: Nun fragen sie nach einem Sanierungskredit, wieder vergeblich. Die Kreditlinie von 1,25 Millionen Euro bei der Hausbank ist erreicht. Die Mitarbeiter verzichten ab April auf ihr Gehalt.

Das Plagiat Kapitel III

Wie dramatisch die finanzielle Situation des Erfinders ist, können Manager der Konzerntochter zumindest ahnen. Denn er bedrängt sie immer wieder. Die beste Lösung wäre doch, „wenn sich der Goliath an dem David beteiligen würde. Anstatt ihn zu plagiieren.“

Im April 2012 trifft man sich zu einem Workshop, bei dem sich aus Iolaos’ Sicht noch alles hätte zum Guten wenden können. Der Ton allerdings ist gereizt. Und rückblickend gibt Iolaos zu, dass er seinen Gegenspieler bei der Tochter-GmbH „wohl auch provoziert“ habe, etwa mit Bemerkungen wie: „Geben Sie doch zu, dass Sie keine Ideen haben. Dass Sie Innovation by Xerox machen. Dass Sie ein Copymaster sind.“ Daraufhin, so Iolaos, sei der Mann explodiert: „Sie halten uns für dümmer, als wir sind. Wir haben Ihre Patente sehr genau geprüft. Sie werden schon sehen, wie weit Sie mit einer Klage gegen unser Produkt kommen. Nicht weit!“

Der Leiter des Workshops verordnet eine Pause – danach scheint das Treffen doch noch ein gutes Ende zu nehmen. Der mittlere Manager sagt, so erinnert sich Iolaos: „Wir müssen jetzt erst einmal Ihre Firma retten.“ Und schlägt angeblich vor, dass der Konzern sofort 2000 Behälter kauft und zunächst in ein Lager stellt. Dann könne man eine für alle Beteiligten befriedigende Lösung der Zusammenarbeit finden. Im Nachhinein sieht Iolaos darin eine „fiese Hinhaltetaktik“. Denn die Uhr tickt seit der Messe im März.

Für eine einstweilige Verfügung gegen die Markteinführung des angeblichen Plagiats hat er maximal acht Wochen Zeit. Danach bleibt nur eine Patentklage, die ein finanziell angeschlagener David gegen einen Goliath nicht durchstehen kann. Deshalb bereiten Iolaos’ Anwälte vorsorglich die einstweilige Verfügung vor. Sie umfasst 29 Seiten. Gleichzeitig versucht der Unternehmer, die Produktion der 2000 Behälter auf den Weg zu bringen – die Frist verstreicht. Kurz darauf, im Juni 2012, bricht die Konzerntochter die Gespräche ab. Irgendwann fällt laut Iolaos noch der Satz: „Das hier ist doch überhaupt nichts Persönliches. Jeder von uns hier im Raum kann verstehen, wenn Sie uns verklagen. Niemand wird Ihnen böse sein. Aber dafür gibt es bei uns dann die Rechtsabteilung.“

Schlusskapitel

Im Juli 2012 geht die Firma in die Insolvenz. Die Hausbank pfändet ein Paket von Schutzrechten, die unter anderem Iolaos’ zweites Produkt absichern. Die Krux: Eine Reihe der Schutzrechte sind in einigen Weltgegenden erst auf dem Weg zur Rechtsgültigkeit. Damit sie auch dort gelten, müssten noch weitere Anträge gestellt und erhebliche Gebühren bezahlt werden. Pro Patent zwischen 40 000 und 80 000 Euro. Zu teuer. Und auch zu kompliziert für eine Hausbank, die aus Sicht des Erfinders schon den Antrag für einen Förderkredit nicht hinkriegt. Die Hausbank entscheidet, die Rechtsansprüche auf Europa zu beschränken – womit die Patente in einer weltumspannenden Logistikbranche wertlos werden. Der Protest des Unternehmers bleibt ungehört. Er spricht von „bewusster Vernichtung von Werten“.

Der Scherbenhaufen, vor dem David Iolaos zu Jahresbeginn 2013 steht, ist gewaltig. Auch wenn er der Meinung ist, Anspruch auf Schadenersatz bei seiner Hausbank geltend machen zu können: Erst einmal schuldet er ihr rund 1,7 Millionen Euro. Das Finanzamt hat ihm eine Pfändungsverfügung über 4,5 Millionen Euro in Folge des Verkaufs der ersten Firma geschickt. Grundlage für die Berechnung ist nicht der tatsächlich gezahlte Kaufpreis, sondern die fiktive Summe, die sich aus dem Earn-out-Modell hätte ergeben können. Die Staatsanwaltschaft hat Klage wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung gegen ihn erhoben. Das Bundeswirtschaftsministerium und das Bundesministerium für Bildung und Forschung fordern Fördergelder in Höhe von insgesamt rund 2,5 Millionen Euro zurück. Hinzu kommen 250 000 Euro Schulden bei ehemaligen Lieferanten und Vertragspartnern.

Nachdem er all das erzählt hat, sieht Iolaos nicht mehr wütend aus, sondern müde. Er möchte, dass seine Geschichte Gehör findet. Dass man ihm glaubt. Denn auch er weiß natürlich: „Es kann ja eigentlich gar nicht sein, dass einem einzelnen Unternehmer so viele seltsame Dinge widerfahren.“

Die Wahrheiten der anderen

Der Berater B, der mit dem Fall nichts zu tun hat, sagt: „Jeder insolvente Unternehmer erzählt eine Geschichte, in der die Unfähigkeit oder Bösartigkeit von anderen eine große Rolle spielen. Und die eigenen Fehler eine Nebenrolle. Das ist normal und menschlich. Gescheiterte Unternehmer brauchen diese Geschichten, um sich zu schützen. Fast keiner hat die Kraft, sich einzugestehen, dass er selbst sein Lebenswerk an die Wand gefahren hat.“ Was natürlich nicht heiße, dass die Geschichten frei erfunden seien. Der Berater spricht von „subjektiven Wahrheiten“.

Über den objektiven Wahrheitsgehalt entscheiden manchmal die Richter, etwa wenn ein gescheiterter Unternehmer auf Schadenersatz klagt. Sofern er noch die Mittel hat, ein zivilrechtliches Verfahren zu führen. In Iolaos’ Fall sieht es nicht danach aus. Daher steht seine Geschichte gegen die Geschichten der anderen.

Die Hausbank teilt per E-Mail mit: „Aus Gründen der Verschwiegenheitspflicht /Bankgeheimnis ist es uns nicht erlaubt, Stellung zu nehmen.“ Die Investoren aus der Schweiz mailen einen eingescannten Brief mit cc-Kopie an ihren Rechtsanwalt. Sie verweisen darin auf eine Verschwiegenheitserklärung, die sie gegenüber dem italienischen Käufer der ersten Firma gegeben hätten. Sie widersprechen allerdings Iolaos’ Behauptung, die Firma sei „lediglich zu einem Preis von nur einem Euro veräußert worden“. Der Brief deutet zudem an, dass Iolaos den Entwicklungsstand seines Produkts geschönt dargestellt habe. Der Berater A, der sowohl für den Erfinder als auch für die Investoren tätig war, bestätigt, dass dies ein Streitpunkt gewesen sei. Iolaos habe zudem systematisch unterschätzt, wie schwierig es in dieser Branche sei, grundlegend in die Logistikkette einzugreifen.

A kennt die verschiedenen Perspektiven wohl am besten. Er hält Iolaos für „hochintelligent und natürlich sehr sympathisch. Aber eben auch so von seiner Sache überzeugt, dass ihm das Verständnis für die Perspektive von anderen völlig fehlt.“ Er, A, sei von Iolaos’ Produkten anfänglich „zu hundert Prozent überzeugt“ gewesen. Bei der Vermarkung habe der Erfinder dann aber „einige strategische Fehler gemacht“. Und der größte Schwachpunkt: „Er hat die Bilanz seines Unternehmens nie sauber bekommen. Das Eigenkapital stand immer auf der linken Seite.“ Im Klartext: „Ein großes Unternehmen macht doch keine Geschäfte mit einem hoch verschuldeten Mittelständler.“ A bestätigt allerdings auch: „Die Idee haben sie ihm wirklich geklaut. Das war eine Riesensauerei.“

Die Tochter des großen deutschen Konzerns nimmt ausführlich Stellung und legt auch Dokumente vor. Demnach hat man sorgfältig recherchiert, ob die Entwicklung eines Konkurrenzprodukts zu jenem des Erfinders gegen Schutzrechte verstößt. Nach Bekanntwerden eines bis dahin noch nicht veröffentlichten Gebrauchsmusters wurde im April 2013 beim Deutschen Patent- und Markenamt der Antrag auf Löschung dieses Gebrauchsmusters gestellt. Dem Antrag wurde im September 2013 stattgegeben, weil Iolaos keinen Widerspruch eingelegt hat. Die Pressesprecherin fragt immer wieder: „Warum hat er unserem Antrag auf Löschung nicht widersprochen?“ Die Antwort liegt auf der Hand: Der Erfinder war zu diesem Zeitpunkt bereits insolvent und befand sich in einer Art Schockstarre.

Ob bei dem Produkttest im Sommer 2011 wirklich Kühlbehälter verloren gegangen sind, kann die Konzerntochter nicht mehr feststellen. Allerdings habe das Produkt ja ohnehin nur dem Stand der Technik entsprochen, sodass sich aus der Analyse keinerlei „neue oder wertvolle Erkenntnisse“ hätten ergeben können.

Ausdrücklich widerspricht man der Behauptung, es habe mündlich feste Zusagen gegeben, größere Stückzahlen des Systems zu ordern: „Wir haben im Gegenteil Herrn (Name des Erfinders) immer wieder zu verstehen gegeben, dass das von ihm vorgestellte Produkt bei Weitem die Kundenanforderungen nicht erfüllt.“ Dieser Punkt ist dem Geschäftsführer der Tochter-GmbH wichtig. „Das Produkt war schlicht zu schwer, zu teuer und brauchte zu viel Platz.“ Die Konzerntochter ist selbst nur ein Dienstleister. „Nicht wir entscheiden, ob so ein innovatives Produkt in unserem Logistiksystem genutzt wird, sondern unsere Kunden.“ Die Pointe hebt er sich für den Schluss auf. „Es ist uns übrigens auch nicht gelungen, unser eigenes Produkt in den Markt zu bekommen.“

Die Moral

Der Erfinder klagt den Raub seiner Idee an. Der mutmaßliche Plagiator bestreitet gar nicht explizit, dass die Idee vom Erfinder kommt. Er sagt nur, dass er legal gehandelt habe. Aber unabhängig davon, ob Iolaos ausgetrickst wurde oder ob ein Konzern kühl entschieden hat, ein größeres Vorhaben nicht mit einem klammen Kleinunternehmen anzugehen, und unabhängig davon, dass jeder, mit dem man über David Iolaos redet, irgendwann auf seine Persönlichkeit zu sprechen kommt und dann neben vielen Sympathiebekundungen auch immer Formulierungen fallen wie „kein ganz einfacher Kumpan“ oder „na ja, Sie haben ihn ja selbst kennengelernt“ – ungeachtet all dieser Faktoren ist eine dritte Wahrheit denkbar. Die Ideen des Erfinders waren möglicherweise nicht so gut, wie alle Beteiligten dachten. Er selbst, Banker, Berater, Forschungsmittelbewilliger, Staatsanwälte und auch die mutmaßlichen Ideenräuber lagen falsch. Weil man in diesem stark regulierten Segment der Logistik diese Innovation gar nicht haben möchte. Die Einführung wäre zu mühsam. Diese Interpretation schließt nicht aus, dass dem Erfinder übel mitgespielt wurde. Dass seine subjektive Wahrheit, die er mit so vielen Indizien beweisen möchte, von einem Richter als weitgehend wahr angesehen würde. Doch ein Wahrheitsbeweis im Konjunktiv ist wenig wert.

Iolaos ist zurzeit dabei, ein „Innovationscenter“ zu gründen. Eine Plattform, die Neues schneller in die Welt bringen soll, mit all dem Wissen, das er in den vergangenen Jahren gesammelt hat. Seine Geschichte ist für ihn mehr als Vergangenheitsbewältigung. Sie soll zum Ausgangspunkt werden, sich selbst neu zu erfinden. Nach der Insolvenz fing er wieder an, systematisch nach Ideen zu suchen: „Erfindungen waren das Einzige, worauf ich mich in dieser Zeit konzentrieren konnte.“ 90 hat er niedergeschrieben, Marktanteile recherchiert. Patente geprüft. Die Ideen von Kollegen hinterfragen lassen. Drei Erfindungen sind nach dem langen Auswahlprozess übrig geblieben, die nach seiner Einschätzung „das Potenzial haben, ihre Märkte grundlegend zu verändern“. Was es ist, will er noch nicht verraten.

Epilog

brand eins fragte den zuständigen Oberstaatsanwalt nach dem Stand des Verfahrens gegen Iolaos. Die Anfrage wurde bis Redaktionsschluss nicht beantwortet. Aber eine Stunde nach Versenden der E-Mail erhielt die Frau des Erfinders einen Anruf vom örtlichen Finanzamt. Sie könne die Geschäftsunterlagen der zweiten Firma wiederhaben: Wann und wohin die Kartons mit Akten und Datenträgern denn geliefert werden sollen? Das war an einem Freitag. Am Montag holte der Erfinder die Kartons selbst ab. Beim Finanzamt erfuhr er: Die Verfahren gegen ihn werden eingestellt. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass damit auch die Forderung auf die Steuernachzahlung von 4,5 Millionen Euro zurückgezogen wird. Sicher ist das allerdings nicht. ---

Der Erfinder hat einen Teil der Dokumente pseudononymisiert ins Netz gestellt, die unserem Autor bei der Recherche vorlagen: 
http://www.david-i.com/belegdokumente
Die Erfindung