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Lorenzo Dow Baker

Wie Lorenzo Dow Baker die Südfrucht entdeckte und sich ganze Länder untertan machte.





• Es war der Mut der Verzweiflung, der Lorenzo Dow Baker in das Bananengeschäft trieb. Im Jahr 1870 hatte er mit seinem Schiff Telegraph zehn Goldsucher in Venezuela abgeliefert. Die Reise war beschwerlich gewesen. Auf den letzten 300 Meilen musste er auch noch den weitverzweigten Orinoco-Fluss hinauffahren. Als die Abenteurer von Bord gingen, kassierte Baker die vereinbarten 8500 Dollar in Gold für die Chartergebühr und machte sich auf die Heimreise.

Doch die Telegraph hatte bei der Fahrt auf dem Orinoco so schwer gelitten, dass es Baker unmöglich schien, seinen Heimathafen Boston mit dem beschädigten Schiff zu erreichen. Also machte er in Jamaika halt, um es reparieren zu lassen. Dort lagerten am Kai von Port Antonio Berge von Bananen. Die Frucht war auf der Insel sehr populär. In den USA hingegen hatte im Jahr 1870 kaum jemand je eine gesehen. Baker, der einen Großteil des eben erst verdienten Geldes in die Takelage seines Schiffes stecken musste, setzte alles auf eine Karte: Er kaufte 160 Bünde für 160 Schilling. Wenn er es in zwei Wochen nach Boston schaffte, so kalkulierte er, könnte er damit ein Geschäft machen.

Der Plan ging auf. In elf Tagen war er zu Hause – und machte einen satten Gewinn: Er verkaufte seine Ware für zwei Dollar je Bund. Später beschrieb er diese Episode mit den Worten: „Ich sah sie, ich kaufte sie, ich verkaufte sie.“

Vom leicht verdienten Geld beflügelt, segelte er immer öfter nach Jamaika und lud so viele Bananen an Deck, wie die Telegraph fassen konnte. In Boston gewann er in Andrew Preston einen Partner, der die Früchte gegen Provision verkaufte. 1885 gründeten beide mit einem Stammkapital von 15 000 Dollar die Boston Fruit Company. Es war der Beginn einer neuen Ära: des Bananenzeitalters.

Mit Baker und Preston hatten zwei gänzlich unterschiedliche Männer zueinander gefunden. Baker war ein erfahrener Seefahrer, der keine Furcht kannte. Preston hingegen war zwar nicht so kühn wie Baker, aber er glaubte an die Zukunft der Banane.

In Jamaika kauften sie Land und Plantagen. So konnten sie die Qualität besser kontrollieren. Denn schnell gab es Konkurrenz. Aus den USA strömten Glückssucher in die Karibik, die mit Südfrüchten reich werden wollten.

Doch Bananen sind empfindlich. Es gibt 300 Sorten und nur wenige überstehen den Seetransport in die USA. Manche werden matschig, andere haben eine zu dünne Schale oder sind zu sauer. Baker fand schnell heraus, dass die am besten geeignete Sorte die Gros Michel war. Sie konnte grün geerntet und gut transportiert werden.

Nach dieser Entdeckung packte seinen Partner Preston der Ehrgeiz. Es genügte ihm nicht, dass die Amerikaner ab und zu mal eine Banane kauften. Er wollte, dass die Früchte „populärer werden als Äpfel“.

Das war ambitioniert. Schließlich kannte jeder in den USA Äpfel. Aber Bananen? Preston und die anderen Händler scheuten keine Mühe. Sie experimentierten mit Rezepten. Eines davon waren Cornflakes mit Milch und Bananenscheiben. Die Mischung stammt aus einer Versuchsküche und wurde auf Cornflakes-Schachteln gedruckt. Dazu gab es Coupons: Wer Bananen und Cornflakes kaufte, bekam die Milch dazu gratis.

Das Marketing zahlte sich aus: Die Amerikaner verfielen der gelben Frucht. 1895 besaßen Baker und Preston rund 16 000 Hektar Land, verteilt auf 35 Plantagen und eine Flotte von 45 Transportschiffen. 1898 importierten sie 16 Millionen Bünde und fusionierten mit einem Konkurrenten zur United Fruit Company, aus der 1984 der Riese Chiquita wurde.

Um den Apfel zu verdrängen, mussten vor allem die Herstellungskosten niedrig bleiben, da der Transport viel Geld verschlang. Und das konnte nur mit billigem Land und billiger Arbeitskraft gelingen.

Während der Bananen-Handel für die Bosse äußerst rentabel war, kamen die Anbauländer dabei weniger gut weg. Es entstanden die sprichwörtlichen Bananen-Republiken, kontrolliert von den großen Konzernen. In Guatemala, Honduras, Kolumbien kontrollierten die Multis ganze Landstriche: Die Eisenbahn, die Hospitäler, die Siedlungen der Bauern – alles war in der Hand der Unternehmen. Die Arbeit auf den Plantagen war hart und gefährlich, und wenn die Arbeiter ihren spärlichen Lohn in den Saloons oder Dorfläden ausgaben, kauften sie praktisch bei ihren Chefs: In Port Antonio auf Jamaika gehörten inzwischen alle Firmen den Bananen-Imperien.

Das Geschäft lief so gut, dass um 1900 Preston und Baker ein Problem bekamen: Die Bananen wurden knapp. Die Plantagen auf Kuba, Jamaika und der Dominikanischen Republik produzierten, was die Stauden hergaben. Die beiden erschlossen immer neue Flächen und handelten mit den Regierungen niedrige Steuersätze für ihre Investitionen aus. Weigerte sich ein Präsident, ihnen entgegenzukommen, wurde die Regierung kurzerhand gestürzt. Hinter den Militärputschen in Honduras und Guatemala standen damals amerikanische Fruchthändler.

Doch gegen eine Sache waren selbst sie machtlos: die Natur. Die sogenannte Panama-Krankheit befiel eine Plantage nach der anderen. Wenn die Pilze sich einmal festgesetzt hatten, machten sie binnen kurzer Zeit alles nieder. Bald war die Gros Michel, die Baker einst in Jamaika entdeckt hatte, praktisch ausgerottet. Die Händler standen vor dem Ruin.

Die Rettung kam aus England. Dort hatte William Cavendish, der sechste Herzog von Devonshire, in seinem Garten eine spezielle Sorte angepflanzt. In Versuchen entdeckte man, dass sie offenbar gegen die Schädlinge immun war. Heute trägt die Sorte seinen Namen: Cavendish. Ab den Vierzigerjahren ersetzte sie nach und nach die Gros Michel. Inzwischen sind fast alle weltweit gehandelten Bananen Cavendish, die meisten stammen aus Ecuador. Doch inzwischen wird auch sie von der Panama-Krankheit bedroht. ---