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Branko Milanović im Interview

Die Welt wird reicher.
Nicht allen geht es besser.
Aber vielen. Wer profitiert, weiß der Statistiker Branko Milanović.




brand eins: Herr Milanović, wo stehen Sie in der globalen Einkommenspyramide?

Branko Milanović: In der amerikanischen Einkommenspyramide stehe ich ziemlich weit oben, nämlich im dritthöchsten Zehntel. Damit gehöre ich zum reichsten Prozent der Welt. Ich bin dankbar für die Frage, denn es ist endlich an der Zeit, dass wir das Thema entmystifizieren. Und das beginnt am besten damit, dass wir unsere eigenen Einkommen offenlegen.

Der Ökonom Jagdish Bhagwati, der an der Columbia University lehrt, hält Statistiker und Ökonomen, die sich mit dem Thema beschäftigen, für wahnsinnig.

Ich will Ihnen sagen, warum das Thema wichtig ist. Nehmen Sie an, die Bürger eines Landes glauben, bei ihnen sei die Ungleichheit zu groß. Sie haben dann zwei Möglichkeiten, sich Gehör zu verschaffen: In einer Demokratie gehen sie wählen, in einer Diktatur zetteln sie eine Revolte an. So kann das Problem tatsächlich gelöst werden. Auf globaler Ebene gibt es aber keine solchen Instrumente. Und dann führt Ungleichheit schnell zu Instabilität und letztendlich zu Chaos. Die Piraten vor Somalia sind hierfür ein gutes Beispiel. Die jungen Männer, die im Golf von Aden von Banden angeheuert werden, um Schiffe zu kapern, leben in bitterer Armut. Die Folge davon ist, dass an einer der sensibelsten Stellen der Welt der Transport von Erdöl und anderen Gütern gefährdet ist. Daher sollte man sich mit globaler Ungleichheit beschäftigen.

Wie gleichmäßig sind die Einkommen auf der Welt verteilt?

Wir müssen unterscheiden. Es gibt drei Arten von Ungleichheit: die zwischen den Bürgern einer Nation, die zwischen unterschiedlichen Staaten und die zwischen den Bürgern der Welt. Wenn wir uns die globale Einkommensverteilung ansehen, stellen wir fest: Neun Prozent der Weltbevölkerung beziehen 50 Prozent des Einkommens, während die ärmsten zehn Prozent 0,7 Prozent erhalten. Wenn wir es noch kleiner aufteilen: Die fünf Prozent Reichsten verfügen über 37 Prozent. Die fünf Prozent Ärmsten über 0,2 Prozent. Um das zu verdienen, was die Reichsten in einem Jahr verdienen, müssten die Ärmsten fast 200 Jahre lang arbeiten. Der weltweite Gini-Index liegt bei 70 Punkten. Dazu muss man wissen: Bei null sind alle Güter auf der Welt gleichmäßig verteilt, alle Menschen haben das Gleiche. 100 bedeutet, einer besitzt alles.

Die Reichen werden also immer reicher, die Armen immer ärmer.

Man muss differenzieren. Nehmen Sie beispielsweise die USA: Dort ist die Ungleichheit auf dem Stand von vor 100 Jahren, wenn wir auf den Anteil des reichsten Prozents der Bevölkerung schauen. Damals wurde dann durch zwei Weltkriege und die große Depression viel Reichtum vernichtet, wodurch die Ungleichheit sank. Doch nach den Fünfziger- und Sechzigerjahren konzentrierte sich der Reichtum wieder bei wenigen. Wenn Sie sich jedoch die gesamte Einkommensverteilung in den USA ansehen und nicht nur die Spitze der Pyramide nehmen, dann sehen Sie, dass es heute weniger Ungleichheit gibt als in den Zwanzigerjahren, aber mehr als in den Achtzigern.

Was ist daran schlecht? Wer sieht, dass sein Nachbar wohlhabend ist, arbeitet möglicherweise hart, um das ebenfalls zu erreichen. Ungleichheit ist ein Anreiz, die eigene Lage zu verbessern.

Ich vergleiche Ungleichheit mit Cholesterin. Es gibt gutes und schlechtes. Innerhalb eines Landes braucht es eine gewisse Ungleichheit, damit die Menschen Anreize haben, hart zu arbeiten, zu lernen, Firmen zu gründen. Reichtum ist ja nicht schädlich. Das hat John Maynard Keynes in seiner Schrift über die wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrags von Versailles herausgearbeitet. Für ihn gab es vor dem Ersten Weltkrieg einen Pakt: Die Reichen waren reich, aber sie investierten ihr Geld und sorgten dadurch für Wachstum, schufen Arbeitsplätze, ermöglichten den Fortschritt. Worum es ihm ging: Persönlicher Reichtum geht in Ordnung, solange das erwirtschaftete Geld investiert wird und damit Jobs geschaffen werden.

Ist Ungleichheit eine Voraussetzung für das Funktionieren des Kapitalismus?

Es braucht einen gewissen Grad an Ungleichheit. Sie wird aber dann zum Problem, wenn sie eine Gesellschaft lähmt. Etwa wenn eine Agrarreform nicht umgesetzt werden kann oder wenn nur die Reichen sich eine gute Ausbildung leisten können. Das behindert Entwicklung und hat zur Folge, dass Talent verschwendet wird. Große Einkommensunterschiede hemmen das Wachstum. Es entsteht eine Klasse, die es sich leisten kann, ohne Arbeit zu leben. Das ist nicht nur ungerecht. Es führt auch dazu, dass diese Leute keinen Beitrag zur Wirtschaft leisten. Sie gestalten nichts. Zudem: Hohe Ungleichgewichte führen zu Krisen, wie der Finanzkrise ab 2008.

Haben die nicht die Banker verursacht?

Ich sage nicht, dass die Banker nicht ihre Finger im Spiel hatten. Aber die ungleichen Einkommensverhältnisse waren ein wichtiger Faktor.

Inwiefern?

In den USA bezog Mitte der Siebzigerjahre das reichste Prozent der Bevölkerung acht Prozent des Nationaleinkommens. Anfang der Nullerjahre waren es dann 16 Prozent. Heute sind es rund 20 Prozent. Ein gigantisches Vermögen – das Ergebnis von Einkommensungleichheit – suchte also nach Anlagemöglichkeiten. Aber die sind begrenzt. Und hier kommen wir wieder zurück zur Ungleichheit. Das Median-Einkommen * stagniert in den USA seit mehr als 25 Jahren. Das führt zu politischen Problemen für Demokraten und Republikaner, weil die Leute unzufrieden sind. Beide Parteien förderten daher Kredite für Geringverdiener und damit den Erwerb von Immobilien. Also floss ein Teil des Anlagevermögens in staatlich geförderte Immobilienkredite. Die Interessen der Reichen und der Mittelklasse waren plötzlich die gleichen. Die einen konnten ihr Geld investieren, und die anderen bekamen es als Darlehen. Den Politikern kam das gelegen, da sie so verschleiern konnten, dass die Einkommen der Mittelklasse stagnierten. Die Folge war, dass die Verschuldung der privaten Haushalte von 48 Prozent des BIP während der Achtzigerjahre auf 100 Prozent kurz vor der Krise stieg. Die Mittelklasse fühlte sich als Gewinner.

Und als immer mehr Menschen ihre Schulden nicht mehr bezahlen konnten, zerbrach der Traum vom Eigenheim …

… und zog die gesamte Wirtschaft in den Abgrund. Daher sage ich, eine Ursache der Krise liegt in der Ungleichheit der Einkommensverteilung, die mehr Geld hervorgebracht hat, als profitabel zu investieren war.

Wäre diese Entwicklung vermeidbar gewesen?

Ganz bestimmt. Ohne 30 Jahre zunehmender Ungleichheit und bei gleichem Nationaleinkommen wäre die Krise vermeidbar gewesen. Hätte die Mittelklasse mehr Geld verdient, hätte sie mehr konsumiert. Stattdessen floss viel Geld in den Luxuskonsum der Reichen. Im anderen Fall wäre wohl mehr Geld für Lebensmittel ausgegeben worden und weniger für Restaurantbesuche, die Leute hätten im Land Urlaub gemacht, und es wären weniger Fernreisen gebucht worden, mehr Kinderkleidung wäre gekauft worden, weniger Designer-Label. Die Wirtschaft wäre auch gewachsen, es hätten ja mehr Menschen etwas mehr Geld zur Verfügung gehabt. Es wären nur keine Blasen entstanden, die sich durch überschüssiges Geld aufblähten.

Die Welt hat sich in den vergangenen 25 Jahren stark verändert. Die Industrieländer konkurrieren inzwischen mit aufstrebenden Ländern wie China. Welche Folgen hat das für die weltweite Einkommensverteilung?

Was wir in den vergangenen 25 Jahren beobachten konnten, ist bemerkenswert: das Wachstum von China, Indien und Indonesien. Dort sind die Armen reicher geworden und konnten ihre Situation deutlich verbessern. Dadurch ist die globale Ungleichheit reduziert worden. China ist in den vergangenen 30 Jahren so stark gewachsen wie noch kein Land in der Menschheitsgeschichte. Das bedeutet, dass dort viele Menschen den Sprung in die Mittelklasse geschafft haben. Ähnlich, wenngleich schwächer ist der Effekt in Brasilien, das zu den wenigen Ländern gehört, in denen die Ungleichheit gesunken ist.

Der Preis des Aufschwungs in China ist aber auch eine drastisch gestiegene Ungleichheit im Land. In den Achtzigerjahren hatte China einen Gini-Index von 30 Punkten, gegenwärtig liegt er bei 45 Punkten. Ist größere Ungleichheit der Preis für Entwicklung?

Die Ungleichheit in China ist die größte Bedrohung für das Land. In den USA ist die Ungleichheit geografisch gleichmäßig verteilt. Reiche und Arme gibt es in allen Staaten. In China hingegen sind seit den Neunzigerjahren reiche und arme Provinzen entstanden, was politisch destabilisierend wirken kann. Die fünf Küstenregionen und die Städte Schanghai, Peking und Tianjin sorgen für mehr als die Hälfte von Chinas Bruttoinlandsprodukt. Insgesamt gibt es aber 34 Verwaltungsbezirke. Die ärmsten drei Provinzen, Guizhou, Gansu und Yunnan wurden abgehängt. Darin liegt enormer politischer Sprengstoff.

Obwohl in China gerade eine neue Mittelklasse entsteht?

Ich mag diesen Begriff der neuen Mittelklasse nicht und würde in China lieber von einer Median-Klasse sprechen. Denn obwohl das Land in den vergangenen 30 Jahren stark gewachsen ist, sind die dortigen Einkommen noch immer sehr niedrig. Indien hat ein Pro-Kopf-BIP nach Kaufkraftparität – gemessen in konstanten internationalen Dollar – von 3300 Dollar, China von 7400 Dollar und die USA von 43 000 Dollar. Es gibt also nur sehr wenige Inder und Chinesen, die über Einkommen verfügen, die mit denen von Mittelklasse-Amerikanern oder Westeuropäern vergleichbar sind. Wer da von einer globalen Mittelklasse redet, der weiß nicht, wovon er spricht. Die sogenannte globale Mittelklasse hat ein Pro-Kopf-Einkommen nach Kaufkraftparität von weniger als zehn Dollar am Tag. Das liegt unter dem Mindestlohn in vielen entwickelten Ländern.

Wie stabil ist diese neue Median-Klasse?

Menschen, die unterhalb der absoluten Armutsgrenze lebten, also weniger als 1,25 Dollar oder zwei Dollar am Tag verdient haben, sind aufgestiegen. Aber sie sind nicht weit gekommen. Sie bekommen jetzt vier oder fünf Dollar pro Tag. Die globale Median-Klasse ist also noch immer sehr arm. Und das bedeutet, ihre Lage ist immer noch brenzlig. Aus empirischen Studien in Lateinamerika wissen wir, dass man erst dann nicht mehr so leicht wieder abrutscht, wenn man mehr als zehn Dollar pro Tag verdient. Die Median-Klassen in Indien und China haben diese Schwelle noch nicht erreicht.

Wer vom Aufschwung in Indien und China hört, denkt auch an die Milliardäre Lakshmi Mittal und an Wang Jianlin, dessen Vermögen von »Forbes« auf 13 Milliarden Dollar geschätzt wird.

Es gibt diese Leute und ihr Vermögen ja wirklich. Statistisch betrachtet haben sie jedoch keine Bedeutung. Nach meinen Daten verfügt das reichste Prozent der Weltbevölkerung in Kaufkraftparität gemessen über mehr als 70 000 Dollar jährlich. 29 Millionen davon sind Amerikaner, vier Millionen sind Deutsche, drei Millionen jeweils Franzosen, Italiener und Briten und so weiter. Sie stammen fast alle aus reichen Ländern. In statistisch relevanter Größe kommen Afrikaner, Chinesen, Inder oder Russen nicht in dieser Liste vor.

Die Industrieländer liegen also immer noch vorn.

Die Reichen in den Industrieländern auf jeden Fall. Und auch die dortigen Mittelklassen. Aber wenn man sich anschaut, wie sich diese Mittelklassen während der Globalisierung spätestens seit den Achtzigerjahren entwickelt haben, zeigt sich ein anderes Bild. Besonders in drei Ländern können wir kaum Steigerungsraten messen: Deutschland, Japan, USA. Dort stagnieren die Einkommen bei der unteren Hälfte der Bevölkerung. Im Weltmaßstab sind sie aber immer noch wohlhabend.

Die Vereinten Nationen haben 2001 beschlossen, die Armut in der Welt zu beseitigen. Wie nah sind sie diesem Ziel bislang gekommen?

Global betrachtet sind wir auf einem guten Weg. 50 Prozent aller ehemals Armen sind der Armut entkommen. Vor allem Indien und China sind für diesen Trend verantwortlich. Wenn man sich anderswo umschaut, relativiert sich das aber. Es gibt Superreiche in einigen Ländern, innerhalb vieler Länder nimmt die Ungleichheit zu, die Einkommen der Mittelklasse in Europa und den USA stagnieren, Lateinamerika hat zwei Dekaden ohne Wachstum hinter sich, die Neunzigerjahre waren desaströs für viele Transitionsländer Osteuropas und Afrika. Die guten Nachrichten: Afrika wächst um fünf Prozent, in China gab es eine lange Periode starken Wachstums. Die Globalisierung hat also sehr komplexe, teilweise widersprüchliche Effekte.

Bedeutet höheres Wachstum besseres Einkommen für jeden?

In einigen Ländern gibt es diesen Zusammenhang, etwa in China unter Deng Xiaoping. Aber schauen Sie sich die USA an. In den vergangenen 25 Jahren ist die Volkswirtschaft gewachsen. Und was ist passiert? Die dortige Mittelklasse ist nicht mehr die reichste der Welt – trotz Wirtschaftswachstums.

Wie kann man globale Ungleichheit reduzieren?

Das Wichtigste ist, dass arme Länder mit großer Bevölkerung wie China, Indien, Bangladesch, Nigeria, Pakistan schneller wachsen müssen als die reiche Welt. Das geschieht seit dem Jahr 2000 auch. Es hat aber zur Folge, dass in China und Indien die Ungleichheit steigt. Globale Einkommensverteilung und nationale Einkommensverteilung sind zwei unterschiedliche Indikatoren.

Könnte eine globale Steuer auf Kapital helfen, wie der gegenwärtig sehr populäre französische Ökonom Thomas Piketty sie vorschlägt?

Sie würde ganz sicher Ungleichheit reduzieren. Es bräuchte dafür aber ein hohes Maß an Koordinierung zwischen den Ländern, Steueroasen müssten trockengelegt werden. Es müsste aber auch entschieden werden, was mit dem eingenommenen Geld dann passieren soll.

Die Wahrscheinlichkeit, dass es dazu kommt ist gering. Was raten Sie den Menschen in armen Ländern?

Auswandern.

Auswandern?

Ja. Bei meiner Geburt wird schon darüber entschieden, wie viel Geld ich einmal verdienen werde. Zwei Faktoren sind entscheidend: meine Staatsangehörigkeit und das Einkommen meiner Eltern. Diese beiden Faktoren bestimmen über 80 Prozent des Einkommens eines Menschen. Die restlichen 20 Prozent können die Menschen nicht beeinflussen: Geschlecht, Alter, Hautfarbe, Glück. Es bleiben dann noch Faktoren wie Anstrengung und Fleiß. Aber deren Einfluss auf meine Position in der globalen Einkommensverteilung ist gering. Daher sage ich: auswandern. Wenn ich von einem armen Land in ein reiches Land auswan-dere, geht es mir besser. Selbst wenn ich nicht am oberen Ende der dortigen Einkommenspyramide lande. Vergessen Sie nicht, statistisch betrachtet sind viele Menschen, die in Indien reich sind, in den USA arm.

Sie haben in Jugoslawien angefangen, sich für Einkommensungleichheit zu interessieren. Wie kam das in einem sozialistischen Land an?

Ich studierte damals als junger Mann Wirtschaftswissenschaften und Statistik. Ich liebte die Zahlen und interessierte mich für soziale Zusammenhänge. Aber ich erkannte bald, dass das Thema während der Achtzigerjahre im damaligen Jugoslawien nicht besonders beliebt war, schließlich lebten wir angeblich in einer klassenlosen Gesellschaft. Als ich in die USA kam, stellte ich erstaunt fest, dass es auch dort ein Tabu gab, die Einkommensunterschiede zu erforschen. In Washington sagte mir der Chef eines angesehenen Instituts, dass seine Organisation keine Projekte fördern würde, die sich mit den Einkommensunterschieden beschäftigen. Die Geldgeber würden aber jedes Projekt finanzieren, das sich mit Armut beschäftigt. Es ist doch so: Barmherzigkeit hilft, das Ego aufzublasen, und man kann Moral-Punkte sammeln. Einkommensungleichheit ist ein heikles Thema. Jedes Mal, wenn der Begriff fällt, steht auch die Legitimität des eigenen Einkommens infrage. ---

* Das Medianeinkommen wird ermittelt, indem man die Bevölkerung in zwei gleich große Gruppen teilt: In der einen Gruppe sind die Menschen mit hohem Einkommen vertreten, in der anderen jene mit niedrigem Einkommen. Der Median liegt dann genau in der Mitte. Daher wird das Medianeinkommen auch mittleres Einkommen genannt. 

Man kauft deutsch

Je größer der Wohlstand in China, Russland und Lateinamerika, desto besser für die Wirtschaft hierzulande.

Als Karsten Engel 1994 zum ersten Mal in China war, gab es dort fünf BMW-Händler. Heute ist das Land der größte Markt des Automobilkonzerns, es gibt mehr als 425 Händler, jede Woche kommt ein neuer dazu. „Die Dynamik ist unglaublich, 300 bis 400 Millionen Menschen sind in die Mittelschicht aufgestiegen“, sagt Engel, seit einem guten Jahr Präsident von BMW China.

Rund 90.000 Fahrzeuge setzte die BMW Group 2009 in China ab, 2013 waren es etwa 390.000. Ab einem Haushaltseinkommen von rund 80 000 Dollar kaufen Kunden Premiumautos. Das sind gegenwärtig 15 Millionen Haushalte, bis 2025 könnten es 45 Millionen werden. „Ein so starkes Wachstum ist eine schöne Herausforderung“, sagt Engel. Weil die Chinesen Autos lieben, werden Verkäufer angelernt, Werkstattmeister ausgebildet, Fahrzeugelektriker geschult – die dann wiederum besser verdienen und sich teurere Produkte leisten können. Ein Segen für viele deutsche Unternehmen, weil die Nachfrage hierzulande stagniert.

Bei Adidas heißt es, dass man in Deutschland einem Konkurrenten Kunden wegschnappen müsse, um weitere Marktanteile zu erobern. „In China gibt es jedes Jahr mehr Menschen, die sich unsere Produkte leisten können und wollen“, sagt Adidas-Chef Herbert Hainer. Dort hat das Unternehmen im vergangenen Jahr 1,66 Milliarden Euro Umsatz erwirtschaftet, ein Plus von sieben Prozent zum Vorjahr. 95 Prozent des Umsatzes macht der Sportartikelhersteller außerhalb Deutschlands. Die besten Kunden sind die US-Amerikaner, danach kommen die Chinesen, gefolgt von den Russen. Auch Lateinamerikas Volkswirtschaften wachsen. 2013 betrug der Umsatz von Adidas dort 1,58 Milliarden Euro. 2009 lag er noch bei rund einer Milliarde Euro.

In vielen Ländern des Kontinents sanken die Inflationsraten, wodurch Immobilien- und Konsumentenkredite erschwinglich wurden. „Das hat den Mittelklassen geholfen, ihre Situation zu verbessern“, sagt Santiago Levy von der Interamerikanischen Entwicklungsbank (IDB). „Jetzt fordern sie bessere Dienstleistungen: gute Schulen, gute medizinische Versorgung, guten Nahverkehr.“

Dank der höheren Ansprüche der Menschen erhofft sich auch Ritter Sport ins Geschäft zu kommen, dessen Schokolade im Ausland als Premium-Produkt vermarktet wird. In Chile und Venezuela habe man schon Fuß gefasst. Von deutlich größerer Bedeutung sind jedoch Russland und China. In 106 Länder wird exportiert, 40 Prozent des Umsatzes kommen aus dem Ausland. Auch hier hat man die Erfahrung gemacht: Der deutsche Markt ist gesättigt. Der russische hingegen noch lange nicht. „Jedes Jahr steigt dort unser Absatz um zehn Prozent“, sagt Olaf Wilcke, der Exportchef. In China seien die Tafeln die beliebteste Importschokolade. Um die dortigen Käufer zu ködern, erhalten die Packungen eine eigene Folie mit chinesischen Schriftzeichen, was sehr kostspielig ist. Damit man aber gleich sieht, woher sie stammen, hat man bei Ritter Sport noch ein Element hinzugefügt: die deutsche Flagge und den Zusatz made in Germany.