Partner von
Partner von

Andreas Schiemenz (HSH Nordbank) im Interview

Wer stiftet, will Gutes tun – und vergeudet damit oft genug sein Vermögen. Das sagt Andreas Schiemenz, bei der HSH Nordbank zuständig für Stiftungen, Gemeinnützigkeit und Philanthropie.





brand eins: Herr Schiemenz, was haben Sie gegen Stiftungen?

Andreas Schiemenz: Sie erfüllen selten ihren Zweck. Mehr als 70 Prozent haben ein Vermögen von weniger als einer Million Euro. Sie können sich selbst ausrechnen, was da bei ein, zwei Prozent Zinsen an Ertrag herauskommt – und nur den darf eine Stiftung ausgeben, um Gutes zu tun.

Trotzdem werden pro Jahr weiterhin rund 600 neue Stiftungen gegründet.

Dank einer gut geölten Marketingmaschine ist es gelungen, die Stiftung als eine der besten Möglichkeiten darzustellen, sich ein Denkmal zu setzen.

Was ist daran falsch?

Welche Stiftungen kennen Sie? Zehn, zwanzig, im günstigsten Fall. Die meisten sind zu klein, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Wenn Sie ein Denkmal wollen, bauen Sie sich eines – das hält vermutlich länger.

Viele denken, Stiftungen seien etwas für die Ewigkeit.

Anfang vergangenen Jahrhunderts soll es mehr als 100.000 Stiftungen in Deutschland gegeben haben, am 2. Januar 2014 waren es 20.150. Die meisten haben also nicht mal 100 Jahre überstanden.

Trotzdem sitzen Sie hier im Wealth Management der HSH Nordbank und beraten potenzielle Stifter.

Ein guter Rat besteht eben häufig darin, eine Alternative vorzuschlagen. Wenn Sie zum Beispiel eine Million Euro zur Verfügung haben und damit auch etwas bewirken wollen, kann es sinnvoller sein, das Geld an ein, zwei gemeinnützige Organisationen für ein bestimmtes Projekt zu geben, über mehrere Jahre zu strecken oder bei einer Bürgerstiftung zuzustiften. Aber manchmal ist auch die eigene Stiftung die richtige Lösung.

Wann?

Wenn Sie vergleichsweise viel Geld einsetzen können. Oder wenn Sie als Unternehmer Ihre Nachfolge regeln wollen. Oft haben Stifter keine Erben oder nicht die passenden und wollen sicherstellen, dass ihr erarbeitetes Vermögen nicht in die falschen Hände gerät. Wir hatten hier aber auch schon Familien, die gemeinsam entschieden haben, das Vermögen der Eltern in eine Stiftung einzubringen: Die Kinder sagten, sie hätten eine gute Ausbildung erhalten, selbst einen perfekten Start in ein erfolgreiches Berufsleben, verdienten ihr eigenes Geld, sodass das Vermögen der Eltern anderen helfen solle. Besonders beeindruckt hat mich ein Unternehmer-Ehepaar, das sein gesamtes Vermögen – ein wirklich sehr großes Vermögen – in eine Stiftung einbringen wollte, weil die Enkelkinder nicht auf Unternehmensnachfolge getrimmt werden sollten. Die Kinder sollten sich frei entscheiden.

Welche Rolle spielt die Steuerersparnis?

Eine kleinere, als viele denken. Stärker ist ein Gefühl der Dankbarkeit – viele Stifter wollen der Gesellschaft etwas zurückgeben, weil sie viele Jahrzehnte lang in Frieden und Wohlstand leben durften. Außerdem ist eine Stiftung nur gemeinnützig und damit steuerbefreit, wenn sie der Allgemeinheit dient. Wenn Sie nur Ihre Verwandtschaft versorgen wollen, ist das privatnützlich – und damit steuerpflichtig.

In der Werbung für Stiftungen wird das Steuerthema allerdings hervorgehoben.

Ja, aber die Vorstellung, sich zu verewigen, zieht mehr.

Was macht Stiftungen eigentlich für Berater und Banken so attraktiv?

Sie sind ein gutes Geschäft. Zehn Prozent der gestifteten Summe sind schon mal bei der Gründung weg – Sie brauchen einen tüchtigen Anwalt, einen tüchtigen Notar, die Honorarnote für den Steuerberater nicht zu vergessen. Banken freuen sich, weil sie in aller Regel eine langfristig und sicher angelegte Summe bekommen. Das erklärt auch, warum viele Kreditinstitute Treuhandstiftungen als Gegenbewegung beispielsweise zu Bürgerstiftungen initiieren.

Wie geht das?

Ein Kunde investiert in eine Treuhandstiftung, also eine nicht rechtsfähige Stiftung. Die Bank fungiert dann als Treuhänder und legt das Geld entsprechend dem jeweils mit den Kunden abgestimmten Satzungszweck an. Alternativ könnten sie auch bei einer Bürgerstiftung zustiften – beides sind Wege, um auch mit kleinen Summen etwas zu erreichen.

Warum verwandeln Unternehmer immer wieder ihre Firmen in Stiftungen?

In Stiftungen kann man alles einbringen, was man erhalten möchte – die Oldtimer-Sammlung genauso wie Gesellschafteranteile, Aktien, Immobilien, auch Markenrechte oder Patente. In der Stiftung sind sie erst einmal sicher, niemand kann ihre Schätze verkaufen – nur die Gewinne aus diesen Vermögenswerten dürfen für einen von ihnen definierten Zweck verwendet werden. Der Unternehmer, der seine Firma in eine Stiftung einbringt, will sie also in erster Linie erhalten – und möglicherweise der unsachgemäßen Führung durch seine Erben entziehen. Steuern lassen sich damit aber erst sparen, wenn der Ertrag nicht an die Erben, sondern an die Allgemeinheit geht.

Ist Stiften ein Zeitgeist-Thema? Nimmt die Bereitschaft in Zeiten zu, in denen Wohlhabende den Konsumterror beklagen?

Der klassische Stifter ist, wenn er seine Stiftung gründet, am Ende des siebten Lebensjahrzehnts – er hat eine ganz andere Prägung als die jungen Menschen, die Autos und Wohnungen teilen.

Licht und Schatten: im Treppenhaus der HSH Nordbank

Junge Stifter gibt es nicht?

Für jüngere Menschen, die zu einem hohen Vermögen gekommen sind und damit soziale Verantwortung übernehmen wollen, stellt eine Stiftung in aller Regel keine Option dar. Ihnen geht es vielmehr darum, mit ihrem Geld den höchsten Wirkungsgrad zu erzielen. In ausgewählten Projekten arbeiten sie zudem auch gern aktiv mit.

Social Business statt Stiftung?

Diese neue Generation hat ihr Geld häufig mit dem Aufbau von Unternehmen gemacht und ist überzeugt, dass sich mit betriebswirtschaftlichem Denken und Handeln nicht nur ökonomische, sondern auch soziale Probleme lösen lassen.

Das hat nicht mehr viel mit dem alten Stiftungsdenken zu tun.

Die jüngeren Großspender bezeichnen sich auch lieber als Investoren. Und es ist bezeichnend, dass sie kaum für eine Zustiftung zu gewinnen sind, aber durchaus bereit, in eine der großen Non-Profit-Organisationen zu investieren – Rotes Kreuz, Welthungerhilfe, Johanniter, SOS-Kinderdörfer: Das sind professionell gemanagte Organisationen mit hoher Markenbekanntheit.

Genau deshalb werden Sie zwar dankbar Spenden annehmen – aber wollen Sie wirklich Investoren mit Mitspracherecht?

Ich bekomme von Organisationen immer wieder zu hören, dass sich dort ein Investor gemeldet habe, der ihnen einen Unternehmensberater oder einen professionellen Spendensammler bezahlen will – was meist nicht auf Gegenliebe stößt. Daher sind solche Investoren mit echtem Social Business besser bedient. Sie haben durchaus einen Blick für soziale Belange, aber sie haben kein Vertrauen in die Wirksamkeit von Spenden – sie suchen Lösungen. Ob das dann eine Crowdfunding-Plattform ist oder eine Software: In jedem Fall soll das Ganze auch eine Rendite erwirtschaften, selbst wenn die dann meist wieder reinvestiert wird.

Das klingt nach deutlich mehr Wirkung und auch Spaß, als seine Million in einer kleinen Stiftung zu versenken.

Wenn Sie unternehmerisch unterwegs sind, ist ein Social Business eine gute Möglichkeit, sich zu engagieren – aber auch mit einem eingetragenen Verein könnten Sie es weit bringen. Für einen eher vorsichtigen Menschen ist es besser, sich eine Organisation zu suchen, zu der er zunächst mit kleineren Spenden Vertrauen aufbauen, sich gegebenenfalls an einer Aktion beteiligen kann. Wenn er dann das Gefühl hat: Tolle Leute, tolle Projekte, denen traue ich was zu – dann kann er die Entscheidung, größere Teile seines Vermögens an die Organisation zu geben, mit einem sehr viel besseren Gefühl und größerer Zufriedenheit treffen.

Mit dem Denkmal für die Ewigkeit wird es dann aber nichts.

Kommt darauf an. Wenn Sie daran glauben, dass Sie mit Ihrer Millionenspende ein Kieselstein am Strand der Ewigkeit geworden sind, kann es klappen. ---

Wo gutes Geld arbeitet

Stiftung
Sie umfasst ein Vermögen, das dauerhaft für einen bestimmten, in der Stiftungssatzung verfügten Zweck, eingesetzt wird. Treuhandstiftung
Sie wird auch als unselbstständige oder nicht rechtsfähige Stiftung bezeichnet und durch einen Treuhänder verwaltet, nicht durch eigene Gremien. Sie muss nicht durch die Stiftungsaufsichten anerkannt werden. Rechtsfähige Stiftung
Sie ist die klassische Form der deutschen Stiftung und verfügt über einen eigenen Vorstand, der in vollem Umfang die Geschäfte im Sinne der Stiftungssatzung verantwortet. Verbrauchsstiftung
Sie erhält ein Vermögen nicht auf Dauer, sondern um es in einem bestimmten Zeitraum zu verbrauchen. Gemeinnützige Stiftung
Sie fördert die Allgemeinheit ohne Eigeninteressen. Die Anforderungen der Gemeinnützigkeit werden in der Abgabenordnung aufgeführt. Gemeinnützige Stiftungen genießen verschiedene Steuerprivilegien. Privatnützliche Stiftung
Sie fördert nur einen begrenzten Personenkreis, zum Beispiel die eigene Familie. In diesem Fall entfällt die Gemeinnützigkeit und die damit verbundenen Steuerbefreiungen. Unternehmensstiftung
Sie bewahrt ein Vermögen, das im Wesentlichen aus Unternehmensbeteiligungen besteht. Zustiftung
So wird die Spende zu einem bestehenden Stiftungsvermögen genannt. Spende
Sie ist eine freiwillige Zuwendung für gemeinnützige Zwecke, für die der Geber keine Gegenleistung erhält. Social Business
Das sind Organisationen, die soziale oder ökologische Probleme mit unternehmerischen Mitteln lösen wollen.

Wann das Finanzamt hilft

Wer eine gemeinnützige Stiftung gründet oder unterstützt, kann die Zuwendungen in Form eines Spendenabzugs geltend machen – eine Million Euro pro Person, beliebig verteilt über zehn Jahre. Als Voraussetzung für die Gemeinnützigkeit stehen in der Abgabenordnung: gemeinnützig, mildtätig, kirchlich. Die Spenden an solche Organisationen und Stiftungen sind bis zu 20 Prozent der Gesamteinkünfte des Stifters abzugsfähig. Wird diese Grenze in einem Jahr überschritten, kann der übersteigende Betrag zeitlich unbeschränkt vorgetragen werden.