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Arsenal FC Geschichte

Fußball ist ein Geschäft, und Vereine sind Marken. Auf diese Idee kam Herbert Chapman beim Arsenal FC vor fast hundert Jahren.




• Am 11. Mai 1925 erschien in der in Manchester herausgegebenen Sportzeitung »Athletic News« eine Stellenanzeige: „Arsenal Football Club nimmt Bewerbungen für die Position des Teammanagers entgegen. Er muss über große Erfahrungen und Qualifikationen verfügen, sowohl fachlich als auch charakterlich. Herrschaften, deren einzige Fähigkeit beim Aufbau einer großen Mannschaft auf exorbitant hohen Transfersummen beruht, brauchen sich gar nicht erst zu bewerben.“

Herbert Chapman hatte es nicht nötig, seine Unterlagen zu schicken. Er hatte den kleinen Verein Huddersfield Town zum Pokalsieg geführt, war gerade zum zweiten Mal Englischer Meister geworden und brachte all das mit, was Clubchef Henry Norris sich wünschte. Also offerierte der dem Trainer 2000 Pfund im Jahr, das Doppelte dessen, was Chapman bisher verdient hatte. Der nahm den Job an. Er wusste, dass keine einfache Aufgabe auf ihn wartete.

In der Saison 1924 / 25 gab es drei Londoner Clubs in der ersten Englischen Liga: Tottenham Hotspur FC, West Ham United und Arsenal FC. Arsenal hatte die Spielzeit auf dem drittletzten Tabellenplatz beendet. Bislang war noch nie ein Londoner Club Meister geworden. Mit Chapman aber holte Arsenal 1930 den Pokal, wurde 1931 und 1933 Meister.

Seine sportlichen Erfolge machten ihn zur Legende. Seine Ideen, wie der Fußball besser verkauft werden konnte, veränderten den Sport für immer. Als er 1934 völlig überraschend im Alter von 55 Jahren starb, war Arsenal ein anderer Verein.

Im Jahr 1925 war Fußball auch in England längst noch kein Volkssport. Hundewettläufe zogen das Publikum mehr an. Besonders Motorradrennen faszinierten die Massen zu einer Zeit, in der gerade einmal zehn Prozent der Engländer ein Fahrzeug besaßen. 50 000 Besucher standen bei solchen Wettkämpfen Schlange, während hochklassige Fußballspiele höchstens 30 000 Zuschauer anlockten.

Schon allein des Geldes wegen musste Chapman die Leute regelrecht ins Stadion locken. Ihm war klar, dass die Arsenal-Anhänger nicht reich waren. Zwar kamen 20 000 treue Besucher zu allen Begegnungen, egal, bei welchem Wetter. „Aber wir dürfen das nicht als selbstverständlich erachten“, sagte Chapman. Und entschoss, den Fans den Aufenthalt im Stadion so angenehm wie möglich zu gestalten.

Die einfachste Lösung war ein Dach. Nur eine der vier Tribünen des Stadions im Londoner Viertel Highbury war überdacht. Auf die drei anderen prasselte der Regen nieder. Chapman übernahm persönlich die Aufsicht für den Bau der neuen Westtribüne. 45 000 Pfund kostete der 1932 eingeweihte Bau. 4100 Zuschauern bot er Schutz vor Regen.

Nicht alle in dem beschaulichen Viertel waren damit einverstanden, dass während der Weltwirtschaftskrise ein Fußballclub so viel Geld in eine neue Tribüne steckte. Ein Anwohner beschwerte sich in der »Islington Gazette«: „In einer Zeit der nationalen Krise scheint es unmoralisch, eine solch üppige Summe für ein Fußballstadion zu bezahlen.“

Wem die Westtribüne schon zu teuer erschien, der musste die neue Osttribüne, die Chapman plante, für obszön gehalten haben. „Ein wundervolles Gebäude, das in der Welt des Fußballs seinesgleichen sucht“, wurde im offiziellen Programmheft vermerkt, als der Bau 1936, fast drei Jahre nach Chapmans Tod, eröffnet wurde. 130 000 Pfund hatte er gekostet. Die üppige Art-déco-Fassade war einzigartig. Auch sportlich erfüllte das Gebäude seinen Zweck. Wilf Mannion, ein Stürmer von Middlesbrough, erinnerte sich: „Wenn du nur die Fassade gesehen hast, hast du dich gleich minderwertig gefühlt.“

Aber Chapman wusste, dass es mit einem Palast für den Fußball allein nicht getan war. Der Dramatik wegen wollte er eine große Uhr, die 45 Minuten herunterzählte, im Stadion aufstellen. Wenn die Fans sehen konnten, wie viel Zeit noch blieb, würde das Spiel spannender, hoffte er. Aber der englische Fußballverband (FA) war dagegen. Die Uhr würde die Schiedsrichter unter Druck setzen. Chapman ließ stattdessen an der Südseite eine normale Uhr aufstellen, die von der FA zähneknirschend akzeptiert wurde.

Keine Genehmigung dagegen brauchte Chapman für Musik im Stadion. Arsenals Highgate Silver Band hielt das Publikum vor dem Spiel und während der Halbzeit bei Laune. Sie spielten Kompositionen von Frédéric Chopin und Franz Liszt. Ihre Aufnahme des Marsches „Blaze Away“ verkaufte sich auf Schallplatte mehr als eine Million Mal.

Sportlich hatte Chapman dem Arsenal FC den Erfolg gebracht, unternehmerisch hatte er den Verein zu einer der ersten Adressen in England gemacht. Dafür ging er jede Menge Risiken ein. Zuerst stürzte er 1929 den Präsidenten Henry Norris, der in einen Bestechungsskandal verwickelt war und den er als Bremser seiner großen Pläne ansah. Dann setzte er bei Spielerverpflichtungen von 1928 an alles auf eine Karte.

Von den Bolton Wanderers holte er etwa den Stürmer David Jack für die Rekordsumme von 10 000 Pfund – zu einer Zeit, als die Arbeitslosigkeit in Großbritannien ebenfalls alle Rekorde brach. Um seine teuren Einkäufe zu finanzieren, brauchte er 40 000 zahlende Zuschauer bei jedem Heimspiel. Sonst drohte der Bankrott. Doch die Wette ging auf. Die Zuschauer wussten: Bei Arsenal wird was geboten.

Schließlich gelang auch sein größter Marketing-Coup: den Club auf allen Karten Londons zu verewigen. Genau neben dem Stadion in Highbury ist eine U-Bahn-Station. Seit ihrer Inbetriebnahme trug sie den Namen der Straße, an der sie liegt: Gillespie Road. Immer wenn Chapman daran vorbeiging, schoss ihm durch den Kopf: „Wer hat jemals von Gillespie Road gehört? Hier ist Arsenal!“

Monatelang lag er der Stadtverwaltung in den Ohren, unzählige Termine bei der Underground Electric Railways Company nahm er wahr. Dann hatte Herbert Chapman es geschafft: Am 5. November 1932 wurde die Station in Arsenal umbenannt. Tausende Tickets und U-Bahn-Karten mussten neu gedruckt werden, Schilder mussten ausgetauscht und neu beschriftet werden, Fahrkartenautomaten mussten neu eingestellt werden. Bis heute ist Arsenal der einzige der fünf Erstligavereine in London, dessen Name auf dem U-Bahn-Plan eingezeichnet ist, kein Stadion ist leichter zu finden.

Spätestens seit diesem Tag ist Arsenal mehr als ein Club, es ist eine Marke. Als Chapman 1934 starb, war es die berühmteste Fußballmarke in Europa – weil Herbert Chapman wusste, dass zum Sport auch Show gehört. ---