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Manfred Klimek Kolumne

Unser Autor lebt volkswirtschaftlich vorbildlich: auf Pump.





• Ich weiß, was jetzt kommt. Geld ist nicht alles, und Reichtum ist mehr als eine Ansammlung von Villen mit Garagen für italienische Sportwagen. Solche Sätze sagen Leute, die nach dem Verkauf von Verzicht predigenden Machwerken ebensolche Häuser mit ebensolchen Garagen für ebensolche Sportwagen erwerben. Diese Leute lügen uns an: Nichts ist tröstlicher als ein solider Betrag auf einem Konto in einem Schurkenstaat, ein Penthouse in Kensington und eine Yacht, die in Rapallo vor Anker liegt. Das alles hätte ich haben können. Ich habe es vergeigt.
Als ich 20 war, betrug meine Lebenserwartung 23 Jahre. Dann, das war sicher, käme der Atomkrieg und auch das Waldsterben, und die ganze Erde wäre ein unbewohnbarer Planet, auf dem versprengte Reste unserer nur zum Unglück fähigen Spezies auf alten, batteriebetriebenen Kassettenrekordern kopfnickend die Prophezeiungen des Club of Rome nachhören würden. „Ja, ja, wir haben es immer gewusst! Was haben wir nur getan?!“
Bei meinen Interrail-Ausflügen wunderte ich mich immer, warum die Touristen in Italien, Griechenland oder Spanien so lustig waren, immerzu soffen und ihre kaum bedeckten Körper in der Sonne rösteten. Wussten die nichts vom bevorstehenden Armageddon? Oder zumindest vom Ozonloch und dem malignen Melanom? Da war mir ein Mahner wie Heinrich Böll lieber, dem ich im kurz zu Weltbekanntheit aufgestiegenen Schwabennest Mutlangen bei seinen radikalpessimistischen Ausführungen zuhören durfte, als ich mit ein paar Millionen Gleichgesinnten versuchte, die Nato-Nachrüstung zu verhindern. In dieser dem Untergang geweihten Welt gab es zwei Vorsätze. Erstens: keine Kinder kriegen. Zweitens: nicht mit dem Kapitalismus paktieren, dem Schweinesystem, das an allem Elend schuld ist.
Inmitten dieses postpubertären Jammertals begann ich, Geld zu verdienen. Und zwar ordentlich. Zeitschriften, die Zeitgeist propagierten, und Werbeagenturen kauften meine Fotos. Eben war ich noch ein mit Bettel abgespeister Lehrling, jetzt begann sich mein Konto mit Geldbeträgen zu füllen, an die ich Monate zuvor nicht zu denken gewagt hatte. Ich wechselte die Wohnung, kaufte jene Designermöbel, die ich heute noch habe, und bestellte Substanzen, deren Besitz mir im Freistaat Bayern ein Konstantin-Wecker-Eckart-Witzigmann-Schicksal beschert hätte. Meine Freundin trennte sich von mir und beschloss, ihr Leben als feministische Filmemacherin fortzuführen. Sie endete beim „Tatort“.
Mein plötzlicher Reichtum änderte aber nichts an der Überzeugung, dass Planet und Bewohner einem Wasserstoffbombenregen zum Opfer fallen würden. Auch die geldwerte Gegenstände verschonende Neutronenbombe vermochte den Fatalismus nicht zu dämpfen. Doch dann kam dieser Russe mit dem Muttermal auf der Stirn, die Mauer fiel, und der Ostblock zerfiel.
Mir setzte ein anderer Untergang zu: der ganz persönliche. Eine Institution namens Finanzamt schickte mir einen eingeschriebenen Brief und forderte Einkommensteuer – ein Begriff, den ich noch nie zuvor gehört hatte. Ich zahlte doch schon eine Abgabe, die auf meine Umsätze. Reichte das etwa nicht?
Leider nicht. Also besorgte ich mir einen Dispositionskredit in einer Höhe, die darauf schließen ließ, dass man auch in meiner Bank nicht zwischen brutto und netto unterscheiden konnte. Ich nahm das Geld und zahlte meine Schulden. Das war 1986. Der Tag vor dieser Überweisung war der letzte Tag, an dem mein Konto ein Haben aufwies. Danach nur Dispo. Manchmal knietief. Manchmal bis zu den Nasenflügeln. Manchmal musste ich ein paar Stunden die Luft anhalten.
Dabei war damals noch nicht alles verloren. Ich verdiente immer noch Geld, be- mutternde Finanzberater erdachten einen Finanzplan für mich (der freilich nie hielt), und die Welt rundherum verfiel der Idee, aus keinem Geld viel Geld zu machen. So begann auch ich zu kaufen. Einen Weinberg. Mit neuerlich geborgter Knete, die man mir, einer Weihnachtsgans gleich, in den Schlund stopfte.
Den Weinberg kaufte ich an einem frühen Morgen in der Toskana. Mit einem ungedeckten Scheck. Auf dem standen so viele Nullen, dass die Kriminalisten des Geldinstituts darin eine versteckte Lösegeldzahlung vermuteten. War das Papier um 7.30 Uhr noch nicht mal die Druckkosten wert, so konnte der Makler um elf Uhr die Lire-Milliarden auf sein Konto transferieren. Mein Anruf bei meiner Bank reichte, den Betrag freizumachen. Besicherung? Keine. Sicherheit? Einzig mein „guter Name“. Von nun an erhielt ich Kontoauszüge mit einer siebenstelligen Ziffer vor dem schmalen, fast schamhaft verborgenen Minus. Und machte mir keinen Kopf.
Mit noch mehr geborgtem Geld kaufte ich Wein, nicht irgendwelchen, sondern schweineteuren Bordeaux. Ich wusste, diese Tropfen würden noch viel teurer werden. Und dann kaufte ich Aktien. Zum Vorzugspreis, denn die Unternehmen wurden von Bekannten ins Leben gerufen, die von der Privatisierung der Telekommunikation profitieren wollten. Eines trug Cyber im Firmentitel, damals Garant für den Jubel sogenannter Analysten. Irgendwann besuchte ich die Leute in ihrem Backsteinloft in einer ehemaligen Vorstadt-Fabrik. Die Klitsche hatte gerade einen Börsenwert von 1,7 Milliarden D-Mark, doch der Putz bröckelte von den Wänden. Die Angestellten saßen entweder herum und glotzen in die Luft oder beschäftigten sich mit barbarischen Computerspielen.
Ein anderer Bekannter, dem ich mein geborgtes Geld in den Rachen schob, stand in einem schicken Innenstadtbüro herum und erzählte mir, dass seine Firma, vormals ein popeliger Buchladen, nach dem Börsengang plane, Madonna unter Vertrag zu nehmen. Zeitgleich schoben unzählige Hilfskräfte Hunderte Apple-Computer durch die neu gestalteten Räumlichkeiten, und am Ende kam ein devoter Angestellter hinzu und drückte meinem Bekannten einen Maserati-Schlüssel in die Hand. Geld wurde offenbar nur mit dem Verkünden von Absichten verdient. Und nicht mit Arbeit.
Ich misstraute dem Ganzen und verkaufte alle Aktien. Meine Bankberaterin schrie auf. Viel zu früh! Doch mir schienen 70 Prozent Gewinn nach fünf Wochen schon eine stolze Bilanz zu sein. Also zahlte ich dem Staat seine Spekulationssteuer und freute mich über die paar Tausender, die meine gigantische Schuldenlast verringerten. Das war ein fataler Fehler, denn die Aktien der Firmen schossen in Himmel, die auch Gott nicht kannte. Ein paar Wochen vor dem großen Dotcom-Crash hätte ich 274-mal (!!!) mehr bekommen, als ich eingesetzt hatte. Es hätte gereicht. Für Kensington. Und die Yacht.
Mein zweiter fataler Fehler war, meine Weine zu verkaufen. Gewinnbringend freilich, doch wieder ein paar Jahre zu früh. Hätte ich die Kisten heute noch im Keller liegen, müsste ich mir keine Gedanken um meine bevorstehende Altersarmut machen. Drei Flaschen hätten für die Vollpension im Grill Royal ausgereicht. Ohne Kensington zwar. Auch ohne Yacht. Aber auch ohne Druck, diesen Text hier schreiben zu müssen.
Meine Freunde, die zehn Jahre studiert hatten und stets pleite waren, wurden Ärzte, Anwälte, Architekten und Art-Direktoren, gehören also zu jenen Berufsgruppen, die den Kapitalmarkt mit überschüssigem Geld befeuern. Ich hingegen wurde arm. Die Medienkrise fegte die großen Reportagen hinweg, und Werbefotos werden nun aus Bildbearbeitungsprogrammen komponiert. Dennoch kam ich im Schuldenabbau voran, nicht zuletzt durch den Verkauf jenes Stückes toskanischer Erde, das mir den Schuldenberg eingebracht hatte. Diesmal ausnahmsweise zu spät. Und ohne Gewinn.
Macht nichts. Aufstehen und weitermachen. Pläne gibt es genug. Auch Ideen. Nur die Bank spielt da nicht mit. Zu meinem Fünfzigsten wurde mir der Kreditrahmen gestrichen, nach Zahlung der letzten Rate bedeutete man mir, dass ich bitte nie wieder ein Darlehen beantragen solle. Und dann musste ich auch noch meine Liliput- Eigentumswohnung am Prenzlauer Berg verkaufen, um die letzten Finanzamtschulden zu tilgen. Aus! Es ist vorbei.
Man sollte mir einen Orden ans Revers heften. Denn ich habe stets darauf geachtet, alles, was ich verdient habe, auch gleich wieder aus dem Fenster zu werfen. Getreu dem Motto, dass für jeden dieser Euros zwei wieder zur Türe hereinspazieren. Meine Euros machen wohl eine Weltumrundung. Zu Fuß. Denn bislang hat sich keiner wieder blicken lassen. ---