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Wissensschätze

Ein Fotograf macht sich auf den Weg durch Labore und Archive. Er findet geheimnisvolle Orte, futuristische Szenarien, vielfältige Formen von Leben.





Bahnhof.se, „Pionen“, Stockholm, Schweden, 2011. Serverschränke. „Pionen“, das als eines der am besten vernetzten Datenzentren Nordeuropas gilt, ist so konstruiert, dass es selbst einer Atomexplosion standhalten würde. Es hat seinen Sitz in einem Militärbunker, der während des Kalten Krieges unter Stockholms Sofia-Kirche in 30 Metern Tiefe in den Felsen gehauen wurde. Seit 2008 wird er von dem Unternehmen Bahnhof.se unter dem alten Namen Pionen White Mountains genutzt. Zwei für deutsche U-Boote gebaute Back-up-Generatoren ermöglichen die unabhängige Versorgung und Kühlung der 1100 Quadratmeter großen Serverfarm. Laut datacentermap.com verfügt Schweden aktuell über 30 Datenzentren, 19 davon in Stockholm.
Bahnhof.se, „Pionen“, Stockholm, Schweden, 2011. Server. In Pionen stehen auch zwei Wikileaks-Server. Bahnhof.se kümmert sich nicht um die Inhalte: Solange Wikileaks ­bezahlt und die schwedische Regierung nicht verlangt, dass der Vertrag mit Wikileaks aufgrund von Rechtsverletzungen aufgekündigt wird, sieht das Unternehmen keinen Grund, Julian Assange seine Dienste zu verwehren. Andere Datenzentren wie das „Schweizer Fort Knox“ hatten sich geweigert, Wikileaks aufzunehmen.
Französisches Pferde- und Reit-Institut (Nationale Zuchthengstfarm), Landivisiau, Frankreich 2011. Stutenattrappe zur Spermagewinnung. 1980 wurde in der nationalen Zuchthengstfarm die künstliche Besamung eingeführt, die sich schnell zu einem weitverbreiteten Verfahren entwickelte. Mit einem einzigen mithilfe der stählernen Stute gewonnenen Ejakulat lassen sich 15 bis 65 Stuten besamen. Zudem erlaubt das Verfahren, eine Zuchtlinie zu prüfen, zu verbessern und hochwertiges Sperma überlange Zeit hinweg aufzubewahren. Anfang 2011 wurde das gefrorene Sperma des Hengstes Mylord Carthago für nur 50 Kunden zum Preis von 3000 Euro zur Verfügung gestellt. Dafür bekam jeder Käufer acht 0,5ml-Röhrchen mit Ejakulat mit jeweils 50 Millionen Spermien.
Creavia, Saint-Aubin-du-Cormier, Frankreich, 2011. Bullen-Samenbank. Spermiogramm zur Beurteilung der Qualität von Bullensperma.
Institut für die Optimierung tropischer Pflanzen, Katholische Universität Leuven, Belgien, 2010. Stickstoff-Behälter für Kryokonservierung. Neben Reis, Weizen und Milch gehören Bananen zu den wichtigsten Nahrungsmitteln weltweit; mit mehr als 1100 Arten verfügt die Katholische Universität Leuven über die weltweit größte entsprechende Genbank. 1990 gelang es dort erstmals, Bananenzellen in flüssigem Stickstoff aufzubewahren (Kryokonservierung).
KrioRus, Albuschewo, Russland, 2010. Tank zur Aufbewahrung menschlicher und tierischer Körper. In diesem Polystyrol-Behälter lagern in zerstoßenem Eis vier menschliche Gehirne und ein Hund, um für die Kryokonservierung präpariert zu werden. KrioRus, das erste Kryonik-Unternehmen Russlands, befindet sich in einem Vorort von Moskau. Das 2005 gegründete Privatunternehmen hat acht Angestellte, die menschliche und tierische Leichname in flüssigem Stickstoff konservieren. Man geht davon aus – oder hofft zumindest –, dass die Wissenschaft bald in der Lage sein wird, Körper und Gehirne wieder zum Leben zu erwecken. Das KrioRus-Vorstandsmitglied Danila Medvedev ist ein überzeugter Anhänger des Transhumanismus.
Mount10, bekannt als „Schweizer Fort Knox“, Saanen-Gstaad, Schweiz, 2010. Eingang zum Datenzentrum. Seit 1993 ist der 1946 von der Schweizer Armee erbaute Militär­bunker ein Datenzentrum. Glasfaserkabel verbinden ihn mit einem weiteren Bunker, dem zehn Kilometer entfernten Swiss Fort Knox II, der immer noch im Besitz der Schweizer Armee ist. Dieses Zwillingsbunkerprojekt ist ein Joint Venture zwischen der SIAG (Secure Infostore AG) und der Schweizer Armee. Christoph Oschwald, Mitgründer der SIAG, versichert seinen Kunden, dass die Armee keinerlei Kontrolle über die Aktivitäten des Zentrums oder das archivierte Material habe. Alle Daten ­werden ­verschlüsselt, nur der Kunde besitzt das Passwort. Deshalb kann bei Anfragen der Justizbehörden nur der Kunde eine Entschlüsselung ermöglichen – eine Art IT-Version des alten Schweizer Bankgeheimnisses. Multi­nationale Konzerne, mittelständische ­Betriebe, Banken, ja sogar Privatpersonen deponieren hier ihre ­Daten. Die Festplatten und Datenträger können bequem auf dem nahe gelegenen ehemaligen Militärflugplatz übergeben werden, der heute zivil genutzt wird.
SafeHost, Plan-les-Ouates, Genf, Schweiz, 2012. Keller des Datenzentrums. SafeHost, das im Jahr 2000 in einem Vorort von Genf eingerichtet wurde, ist ein ausschließlich privat geführtes Unternehmen. Zu seinen Kunden zählen Geldinstitute und internationale Organisationen sowie Privatunternehmen. SafeHost verfügt aktuell über eine Fläche von 10 000 Quadratmetern, doch dieses Jahr plant das Unternehmen in größere Räumlichkeiten (mehr als 180 000 Quadratmeter) umzuziehen. Aktuell besitzt die Schweiz laut datacentermap.com 57 solcher Zentren. Weltweit gibt es 3075 auf 95 Länder verteilte Daten­zentren. Mehr als 1100 befinden sich in Westeuropa und 1208 in den USA. 2012 wurden 1,7 bis 2,2 Prozent des globalen Strom­verbrauchs für die Datensicherung genutzt.

Die Ausstellung „Deposit“ ist vom 8. März bis 25. Mai 2014 im Fotomuseum Winterthur zu sehen. Im Steidl Verlag ist dazu ein von Daniela Janser, Thomas Seelig und Florian Ebner herausgegebener Katalog erschienen, zu dem Lars Willumeit ein umfangreiches Glossar verfasst hat.