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Schaffermahlzeit

Die Bremer Schaffermahlzeit ist das älteste Brudermahl der Welt – und pflegt seit 470 Jahren seine Bräuche. Veränderungen mag man nicht. Schon gar nicht, wenn sie die Gästeliste betreffen.





• Volkhard Mindemann war ein strenger Protestant, die Bremer nannten ihn gelegentlich einen Tyrannen. Im Jahr 1736 war er im Alter von 31 Jahren in den Rat der Stadt gewählt worden, 1749 wurde er Bürgermeister der Hansestadt.

In diesem Amt fasste er einen Entschluss: „Die lärmenden und üppigen Schaffermahlzeiten sind ein übler Brauch, der mit den Zwecken der milden Anstalt in schneidendem Kontrast steht und abgeschafft werden müsse.“ Doch die Bremer Kaufleute, die Schaffer, zeigten Mindemann, wer in Bremen das Sagen hat – das Fest gibt es bis heute.

Seit 1545 treffen sich die Kaufleute mit den Kapitänen am zweiten Freitag im Februar zur Schaffermahlzeit. Am Ende des Winters, wenn das Eis auf der Weser langsam schmilzt und die Seeleute ihre Schiffe auftakeln, sprechen sie über die Geschäfte im neuen Jahr.

Ab 1561 luden die Kaufleute dafür zum Essen ein; organisiert wurde die Zusammenkunft von der Stiftung Arme Seefahrt, die sich um Witwen und Waisen von Seefahrern kümmerte. Damit klar war, dass diese Institution kein Geld zu der Sause zuschießen muss, hieß es in deren Statuten: „Und wenn die alljährliche Rechenschaft (…) gehalten wird, was dann dabei an Bier oder sonst verzehrt und vertrunken wird, das soll nicht zum Nachtheile und Schaden der Armen aus der vorgenannten Kiste genommen werden, sondern ein jeglicher soll seinen Anpart aus seinem eigenen Beutel vergüten und bezahlen.“

Doch das reichte Mindemann nicht aus. Er wollte verhindern, dass die Veranstaltung, wenn sie schon stattfinden muss, ausartet, und den Weingenuss auf ein Glas pro Gast beschränken.

Das schien den Kaufleuten übertrieben. Aber sie signalisierten Entgegenkommen und boten an, auf die sogenannten Bündels zu verzichten. Bei Hochzeiten oder Taufen hatten die Gäste damals das Recht, eine Serviette mitzubringen und alles, was vom Essen übrig war, darin einzupacken und mitzunehmen.

Das wiederum war Mindemann zu wenig. Also beschloss die Stiftung Arme Seefahrt, künftig keine Bremer mehr zur Schaffermahlzeit einzuladen, die nicht Mitglieder des karitativen Hauses Seefahrt waren. Sogar die Schaffer, also die ausrichtenden Kaufleute, wollten künftig darauf verzichten, Verwandte einzuladen.

Zusätzlich versicherten sie dem Bürgermeister, dass sie ihr Gelage privat finanzierten – ergo habe der ihnen auch nicht reinzureden. Zudem diene ihr Treiben einem wohltätigen Zweck, denn während des Essens würden Spenden für arme Seeleute gesammelt, und so manchem Kaufmann falle es leichter, Geld zu geben, wenn er ein, zwei Gläser Wein intus habe. Schließlich gab Mindemann nach.

Der 1781 Verstorbene musste nicht mehr erleben, wie es weiterging. Ab 1830 begann die große Zeit des Bremer Hafens, und das wusste man zu feiern.

Im Jahr 1834 wurde laut Speisekarte den 111 Gästen folgendes Menü serviert: zwölf Terrinen Hühnersuppe mit Krebsen und Bällen, drei Terrinen klare Bouillon, eine Schüssel mit Hühnerfleisch, zwölf Schüsseln Stockfisch mit Soße, zwölf Schüsseln Kartoffeln, vier Stück Rauchfleisch, acht Stück Schinken, acht Schüsseln brauner Kohl mit Kastanien, sechs Schüsseln Teltower Rübchen mit Kastanien, sechs Schüsseln doppelte Frankfurter Würstchen, sechs Schüsseln Karbonade, sechs Schüsseln Hammelfleisch, zwei große Ochsenbraten, sechs große Kalbsbraten, sechs Schüsseln Katharinenpflaumen, drei Schüsseln grüner Salat mit Eiern und Soße, drei Schüsseln Selleriesalat mit Eiern und Soße.

Wer danach noch hungrig war, konnte sich über den Nachtisch freuen: sechs Körbe Walnüsse, zwölf Teller englischer Käse, zwölf Teller Ochsenzungen, zwölf Teller Äpfel, sechs Körbe Mandeln und Rosinen, zwölf Teller Sardellen, zwölf Teller Butter.

Und weil man von alledem durstig wird, gab es zunächst als Willkommenstrunk Seefahrtsbier, das wie flüssiges Schwarzbrot schmeckt. Zum Essen wurden 290 Flaschen eines 1827er Margaux Trois Moulins und 100 Flaschen Haut Preignac vorgehalten.

Die Bremer Schaffer strotzten in dieser Zeit vor Selbstbewusstsein. Der Raddampfer „Washington“ verkehrte für die Reederei Ocean Steam Navigation Company ab Bremerhaven, es war die erste Postschiffverbindung zwischen Europa und Nordamerika. In Neugrenada wickelten Bremer Kaufleute den Handel ab, auf den westindischen Inseln betrieben Bremer die Eisenbahn und die Binnenschifffahrt. Zur Schaffermahlzeit waren Gäste aus Amerika, der Karibik und Mexiko willkommen.

Nur Frauen nicht. Ihnen war der Zutritt verboten. Das Schaffermahl war ein reines Männervergnügen. An diese Tradition klammern sich die Bremer Kaufleute noch heute – und schalten auf stur, wie eh und je.

Lediglich zwei Ausnahmen von dieser Regel gestatteten sie. 2004 saß die Kapitänin Barbara Massing an einem der Tische, da sie gemäß der Statuten aufgrund ihres Schifffahrtspatents aufgenommen werden musste. Und 2007 durfte Bundeskanzlerin Angela Merkel mit den Kaufleuten speisen.

Und wieder ist es die Politik, die Druck auf die Kaufleute macht. Der Bürgermeister hat traditionell das Recht, einen Gast für einen der 300 Plätze vorzuschlagen, schließlich trifft man sich heutzutage im alten Rathaus der Stadt. 2011 wollte das Bremer Stadtoberhaupt Jens Böhrnsen eine Frau als Gast vorschlagen. Doch die Stiftung Haus Seefahrt, die das Mahl ausrichtet, lehnte ab. Böhrnsen scheute den Konflikt und gab klein bei.

Im Juni 2013 machte schließlich die Bremer Bürgerschaft Druck. Männer und Frauen sollten zu der Veranstaltung gleichermaßen eingeladen werden, forderten die Volksvertreter. Beim Haus Seefahrt signalisierte man, dass darüber nachgedacht werde. Bislang ist kein Beschluss gefasst. Die Schaffer bleiben lieber unter sich. Auch im 21. Jahrhundert. ---