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Arbeitslosigkeit in Deutschland

In den Ländern der Europäischen Union sind überdurchschnittlich viele junge Menschen ohne Job. Ein Blick auf Deutschland zeigt, wie sich das ändern ließe.





• Italien hat derzeit so manche Bürde zu tragen, aber eine wiegt Enrico Letta zufolge besonders schwer. „Jugendarbeitslosigkeit“, sagt der ehemalige italienische Ministerpräsident, „ist der wirkliche Albtraum meines Landes und der EU.“

Kein Wunder: Mit 41,6 Prozent im November 2013 erreichte die Erwerbslosenquote unter den 15- bis 24-jährigen Italienern den höchsten Stand seit Beginn der Messungen im Jahr 1977. Die jungen Leute sind verzweifelt, verlieren zunehmend den Glauben an die Zukunft. Proteste gegen die Arbeitslosigkeit häufen sich, Zehntausende von Jugendlichen zieht es regelmäßig auf die Straße. Nicht selten kommt es dabei zu Ausschreitungen.

In Griechenland und Spanien ist die Lage noch schlimmer, die Arbeitslosenquoten liegen bei den Jugendlichen über 50 Prozent. In der gesamten Europäischen Union sind es 23 Prozent. Selbst wer einen Hochschulabschluss in der Tasche hat, muss fürchten, keinen Einstieg in die Arbeitswelt zu finden. In Italien ist jeder dritte Universitäts-Absolvent ohne Job, in Portugal fast jeder zweite.

Woran liegt es, dass Jugendliche immer und überall stärker von Arbeitslosigkeit betroffen sind als Ältere? In allen 28 Ländern der Europäischen Union ist das der Fall. Nicht erst seit den jüngsten Krisen, sondern schon seit Jahren.

Ein Grund ist, dass sich junge Leute nach ihrer Ausbildung erst einmal orientieren müssen. Ein nahtloser Übergang in den Beruf gelingt selten, das zeigen zum Beispiel die Studien des Hochschulinformationssystems in Hannover. Demnach brauchen Absolventen in Deutschland, insbesondere solche aus den Geisteswissenschaften, manchmal ein ganzes Jahr, bis der Einstieg gelingt.

Als alleinige Erklärung für die hohe Jugendarbeitslosigkeit in den EU-Ländern taugt das aber nicht. Viele der unter 25-Jährigen sind schon seit Jahren verzweifelt auf der Suche nach einem Job. EU-weit stellen sie ein Drittel der Langzeitarbeitslosen.

Laut dem Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit handelt es sich um die schwächste Gruppe auf dem Arbeitsmarkt. Sie hat wenig Erfahrung, kaum unternehmensspezifisches Wissen, einen im Vergleich zu Älteren geringen Kündigungsschutz und oft eine nur befristete Stelle. Junge Menschen gehören daher zu den Ersten, die entlassen werden, wenn Unternehmen Personal abbauen.

Mindestens ebenso schwer wiegt, dass viele gar nicht erst den Einstieg finden. In den vergangenen 20 Jahren lag die Arbeitslosenquote unter Jugendlichen in Europa nie unter 15 Prozent. Das zeigt: Egal ob Rezession herrscht oder die Konjunktur brummt, sie haben es immer schwer. Was auch daran liegt, dass viele Firmen nichts mit ihnen anzufangen wissen. Bei einer Umfrage der Unternehmensberatung McKinsey in acht europäischen Ländern gaben ein Drittel der Arbeitgeber an, dass sie ein Problem mit der mangelnden Qualifikation der Berufseinsteiger hätten.

Gerade in den Ländern mit der höchsten Jugendarbeitslosigkeit klaffen die Ansprüche der Unternehmen und die Fertigkeiten der Jugendlichen weit auseinander. In Griechenland etwa können zahlreiche Unternehmer offene Stellen nicht besetzen, obwohl die Erwerbslosenquote junger Menschen bei 55 Prozent liegt.

Erfahrung mit Spätfolgen

Die Folgen davon sind schlimm. Ein Forscherverbund hat jüngst arbeitslose Jugendliche in Essen untersucht. Ergebnis: 97 Prozent litten unter überhöhter Angst und starken Stimmungsschwankungen.

Die Erfahrung in jungen Jahren, nicht gebraucht zu werden, wirkt sich auf den weiteren Verlauf des Berufslebens aus. Bei einer Analyse des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung kam heraus, dass jeder Tag Jugendarbeitslosigkeit im Durchschnitt zu einem weiteren in späteren Jahren führt. Und Forscher aus Großbritannien fanden heraus, dass 42-jährige Menschen, die als Jugendliche von Arbeitslosigkeit betroffen waren, weniger verdienen als Gleichaltrige, die durchgehend Arbeit hatten.

Es gibt also gute Gründe, jungen Menschen diese Erfahrung zu ersparen. Nur wie?

Laut einer Studie von McKinsey hapert es in den meisten Ländern vor allem an der Abstimmung zwischen Arbeitgebern und Ausbildungsstätten. Sie bewegen sich in Paralleluniversen. Die Studie ergab, dass außerhalb Deutschlands und dem Vereinigten Königreich sich gerade mal die Hälfte der Ausbildungsstätten mehrmals im Jahr mit den Arbeitgebern abspricht. Die Folge: Knapp 80 Prozent der Bildungseinrichtungen glauben, sie bereiteten gut auf das Berufsleben vor. Von den Jugendlichen und den Arbeitgebern denkt das aber nur die Hälfte.

Bei der Frage, was man tun kann, lohnt sich ein Blick auf Deutschland, wo die Jugendarbeitslosenrate von 10,6 Prozent im Jahr 2008 auf aktuell 8,1 Prozent gesunken ist. Für die Wissenschaftler des Forschungsinstituts zur Zukunft der Arbeit liegt das Erfolgsgeheimnis in der praxisnahen Ausbildung, die häufig ganz oder teilweise im Unternehmen stattfindet. In einer Studie schreiben sie: „Die betriebliche Ausbildung trägt den sich verändernden Anforderungen der Wirtschaft Rechnung und erlaubt Auszubildenden, spezifisches Wissen und erste Berufserfahrung zu sammeln.“

Voraussetzung ist, dass die Unternehmen genügend Ausbildungsplätze anbieten. In Deutschland wirkt sich ein Pakt zwischen Politik und Wirtschaft positiv aus. Die Unternehmen boten 2013 jedem interessierten Jugendlichen eine Ausbildungsstelle an. Die Politik finanzierte Potenzialanalysen und eine begleitende Beratung beim Berufseinstieg.

Glaubt man den Forschern, ist in vielen Ländern eine Reform der Berufsausbildung erforderlich. Als Sofortmaßnahme empfehlen sie, junge Menschen dabei zu unterstützen, ihr Land übergangsweise zu verlassen, um dorthin zu gehen, wo es mehr Jobs gibt und die Ausbildung stärker den Anforderungen der Unternehmen entspricht.

Ein Abkommen zwischen Spanien und Deutschland im vergangenen Mai verfolgt dieses Ziel. Bis 2017 sollen 5000 junge Spanier zur Ausbildung nach Deutschland kommen. In den Augen der Forscher ist das ein Schrittchen in die richtige Richtung. ---