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Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Künstler zwingen uns, genauer hinzuschauen. Was wir dann sehen, erklären Maren Polte im Interview und Hartwig Fischer bei einem Rundgang durch die Staatliche Kunstsammlung Dresden.




„Er hat nichts gesehen, kann sich aber an alles erinnern.“

Der Literat Maxime Du Camp über den Romancier Gustave Flaubert nach der Rückkehr von einer gemeinsamen Afrika-Reise Mitte des 19. Jahrhunderts

• „Die angeborene Fähigkeit, etwas durch die Augen zu begreifen, ist eingeschläfert worden“, klagte der Kunsthistoriker und Essayist Rudolf Arnheim in seiner Schrift „Kunst und Sehen“. Alles Wahrnehmen verstand Arnheim auch als Denken, alles Beobachten auch als Erfinden. Wäre diese Kunst nicht für uns alle nützlich? Antworten von Maren Polte, Kunsthistorikerin und Kuratorin, sowie Hartwig Fischer, Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden.

brand eins: Ist Beobachten eine Kunst, Frau Polte?

Maren Polte: Ja, wenn wir unsere Wahrnehmung auf etwas lenken, was für alle ersichtlich sein müsste, wir es aber dennoch nicht erkennen.

Was meinen Sie damit?

Goethe schrieb, wir sähen nur, was wir wissen. Ein Tisch ist für uns eine Platte mit vier Beinen dran. In seinen Eigenarten wird ein Tisch nicht wahrgenommen, nur über seinen Funktionswert.

Und die Kunst setzt diesen außer Kraft?

Zumindest versucht sie es: Das Pissoir von Duchamp, die Seerosen von Monet oder auch die zeitgenössischen Fotografien von Claus Goedicke, der Putzlappen, Blutkonserven oder eine Möhre zum zentralen Objekt der Betrachtung werden lässt – alles Beispiele dafür, dass wir etwas Neues sehen, weil uns Künstler zwingen, genauer oder anders hinzuschauen.

Hartwig Fischer streift oft durch seine Ausstellungen, um Besucher zu beobachten. Welche Wege gehen sie? Wo verharren sie? Jüngst meinte er, sie durchschritten die Räume mit den Werken der Deutschen Romantik zu schnell. Er ließ eine ganze Raumflucht dunkler streichen und schaute, was passsierte: Die Besucher verweilen nun tatsächlich länger.

So vielschichtig wie die Kunst ist auch das Beobachten. Man beobachte etwa im Louvre die Besucher vor der Mona Lisa und jene in der Sammlung islamischer Kunst. Die einen drängeln sich um ein Bild hinter Panzerglas, fotografieren. Fischer spricht von Nichtbeobachten, auch eine Spielart des Beobachtens. Im Flügel mit der islamischen Kunst bewegen sich die Leute leise und langsam, betrachten die Exponate lange.

brand eins: Frau Polte, wir sprechen darüber, die Dinge neu zu sehen. Unternehmen engagieren hoch bezahlte Berater, die den Führungskräften dabei helfen sollen.

Maren Polte: Auch Künstler versuchen seit einiger Zeit, ihre Dienste hier anzubieten.

Was können Manager von Künstlern lernen?

Gute Beobachtung und damit gute Kunst entsteht dann, wenn der Künstler einen Regelbruch erzeugt oder sich zu distanzieren weiß, sich selbst aus der Situation nimmt und sie dann seziert.

Wie gelingt das?

Wahrscheinlich, indem man die Dinge nicht nach der üblichen Logik oder wie gewohnt betrachtet. Die Arbeit mit Künstlern kann einen wahnsinnig machen, weil sie Regeln, die unser Leben und die Arbeit strukturieren, nicht immer einhalten. In einer Organisation irritiert das, da es undiszipliniert und schrecklich ineffektiv sein kann.

Ein produktiver Störprozess?

In jeder Organisation bekommen bestimmte Strukturen ein Gewohnheitsrecht und machen uns blind für andere Perspektiven. Diese Automatismen führen ohne großes Nachdenken und Hinterfragen zu dem je gleichen Ergebnis. Um wirklich zu sehen, müsste man alles infrage stellen, und das fällt uns schwer. Wir verlassen eine Gewissheit. Wir suchen wieder, um neue Strukturen zu finden. Kennen Sie die Geschichte von Bruce Chatwin?

Nein.

Mit 18 Jahren begann er als Botenjunge bei Sotheby’s, vier Jahre später war er dort Direktor für impressionistische Kunst. Er hatte das Fach nie studiert, war Autodidakt. Dann drohte er zu erblinden. Was tat er? Er ging nach Afrika und lebte mit den Nomaden. Er, der zu erblinden drohte, zwang sich zu sehen, indem er sich in eine unbekannte Lebenswelt begab. Später, als er wieder gesund war, stellte er die These auf, Menschen müssten nomadisch leben, das zwinge uns, präzise zu beobachten und zu denken.

Wir können doch nicht alle Nomaden werden.

Aber vielleicht unser Bewusstsein ein wenig nomadisch halten, Ungewohntes und Unbekanntes zulassen.

Im Lauf der Zeit ändere sich nicht nur die Kunst, sondern auch die Art der Betrachtung, so Hartwig Fischer. Die Malerei des Mittelalters harmoniere nur mit dunklen Hintergründen. Ein zeitgenössischer Gerhard Richter verlange dagegen die weiße Wand.

Stöbert man in alten Aufnahmen der Dresdner Kunstsammlungen, sieht man Gebäude, die noch vor hundert Jahren randvoll mit Bildern waren. Die Wände regelrecht damit gepflastert, in vier Reihen von unten bis oben – die Besucher schritten sie sorgsam ab und schauten sich alles an. Heute sieht man mehr Wand als Bilder, Erholung für die Augen.

Fotografieren ist erlaubt. Für Fischer offenbart sich dabei der Drang, der Dinge habhaft werden zu müssen. Ein Bild zu besitzen, wenn auch nur in Pixeln, sei im Konsumkapitalismus wichtiger als die Erfahrung, es gesehen zu haben.

brand eins: Wie gelingt es Künstlern angesichts der heutigen Bilderflut, auf ihr Werk aufmerksam zu machen?

Maren Polte: Der Fotokünstler Thomas Ruff hat zum Beispiel alltägliche Orte wie Hinterhöfe mit Nachtsichtgeräten abgebildet, einem Beobachtungswerkzeug, dessen Ästhetik wir mit Kriegshandlungen verbinden. Das provoziert, denn das, was wir sehen, stimmt nicht mit dem überein, was wir kennen.

Ruff arbeitet auch mit Bildern, auf denen man kaum etwas erkennen kann. 

Wenn nichts mehr zu sagen ist, dann zaubert Unschärfe selbst aus Banalem wieder ein Geheimnis, weil es beim Beobachter den extremen Wunsch auslöst, das Unklare klarer zu sehen. Ruff macht das sehr geschickt mit einem umgekehrten Blow-up-Effekt: Großformatige, grobpixelige, unscharfe Fotos erzeugen das Bedürfnis, die Motive zu verkleinern, um ein klares Bild zu bekommen. Normalerweise versuchen wir in diesen Momenten ja, die Dinge zu vergrößern.

Kann zu viel Technik auch dazu führen, dass wir etwas sehen, aber nicht verstehen?

Durchaus, Ende des 19. Jahrhunderts passierte genau das mit der Entdeckung der Röntgenstrahlen. Gut 50 Jahre zuvor war die Fotografie erfunden worden, und erstmals entstanden Bilder ganz ohne Zutun des Menschen. Hermann Grimm nannte 1865 das Fotoalbum wichtiger als die größten Galerien mit all ihren Originalen. Der Bakteriologe Robert Koch sprach 1880 davon, dass das fotografische Bild eines mikroskopischen Gegenstands wichtiger sei als dieser selbst. Und dann erlaubte die Röntgenstrahlung auch noch den Blick auf das, was man bis dato nicht sehen konnte.

Die Reaktion?

Unbändige Begeisterung. Die Mediziner glaubten nun, Hautkrankheiten, Krebs und Tuberkulose heilen sowie Krankheitserreger ausrotten zu können. Die Presse druckte Versuchsanordnungen, mit deren Hilfe der menschliche Körper selbst Röntgenstrahlen erzeugen könne, mit zu 90 Grad angewinkelten Beinen auf einem mittelhohen Stuhl sitzend und doppeltem Satanszeichen auf der Stirn. Ärzte versprachen, das Gemüt und die Gedanken im Kopf fotografieren zu können.

Das klingt nach Realsatire.

Keineswegs. Große Surrealisten wie Man Ray übernahmen begeistert Techniken zur Erkennung von Gedanken in die Kunst. Der Sohn von Thomas Edison setzte sich eine helmartige Krone auf, um mithilfe der Röntgenstrahlen seine Gedanken zu fotografieren. Der französische Facharzt für Nervenkrankheiten, Hippolyte Baraduc, praktizierte mit einem tragbaren Strahlenfotoapparat, bestehend aus einem kleinen Etui mit einer hochempfindlichen Fotoplatte. Er hielt sie den Patienten an die Stirn.

Und sah die Belichtungen als Abbild der Gedanken an?

Ja. Der französische Major Louis Darget beschrieb sogar kreisrunde Formen als Zeichen von Zornesausbrüchen; die Gedanken seiner schlafenden Frau erzeugten einen Vogel; die eines Klavierspielers einen Rhombus. Als wenig später auch noch die radioaktive Strahlung entdeckt wurde, wurde es vollends bizarr: Experten definierten sogenannte zeronische, odische, nekroskopische und andere fantastische Strahlungsarten, deren Existenz namhafte Wissenschaftler wie die Curies, der Philosoph Henri Bergson und diverse Künstler in sogenannten Prüfungsausschüssen akademisch beglaubigten. All diese Beispiele verbindet die Vorstellung, die eigene Subjektivität durch die scheinbare Objektivität der Technik zu ersetzen.

Aus heutiger Sicht wirkt das komisch. Sind wir nüchterne Beobachter geworden, oder erkennen erst die Generationen nach uns den Wahnsinn unserer Zeit?

Ich glaube nicht, dass wir nüchterne Beobachter sind. Vielmehr sind wir mehr als je zuvor zu Beobachteten geworden. Wir ertrinken in Massen von Bildern, ohne selbst eine Auswahl treffen zu können. So viel ist Fiktion, in den Computerspielen, den Fernsehserien – niemand geht mehr davon aus, ein Bild könne der Wirklichkeit entsprechen.

Und doch orientieren wir uns an diesen Bildern.

Wir machen sie zu unserer eigenen Wirklichkeit, eifern ihnen nach, vereinnahmen sie, auch wenn sie mit der Realität überhaupt nicht übereinstimmen. Was wir heute sehen, ist auf Perfektion getrimmt, auf Einzigartigkeit, Großartigkeit, und das passt nicht zu unserer Lebenswelt, der Endlichkeit von Ressourcen, der Verfügbarkeit von Wohlstand. Anders als die Künstler zu Beginn des 20. Jahrhunderts wollen wir das Instabile, das Brüchige, das Labile oder Zufällige nicht mehr sehen.

Auch Hartwig Fischer sieht die Bereitschaft schwinden, sich auf Dinge einzulassen. Wie viele bringen noch die Zeit auf für einen Besuch im Museum? Er selbst spricht von einem widersprüchlichen Ort: antiquiert und doch auch Vorbild für die modernen digitalen Datenbanken. Der Versuch alles aufzunehmen, das Schreiten von Bild zu Bild. So viel sei zu sehen – und doch handle es sich um einen Ort der Entschleunigung. Eine Sammlung diene dem Betrachter immer auch dazu, sich selbst zu sammeln.

Wie hält man eine solche Sammlung frisch? Indem man sie immer neu präsentiert. Die Bilder in neuen Nachbarschaften gruppiert, um neue, zeitgemäße Kontexte zu produzieren. Und plötzlich kommen Besucher, nur um das Gleiche anders zu sehen. Fischer spricht vom Hebammendienst für das Verstehen. ---

Maren Polte
, Jahrgang 1969, ist Kunsthistorikerin und Kuratorin. Sie gilt als besondere Kennerin der Fotokunst, lebt und arbeitet in Brüssel und Bern. Jüngst kuratierte sie die Ausstellung „Hauptsachen. Das andere Gesicht der Becher-Schule“ in der Düsseldorfer Galerie Lausberg. Außerdem ist sie an der Hochschule der Künste Bern tätig. Hartwig Fischer, Jahrgang 1962, ist Kunsthistoriker und seit Mai 2012 Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Zuvor war er Direktor des Essener Museums Folkwang und mehr als ein Jahrzehnt am Kunstmuseum Basel.