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Daniel Josefsohn im Porträt

Es war ein Leben auf der Überholspur, bis ein Schlaganfall ihn vor einem Jahr aus der Bahn warf. Eine Selbstbeobachtung des Künstlers und Fotografen Daniel Josefsohn.





Der große Spiegel wird von meinem Assistenten David vor meinen Schreibtisch gestellt. Blende: 4; Zeit: 1/23 sec; Brennweite: 35mm, Leica S 2

– Klick –

Ich erinnere mich: Ein junger Mann liegt neben mir im Krankenhausbett und erzählt mir seine Karriere. Nur dass es keine Karriere im klassischen Sinn ist. Er erzählt mir, wann sein Leiden angefangen hat (früh) und wie er sich durch die Stationen und Krankenhäuser nach ganz oben gelitten hat. In der Sprache der Mediziner gibt es dafür einen Fachbegriff. Man spricht vom sekundären Krankheitsgewinn. Menschen, die irgendwann für sich entscheiden, dass sie nur durch ihr Kranksein, die Fürsorge und Aufmerksamkeit erhalten, die ihnen in ihrem „gesunden“ Leben nie zuteil wurde. Diese Menschen beginnen Krankheit als den eigentlichen Sinn ihres Lebens zu betrachten. Der junge Mann, das ist mir nach drei Sätzen klar, ist noch lange nicht am Ziel. Er will noch den ganz großen Krankheits-Jackpot holen. Und dann klappt’s bestimmt auch mal mit einer Freundin. Irgendwann frage ich ihn: „Alter, das kann’s doch nicht sein, oder? Du willst doch noch was anderes vom Leben außer einer dicken Krankenakte?“ Er schiebt mich mit meinem Rollstuhl vor die Tür, damit ich eine rauchen kann, und dann schaue ich in sein junges, hoffnungsfreies Gesicht.

– Klick –

Mein Glückskeks vom 12.1.2014:
You will be showered with luck.

– Klick –

Es klingelt an der Tür. Der Dramaturg Tobias Brenk ist gerade zufällig in Berlin und schaut bei uns im Studio vorbei. Er wird sofort als „helping hand“ ins Foto eingebaut.

– Klick –

Was man so von den Tieren lernen kann: Die schauen ohne Hintergedanken. Ohne Eitelkeit. Ohne Selbstinszenierung. Im Grunde die besten Totalverweigerer. Tiere haben mir schon oft ganze Shootings gerettet. Selbstporträts waren nie meine Sache. Ich gelte nicht nur als kamerascheu, ich bin es tatsächlich. Ohnehin: Wer glotzt schon gerne in den eigenen rasenden Stillstand? Es ging mir immer ums Machen. Die Dynamik des Jetzt.

– Klick –

Dramaturgie der Fürsorge. Seit ungefähr einem Jahr arbeiten Menschen für mich, damit ich die Dinge des alltäglichen Lebens bewältigen kann. Zeit fühlt sich

anders an, wenn sie dir nicht mehr autonom zur Verfügung steht. Auch wenn ich weiß, dass der Pflegedienst auf die Uhr schauen muss (er ist dazu aus ökonomischen Gründen verpflichtet), hat mich die Minuten-Übersicht doch umgehauen. Wie, verdammt noch mal, soll ich in 15 Minuten fertig geduscht und in weiteren 10 Minuten angezogen sein? Das kann doch weder gut ausgehen noch gut aussehen. Jedenfalls nicht für mich.

Mein Assistent schleppt den großen Spiegel von der Mitte des Studios zum anderen Ende des Raums und lehnt ihn gegen die schwarze Wand. Ich beschließe, dass ich jetzt mein Gorilla-Hemd anziehen muss. Mein linker Fuß wird auf der alten Sanitätskiste positioniert.

Blende: 3,4; Zeit: 1/32 sec; Brennweite: 35mm, Leica S 2

– Klick –

Vor Kurzem hat der Chefarzt der Experimentellen Neurologie der Charité meine linke Hand gelobt. Sie kann den Pinzetten-Griff ausführen. Das sei eine enorme Leistung der 10 Prozent, die im Umkreis des zu 90 Prozent zerstörten Nervengewebes die Stellung halten. Eigentlich hatte ich die Hoffnung, er könnte mit einem neuen Verfahren, der navigierten transkraniellen Magnetstimulation, meine linke Seite motorisch auf Vordermann bringen. Er hält mir einen kurzen Vortrag. Das neue Verfahren werde gerade erst bei Schlaganfall-Patienten mit Sehstörungen ausprobiert. Sehstörungen sind so ziemlich das Einzige, was ich gerade nicht habe.

– Klick –

Glückskeks vom 13.11.2012:
Keine Angst.
Sie sind zur Zeit unangreifbar.

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Dann redet der Chefarzt von Eigentraining und der Überwindung des inneren Schweinehundes. Ich weiß, dass er recht hat. Trotzdem frage ich mich, ob er seinen Schweinehund überwinden würde, wenn er seine Patienten nur noch mit einer Hand operieren könnte. Wäre meine Hirnblutung einen Zentimeter weiter oben gewesen, hätte ich solche Sätze nicht einmal mehr denken können.

– Klick –

Ich will nicht sagen, dass ich Stative grundsätzlich ablehne. Sie kamen in meinem bisherigen Arbeiten nur selten vor. Wichtig war, das Shooting aus der Hand zu bestimmen. Die Freiheit aus dem Bauch heraus, den Prozess des Bildermachens aus der Bewegung – Erbe der professionellen Skateboard-Zeit zwischen meinem 16. und 23. Lebensjahr. Wenn das Board die Verlängerung deiner Beine wird und dein einziger Kontakt zur Schwerkraft darin besteht, dass du sie ignorierst.

Du willst ja beim Fotografieren auch, dass dein Gegenüber die Kamera vergisst.

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Schau mal, Josefsohn. Schau doch einfach mal so wie die Gorillas auf deinem Hemd.

– Klick –

Werde ich je in meinem Leben wieder ein paar Sneakers tragen?

– Klick –

Mein sekundärer Krankheitsgewinn besteht darin, meine linke Seite täglich zu verfluchen. Mein tertiärer Krankheitsgewinn besteht darin zu arbeiten. Seit ich die Foto-Kolumne im »Zeitmagazin« habe, kommen die Dinge wie von selbst in Bewegung. Fast schon geisterhaft, wie sich plötzlich die Projekte auseinander ergeben. Ich komme gerade aus Köln zurück, von einer Aufzeichnung der WDR-Kultursendung „Anke hat Zeit“ mit Anke Engelke. Kurz darauf sagt mir der Verlag Hatje Cantz ein Fotobuch zu. Ich lasse mich bei allem Ärger über meine linke Seite auch treiben von dem großartigen Gefühl des Wiederauftauchens aus einem langen beschissenen Jahr des Nicht-Seins.

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Mein Assistent und ich beschließen, einen Versuch ohne Blitz zu machen. Der Art-Director Mario Lombardo kommt kurz vorbei, um mit mir ein Ausstellungskonzept zu besprechen. Ich lasse alle im Hintergrund herumlaufen, später auch hüpfen, damit Dynamik ins Bild kommt.

– Klick –

Nahtod-Erfahrungen gehören zur Fotografie. Dass man begreift, dass ein Finger am Auslöser etwas ins Rollen bringt, das dich theoretisch dein Leben kosten könnte. Wenn du nicht gerade Kriegsfotograf bist, ist das immer ein sehr überraschender Moment. Bei mir war es eine Afrikanerin, die mit ihrer Schreibmaschine unter einem Sonnenschirm auf einer staubigen Straße in Abidjan saß. Da ging es ans Eingemachte. Ich hatte ihr mit meinem Foto offensichtlich etwas geraubt. Entwendet. Und meine Rechtfertigung hat niemanden interessiert. Schon gar nicht die Masse der aufgebrachten männlichen Abidjaner, die auf ihr lautes Schreien hin herangeeilt kamen. Ich habe jeden Augenblick damit gerechnet, ein Messer zwischen die Rippen zu kriegen.

– Klick –

Josefsohn reloaded: Mein Postproduktioner spricht davon, meine linke Körperseite einzuscannen und mich in einen Hybrid-Josefsohn zu verwandeln, einer Zusammensetzung aus Analogie (52 Jahre) und Zukunft. Von Nahem betrachtet, ist der Hybrid-Josefsohn allerdings ein ziemlich beschränkter Fluchtreflex vor der Wirklichkeit. Dann doch lieber zukünftig mit Assistent arbeiten.

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Wenn du beginnst, über die neuronale Leistungsfähigkeit deiner linken Hand Wetten abzuschließen, hast du überhaupt nichts begriffen.

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Ein letztes Close-up vor dem Spiegel, mein Assistent stellt die Kamera ein, während ich abdrücke. Blende: 5,6; Zeit: 1/11 sec; Brennweite: 70 mm, Leica S 2

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Der junge Mann aus dem Krankenhaus hat neulich angerufen. Er hat jetzt eine Gärtnerlehre angefangen. Aber das will er mir gar nicht erzählen. „Alter, ich klau’ mir jeden Donnerstag das Magazin aus der »Zeit«. Wegen deiner Kolumne.“

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Glückskeks vom 16.3.2000:
Sie lieben chinesisches Essen.

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Die Wahrheit ist: Meine eigentlichen Glückskekse sind mein kleiner Sohn und meine Frau (die gleichzeitig mein linker Arm geworden ist). ---