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Andreas Raptopoulos - Matternet

Was Andreas Raptopoulos plant, klingt nach Science-Fiction: Drohnen, die sich selbst organisieren. Besuch bei einem realistischen Visionär.





• Das Fluggerät ist kaum größer als ein Bierkasten, es wird angetrieben von vier kleinen Rotoren und schwebt gerade über einen ausgetrockneten Kanal, dann kommen – mitten im grünen Dickicht des haitianischen Dschungels – improvisierte Hütten aus Plastikplanen in Sicht: ein Zeltlager nahe Port-au-Prince, das nach dem Erdbeben im Jahr 2010 errichtet wurde. Der ferngesteuerte Flieger, ein sogenannter Quadcopter, setzt leicht wackelig zur Landung in dem Camp an. Etwa ein Dutzend Kinder und drei Erwachsene schauen zu, wie das Fluggerät Staub verwirbelt, sanft aufsetzt. Es ist Herbst 2012, und der erste Feldversuch von Matternet ist gelungen.

Unter diesem Namen entwickelt Andreas Raptopoulos in Kalifornien die Idee eines dezentralen Netzes fliegender Transportfahrzeuge, mit dem er die gesamte Logistikbranche revolutionieren will – zunächst als gute Tat für Entwicklungsländer. Die Drohnen können bis zu zwei Kilo Ladung über eine Entfernung von zehn Kilometern transportieren. In Raptopoulos’ Konzept wären das zunächst vor allem Medikamente und Laborproben, die in abgelegenen Regionen oder Katastrophengebieten schnell zu Hilfsbedürftigen und Hospitälern gebracht werden könnten. Später könnte über das einmal aufgebaute Drohnennetz auch Handel zwischen Dörfern getrieben werden, die gar nicht oder nur schlecht per Straße zu erreichen sind. Nachdem es sich in dieser Testphase bewährt hat, will Raptopoulos sein Konzept in verstopfte Großstädte importieren.

Die Idee: der Drohnen-Schwarm

Die Fluggeräte, so seine Idee, navigieren automatisch per GPS, spurten von Bodenstation zu Bodenstation, wo ihre Akkus gewechselt werden, und fliegen weiter. Er hat errechnet, dass er, um zum Beispiel in Lesotho 47 Krankenhäuser und sechs Labore auf einer Fläche von 138 Quadratkilometern zu verbinden, 150 Drohnen und 50 Bodenstationen braucht, um HIV-Tests zu transportieren. Kostenpunkt: 900 000 Dollar. „Vergleichen Sie das mal mit den Kosten für Straßenbau!“ Er ist überzeugt, ein neues Paradigma für Transport und Logistik entdeckt zu haben, das – daher der Name Matternet – auf den Prinzipien des Internets beruht: Es ist dezentral. Es macht jeden zum Sender und Empfänger. Die benötigte Infrastruktur ist preiswert.

Immerhin: Der auf den ersten Blick besonders futuristisch anmutende Teil seiner Idee – sich selbst steuernde Fluggeräte, die als Schwarm gekoppelt kleine Lasten über große Entfernungen transportieren könnten – existiert bereits. „Die Idee ist fantastisch“, sagt Albert Claudi, Fachgebietsleiter für Elektrotechnik /Informatik an der Universität Kassel und einer der hierzulande führenden Experten zum Thema: „Das ist keine Vision mehr. So etwas ist heute von Logistik und Navigation her möglich.“ Es werde noch eine Weile dauern, bis die Fluggeräte auch schwerere Lasten transportieren können. „Aber wenn man sich die Entwicklung in den vergangenen vier bis fünf Jahren anschaut: Das geht steil bergan.“

Seit einigen Jahren werden sogenannte Quadcopter in Elektronikfachmärkten an jedermann verkauft. Sie erinnern an ferngesteuerte Spielzeughubschrauber, und man kann sie sogar mit dem iPad steuern. Einfache Ausführungen gibt es für deutlich unter 100 Euro. Wer bei Amazon nach Drohnen sucht, findet hierzulande mehr als 700 Produkte, vom beliebten Einsteigermodell Parrot AR bis zum TT-Copter, der für rund 2000 Euro gleich mit hochwertiger Video- und Fotoausstattung geliefert wird.

Mit den umstrittenen militärischen Drohnen, die ferngesteuert töten, haben ihre zivilen Cousins nur den Namen gemeinsam sowie die Definition: Eine Drohne ist schlicht ein unbemanntes Luftfahrzeug. Die zivilen Einsatzmöglichkeiten dieser Fluggeräte werden derzeit erforscht. Allein in den vergangenen zwei Jahren ist da einiges zusammengekommen.

Wolle beide hoch hinaus: Drohne und Raptopoulos

So setzen deutsche Kleinunternehmer Drohnen ein, um Solarmodule aus der Luft auf Schäden zu untersuchen. Der Profi-Surfer Kelly Slater lässt sich neuerdings im Wasser nicht mehr aus dem Helikopter, sondern von einem Modell namens Predator filmen. In mehreren deutschen Bundesländern testet die Polizei Drohnen zur Aufklärung. Der im vergangenen Jahr vorgestellte Defikopter hilft Sanitätern, indem er GPS-gesteuert einen Defibrillator zum Einsatzort fliegt. Am Drone Journalism Lab der Universität von Nebraska tüfteln Studenten seit 2011 an neuen Recherchemöglichkeiten aus der Luft – sowie ihren juristischen und ethischen Implikationen. Amazon verbreitete kürzlich das Video einer Quadcopter-Drohne, die ein Päckchen im Zentrallager aufnimmt, es selbst steuernd zum Haus eines Kunden transportiert und dort sanft im Garten ablegt. UPS und die Deutsche Post DHL verkündeten sogleich, an ähnlichen Ideen zu werkeln.

Keines dieser Konzepte aber ist so weitreichend wie das von Andreas Raptopoulos. Und wohl keines hat im Silicon Valley für mehr Aufmerksamkeit gesorgt. Rund um seine Vision erstellte er einen Geschäftsplan, sammelte in einer ersten Runde 250 000 Dollar Investorengelder ein, unter anderem von den namhaften Risikokapitalgebern Andreessen Horowitz und Fadi Ghandour, Gründer von Aramex, dem arabischen Pendant zu FedEx. Raptopoulos’ TED-Vortrag aus dem vergangenen Juni wurde mehr als 300 000-mal angeschaut, und Journalisten aus aller Welt beten die Story vom Unternehmer nach, der gerade „das fliegende Internet der Dinge baut“. Wer aber Matternet wirklich verstehen will, muss die Geschichte seines Gründers kennen. Und seine Verbindung zur Singularity-Bewegung.

Es fing an in Athen, wo der kleine Andreas in der Lkw-Werkstatt seines Vaters zuschaute und bald auch mitbastelte. Ölverschmiert kroch er unter den Fahrzeugen herum und lernte, wie man Motoren auseinanderbaut. Weil er aber kein einfacher Schrauber sein wollte, ging er nach dem Ingenieurstudium nach London ans Royal College of Art. Die Verbindung von Technik und Innovation interessierte ihn. Während des Studiums entwickelte er ein Verfahren, mit dem sich Klänge aus der Umgebung aufnehmen und verändert wiedergeben lassen. Bei anderen Studenten wäre das eine esoterische Abschlussarbeit geblieben. Raptopoulos aber gründete mit 23 Jahren gleich eine Firma mit seiner Idee, die er Sound Curtain nannte – Klangvorhang.

Der Möbelhersteller Herman Miller lizensierte die Technik, um den Lärm in Großraumbüros zu dämpfen. Sony versuchte damit, eine neue Generation des Walkmans zu bauen, der Elektronikhersteller Philips, die Akustik in Krankenhäusern, Hotels und im Wohnzimmer zu verbessern. Raptopoulos’ Konzept hatte also funktioniert, aber so richtig führte es wohl doch nirgendwo hin. Jedenfalls löste er 2011 die Firma auf.

Der Mann ist ein Geschichtenerzähler. Heute tut er das am Schreibtisch seines Büros im Ames Research Center der Nasa. Es ist früh am Morgen, die aufgehende Sonne flutet den Raum. Raptopoulos sieht noch müde aus, die Augen klein, das T-Shirt zerknittert, aber er redet ohne Pause, mit einer jungenhaften Begeisterung, die manchmal einstudiert wirkt, so als müsse er Risikokapitalgebern seine Idee verkaufen. Matternet führt er zurück auf ein Erlebnis aus seiner Kindheit. Mit etwa zehn Jahren habe er im Fernsehen Bilder einer Dürre in Äthiopien gesehen. Flüchtlingslager, ausgemergelte Kinder: „Wir hatten alles, und diese Menschen hatten nichts. Da wurde mir zum ersten Mal klar, dass die Tatsache, wo man auf der Welt geboren worden ist, darüber entscheidet, was aus einem wird.“ Dem Bastlerkind erschien das zutiefst ungerecht.

Ganz realistisch am Unmöglichen arbeiten

Diese Erfahrung legte, so sagt er heute, den Samen für die aktuelle Unternehmung: Nach den Klangexperimenten wollte er künftig seine Fähigkeiten einsetzen, um Gutes zu tun. Und es sollte etwas Gegenständliches sein, so wie die öligen Motoren in der Werkstatt seines Vaters. Um herauszufinden, was das sein könnte, besuchte er 2011 die vielleicht eigenartigste und spannendste Erwachsenenbildungsinstitution weltweit: die Singularity University in Kalifornien.

Gegründet wurde sie 2009 vom Erfinder Ray Kurzweil, der einerseits unumstritten geniale Produkte wie Lesemaschinen für Blinde oder den nach ihm benannten Synthesizer erfunden hat, heute aber eher mit kontroversen Thesen über Unsterblichkeit und Maschinenintelligenz von sich reden macht und zuletzt bei Google anheuerte. Die Singularity University ist einer jener Orte, an denen sich vielleicht am klarsten herauskristallisiert, was der Kritiker Evgeny Morozov den Solutionism von Silicon Valley nennt: die Vorstellung, dass man alle Probleme der Menschheit mit Technik lösen könne.

Die Anhänger des Singularity-Gedankens generalisieren Moore’s Law, also das Gesetz, dass sich die Leistungsfähigkeit von Computerchips alle zwei Jahre verdoppelt: Weil die Geschwindigkeit des technischen Fortschritts im digitalen Zeitalter nicht linear, sondern exponentiell wächst, ist die Technik von morgen doppelt so gut wie heute, übermorgen 4-mal so gut, dann 8-mal, 16-mal … Das Wachstum beschleunigt also immer schneller, bis jener Punkt erreicht ist, ab dem – so Kurzweil und seine Apologeten – Ungeheuerliches passieren wird: Maschinen verbessern sich selbst. Unser Leben verlängert sich schneller, als wir altern. Wir gehen also, glaubt man dieser Theorie, mit großen Schritten auf eine Welt zu, die wir uns heute überhaupt nicht vorstellen können, die wir aber – weil wir immer älter, wahrscheinlich sogar unsterblich werden – noch erleben werden.

Nun muss man Raptopoulos nicht für die extremen Auswüchse der Singularity-Bewegung mitverhaften. Für ihn – wie für 79 andere Teilnehmer des zehnwöchigen Graduierten-Programms – war die Sommerschule vor allem ein Ort, um frei zu denken. Jenes Projekt zu finden, in dem seine wolkigen Wünsche kondensieren konnten: Ingenieurskunst und Innovation, Weltverbesserung und Geschäftssinn. Vermutlich konnte ein derart nach Science-Fiction klingendes Projekt wie Matternet tatsächlich nur bei den Techno-Utopisten in Kalifornien entstehen. Dort klang Raptopoulos’ Idee auch nicht verrückter als Kurzweils Konzept von Gehirnen, deren Inhalt auf Festplatten hochgeladen wird.

Ohne Straße geht’s auch

Und so begann er zu rechnen: Eine Milliarde Menschen weltweit leben an Orten, die nicht das ganze Jahr über an das Straßennetz angeschlossen sind. Professionelle Quadcopter – leistungsfähiger als die Modelle für Hobbyflieger – kosten rund 3000 Dollar und können zwei Kilo Ladung in 15 Minuten zehn Kilometer weit transportieren. „Ein realistisches Geschäftsmodell“, findet Salim Ismail. Der Founding Executive Director der Hochschule mag dem Singularity-Gedanken entsprechend alles, was auf exponentiellem Wachstum beruht: „Drohnen verdoppeln ihre Kapazität derzeit alle neun Monate.“ Ismail ist davon überzeugt, dass Ideen wie Matternet nur entstehen, wenn man aktiv die Kreuzung zwischen sich schnell entwickelnden Techniken und großen Menschheitsproblemen erforscht. „Wir fordern unsere Studenten auf, sich Lösungen für die Probleme von Milliarden von Menschen auszudenken.“ Es dauere sicher noch einige Jahre, bis die Matternet-Idee in der entwickelten Welt Mainstream werde, so Ismail, aber Drohnen könnten sofortige Wirkung beispielsweise in Afrika entfalten, das sonst eine Billion Dollar für Infrastruktur benötige.

Sieht so die Zukunft der Transportbranche aus?

Das künftige Geschäftsmodell von Matternet soll auf dem Verkauf der Hard- und Software beruhen. Betreiben will Raptopoulos das Logistiknetz nicht, die Kunden sollen das selbst können. Der deutsche Professor Claudi findet, dass Matternet „mehr Hand und Fuß hat als andere Konzepte“. Die ersten Käufer könnten große humanitäre Institutionen sein, zum Beispiel das Rote Kreuz oder die UNO. „Die könnten das zum Transport von Gütern in Krisengebiete einsetzen und würden sehen, dass es im Vergleich zu Lkw und Hubschraubern eine relativ preiswerte Lösung ist.“ Als Nächstes könnten Banken und Geldgeber einsteigen, denn die Investitionssummen seien überschaubar.

Raptopoulos hat derzeit acht Mitarbeiter, sucht noch Ingenieure und Programmierer. Nach den Tests in Haiti sei die Zeit reif, „aggressiv das Produkt zu bauen“, sagt der Gründer. Drohnen müssen sie nicht entwickeln. Das Betriebssystem des Netzwerks ist reine Programmierarbeit. Wie die Bodenstationen funktionieren, scheint schon weniger klar – sie sollen mit Solarenergie betrieben werden, aber genau zur Monsunzeit, wenn Straßen unpassierbar werden und das Matternet seine Stärken ausspielen könnte, verdunkeln Regenwolken die Sonne. Auch grundsätzliche juristische Fragen sind ungeklärt: In vielen Ländern ist es nicht erlaubt, Drohnen außerhalb bestimmter Regionen oder, wie in den USA, überhaupt fliegen zu lassen. Gesetze werden derzeit vielerorts angepasst, aber das wird dauern (siehe Kasten). Bis dahin müssen Experimente anderswo laufen.

Erschwerend kommt hinzu, dass die populäre Bezeichnung der Flieger durch ihre militärische Verwendung negativ behaftet ist: „Ich kann in kein Meeting in einem Entwicklungsland gehen und von ,Drohnen‘ sprechen“, so Raptopoulos. Darum sagt er lieber „unbemanntes Luftfahrzeug“. Matternet ist ausschließlich auf zivile Nutzung ausgelegt. Man könne sich zwar diverse militärische Anwendungen vorstellen, aber das schließt er grundsätzlich aus. „Unser Mantra lautet, dass wir Gutes tun wollen, dann folgt alles andere von selbst. Gewinn kommt für uns nicht an erster Stelle. Wir sind ein For-Profit mit sozialem Gewissen.“

Wie gut das bei Investoren ankommt, muss sich zeigen. Derzeit versucht der Unternehmer, in einer zweiten Runde eine Million Dollar einzusammeln. „Finanzierung ist nicht zuletzt eine Frage des richtigen Timings“, sagt er. „In neuen Industrien ist es oft so, dass einer am Anfang die ganze harte Arbeit macht, dann geht ihm das Geld aus, jemand anderes kommt rein und macht es richtig. Wir wollen nicht dieser erste Typ sein.“ Stattdessen hofft er, irgendwann auch die Amazons dieser Welt als Kunden zu gewinnen. Professor Claudi findet das plausibel: „Kunden in Megacitys erwarten schon bald, ihre Bestellung in weniger als einer Stunde geliefert zu bekommen. Logistikunternehmen suchen deshalb nach Möglichkeiten, eine Transportleistung in 30 bis 50 Minuten zu erfüllen.“ Mit Drohnen ginge das. ---
Bewegung im Luftraum

Dass Matternet seine Drohnen zunächst in Entwicklungsländern testet, hat auch juristische Gründe: In den USA, wo die Firma ihren Sitz hat, ist die Nutzung kommerzieller Drohnen heute noch durch die Luftfahrtbehörde FAA verboten. Doch Ende 2013 hat die FAA sechs Testgebiete bestimmt, in denen erprobt werden soll, wie unbemannte Fluggeräte in den Luftraum integriert werden können. Der Verband der Nutzer ziviler Drohnen, AUVSI, schätzt, dass die Branche bis 2025 mehr als 80 Milliarden Dollar umsetzen kann. In Deutschland sind seit 2012 unbemannte Fluggeräte legal, dürfen aber nur aufsteigen, wenn sie nicht schwerer als 25 Kilo sind und in Sichtweite fliegen. Für Polizei und Bundeswehr gibt es weitreichende Sonderrechte. Auch wer die Flieger nur als Sport- oder Freizeitgerät nutzt, braucht keine Erlaubnis, kann aber gegen Datenschutzrecht verstoßen, wenn die Drohne Bild- oder Tonaufnahmen macht.