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Polnische Piroggen

Die polnische Milchbar diente im Sozialismus der Sättigung der Massen. Im Kapitalismus war sie zunächst verpönt, um dann wieder aufzuerstehen. Die Geschichte einer Institution, in der sich die Geschichte des Landes spiegelt.




• Bar mleczny steht auf dem Schild, Milchbar, ein Mann betritt das Lokal. Er bestellt an der Kasse, Buchweizengrütze. Es ist voll. Die Menschen, alle Fabrikarbeiter, tragen dicke Mäntel und löffeln schweigend, ihre Schultern hängen nach vorn. Bevor sich der Mann setzen kann, kommt die Serviererin mit einem Schraubendreher. Sie schraubt die Plastikschüssel an den Tisch, wischt schnell mit einem Lappen darüber und kippt dann den braunen Brei in die Schüssel. Der Mann greift nach dem Löffel, der an einer Kette mit dem Tisch verbunden ist. Es scheppert und rasselt, wie in einer Gefängniskantine. Wir schreiben das Jahr 1980, Polen im Sozialismus, in einer Szene von Stanislaw Barejas Film „Mis“, die auch heute noch jeder Pole kennt. Die angeketteten Löffel hat es nie gegeben. Die pampige Belegschaft und das pappige Essen schon.

Bar mleczny steht auf dem Schild, Milchbar, ein Mann betritt das Lokal. Tomatensuppe und Pfannkuchen bitte, sagt er an der Kasse. Es ist voll. Menschen in dunklen Anzügen sitzen hier und solche mit großen Brillen und großen Kopfhörern um den Hals, ein paar Alte. Die Kellner tragen schwarze T-Shirts, auf der Rückseite: ein angeketteter Löffel, rot durchgestrichen. Es scheppert, und alle reden, ein bisschen wie in einer Uni-Mensa. Wir schreiben das Jahr 2013, Polen im Kapitalismus.

Dazwischen liegt eine Revolution. Ein Systemwechsel, der alles anders, alles neu gemacht hat. Auch die Küche?

Wer heute in Warschau Mittagspause hat, kommt nicht mehr wie 1980 aus einer Fabrik. Er ist Banker, Anwalt, spekuliert mit Immobilien, hat gerade eine Firma gegründet – und mittags die kapitalistische Wahlfreiheit. Döner! Pizza! McDonald’s! Salatbar! Subway! Lunch-Angebot! Nur 25 Zloty! Überall leuchten die Werbetafeln, bewerben all das, worauf die Polen jahrzehntelang hinter dem Eisernen Vorhang gewartet haben.

Damals gab es mittags nur eine Wahl: die Milchbar. Jeder konnte sie sich leisten, jeder wurde satt – und jeder fand sie etwas eklig. Fettüberzogene Plastiktische mit Plastikblumen in Plastikvasen, nikotingelbe Gardinen und verkochte Kohleintöpfe. Ein Einheitsbrei für alle – mit dem es 1989 vorbei war. Ganz Polen atmete auf. Endlich war der Weg frei für Kentucky Fried Chicken!

Alt und jung, schick und abgerissen: Die Milchbar ist für alle da

Warum machen diese Milchbars in polnischen Großstädten nun wieder auf? Seit etwa zwei Jahren scheinen die Leute mittags vor allem Borschtsch und Piroggen essen zu wollen. Haben sie genug vom Fortschritt? Wollen sie die alten Zeiten zurück?

„Ach, Quatsch!“, sagt Waclaw Oracz, 83, Rentner. Er schlürft gerade seine Tomatensuppe, wie etwa dreimal die Woche.

„Wir haben es satt, bei McDonald’s zu essen“, sagt Kamil Hagemajer, 37, Geschäftsmann.

„Welche alten Zeiten?“, fragt Natalia Ostrowska, 17, Schülerin. Sie geht aufs Gymnasium um die Ecke und isst heute zum ersten Mal hier.

„Die Polen sehnen sich einfach nach ihren Piroggen“, sagt Mascha Forystyna, 34, ukrainische Köchin, und fischt die Teigtaschen aus dem Wasser.

Ein Rentner, der kaum von seiner Rente leben kann. Ein Geschäftsmann, der nur eine Richtung kennt: nach oben. Eine Schülerin, die den Sozialismus nur aus Büchern kennt. Und eine Ukrainerin, die nach Polen kam, um endlich Arbeit zu finden.

Der Chef: Kamil Hagemajer besitzt sieben Lokale in Warschau

In der Bar Prasowy, der Pressebar – früher war eine Druckerei gegenüber – treffen all diese Leute aufeinander. Die Milchbar liegt im Zentrum Warschaus, westlich der Weichsel, auf der Ulica Marszalkowska, einer der teuersten Straßen Polens. Sie verbindet auf mehr als drei Kilometern den Norden und den Süden der Stadt, Alt und Neu, vom stalinistischen Kulturpalast, den futuristischen Hochhäusern bis hin zu dem Platz, den die Warschauer nur Hipsterplatz nennen. Hier gehen die Großbebrillten feiern, Tag und Nacht pulsiert die Ulica Marszalkowska. Seit Juni 2013 ist die Bar geöffnet. Wieder, denn 2011 hatte sie schließen müssen, als die damalige Chefin nach 57 Jahren in Rente ging. Plötzlich stand dem Kapitalismus ein Relikt des Sozialismus zur Verfügung, 300 Quadratmeter auf dem freien Immobilienmarkt.

Die Polen sind wieder stolz auf ihre Küche

Die Warschauer aber wollten kein neues Luxusrestaurant, keine Edelboutique, sie wollten ihre Milchbar zurück. Eines Nachts besetzten ein paar Studenten den Laden, die Medien berichteten, der Bezirksbürgermeister geriet unter Druck. Ihm blieb nichts anderes übrig, als hier erneut eine Milchbar eröffnen zu lassen.

Seitdem serviert die Bar Prasowy wieder Borschtsch und Piroggen. Und alle kommen, im Schnitt essen hier täglich 600 Menschen. Wäre dieses Lokal eine Bühne, hieße das Theaterstück „Polen heute“ mit den Gewinnern, Verlierern, Zugezogenen, der neuen und der alten Generation. Ein Querschnitt der Gesellschaft, die seit 1989 etwas geschafft hat, das bewundert wird: den radikalen Neuanfang und schnellen Aufstieg. 2009 war Polen das einzige Land in Kriseneuropa, das überhaupt ein Wirtschaftswachstum zu verzeichnen hatte. Die Polen schienen begriffen zu haben, wie man einen Systemwechsel bewerkstelligt.

Kamil Hagemajer beugt sich über den Plastiktisch, sein Aftershave beißt in der Nase. Es ist Mittag, Stoßzeit in seiner Bar Prasowy, unruhig, ein bisschen aggressiv schaut er sich um, seine Daunenjacke hat er anbehalten.

Haben sich die Polen mit dem Sozialismus wieder versöhnt?

Hagemajer ist kurz irritiert, dann lehnt er sich zurück, verschränkt die Arme und atmet tief ein. „Das glaube ich nicht. Aber sie können heute besser differenzieren, sie haben eingesehen, dass nicht alles schlecht war damals. Nach der Wende waren wir so berauscht von McDonald’s & Co., jetzt beginnen wir nachzudenken. Was essen wir da eigentlich? Ist das gesund? Woher kommt dieses Essen? Und was ist eigentlich aus unserer polnischen Küche geworden?“

Sein Handy klingelt, „ichkannjetztnichtichrufzurück“, sagt er und legt auf. Er arbeitet 16 Stunden am Tag, ihm gehören noch sechs weitere Milchbars in Warschau.

Nicht unbedingt Diätkost: Mehlspeisen in allen Varianten

An jenem 19. Dezember 2011 war er nicht dabei. Gegen 13 Uhr brachen einige Studenten die Tür der Bar Prasowy auf. Bankfilialen und Boutiquen gab es überall auf der Welt, Milchbars nicht, dachten sie – und öffneten von 15 bis 18 Uhr, es gab Piroggen, Borschtsch und Pfannkuchen. Die Anwohner kamen, bis die Polizei der Aktion ein Ende machte. Ein kleiner Aufstand, der die Obrigkeit schließlich beeindruckte. Wer in diesem Land ein Problem hat, löst es lieber selbst.

Jahrhundertelang waren die Polen ein Spielball fremder Mächte gewesen, hin- und hergekickt zwischen den Deutschen und den Russen, ohne sichere Landesgrenzen, ohne Identität.

Dann kamen der Elektriker Lech Walesa und die Solidarnosc-Bewegung. Sie streikten auf der Danziger Werft und stürzten das Regime. Die Energie, die Ende der Achtziger entstand, der Wille, endlich selbstständig zu werden, waren enorm. Dieses Das-haben-wir-ganz-allein-geschafft-Gefühl ist bis heute ungebrochen. Das Misstrauen dem Staat, der herrschenden Klasse gegenüber auch.

„Als ich den Laden mieten wollte, war ich erst mal schockiert“, sagt Kamil Hagemajer. 40 Jahre war in dem Lokal nichts getan worden. Er fing an zu renovieren, mit Freunden. Sie bauten Behindertentoiletten ein, einen Wickelplatz, beauftragten Innenarchitekten mit der Gestaltung der Räume. Nun hängt an den schwarz lackierten Wänden eine Matrix aus weißen Buchstaben und Zahlen, „früher wurde so die Speisekarte mit den aktuellen Preisen an die Wand gebracht, je nach Angebot“. Heute steht in einer Ecke ganz klein: „Ich liebe dich, Piotrus.“

Piroggen sind ihre Spezialität: Mascha Forystyna

Auch wenn jeder Pole die Milchbar mit dem Sozialismus assoziiert – die erste wurde viel früher eröffnet, 1896 in Warschau. Nach dem Ersten Weltkrieg, als Polen für kurze Zeit unabhängig wurde und die Menschen unter der Lebensmittelkrise litten, vermehrten sich die Milchbars im Land. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden sie, wie andere Restaurants, verstaatlicht. Die etwa 40 000 Lokale sollten den Arbeitern die fehlende Kantine ersetzen. Ein schnelles, warmes Mittagessen – und der Weg nach Hause lohnte sich nicht.

Essen wie bei Großmutter für kleines Geld

Die Milch- und Mehlspeisen gaben der Einrichtung ihren Namen. Fleisch gab es nicht, zu luxuriös. Nachtische auch nicht, zu bürgerlich. Dafür Suppen, wie Borschtsch aus Roter Bete oder Zurek aus vergorenem Mehl. Und Bigos, ein Eintopf aus Sauerkraut, dessen Geruch noch Tage später in den Gardinen hängt.

Es ging um Massenabfertigung. Ein Übel, das man hinnahm. Und über das man sich lustig machte.

„Mir ist es egal, was die Milchbars früher waren“, sagt Natalia Ostrowska. „Ich finde das Essen dort lecker und günstig.“ Ihre Freundin Julia hat sie hergebracht. Zwei 17-Jährige, die miteinander verwachsen scheinen. Sie tragen pastellfarbene Schals, schwarze Blazer, Designertaschen und haben ganz leicht Wimperntusche aufgetragen. Ihre Schule ist um die Ecke, im kommenden Jahr macht Natalia Ostrowska Abitur, dann will sie ein Jahr nach London, bevor sie sich in Warschau um einen Studienplatz bewirbt. Für Journalismus. Oder Wirtschaft.

Nahrhaft und gesund: Eintöpfe mit Kohl und Suppen wie Borschtsch

Mit ihren Eltern redet sie nicht oft über die alten Zeiten in der Volksrepublik. „Ich weiß nur, dass die Regale immer leer waren“, so hat es ihre Mutter erzählt. „Bis auf ein paar Essigflaschen, die gab es immer.“ Wenn man Fleisch wollte, musste man sich um fünf Uhr morgens mit seinem Lebensmittelcoupon in die Schlange stellen. Der ewige Mangel, ein Leben ohne Perspektive, ohne Aufstiegschancen. „Meine Mutter sagt immer: Im Sozialismus war jeder gleich. Gleich arm.“ Heute arbeiten die Eltern bei einer Bank, abends gibt es mal Sushi, mal gehen sie zum Italiener um die Ecke. „Es gibt so viel mehr als diese fettigen polnischen Würste! Und für mich als Vegetarierin ist unsere Küche eh schwierig.“ Bis auf die Piroggen, „für die könnte ich sterben“, zumindest wenn die Oma sie macht.

Mittags, wenn sie eine Stunde Pause von der Schule hat, muss sie auswärts essen, eine Kantine haben sie nicht. Normalerweise geht sie zum Sushi-Mann um die Ecke oder holt sich ein Sandwich bei Subway, etwa acht Euro gibt sie dafür aus. In der Bar Prasowy hat sie für eine Tomatensuppe mit Nudeln und eine Portion Pierogi Leniwe nicht einmal zwei Euro bezahlt. Sie will jetzt öfter kommen, nicht in erster Linie, weil es billig ist. „Es schmeckt wirklich fast wie bei Oma. Das ist …“ Plötzlich ein Schrei: „Leniwe, zapraszam!!“ Das Mädchen schreckt von seinem Stuhl hoch, greift nach dem Zettel auf dem Tisch, sagt „das bin wohl ich“ und läuft zur Essensausgabe.

Der Schreier heißt Jarek Bzowski, seine durchdringenden Ansagen gehören zum Gesamtkunstwerk Bar Prasowy. Fast alle Gerichte bekommt der Gast direkt nach dem Bezahlen an der Durchreiche, nur auf die Mehlspeisen muss er warten, die werden frisch zubereitet. Piroggen, russische mit Quark und Kartoffeln oder die mit Kraut und Pilzen oder mit Fleisch. Gefüllte Pfannkuchen, mit süßem Quark, Marmelade oder Apfelkompott. Und die Pierogi Leniwe: Faule Piroggen – weil sie nicht aufwendig befüllt und dann mit fünf, sechs Handgriffen zusammengeklebt werden.

„Selbst diese eleganten Businessfrauen mit den dünnen Beinchen lieben unsere Pierogi Leniwe“, sagt Mascha Forystyna. Sie steht in der Großküche und wischt sich an der Schürze das Mehl von den Händen. Es riecht nach zerlassener Butter, nach gebratenen Pfannkuchen, und ein bisschen nach altem Putzwasser.

Chefkoch ist in der Bar Prasowy ein anderer – aber wer ein paar Tage in der Küche verbringt, merkt, dass ohne „Piroggen-Mascha“, wie sie von ihren Kollegen genannt wird, nichts geht. Jetzt, es ist 14 Uhr, hat sie keine Zeit zu quatschen. Es ist dampfend heiß, die Abzugshaube zieht geräuschvoll den Dunst nach oben, im Minutentakt spuckt die Maschine auf dem Fensterbrett die Zettel aus, die ihr diktieren, welche Piroggen sie als Nächstes ins Wasser werfen muss. „Einmal Kraut und Pilze, zweimal russische“, murmelt sie vor sich hin, rennt zu ihrer Kollegin, stapelt die fertig geklebten Piroggen vorsichtig auf die Hand, drei Schritte zurück zum Topf, rein damit.

Tradition im modernen Gewand: Hier durfte der Innenarchitekt walten

Etwa die Hälfte des Küchenpersonals sind Ukrainer. Sie alle hatten keine Lust mehr, in ihrer Heimat im Stillstand zu verharren. Sie ließen ihre Kinder zurück, beschafften sich ein Arbeitsvisum und passierten die Grenze zur EU. Die Ukrainer sind die mit Abstand größte Gruppe, die jährlich nach Polen kommt, im Jahr 2011 machten sie 27,3 Prozent aller Einwanderer aus. An zweiter Stelle standen die Weißrussen mit 7,2 Prozent.

Die Ukrainer machen alles, was die Polen nicht mehr machen wollen. Sie spülen in Großküchen, befüllen Regale in Supermärkten, pflegen Bettlägerige in Privathäusern, und zur Not gehen sie auch auf den Straßenstrich. Für Ukrainer ist Polen, was für Polen lange Zeit Deutschland war: der golden schimmernde Westen. Das Aufstiegsversprechen.

„Ukrainer arbeiten viel besser als Polen“, sagt Kamil Hagemajer. „Sie sind fleißig, schnell, meckern nicht, wenn es anstrengend wird.“ Und kosten weniger? Eine Antwort darauf gibt er nicht.

Wieder rennt Mascha Forystyna zu ihrer Kollegin, die gerade Leniwe zubereitet. Drei Tage hat Mascha gebraucht, um ihr zu zeigen, wie man sie zubereitet. Der Teig, die eine Hälfte Quark, die andere Kartoffelmasse, wird einfach zu einer langen Wurst gerollt, in etwa fünf Zentimeter große Stücke geschnitten, mit einer Rundwalze platt gedrückt und etwa fünf Minuten in siedendem Wasser gekocht. Darüber kommt ein Schwall aus zerlassener Butter, Semmelbröseln und mindestens fünf Esslöffeln Zucker. Wer eine Portion Leniwe gegessen hat, hat es schwer, sich wieder vom Stuhl zu erheben.

„So fettig sind die nun auch wieder nicht“, sagt Mascha Forystyna. „Probier sie mal mit meiner selbst gemachten Erdbeersoße!“ Seit Eröffnung ist sie in der Bar Prasowy dabei, zuvor hat sie in einer anderen Milchbar gearbeitet. Sie genießt den Stress, sie mag es, in Bewegung zu sein, „dann fühle ich mich lebendig“. Ihre Oberarme sehen aus wie die einer Bäuerin, immer wieder pustet sie sich eine blond gefärbte Strähne aus dem Gesicht.

Nur abends gegen 22 Uhr, wenn sie nach Hause kommt, den Computer hochfährt und das blaue Logo mit dem großen S anklickt, überwältigt die Traurigkeit sie. Skype ist ihre einzige Verbindung zu ihrer Tochter Anja. Jeden Abend eine halbe Stunde für die 15-Jährige, die eine Tagesreise entfernt bei der Großmutter wohnt. Seit mehr als drei Jahren. „Vielleicht kommt sie nach, wenn sie die Schule abgeschlossen hat. Aber ich, ich gehe nicht mehr zurück“, sagt Mascha Forystyna und schluckt. In der Ukraine erwartet sie das große Nichts, hier hat sie Arbeit. Eine Zweizimmerwohnung am Stadtrand, die sie sich mit ihrem Mann und einem anderen ukrainischen Paar teilt. Und sie hat nette Kollegen.

Die Milchbar ist auch: eine Art Sozialhilfe

Etwa ein Dutzend Köche und Servicekräfte arbeiten in der Bar Prasowy, die Gehälter, sagt Kamil Hagemajer: branchenüblich. „Dabei streichen andere Restaurants viel mehr Gewinne ein als wir.“ Alkohol, mit dessen Ausschank die Gastronomie hauptsächlich verdient, ist in Milchbars verboten. Auf Mehl- und Milchspeisen dürfen die Betreiber lediglich eine Marge von 30 Prozent erheben.

Nur dann nämlich werden sie vom Staat subventioniert. Mit etwa fünf Millionen Euro jährlich bezuschusst das Finanzministerium die Lokale. Auch die Mieten werden von den jeweiligen Gemeinden niedrig gehalten, der marktübliche Preis für die Bar Prasowy wäre etwa fünfmal so hoch.

Die Subventionen sind eine Art verdeckter Sozialhilfe. So kann jeder billig und warm zu Mittag essen. Der Sozialstaat als Korrektiv fehlt. Arbeitslosengeld gibt es meist nur sechs Monate lang und keinen Regelsatz für Sozialleistungen.

Die Bar Prasowy wird noch nicht subventioniert. Weil sie erst vor Kurzem eröffnete. Aber Kamil Hagemajer rechnet fest mit einer Zusage. „Ohne wird es auf Dauer unmöglich, die niedrigen Preise zu halten“, sagt er. Umgerechnet 5000 Euro Gewinn mache er pro Monat.

Auch wenn sich das monatlich verfügbare Einkommen pro Kopf im vergangenen Jahrzehnt verdoppelte (2012 betrug es umgerechnet 300 Euro): Die polnische Erfolgsstory scheint langsam auserzählt. Einstige Trümpfe wie niedrige Lohnkosten und gut ausgebildete Arbeitskräfte scheinen nicht mehr zu stechen. Die Politik zögert, dringende Sozial- und Rentenreformen anzupacken, die Wirtschaft produziert viel, investiert aber wenig. Und seit der Eurokrise wollen die Leute auch ihren Zloty lieber behalten.

„Ich wollte den Euro sowieso nie“, sagt Waclaw Oracz. Er beugt sich über seinen Teller mit Tomatensuppe, seine Hand zittert, als er den Löffel zum Mund führt. Das Jackett ist verblichen, sein Hemd ebenso. Er ist 83 Jahre alt, und er will nicht sagen, wie viel Rente er bekommt. Waclaw Oracz ist ein stolzer Mann.

Nach dem Abitur ging er zur Armee, er war bei der Artillerie, fuhr Panzer. Irgendwann hatte er genug vom Militär und wurde Lkw-Fahrer. „Wissen Sie, Gnädigste, 40 Jahre lang fuhr ich durch ganz Polen! Das war eine tolle Zeit.“ Heute ist er Witwer und singt im Seniorenchor.

Auch seine Freunde sterben langsam weg, die erwachsene Tochter arbeitet schon seit Jahren in Frankfurt am Main. Aber Oracz ist nicht einsam. Er singt, telefoniert täglich nach Deutschland, mit seinen Nachbarn trifft er sich zum Skat.

Im Alter ist jeder vierte Pole von Armut bedroht. Anders als in Westeuropa jedoch bedeutet das hier nicht zwangsläufig die soziale Isolation. Noch immer sind die Großeltern in Polen die wichtigsten Familienmitglieder, vor allem die Oma besitzt für die meisten Polen fast Heiligenstatus. Aber auch im Alltag sieht man den Unterschied: Die Polen können gar nicht schnell genug aufstehen, sobald ein älterer Mensch die Tram oder Metro betritt.

Er genießt seine Suppe und die Gesellschaft: Waclaw Oracz

Dreimal die Woche kommt Waclaw Oracz in die Milchbar, er mag es, von all den „jungen Jungs und Mädels“ umgeben zu sein, wie er sagt. Dann bestellt er an der Kasse, „immer um halb zwei, immer die Tomatensuppe und die gefüllten Pfannkuchen“. Er beugt sich nach vorn und flüstert: „Das sind die besten in Warschau. Mascha macht mir manchmal extra viel Puderzucker drauf, wenn ich darum bitte.“

Der Big Mac schmeckt überall gleich. Vielleicht macht das nicht Normierte den Reiz der Milchbars aus.

„Vor allem geben wir Polen langsam unsere Komplexe auf“, sagt Kamil Hagemajer. „Wir schielen nicht mehr nur auf den Westen, sondern honorieren auch, was wir selbst gut können.“

Mit dem polnischen Minderwertigkeitskomplex sind die über 30-Jährigen groß geworden, wer jünger ist, kennt ihn nicht mehr. Die Teens und Twens bewegen sich selbstverständlich international, machen ein Au-pair-Jahr in Großbritannien, ernten in den Ferien französischen Wein oder ziehen zum Studium nach Deutschland. Im Ausland treten sie selbstbewusst auf. Sie sind Polen und stolz darauf.

Der Systemwechsel hat deutlich mehr Gewinner als Verlierer hervorgebracht. Kaum ein Pole wünscht sich die alten Zeiten zurück; wer so lange hinter dem Eisernen Vorhang ausharren musste, genießt die Freiheit.

Die Gesellschaft ist um einiges weiter als die Politik. Die trägt weiter schwer am historischen Gepäck, seit 20 Jahren ist das Personal im Parlament – männlich, katholisch, 50 plus – weitgehend unverändert geblieben und vergisst nicht, immer wieder daran zu erinnern, was früher war. So lassen sich Ängste schüren und Wahlkämpfe gewinnen. Die Zukunft eher nicht.

Während Natalia Ostrowska und Waclaw Oracz Suppe löffeln, Mascha Forystyna Piroggen klebt, Kamil Hagemajer den Überblick behält und der Himmel über Warschau noch ein bisschen nebliger wird, knackt ein Rap-Video auf Youtube die Millionenmarke. Ein polnisches Dorf, ein Akkordeon, ländliche Idylle zu harten Beats. „My Slowianie“, wir Slawen, heißt der Song des polnischen Rappers Donatan. Er spielt mit Stereotypen, lässt eine Babuschka schunkeln, einen Hahn krähen und vollbusige Frauen in Trachten lasziv Butterfässer rühren. „Wir Slawinnen haben das, was kein anderer hat“, singen sie. „Wodka ist besser als Whiskey und Gin. Das, was unseres ist, ist das Beste, weil es unseres ist.“

Wohl niemals zuvor ist ein polnisches Lied innerhalb so kurzer Zeit im Internet so bekannt geworden. Rund 38 Millionen Menschen haben den Clip mittlerweile gesehen. Etwa so viele, wie in Polen leben. ---
Polen Einwohner: 38,4 Millionen
Währung: 1 Zloty = 100 Groszy = 24 Cent
BIP pro Kopf: 10 700 Euro
Human Development Index: Platz 39
Arbeitslosenquote (2013): 13,5 Prozent
Zahl der Rentner (2012): 9,03 Millionen
Zahl der Studenten (2012/2013): 1,68 Millionen
Zahl der Einwanderer (2011): 40.000
Zahl der Milchbars: rund 150