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Du willst es doch auch!

NLP ist eine Waffe. Wer NLP beherrscht, kann über andere herrschen. Dank NLP wurde ich zu einem besseren Menschen.





• Ich wurde angequatscht. Es war Sommer, ich saß mit Bekannten beim Italiener in der Rosenthaler Straße, als ein etwas dicklicher Typ mit rasierter Vollglatze an unseren Tisch kam. Im Schlepptau eine in die Jahre gekommene Rothaarige.

Die beiden waren Bekannte meiner Bekannten. Und weil in Berlin die Höflichkeitsformen abgeschafft sind, quetschten sie ihre Leiber ungefragt zwischen uns. Ich sog eine breite Nudel in meinen Mund, wischte mir das Sugo von den Lippen und schüttelte zwei schlaffe Hände.

Die beiden konnten keine Sekunde länger an sich halten, dass sie gerade aus dem letzten Tag einer offenbar enthusiasmierenden Ausbildung kamen. Als Beweis zog der Dicke, ein Informatiker, ein Diplom aus der Tasche und hielt es mir unter die Nase.

Auf dem Wisch stand, dass er Viertbester eines NLP-Lehrgangs geworden war. Die Rothaarige sagte, sie sei nur zwölfte. NLP, ich begann mich zu erinnern, steht für Neurolinguistisches Programmieren. NLP ist der Versuch, kommunikativ Unbedarften die Strategie der Überredung beizubringen. Und weil mich immer interessiert, wie sich Leute um Kopf und Kragen reden, bat ich sie, mir näher zu erklären, wie sie die frisch gewonnenen Fähigkeiten einsetzen wollen.

Ein Mensch, der NLP gelernt hat, will seinem Gegenüber mit der Macht der Sprache den Verstand rauben, will ihn zum Werkzeug des eigenen Strebens schmieden, ihm einreden, er mache dies für das gemeinsame Ganze. NLP ist eine Art verbale Kriegstaktik. Und weil kluge Menschen ohnehin wissen, wie sie weniger Kluge mit Sprache und Worten für sich gewinnen können, ist NLP ein Werkzeug für Blöde.

Und weil es für Blöde ist, ist es auch leicht zu durchschauen: Der Täter will zuerst einen Draht zum Gegenüber herstellen – dieser Teil wird Rapport genannt. Danach kommt das sogenannte Pacing, das Spiegeln des Gegenübers, damit dieses glaubt, es habe es mit einem Gleichgesinnten zu tun. Nach dem Pacing kommt das Leading, das Führen. Ins Verderben.

NLP ist eine Entwicklung des Psychologen Richard Bandler und des Linguisten John Grinder. Könnte man bewaffnete Drohnen in die Vergangenheit schicken, so wäre das kalifornische Santa Cruz im Jahre 1972 ein lohnendes Ziel, denn damals begannen Bandler und Grindler an der dortigen Uni ihr Verbrechen gegen die Menschheit auszuarbeiten.

Wenn man guten Willens ist, dann kann man bei NLP ein Gerüst aus ursprünglich gutem Willen wahrnehmen. Doch die ganzen therapeutischen Ansätze wurden schnell verworfen, als man erkannte, dass man NLP auch bloß als reine Kommunikationsstrategie einsetzen und damit ein Heidengeld verdienen kann.

Mein Heimatland Österreich erfuhr das erste Mal von NLP, als im Jahr 2000 die Politknechte des Rechtspopulisten Jörg Haider die Macht übernahmen. Unzählige Minister der FPÖ, die meisten früher oder später wegen Unfähigkeit aus ihren Ämtern entfernt, wurden vor der Amtseinführung einer NLP-Schulung unterzogen. Ihre Interview-Antworten waren folglich stets gleichgeschaltete, stereotype Gegenfragen oder sinnbefreites Gelaber, das, von Fremdwörtern durchwirkt, sogar irgendwie professionell klang. Ohne je vom Baum der Erkenntnis genascht zu haben, erkannte jeder geistig noch nicht vom Gequassel dieser Adepten in den Hirntod Getriebene, was diese Leute eigentlich wollten: ihre Untaten so gut wie möglich verschleiern.

Viel Geld und keine Tragödie

NLP ist selbstredend keine anerkannte Wissenschaft. Das hindert aber Tausende Deutsche nicht daran, sich jedes Jahr in fragwürdige NLP-Schulungen einzuschreiben. Dort hören sie gleich am ersten Tag die bestürzende Wahrheit, dass „der Mensch seine Umwelt mit den Sinnen wahrnimmt“. Hätten diese Spinner ihr Geld für einen ähnlichen Humbug namens Familienaufstellung ausgegeben, dann bliebe wenigstens eine persönliche Tragödie in Aussicht gestellt. Vielleicht nachfolgende Drogensucht. Aber so? NLP fehlt jeder Glamour.

Die leere Lehre hat auch ein Maskottchen. So wie die Olympischen Spiele. Nur sieht die „NLP-Sinnesfigur“ so aus, als wäre sie das Ergebnis der Liaison einer ecstasysüchtigen Waldorfschülerin („Tanz deinen Namen“) mit dem glatzköpfigen Ekelgreis Gollum („Meiiin Schatz, meiiiin Schatz“) aus „Herr der Ringe“. Wer nimmt so was schon ernst?

Hunderttausende Manager zum Beispiel – keine geringe Zahl der weltweiten Wirtschaftselite. Sie verinnerlichen NLP-Leitsätze wie: „Die Bedeutung der Kommunikation liegt in der Reaktion, die man erhält“ (das sag mal dem Neuköllner Kickboxer, wenn er seine Hand auf deine Schulter legt, nachdem du seine Freundin angequatscht hast), „Es gibt immer einen dritten Weg“ (das sag mal dem Piloten einer ins Trudeln geratenen Boeing 737) oder „Wenn etwas nicht funktioniert, tue etwas anderes“ (gähn!).

Diese Sätze brabbelte auch der Dicke, als ich die letzten Reste meiner Soße mit einem weichen Weißbrot aus der Schüssel holte. Und ich spürte, wie die Wut in mir hochstieg. Ich mag Defizite haben, etwa Legasthenie oder mangelndes Verständnis für Komödien von Matthias Schweighöfer. Aber eines kann ich sicher: Kretins wie diesen NLP-Dicken in die Hölle schicken. Und die Rothaarige gleich mit ihm.

Das geht aber nur, wenn man in sich selber hineinschaut, seine Ängste kennt, sein Versagen, seine Schwächen. Wenn man erkennt, dass man eigentlich auch ein Knilch ist. Von widerlicher Genugtuung beseelt. Von Überheblichkeit und Arroganz getrieben. Und wenn man das alles spürt, wenn das alles mit der Wut hochkocht, dann macht man was? Man lässt es bleiben.

So habe ich ihn reden lassen, bin bereitwillig in seine banalen neurolingualen Fallen gegangen, habe nichts von den niedrigen Beweggründen ausgesprochen, die ich bei beiden gleich erkannte, wie sie bei allen Versagern zu erkennen sind, die mithilfe von Lehren und Methoden weiterkommen wollen. Etwa, dass er glaubt, mit seinem NLP-Gequatsche sexuell attraktiv zu wirken, obwohl er außen wie innen hässlich war.

Meine Bekannten blickten mich entgeistert an. Ich schlug nicht zu. Ich sah, dass sie bettelnd darauf warteten. Doch ich saß da und dachte daran, dass auch ich so hätte werden können – endlos geplagt von meinen Komplexen, endlos versucht, ein besserer Mensch zu werden und besser mit überlegen zu verwechseln. Ich saß da und ließ den Deckel auf meinem Topf voll Wut, die siedend kochte, angesichts des unfassbaren Schwachsinns, der mir von diesen beiden Sprechpuppen entgegengeschleudert wurde. Hier. Auf dieser Bank. Im Sommer. Hier wurde ich ein besserer Mensch. Dank NLP. ---