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Die Erfindung der neuesten Welt

Rasterfahnden, Rechner hacken, Erde sprengen: Wie man in den Achtzigerjahren der Zukunft entgegensah.





• Anfang September 1981 fand im Hilton Hotel in Denver, Colorado, der 39. Kongress der World Science Fiction Society statt. Dort trug der damals 33-jährige William Gibson eine Kurzgeschichte mit dem Titel „Burning Chrome“ vor, in der es um zwei Hacker geht, die es für Geld machen. Sein Publikum bestand aus gerade einmal vier Leuten. In dieser Geschichte tauchte das Wort „Cyberspace“ auf. Gibson machte den Namen für die neue Region populär, die sich zwischen vernetzten Computern und Menschen zu entfalten begann.

Besonders eine Stelle in seinem Roman „Neuromancer“, der 1984 erschien, brachte eine Saite zum Klingen, die in jedem von uns darauf wartet, von etwas Neuem berührt zu werden: „Cyberspace. Eine gemeinschaftliche Halluzination, täglich erlebt von Milliarden Teilnehmern, über alle Nationen hinweg … Eine grafische Repräsentation von Daten aus den Speicherbänken jedes Computers im menschlichen System. Unvorstellbare Komplexität. Linien aus Licht … Ballungen und Konstellationen aus Daten. Wie die Lichter einer Stadt, die verklingen.“

Gibson machte etwas zuvor Unvorstellbares sichtbar. Irgendwo in den Verbindungen zwischen den Telefonen auf diesem Planeten hatte sich etwas Rätselhaftes entwickelt, das sich nun beobachten und verstehen ließ. Was in seiner Vorstellung als eine Art Verdickung in der Leitung begonnen hatte, wie eine Schlange, die ein großes Tier verschluckt hat, gab sich nun zu erkennen: die digitale Welt.

Diese Zukunft leuchtete, aber die Ausgangslage war ungünstig. 1980 hatte die Gesellschaft für deutsche Sprache „Rasterfahndung“ zum Wort des Jahres gewählt. Den Algorithmus, mit dem Personen aus den großen Datenbeständen eines Computersystems namens PIOS („Personen, Institutionen, Objekte, Sachen“) herausgesiebt werden konnten, hatte der damalige BKA-Präsident Horst Herold für die Fahndung nach RAF-Mitgliedern entwickeln lassen. Das beschädigte den Ruf des Computers. Er erschien nun als Werkzeug für einen Staat, wie ihn George Orwell in seinem Roman „1984“ beschrieben hatte. Polizei- und Geheimdienstarbeit waren in den Achtzigern noch auf Einzelfälle ausgerichtet, computerisierte Massenverdächtigung löste Empörung aus. Dabei war die Observierung mit Großaufgeboten wie etwa in der DDR im Fall des Regimekritikers Robert Havemann, den 90 Stasi-Offiziere über Jahre hinweg überwachten, damals noch Show. In größerem Ausmaß ließ sich das nicht durchhalten (siehe brand eins 08/2013, „Der Zweifler“)*.

Eine Romanreihe begann zu dieser Zeit ihren Siegeszug: Douglas Adams’ „Per Anhalter durch die Galaxis“ versorgte ihre Leserschaft mit fröhlich-absurden Geschichten, die von Freiheit und Souveränität handelten. Die Erde musste einer kosmischen Umgehungsstraße weichen und wurde weggesprengt, damit ging es los. Man konnte das Ganze auch als literarische Antwort auf die Zumutungen der Realität lesen. Die Technikeuphorie der Fünfzigerjahre hatte sich in ein Morgen voller Sorgen gewandelt. Hunderttausende gingen damals auf die Straße – gegen die Atomkraftwerke, gegen die atomare Nachrüstung mit Pershing-II-Raketen, aus Angst vor einem nuklearen Winter, gegen Umweltvergiftung.

Wie die Welt in naher Zukunft aussehen könnte, wenn man sie etwas illusionsloser betrachtete, als das in „Raumschiff Enterprise“ mit hochanständigen Lebewesen und in stets staubgesaugter Kulisse der Fall war, zeigten die Cyberpunk-Autoren, ein Subgenre der Science Fiction, das William Gibson mitbegründet hatte. Cyberpunk-Erzählungen entwarfen die Vision einer ambivalenten, schmutzigen Zukunft voller Misstrauen, beherrscht von Firmenmolochen, unkontrollierbar komplexen Computernetzen und einer ruppigen, metropolen Atmosphäre. Die Helden sind ramponiert.

Mit dem ersten Anlauf zu einer Volkszählung warf der „Gläserne Mensch“ als überwachtes Angstgeschöpf seinen elektronischen Schatten voraus. Während der damalige Innenminister Friedrich Zimmermann einen „Angriff auf das ganze System“ sah, kippte das Bundesverfassungsgericht das Volkszählungsgesetz im Dezember 1983 in zentralen Punkten. In einem Grundsatzurteil wurde dem Recht auf informationelle Selbstbestimmung Verfassungsrang eingeräumt. Jeder Bürger sollte wissen, wer welche Daten über ihn besitzt.

1984, im symbolischen Jahr des orwellschen Überwachungsstaates, sollte der maschinenlesbare Personalausweis eingeführt werden. Der ehemalige Berliner Datenschutzbeauftragte Hansjürgen Garstka erinnert sich: „Man träumte davon, dass durch die Maschinenlesbarkeit die Fahndung erleichtert würde, man die Identifizierung schneller erledigen könnte. Es hat sich herausgestellt, dass das alles nicht klappt.“

Es war das Jahr, in dem Apple den Persönlichen Computer salonfähig machte und mit einem spektakulären Super-Bowl-Werbespot, in dem das Produkt kein einziges Mal zu sehen war, den Macintosh vorstellte. Ridley Scott hatte 1982 das grandiose Cyberpunk-Epos „Blade Runner“ gedreht, nun präsentierte er eine 60-Sekunden-Dystopie mit dem idealen Titel „1984“, in der eine dumpfe, graue Zuhörermasse dem Big Brother zuhört, der von einem Riesenbildschirm herab Demagogie verbreitet. Eine heransprintende Hammerwerferin bereitet dem – an den Computerkonzern IBM gemahnenden – Spuk ein Ende. Kauf dir einen kleinen Computer und mach dich frei (siehe brand eins 12/2009, „Das Gesamtkunstwerk“)**!

In den Achtzigerjahren nahmen die Fernsehzuschauer die Sache selbst in die Hand. Mit dem Aufkommen von zunehmend mehr Privatsendern wurde die Fernbedienung zu einem Werkzeug der Selbstermächtigung. Der Zuschauer wurde aktiv: Er übernahm die Bildregie. Damals wuchs, mit Computern, die heute wie digitale Trichtergrammofone anmuten, die erste deutsche User-Generation auf. Nach Jahrzehnten stupidem Ein-aus-laut-leise am Fernseher konnte man zum ersten Mal mit einem Tastendruck selbst etwas auf einem Bildschirm erscheinen lassen. Der Computer war die Maschine, die es möglich machte, höchstpersönlich die Kontrolle über das Programm zu übernehmen – programmierend. Da war das Gefühl, etwas tun zu können.

Die Grünen, aus Anti-Atomkraft-Bewegung, Friedensbewegung und Umweltschützern hervorgegangen, brachten in ihren Anfängen eine ausgeprägte Technikfeindlichkeit zum Ausdruck. Auf einer Bundesversammlung im Dezember 1985 hatten sie sich derart kritisch gegenüber neuen Informations- und Kommunikationstechniken (IuK) positioniert, dass ihnen eine danach bei den Experten des Chaos Computer Clubs bestellte Studie über Rechnernutzung im Bundestag erst mal sozusagen die Einübung in den gewaltfreien Umgang mit IuK nahelegte. Titel der Studie (in Abwandlung eines Zitats von Steve Jobs): „Trau keinem Computer, den du nicht (er-)tragen kannst.“

„Ich bin in den Achtzigerjahren aufgewachsen“, erzählt der Internet-Aktivist und Sicherheitsspezialist Jacob Appelbaum. „Es gab für mich noch eine Zeit, in der ich ohne Total-Überwachung gelebt habe. Vor etwa zehn Jahren änderte sich das. Es gibt mittlerweile Menschen, die nur in totaler Überwachung gelebt haben – und nie etwas anderes kennen werden, wenn wir diesen Tendenzen nicht Einhalt gebieten.“

Und es gab Menschen, die begannen, das ganze Gesehenwerden, das die neue Technik mit sich führt, lustvoll zu zelebrieren. Der Hauptspaß im Netz bestand für sie darin, sich in die Welt hinauszuschütten und von durstigen Augen getrunken zu werden. Das lateinische Wort expandere bedeutet ausbreiten, aus seiner Partizipform expasso ist unser Wort Spaß hervorgegangen.

Neben dem Spaß-Haben, der Lärmproduktion und der Hingabe an absonderliche Utopien gehört Neugierde zu den Pflichten der Jugend, und zwar in einer Form, die jeden erwachsenen Wissensdrang übertrifft. Gern erinnere ich mich an einen Nachmittag anno 1985, an dem ich gemeinsam mit Freunden auf einem kleinen grünen Apple II zum ersten Mal ein Tabellenkalkulationsprogramm in Augenschein nahm. Wir wussten nicht, was das ist. Da Kästchen zu sehen waren, hielten wir es für ein Spiel. Wir spielten bis gegen Abend und hatten mächtig Spaß; ich glaube, einer von uns hat sogar gewonnen. ---


* b1-link.de/zweifler
** b1-link.de/_gesamtkunstwerk