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Mikrozensus Befragung

Der Staat rückt einigen seiner Bürger regelmäßig mit dem Mikrozensus auf die Bude und löchert sie mit allerhand Fragen. Einer von denen, die zum großen statistischen Gesamtbild beitragen dürfen, bin ich.





• Vor einigen Monaten meldete sich wieder einmal der für mich zuständige „Erhebungsbeauftragte“. Herr W. hinterließ eine Karte in meinem Briefkasten: „Ich wollte Sie heute – wie bereits angekündigt – besuchen, habe Sie aber leider nicht angetroffen.“

An die Ankündigung konnte ich mich nicht erinnern, und die Telefonnummer, die W. notiert hatte, war unleserlich. Daher erkundigte ich mich beim Statistikamt Nord in Kiel, das für den Mikrozensus in Schleswig-Holstein und Hamburg zuständig ist. Dort konnte man mir mit W.s Nummer weiterhelfen, ich erreichte den Mann und machte einen telefonischen Termin mit ihm aus. Er möchte grundsätzlich lieber bei mir zu Hause vorbeikommen – die im persönlichen Gespräch erhobenen Daten gelten als verlässlicher –, aber ich lasse ungern fremde Leute in meine Wohnung. Überhaupt lasse ich mich ungern über mein Einkommen, meinen Gesundheitszustand, meine Stellung im Betrieb und vielem mehr ausfragen, aber man kommt nicht drum herum. Das weiß ich aus Erfahrung.

1987 gehörte ich zu den Volkszählungsboykotteuren. In unserer Hamburger Wohngemeinschaft war es wie in vielen WGs Ehrensache, den staatlichen Schnüfflern die Rote Karte zu zeigen. Doch die Obrigkeit zeigte sich unnachgiebig, und nachdem ich zu einigen Hundert D-Mark Zwangsgeld verdonnert worden war, gab ich klein bei und beantwortete brav, wenn auch möglicherweise nicht durchgängig korrekt, die 33 Fragen.

Zum Dank durfte ich im folgenden Jahr am Mikrozensus mitwirken. Der Erhebungsbogen dieser kleinen Volkszählung ist viel umfangreicher – aktuell enthält er 185 Fragen, die Beantwortung einiger wie „Sind Sie Lebenspartner eines Mitglieds dieses Haushalts?“ ist freiwillig. Wer zur Stichprobe gehört, die ein Prozent der Bevölkerung ausmachen soll, muss viermal hintereinander Rede und Antwort stehen, sofern er nicht umzieht. Denn nicht Menschen, sondern Gebäude werden ausgewählt, im Fachjargon heißt das Klumpenstichprobe. Man greift blind acht bis zwölf Wohnungen – sei es in nebeneinander stehenden Einzelhäusern oder in Etagen von Wohnblocks – in bestimmten Gegenden heraus. Wer dort wohnt, ist auskunftspflichtig. Die permanente Befragung einer repräsentativen Stichprobe ergibt ein detailliertes Bild der Lage im Land, das ist die Idee.

Ich war damals trotzdem froh, durch den Umzug in ein anderes Viertel dem Mikrozensus zu entkommen. Bis sich mehr als 20 Jahre später Herr W. bei mir meldete. Die Wahrscheinlichkeit, zweimal erfasst zu werden, ist relativ gering, genau gesagt, liegt sie bei 1 : 10 000. Das rechnet mir Lynn Schneider vor, zuständige Referentin in Kiel. Eine sympathische Frau, die nach dem Studium der Sozialwissenschaften und Jobs beim NDR und beim Landeskriminalamt in Hamburg nun im Elysium für Zahlenfreaks angekommen ist. „Wenn man als Sozialwissenschaftlerin gern mit Daten umgeht, ist das eine tolle Sache – nirgendwo ist eine so detailgenaue Beobachtung der Gesellschaft möglich“, schwärmt sie. Besonders die Verknüpfung der verschiedenen Informationen und die Veränderungen der Daten über die Zeit seien interessant. So steige in Hamburg die Zahl der Single-Haushalte nicht mehr so stark wie früher, „vor allem jüngere ledige Personen wohnen seltener allein“. Vermutlich, weil sie es sich wegen der Mieten in der Hansestadt nicht mehr leisten können. Und in Schleswig-Holstein haben laut jüngstem Mikrozensus mehr Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund Abitur als solche ohne.

Kernkompetenz von Volkszählern: starke Nerven

Für solche Daten interessieren sich Verwaltung, Politik, Wissenschaft und Wirtschaft. Schneider erzählt von der Anfrage einer Frau, die in Hamburg-Eimsbüttel ein Lesbencafé aufmachen wollte und – um besser gegenüber der Bank argumentieren zu können – wissen wollte, wie stark ihre Zielgruppe im Viertel vertreten sei. Schneider musste leider passen: „Für so kleine Gebiete haben wir keine Daten, nur für ganz Hamburg.“

Derzeit arbeitet sie mit ihren Kollegen an einer neuen Hochrechnung für den Mikrozensus. Denn die Stichprobe beruht, man höre und staune, noch auf der Volkszählung von 1987 beziehungsweise den Daten des zentralen Einwohnerregisters der ehemaligen DDR. Diese Zahlen wurden fortgeschrieben. Nun wird nach der Volkszählung 2011, die kaum jemand bemerkte und bei der auch Melderegister überprüft wurden, neu gerechnet. Die Statistiker kamen nämlich zu dem überraschenden Ergebnis, dass in der Bundesrepublik 1,5 Millionen weniger Menschen leben als angenommen.

Diejenigen, die beim Mikrozensus die Kärrnerarbeit leisten und Leuten Löcher in den Bauch fragen, werden mit 16,50 Euro pro Interview belohnt. Meist handelt es sich um Beschäftigte des öffentlichen Dienstes, weil die als verlässlich gelten und geregelte Arbeitszeiten haben, sodass sie nach Feierabend Klinken putzen können. Dabei sind gute Nerven gefordert. Viele Menschen neigen zu Misstrauen, etliche verstehen die Fragen nicht, manche kein Deutsch, und gelegentlich sitzt ein Kampfhund auf der Türschwelle. Der eine oder andere fühlt sich auch durch Fragen wie „Falls Sie in der letzten Woche keine Erwerbstätigkeit und keinen Nebenjob ausgeübt haben: Aus welchem Grund haben Sie nicht gearbeitet?“ auf den Schlips getreten. Bei mir im Haus wohnt eine resolute alte Dame, die sich über die Frage des Erhebungsbeauftragten W. „Sind Sie in Deutschland (heutiger Gebietsstand der Bundesrepublik Deutschland) geboren?“ sehr aufregte. Sie stammt nämlich aus einer Gegend, die heute zu Polen gehört, und meinte man ziehe ihre deutsche Herkunft in Zweifel.

Mit mir hat Herr W. keine Scherereien. Ich beantworte routiniert alle Fragen und telefoniere ihm sogar hinterher, damit alles reibungslos läuft. Der Mikrozensus ist mein Schicksal, und bei meinem Glück bin ich bestimmt noch ein drittes Mal dabei. Das wäre dann fast wie ein Lottogewinn, nur ohne Gewinn. ---