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Isabell Welpe im interview

Die Zeit ist reif für eine Demokratisierung der Wirtschaft, sagt die Ökonomin Isabell Welpe. Ein Gespräch über segensreiche Technik, anachronistische Konzerne und Winston Churchill.





brand eins: Frau Welpe, man sagt, die Demokratie ende am Werkstor. Ihrer Ansicht nach ändert sich das gerade – wie kommen Sie zu der Überzeugung?

Isabell Welpe: Einerseits ermöglicht der technische Wandel die Demokratisierung von Unternehmen, also mehr Mitsprache für die Mitarbeiter. Andererseits gibt es auch das verbreitete Bedürfnis, Einfluss auf die eigenen Arbeitsbedingungen zu nehmen. Die Digitalisierung erlaubt das: Individuelle Arbeitsmodelle, mehr Transparenz und mehr Austausch sind machbar. Die Geschichte zeigt, dass technischer Fortschritt auch zu gesellschaftlichem führen kann. So war die Erfindung der Druckerpresse letztlich eine wichtige Voraussetzung für die Entwicklung der Demokratie. Sie versetzte viele Menschen zum ersten Mal in die Lage, sich unabhängig zu informieren, sich selbst eine Meinung zu bilden, und das ist die Voraussetzung, um mit zu entscheiden. Die IT führt zu vergleichbaren Umwälzungen: Dank ihrer können alle relevanten Informationen über ein Unternehmen allen Mitarbeitern zugänglich gemacht werden.

Je weniger Herrschaftswissen, desto demokratischer die Firma?

Das ist ein wichtiger Aspekt. In wissensbasierten Unternehmen – also solchen, in denen das Know-how und das Talent der Mitarbeiter entscheidend sind – ist der freie Fluss der Informationen erst einmal die Voraussetzung für wirtschaftlichen Erfolg. Außerdem lassen sich kluge Leute, auf deren Kenntnisse es in der Firma ankommt, nicht durch Anordnungen von oben führen. Es ist also wichtig, eine Arbeitsumgebung zu schaffen, in der sie sich gern engagieren und ihr Wissen einbringen. Nicht zufällig sind IT-Firmen und Unternehmensberatungen Vorreiter; dort wurden schon früh beispielsweise neue Führungsstile und Arbeit in sich selbst organisierenden Teams erprobt.

Ist diese Form der Zusammenarbeit nicht auch eine Frage der Größe? Bei Gore *, einem Unternehmen mit traditionell flachen Hierarchien, gilt: Übersteigt die Zahl der Mitarbeiter eines Werks ein der Kommunikation dienliches Maß, gründen wir ein zweites, damit die Belegschaften überschaubar bleiben.

Die Größe ist ein Faktor, weil kleine Einheiten sich mit der Selbstorganisation leichter tun. Daher sind neu gegründete Firmen ideal, um etwa partizipatives Führen zu erproben. Es gibt aber auch etablierte große demokratische Unternehmen. Zum Beispiel den brasilianischen Maschinenbauer Semco * mit mehr als 3000 Mitarbeitern. Sie wählen ihre Vorgesetzten, entscheiden unter anderem über Arbeitszeiten, Gehälter und die Verwendung des Gewinns. Oder den Mischkonzern Mondragón *, die größte Genossenschaft der Welt und das siebtgrößte Unternehmen Spaniens. Beide Firmen sind sehr erfolgreich.

Mondragón, Semco, Gore – wenn es um innovative Organisationen geht, fallen stets dieselben Namen. Was im Umkehrschluss heißt, dass die überwiegende Zahl der Unternehmen nach wie vor traditionell geführt werden. Warum hinken die Firmen den von Ihnen beschriebenen technischen Möglichkeiten und den Bedürfnissen ihrer Mitarbeiter hinterher?

Demokratie ist kein Selbstläufer, es gibt auch unter den Nationalstaaten einen Wettbewerb verschiedener Systeme. Wir haben den Rheinischen Kapitalismus, den angelsächsischen, das skandinavische Modell und Wirtschaftsdiktaturen wie China. Für Unternehmen gilt zuallererst: Die Organisationsform muss sich rechnen. In manchen ist tatsächlich ein zentralistischer, hierarchischer Führungsstil erfolgreich. In wissensbasierten ist er das meiner Überzeugung nach in geringerem Ausmaß. Hinzu kommt, dass es bei den Beschäftigten große Unzufriedenheit über die bestehenden Verhältnisse gibt. Verschiedenen Studien zufolge machen rund 70 Prozent Dienst nach Vorschrift. Das ist ein Hinweis auf große Produktivitätsreserven, die erschlossen werden könnten.

In Deutschland gibt es traditionelle Formen der betrieblichen Mitbestimmung wie Betriebsräte. Was halten Sie von diesen Institutionen?

Ich bin überzeugt davon, dass diese Form der Beteiligung ein wesentlicher Grund für die starke Stellung der deutschen Wirtschaft im internationalen Vergleich ist.

Möglicherweise schrecken Firmen auch deshalb vor einer weitergehenden Demokratisierung zurück, weil sie Angst um ihre Existenz haben. Bekanntlich hat man sich in manchem Alternativbetrieb schon zu Tode diskutiert.

Demokratisches Unternehmen heißt ja nicht, dass alle über alles entscheiden. Ich bin eine Anhängerin der repräsentativen Demokratie: Warum nicht Führungskräfte auf Zeit wählen? Für viele Mitarbeiter wäre es schon ein großer Fortschritt, wenn sie danach gefragt würden, an welchem Projekt und mit welchem Vorgesetzten sie zusammenarbeiten möchten. Es ist doch anachronistisch, dass man dies bei hoch qualifizierten erwachsenen Menschen nicht tut, die in ihrem Privatleben weitreichende Entscheidungen treffen. Umfragen zufolge wollen 30 Prozent der Beschäftigten ihre direkten Vorgesetzten am liebsten feuern.

Womöglich hätte der Apple-Gründer Steve Jobs, bekanntlich ein Despot, in einer demokratischen Firma keine Mitarbeiter gefunden, die es mit ihm ausgehalten hätten.

Das glaube ich nicht. Erstens sind die Geschmäcker verschieden: Der eine möchte einen zurückhaltenden Chef, der andere ein Alphatier. Außerdem sind die Leute durchaus in der Lage, zu erkennen, dass schwierige Charaktere zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle Herausragendes leisten können. Das zeigt auch die Geschichte: Winston Churchill wurde 1940 zum Premierminister gewählt, weil die Briten erkannt hatten, dass er Hitler die Stirn bieten konnte. 1945, nach dem Sieg über Deutschland, wurde er sang- und klanglos wieder abgewählt.

Von ihren Untergebenen des Postens enthoben zu werden dürfte für die meisten Manager eine Horrorvorstellung sein.

Möglicherweise ist es für eine neue Generation aber auch entlastend, ein Amt auf Zeit zu versehen, um danach wieder etwas anderes zu tun. Und wer als Chef qualifizierter Angestellter keinen Rückhalt bei ihnen genießt, hat schon heute ein Problem. Hinzu kommt der Trend zur öffentlichen Beurteilung von Personen. Im Internet gibt es bereits Portale zur Bewertung von Lehrern und Professoren. Ich bin mir sicher, dass es bald auch welche zur Beurteilung von Managern geben wird.

Die Gelegenheit, im Internet Kommentare abzugeben, nutzen häufig böswillige, harsch urteilende Zeitgenossen.

Das ist der Preis der Demokratie.

Sie sprechen von einem Wettbewerb verschiedener Führungsmodelle. Was ist der Vorteil des demokratischen?

Demokratie lässt eine Vielfalt von Ideen und Meinungen zu. Bei einer Umfrage unter Führungskräften weltweit nannten 60 Prozent als wichtigste Anforderung „Kreativität“. Die lässt sich aber nicht von oben verordnen und entsteht oft auch nicht an der Unternehmensspitze, sondern an der Basis – sofern die Mitarbeiter die Möglichkeit haben, frei zu denken und Neues auszuprobieren. Vermutlich sind demokratische Unternehmen auch widerstandsfähiger, weil sie in der Lage sind, flexibel auf Probleme zu reagieren. Außerdem sparen weitgehend selbst organisierte Unternehmen teures Management ein. ---

Isabell Welpe, Jahrgang 1975,

hat den Lehrstuhl für Strategie und Organisation der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät an der Technischen Universität München inne. Mit Andreas Boes vom Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung und Thomas Sattelberger, ehemaliger Personalvorstand der Deutschen Telekom AG, organisiert sie eine Konferenz zum Thema „Das demokratische Unternehmen“, die am 12. Februar 2015 an der TU München stattfinden wird.

* brand eins-Geschichten über die im Text genannten Unternehmen:

b1-link.de/_Gore b1-link.de/Semco

b1-link.de/_mondragon