Immer im Einsatz

Amerikaner lieben Arbeit. Auch im Urlaub.





• Viele meiner Bekannten beginnen jetzt an ihrer Weihnachtspost zu arbeiten. Statt sich Anfang Dezember im Schreibwarenladen mit vorgedruckten Karten einzudecken, machen sie im Sommer Fotos, die die ganze Familie an möglichst exotischen Orten zeigen: vor einem Wasserfall in Island, über den Dächern von Rom oder am Strand auf Hawaii.

Die besten digitalen Schnappschüsse werden ausgewählt und bearbeitet, bevor es ans Design eines Rundschreibens oder einer individuellen Postkarte gehen kann. Das Verwunderlichste an diesem Ritual ist, dass der durchschnittliche Amerikaner viel zu wenig Zeit zum Reisen hat. Das Dokumentieren von Sehenswürdigkeiten muss also als Ersatz fürs Genießen herhalten.

Der Normalsterbliche fängt mit zehn Tagen bezahltem Urlaub an und arbeitet sich nach fünf oder mehr Jahren auf drei Wochen hoch – sofern der Arbeitgeber mitspielt. In den USA ist bezahlter Urlaub nicht gesetzlich vorgeschrieben. Sie sind auch eines von nur vier Ländern auf der Welt (neben Swaziland, Lesotho und Papua Neuguinea), das keinen bezahlten Mutter- oder Vaterschaftsurlaub garantiert. US-Bürger bringen mehr Stunden „on the job“ zu als fast alle Westeuropäer.

Laut der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) kam ein Amerikaner im vergangenen Jahr auf 1790 Arbeitsstunden – 25 mehr als der internationale Durchschnitt. Die Stundenzahl sagt nichts über die Produktivität aus, doch sie belegt, dass die Deutschen im Jahr fast 400 Stunden oder umgerechnet zehn Wochen weniger arbeiten.

Ein typischer amerikanischer Urlaub beruht daher auf strenger Planung und artet leicht in Hektik aus. Der Witz, Europa in einer Woche zu besichtigen, ist für viele meiner Bekannten keiner. „Wir fliegen über Island, machen dort zwei Tage Zwischenstation und klappern dann Österreich, die Schweiz und Italien ab“, verriet mir ein Profi des globalen Kurzurlaubs, der mich mit seinen aufwendig gestalteten Karten immer wieder zum Staunen bringt. Bei einem entsprechenden Einkommen sind solche Blitzreisen kein Problem, auch wenn sie keine Erholung bringen.

Selbst wenn man – rein theoretisch – drei Wochen Urlaub hätte: Niemand traute sich, ihn am Stück zu nehmen, weil das als Mangel an Teamgeist oder Einsatz gewertet würde. „Als unser zweites Kind geboren wurde, durfte ich zwei Wochen Pause machen“, berichtete ein anderer Bekannter, der bei einem großen Softwarehaus arbeitet. Nach einer Woche war sein schlechtes Gewissen so groß, dass er wieder am Handy hing. „Wer weiterkommen will, muss erreichbar sein und darf nichts verpassen. Mein Chef schickt mir am Sonntagabend E-Mails, die sollten nicht erst am Montagmorgen beantwortet sein. Das macht sich nicht gut.“ Dieser Druck mache das Abschalten fast unmöglich, sagt der gebürtige Mexikaner. Er tröstet sich mit dem Gedanken, in ein paar Jahren „kürzerzutreten“.

Das wird ihm wahrscheinlich schwerfallen in einer Kultur, die versessen auf Arbeit ist. Das fängt schon bei der Sprache an. Ins Fitness-Studio geht man zum „Workout“. Wer im Restaurant zu lange vor seinem fast geleerten Teller sitzt, wird vom Personal alle paar Minuten angesprochen, ob er „noch daran arbeite“. Wer zu einer Veranstaltung geht und dort Kontakte anbahnen oder pflegen will, „bearbeitet den Raum“ (work the room). Und wer jemanden kennenlernt, der sich als schwierig herausstellt, der urteilt: „He’s a piece of work.“

Außerdem ist die Arbeit nie getan. Gewiss, es gibt Feiertage, an denen Behörden, die Post und Banken geschlossen haben, aber eigentlich läuft fast alles wie gewohnt weiter. Der Gedanke, dass an bestimmten Tagen keine Zeitung erscheint oder alle Läden zuhaben, ist in den USA unvorstellbar. Im Gegenteil. Supermärkte und Einkaufszentren bereiten sich auf jeden der landesweiten Feiertage wie Thanksgiving oder Labor Day, dem Tag der Arbeit Anfang September, mit besonders intensiven Rabattschlachten und Sonderaktionen vor.

Von den Angestellten einmal abgesehen, die dort Nachtschichten schieben – die Hauptbeschäftigung an einem solchen Feiertag besteht für Millionen Menschen darin, auf Schnäppchenjagd zu gehen, als ob in ihren Wohnungen gähnende Leere herrschte. Und das bedeutet regelrechte Arbeit: Beilagen studieren, am späten Abend oder frühen Morgen zum Shopping Center fahren und Schlange stehen. Über die chaotischen Szenen an der Kasse berichten US-Medien wie über einen konzertierten Ernte-Einsatz in der ehemaligen DDR, obwohl es dort sicher friedlicher und geordneter zuging als an den Wühltischen bei Walmart oder Target.

Die harmonischen Weihnachtsgrüße, die auch dieses Jahr ab Anfang Dezember bei mir eintrudeln werden, sollen all diese Anstrengungen vergessen machen. Collagen entspannter Menschen, denen auch in diesem Jahr alles scheinbar zugeflogen ist. Wenn da nicht der Jetlag wäre, wenn man sich nach einer Woche Europa gleich am folgenden Tag wieder an den Schreibtisch setzt. Wie man das schafft? „It works itself out“, versichert mir mein routinierter Bekannter. ---