Manfred Klimek Kolumne

Von Rimini über Schweden nach Mallorca – eine Studienreise.





• Urlaub ist ein Phänomen, dem ich das erste Mal vor mehr als 30 Jahren am Bahnhof von Mannheim begegnete. Damals bummelte ich durch Europa und rauchte spätnachts am Bahnsteig marokkanisches Gras, das mir ein Spanier wortlos und ohne finanzielle Interessen in die Hand gedrückt hatte. Wo ist diese Solidarität der Völker nur geblieben?

Ich saß also breit auf einer abgeschabten Holzbank, als ein Zug einfuhr, der aus Dutzenden roter Liegewagen bestand. Er rollte langsam an mir vorbei, und ich sah Hunderte aggressiv-fröhlicher Menschen, die Alkoholisches tranken und mir zuwinkten. Unter den Fenstern stand „TUI-Ferienexpress“, und auf dem weißen Blechschild neben der Tür las ich „Wolfsburg–Rimini“. Wenige Augenblicke später kam derselbe Zug noch einmal durch. Oder war es ein anderer? Auf jeden Fall standen ähnliche Menschen an den Fenstern. Danach kam noch einer. Und noch einer. Das ging etwa zwei Stunden lang so weiter. Ich las „Wolfsburg–Genua“, „Wolfsburg–Livorno“ und Wolfsburg–Rijeka“. Einmal las ich „Wolfsburg–Entenhausen“ und brach in hysterisches Lachen aus – wie das eben so ist, wenn man als Springinsfeld verbotene Substanzen inhaliert. Ganz Wolfsburg emigrierte in dieser Nacht gen Süden. Wenn Urlaub so aussieht, dann: „I would prefer not to“ (Bartleby).

Daran habe ich mich konsequent gehalten. Als meine Freunde um 2.15 Uhr aufstanden und sich um 3.30 Uhr in einen Flieger nach Griechenland setzten, schlief ich mich aus und kam zwei Tage später mit der Bahn nach. Ich vermied Bettenburgen, in denen man jene Leute trifft, die man zu Hause als Gefahr für Friede, Freiheit und Demokratie wahrnimmt. Und ich fuhr weg, als alle noch da oder schon wieder da waren. Mit zunehmenden Jahresringen auf den Fingernägeln machte ich manchmal gar keinen Urlaub, sondern blieb in der Stadt und genoss Langeweile und Leere.

Doch dieses Jahr wollte ich nicht in Berlin bleiben. Denn ich habe diese Festival-Stimmung satt, die jeden Sommer, vom Partysenat oktroyiert, über die Szenebezirke hereinbricht. Von Anfang Juli bis Mitte August werden Künstler, die sich keinen Urlaub leisten können, dazu verdonnert, Menschen, die sich keinen Urlaub leisten können, mit fragwürdiger Kleinkunst zu beglücken.

Außerdem schließen meine Lieblingsrestaurants, was mich dazu zwingt, mir Mahlzeiten zuzubereiten, die selbst auf Chefkoch.de einen Shitstorm auslösen würden. Es macht einfach keinen Spaß, bei einer Flasche sich rasch erwärmenden Rieslings auf dem Balkon einer Steel-Band zuzuhören, die im nahen Volkspark „Get Happy“ spielt, als würden alle Bandmitglieder eine großkalibrige Waffe an der Schläfe haben, deren Besitzer mit nervösem Finger am Abzug „schneller“ brüllt. Nichts wie weg hier!

Weil keiner auf die Idee kommt, mich zu fragen, was ich diesen Sommer mache, habe ich gefacebooked und gefragt, welcher Gruppe Menschen ich mich anschließen darf. Ich bin ja frei von allen familiären Verpflichtungen; mein Sohn verschwindet jeden Juli mit Kisten billigen Biers zu Festivals, wo er sich mit anderen Mittzwanzigern wochenlang im Schlamm wälzt und hinter Büschen Sachen anstellt, die früher mit mehrtägiger Karzerhaft bestraft wurden.

Leider haben alle meine Bekannten ihre Kinder erst Ende 30 bekommen und mühen sich jetzt mit Systemverweigerern ab, die jede Erholung abwürgen. Friede gibt es erst, wenn sie ihre erpresserischen Forderungen durchsetzen können. Gut, da muss ich wohl durch. Wo fahren diese Leute mit ihrer Bagage hin? Süden? Sonne? Sangria? Nein: Schweden!

Mit „Schweden“ ist auch nicht Schweden allein gemeint, Schweden steht für ganz Skandinavien. Wenn sie Schweden sagen, meinen sie auch Dänemark oder Norwegen. Finnland meinen sie nie, denn dort fährt keiner hin. Obwohl Finnland die einzige Nation in Nordost ist, die es zu besuchen lohnt. Warum? Ganz einfach: Die Finnen können richtig saufen. Denn etwas anderes außer auf Rentiere starren und vielleicht noch einen Tangokurs miesepetriger Einheimischer zu besuchen, bleibt in diesem Vorhof Sibiriens nicht zu tun. Als rezeptfreies Schlafmittel empfehle ich die Filme von Aki Kaurismäki. Selbst robuste Frohnaturen brauchen danach eine Packung Trevilor ®.

Urlaub in Skandinavien ist der feuchte Traum protestantisch-sozialdemokratisch eingestellter Deutscher. In Skandinavien ist alles besser, der Mensch entspannter, das gesellschaftliche Klima liberaler und die Landschaft schöner. Neuerdings kann man im Norden auch noch exzellentes Essen in schicken Designerlokalen auf die Gabel spießen, das macht den Kältepol zur Komfortzone gesellschaftskritisch eingestellter Besserverdiener, der neuen bürgerlich-grünen Belehrungs-Spießer vom gesamtdeutschen Prenzlauer Berg.

Mit dem Volvo zu den Mücken

Pech nur, dass die meisten Skandinavier die Deutschen für Kraut fressende Barbaren halten. Während Merkels Politik der schwäbischen Hausfrau das neue, positive Deutschlandbild selbst im darbenden Süden Europas kaum gefährden konnte, hält man in Skandinavien am Klischee des Nazi-Hunnen so fest wie an den eigenen Währungen. Die Deutschen kriegen das nicht mit, weil es ihnen keiner sagt. Das geschieht nicht aus angeborener skandinavischer Höflichkeit, sondern weil die Ikeas nicht reden. Nicht mal miteinander. Das ahnt, wer eine der vielen preisgekrönten skandinavischen Krimiserien sieht, wo sich Opfer und Täter in elend langen Ingmar-Bergman-Einstellungen anstarren und dann, vom Wohlfahrtsstaat-Elend erschüttert, in Weinkrämpfe ausbrechen. Nirgendwo gibt es so schweigsame Paare wie in Skandinavien. Ekstatiker sieht man dort nur bei Metal-Konzerten – Musik, die nur gut finden kann, wer die Hälfte des Jahres im Dunklen lebt. Wie finden die Skandinavier ihre Partner? Gibt es ein Paarungs-Ministerium, das die Leute verkuppelt?

Von meinem Freund Christian höre ich, dass er sich auf eine Henning-Mankell-Gedächtnisreise begeben hat, geführt von einer deutschen Kriminologin mit Barbara-Rütting-Frisur. Sie sind nach Schonen gefahren, die nach Friesland langweiligste Gegend der Welt, und haben Strände besucht, wo in den Schriften Mankells vier oder mehr Leute erschossen wurden – beispielsweise ein Hochzeitspaar und ein Taucher. Schwedens Touristenattraktion sind also Orte, wo Morde stattfanden, die nie stattfanden.

Das gefällt dem Skandinavien-Touristen, denn er ist ein Studiosus ohne Eier, meist Lehrer oder höherer Beamter, sicherlich Volvo-Fahrer (Saab war zu sportlich), der im Urlaub nicht Sonne, Sand und Meer genießen will, sondern ein alles absicherndes Sozialstaat-System. Er verbietet sich, Norwegen wegen des Walfangs zu kritisieren; er bewundert dänische Feministinnen, die ihn wegen des geringsten sexistischen Kommentars ans Kreuz nageln würden; er preist die schwedische Natur, auch wenn eine Trilliarde Mücken seinen Körper malträtiert. In Skandinavien findet er jene Ideologie, die er in Deutschland vermisst. Und jene Distinktionsmerkmale, die er niemals herausarbeiten wird.

Ich fuhr dann übrigens nach Mallorca. Langweilig, sagen Sie? Richtig. Und sooo erholsam. ---