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Flüchtlinge in Marokko – Exklave Melilla

Sie wollen nach Europa, doch Europa will sie nicht. Deshalb warten Hunderte Flüchtlinge Monate, manchmal Jahre in einem Zeltlager an der Grenze zur spanischen Exklave Melilla in Marokko auf eine günstige Gelegenheit – und organisieren sich in einer Zwischenwelt.





• Im Reich des Präsidenten der Elfenbeinküste dämmert es. Er heißt Timite Ben Kadjal, nennt sich aber Muhammed Ali oder My Black. Das hat er auf die Innenseite seines linken Handgelenks tätowiert, also bleiben wir dabei – My Black. Er ist der wohlhabendste Einwohner seines Reiches. Seine Residenz hat er am höchsten Ort seines Landes gewählt, von wo er seine Untertanen überblicken kann. Es ist kein Palast, sondern ein Zelt, es steht auf dem Berg Gourougou, zusammengeflickt aus Zweigen, Plastikplanen und alten, dreckigen Decken, die seine Vorgänger zurückgelassen haben.

Im Wald versteckt leben hier Hunderte, manchmal Tausende Männer und ein paar vereinzelte Frauen, die darauf hoffen, es nach Europa zu schaffen. Es sind keine zwei Kilometer Luftlinie bis zur spanischen Exklave Melilla. Der Bergrücken windet sich dorthin hinab, bis seine Ausläufer an den Grenzzaun stoßen, der Marokko von Spanien trennt, Afrika von Europa. Oft warten sie hier Wochen, Monate, manchmal Jahre.

Die meisten Menschen kommen aus Mali, der Elfenbeinküste oder Kamerun, daneben ist fast jedes afrikanische Land südlich der Sahara vertreten. Die Flüchtlinge haben das Areal des Zeltlagers nach den Nationen, aus denen sie stammen, aufgeteilt, sie haben Grenzen gezogen, die Parzellen nach ihren Heimatländern benannt und so einen Mikrokosmos afrikanischer Nationen entstehen lassen. Die Einwohner dieser Länder haben Präsidenten benannt und treiben Handel. Sie eröffnen Geschäfte oder leben von Erspartem. Und selbst in dieser Mangelwirtschaft gibt es Arm und Reich.

Es sind stürmische Tage im Juli. Unterhalb von My Blacks Zelt sitzen seine Untertanen um Lagerfeuer, kochen Tee, spielen Dame. Aus Angst vor der marokkanischen Polizei, die fast jeden Morgen gegen fünf Uhr durch das Lager stürmt, stehen sie vor Sonnenaufgang auf. Momentan herrscht My Black über mehr als hundert Männer und eine Frau. Sie haben ihn zum Präsidenten erkoren, damit er ihnen über diesen Zaun hilft: sieben Meter hoch, in Richtung Marokko geneigt, die Maschen zu eng, als dass Finger oder Füße Halt finden können. Dann kommt noch ein Zaun. Und noch einer. Allein schafft es niemand, darum stürmen sie die Grenze zu Hunderten. Die Grenzschützer können nicht alle aufhalten. Deshalb brauchen sie Männer wie My Black, die Entscheidungen für sie treffen, die sie zusammenhalten, die sie führen. „Wir haben sie gewählt, damit sie den Krieg unter uns beenden“, sagt einer, der sich Deseigne nennt. So sind auch hier verschiedene Schichten entstanden. Geld hat zwar kaum einer, die sozialen Unterschiede zeigen sich darin, wer saubere Kleidung trägt und wer schmutzig herumlaufen muss. Wer regelmäßig isst und wer um Mahlzeiten betteln muss. Wer arbeiten muss und wer sich in seinem Zelt ausruhen kann.

Der Präsident der Elfbeinküste lebt komfortabel

Die Sonne geht über dem Mittelmeer auf. Ihre Strahlen brechen durch die Bäume, zeichnen sich in einem Gemisch aus Qualm von den Lagerfeuern und aufgewirbeltem Staub ab. Wie jeden Tag macht sich Deseigne aus der Zeltnation Mali zum Markt in der nah gelegenen Hafenstadt Beni Ansar auf. Er läuft über den steinigen Bergrücken in Richtung der Ausläufer der Stadt. Bevor er die Hauptstraße erreicht, biegt er in eine Seitengasse ab. Deseigne hat Angst, von der marokkanischen Polizei festgenommen zu werden. Er schleicht sich zu den Mülltonnen des Marktes, wo er nach Essbarem sucht. Heute findet er ein paar verdorbene Tomaten, Zwiebeln und Paprika – eine halbe Plastiktüte voll.

Eigentlich heißt er Abou Bakr, aber er nennt sich Deseigne, weil er viel Wert auf gutes Auftreten legt – wie ein Designer eben. Auf Bildern von früher posiert er in weißen Hemden, mit Sonnenbrille und einer goldenen Uhr. Im Zeltlager trägt er jeden Tag dieselbe Kleidung: schwarze Leggings, darüber eine schwarze Sporthose, eine schwarze Jacke und, wenn ihm danach ist, ein grünes Handtuch auf dem Kopf. Deseigne ist ein ruhiger Mensch, 29 Jahre alt. Er hat in seiner Heimat Mali Englisch studiert. Arbeit konnte er nicht finden. So saß er in Bamako jeden Tag mit seinen Freunden Tee trinkend unter einem Baum. „Wir haben uns darüber unterhalten, wie scheiße das Leben ist.“ Jeden Tag die gleiche Routine. Es war ihm zu wenig, er hat Träume. „Ein junger Mann will arbeiten“, sagt er. Er will Geld verdienen, eine Frau finden, die er liebt. Heiraten.

Vor drei Jahren hat er sich von Mali in Richtung Europa aufgemacht. Mit 500 Euro kam er vor elf Monaten hier im Zeltdorf an. Das sollte reichen, ihn nach Europa zu bringen, dachte er. Es kostet nicht viel, das Leben hier, vielleicht drei, vier Euro für Essen pro Tag, daneben ein wenig für Telefongespräche und Zigaretten. Doch nach sechs, sieben Monaten ist ihm das Geld ausgegangen. Er hat nie geplant, so lange hier zu bleiben.

Während Deseigne auf der Suche nach Essen ist, sitzt My Black in seinem Zelt in der Elfenbeinküste und unterhält sich mit seinen Beratern. Seine Entourage besteht aus 15 Mann: Ordnungshüter, Späher, Laufburschen. „Wir haben ein volles Programm“, sagt My Black – morgens stehen Regierungsgeschäfte an. Er war Unteroffizier in der Armee der Elfenbeinküste, jetzt arbeitet er Strategien gegen die Grenzschützer vor Melilla aus. Die wichtigste Frage ist, wie sie am einfachsten über den Zaun klettern können. Er hat seine Späher losgeschickt, um Abschnitte im Zaun zu finden, wo die Maschen noch weit genug sind, um Halt zum Klettern zu bieten. Erfolglos. Deshalb sucht er nach anderen Möglichkeiten. Vor seinem Zelt trainieren Männer für den nächsten Ansturm. Sie haben Haken aus Stahl gebogen und sie an einem Plastikseil befestigt. Einer schwingt das Seil in einen Baum, die Haken verfangen sich im Geäst. Die Männer versuchen hochzuklettern. Der erste schafft es. Seine Mitstreiter jubeln.

Zurück an seinem Stammlagerfeuer im Zeltland Mali gibt Deseigne dem Koch die Tüte mit den verdorbenen Lebensmitteln. Er bereitet daraus Mittagessen für Deseignes Gruppe zu, für knapp 20 Mann. Die Gruppen sind das organisatorische Gerüst der kommunalen Wirtschaft der malischen Gemeinschaft. Deren Mitglieder teilen sich Zelte und Feuerstellen, sie kaufen gemeinsam ein und essen zusammen. Jeder steuert seinen Teil bei. Wer Geld hat, zahlt 25 bis 30 Cent pro Mahlzeit. Davon kaufen sie an einem der Dutzenden improvisierten Lebensmittelstände im Lager, was Deseigne nicht aus dem Müll fischen kann: manchmal Sardinen, doch meist reicht das Geld nur für Reis und Zucker für den Tee, alles portionsweise abgepackt. Wer nicht zahlen kann, schleppt Wasser aus der drei Kilometer entfernten Quelle oder kocht für die Gemeinschaft.

Fussein, der Präsident Malis, greift nur selten in die Alltagswirtschaft seiner Gemeinschaft ein. Die Malier haben sich dezentral organisiert. In kleineren Gemeinschaften ist das anders. In Nigeria oder Guinea, deren Bevölkerung momentan bei unter 30 Personen liegt, übersehen die Präsidenten das Wirtschaften direkt. Sie verlangen tägliche Gebühren für Essen und Schlafplatz – in Guinea 35 Cent pro Tag. Dort gibt es einen Buchhalter, der notiert, wer was gezahlt und wer was ausgegeben hat.

Neben dem Lagerfeuer, an einen Baum gelehnt, sitzt Gaoussou, der Zigarettenhändler. Deseigne bittet ihn um eine American Legend. Gaoussou gibt sie ihm gratis. Normalerweise kauft er sie in Beni Ansar ein und verkauft sie hier mit Aufschlag weiter. Für die Packung Marlboro nimmt er 1,80 Euro, gekauft hat er sie für 1,35. American Legend kosten 80 Cent pro Packung – derselbe Packungspreis wie in Beni Ansar. Doch weil sie billig sind und viel gefragt, kann er sie stangenweise kaufen, so sinkt sein Einkaufspreis auf 40 Cent. Niemand hier könne Waren mit großem Aufschlag weiterverkaufen, sagt Deseigne. „Wir kennen die Preise.“ Sie bezahlen Gaoussou für das Risiko, das er auf sich nimmt, wenn er das Lager verlässt, um in der Stadt einzukaufen. Es droht Verhaftung durch die marokkanische Polizei, die die Flüchtlinge ein paar Hundert Kilometer entfernt in den Städten Rabat, Fès oder Oujda freilässt. Von dort finden sie ihren Weg meist zurück zum Berg Gourougou, doch das kostet Zeit und Geld.

Drei, manchmal vier Packungen American Legend verkauft Gaoussou am Tag. Außerdem ein paar einzelne Marlboro. Von dem Erlös hat er sich Nadel und Faden gekauft, um Schuhe zu reparieren, die bei den unzähligen Versuchen, über Zaun und Stacheldraht nach Europa zu klettern, verschleißen. 1,40 Euro nimmt er pro Paar. So kommt er auf vielleicht drei Euro Einnahmen am Tag. Sparen kann er davon nichts. Er muss nicht nur sich selbst versorgen, sondern auch seine Gruppe.

Unten, am Rande des Versammlungsplatzes von Mali, hat ein Freund von Deseigne ein Geschäft eröffnet. Er verkauft einzelne Schuhe, die irgendwie zusammenpassen: ein rechter Fußballschuh von Adidas und ein linker von Puma, ein blauer rechter und ein weißer linker von Nike. Der Händler sammelt die Schuhe am Zaun ein. Sie stammen von Männern, die sie dort eingebüßt haben. Je mehr verloren gehen, desto größer ist sein Nachschub und auch die Nachfrage. 80 Cent verlangt er für das Paar.

Es sind die Wochen des Ramadans, die Tage sind lang, es ist heiß. Alle Malier hier sind Muslime, aber sie haben ihre religiösen Pflichten dem Leben von der Hand in den Mund untergeordnet. „Wir haben nichts, warum sollten wir fasten?“, fragt Deseigne. Aber der Ramadan hat einen großen Vorteil für sie: Die Polizei war seit beinahe einer Woche nicht mehr hier. Zuvor ist sie fast jeden Tag gekommen, hat Wertsachen gestohlen und Zelte niedergebrannt. Das macht das Wirtschaften schwer. Niemand kann größere Geschäfte aufbauen, niemand investiert weit über den nächsten Tag hinaus.

Ein Ivorer kommt am Lagerfeuer der Gruppe vorbei, verlangt nach Deseignes Telefon. Er gibt es dem Mann widerwillig. Der Ivorer ruft einen Freund an, der es vor ein paar Wochen nach Melilla geschafft hat. Seitdem lebt er dort in einem Auffanglager. In den nächsten Tagen geht seine Reise weiter. Er will zu einem Onkel, der im Norden Spaniens wohnt. Vorher soll er seinem Freund auf dem Berg Gourougou noch sein gesamtes Geld und seine Wertsachen überlassen: 20 Euro und eine SIM-Karte.

Ein Marokkaner, den sie Picollo nennen, arbeitet als Bote für die Flüchtlinge. Bewohner Nadors, der marokkanischen Provinz um Melilla, können dort ohne Visa ein- und ausreisen. Gegen eine Gebühr transportiert Picollo Sendungen vom Auffanglager zum Berg Gourougou, meist Geld. Dem Marokkaner könne man nicht trauen, wendet Deseigne ein. Nach kurzer Diskussion einigen sich die Männer darauf, dass sie auf einen der Journalisten warten, die alle paar Wochen von Melilla hierherkommen, oder auf den Sozialarbeiter, der ihnen Medizin bringt.

Deseigne musste sich sein Geld in Algerien erarbeiten. Seine Familie sei arm, könne ihn nicht unterstützen. Aber selbst wenn sie Freunde oder Angehörige haben, die ihnen Geld schicken wollen, kommen sie hier oben nur schwer daran. In Beni Ansar gibt es eine Filiale von Western Union, aber um dort Geld abzuholen, braucht man einen gültigen Ausweis. Den haben wenige. Außerdem liegt die Filiale direkt neben dem bewachten Grenzübergang. Der Weg dorthin würde fast unweigerlich in einer marokkanischen Zelle enden.

Malis Präsident teilt alles mit seinem Volk

Zwischen den Zelten schläft eine Gruppe Malier auf einer Plastikplane, ihre Rucksäcke neben sich. Sie sind über Algerien nach Marokko gereist, erst vor ein paar Stunden angekommen. Jetzt warten sie auf den Präsidenten Malis, der sie in die Gruppe aufnimmt, ihnen einen Platz zuteilt. Die Transitwirtschaft ist auf Neuankömmlinge wie sie angewiesen. Es fließt mehr Geld von hier ab, als zurückkommt – das Überleben hier funktioniert nur, weil Neuankömmlinge frisches Geld mitbringen. Je besser der Zaun gesichert ist, je länger die Flüchtlinge bleiben, desto knapper wird das Geld.

Am Nachmittag sitzt Deseignes Gruppe wie so oft am Lagerfeuer. Das Leben hier bedeutet vor allem warten. Um irgendwann auf das Kommando der Präsidenten den Zaun zu stürmen, in der Hoffnung, zu denjenigen zu gehören, die es nach Melilla schaffen. Zu denjenigen, die von den Schlagstöcken der marokkanischen Grenzschützer verschont bleiben. Zu denjenigen, die die spanische Polizei nicht sofort durch die Türen im Zaun abschiebt. Ohne Verfahren, gegen geltendes Recht zurück zu den prügelnden Polizisten auf der marokkanischen Seite. Am Morgen sitzen sie dann in den Straßen Beni Ansars, die Gescheiterten, die Geschlagenen, die Zurückgebliebenen. Platzwunden am Kopf, die Gesichter angeschwollen, die Hände blutig.

Plötzlich erheben sich alle Malier von ihren Feuerstellen und gehen in Richtung des Versammlungsplatzes. Fussein, ihr Präsident, hat Geld sammeln lassen. 25 Cent von jedem, der zahlen kann. Seine Männer haben damit Datteln und Milch gekauft, die sie an seine Untertanen verteilen. Dutzende Malier drängen sich auf dem Platz. „Es gibt hier kein Überleben ohne Wohlfahrt“, sagt Deseigne. Wer kein Geld hat, wird von der Gemeinschaft versorgt. Deseigne spricht nicht für alle Nationen auf dem Berg. Mali hat ein sozialistisches Wirtschaftsmodell mit flachen Hierarchien. Andere Nationen sind kapitalistischer, hierarchischer organisiert. Van Damme, der Präsident Kameruns, verlangt eine Registrierungsgebühr von Neuankömmlingen, die von den Männer „Ghetto Fee“ genannt wird und bis zu 35 Euro beträgt. Wer nicht zahlt, wird nicht in die Gemeinschaft aufgenommen. Auch My Black ist kein Wohltäter. Bis auf Malis Anführer Fussein trägt keiner der Präsidenten schmutzige, abgenutzte Klamotten. My Black wechselt ständig seine Kleidung. Aber seine Gemeinschaft ist offen für Menschen, die kein Geld haben. Er verlangt keine Registrierungsgebühr, dafür lässt er sich sein Amt mit Privilegien bezahlen.

My Blacks Regierungsprogramm ist für heute zu Ende. Seine Nachmittage seien dafür da, über das gute Leben nachzudenken, sagt er. Mit seinem engsten Berater liegt er in seinem Zelt und schickt seinen Laufburschen Zigaretten holen. Er heißt Djonce, aber My Black nennt ihn „So Close“, weil er stets zur Stelle ist. Djonce kehrt zurück, setzt sich an den Eingang des Zeltes und fängt an, Joints für die Männer zu drehen.

My Black kifft ständig. „Wir haben hier so viele Probleme“, sagt er – die Drogen helfen, sie zu vergessen. Ein Luxus, den sich nur die wenigsten hier leisten können. My Black kann sich nicht lange auf ein Gespräch konzentrieren. „I lose my mind“, sagt er und unterbricht die Unterhaltung. Sobald er in Europa ist, will er mit dem Kiffen aufhören und einen richtigen Job finden. Er will seine Angehörigen in der Elfenbeinküste unterstützen. „Einer kann eine ganze Familie retten“, sagt er. Seine Ideen, wie es auf der anderen Seite des Zaunes sein wird, sind vage. „Ich kann mir nicht vorstellen, wie es dort ist“, sagt er. „Ich denke nur daran, wie ich da hinkommen kann.“ Warum er aus der Elfenbeinküste geflohen ist, was in der Armee passiert ist, will er nicht sagen. Darüber zu reden könnte ihm später Probleme bereiten. Vielleicht will er ein Mysterium um seine Person aufbauen, vielleicht stimmt es tatsächlich.

Wer es über die Grenze schafft, verliert sein Amt

Europa ist nur eine Zwischenstation für My Black. Er will in die USA. Er ist 30 Jahre alt, spricht kaum ein Wort Englisch. Er hat allein vier Jahre gebraucht, um von der Elfenbeinküste bis hierhin zu kommen. Seine Haare habe er in der Zeit nicht mehr geschnitten. Acht Zentimeter sind seine Dreadlocks inzwischen lang. „Die Frisur der Habenichtse“, sagt einer aus seiner Entourage.

Kurz bevor der Markt in Beni Ansar am Abend schließt, macht sich Deseigne wieder dorthin auf. Er verlässt Mali, überquert die Grenze nach Kamerun und dann die nach Marokko. Dort kommt er am Krämerladen vorbei, von dem sie ihren Strom beziehen. In der Gasse neben dem Laden warten Dutzende Männer, bis ihre Mobiltelefone geladen sind. Der Händler verlangt 15 Cent pro Akkuladung. Er profitiert von dem illegalen Lager auf dem Berg. So wie die Händler auf dem Markt, die Ware, die sie nicht mehr bei der lokalen Kundschaft loswerden, an die Männer aus Gourougou verkaufen: ein Kilo stinkender Fisch für 80 Cent.

Die Sonne versinkt hinter dem Berg im Westen. Der Zaun um Melilla sieht mit seinen Scheinwerfern aus wie ein Lichterband. Oben in seinem Zelt liegt My Black, hört Musik mit seinem iPod und surft mit seinem Smartphone im Netz. Er kann es sich erlauben. Um das tägliche Wirtschaften muss er sich nicht sorgen. Das übernehmen seine Untertanen für ihn. Sie versorgen ihn mit Essen, Kleidern zum Wechseln, Zigaretten. Er zahlt sie mit der Hoffnung, dass er der Richtige ist, um sie nach Europa zu bringen. Damit hat er sich hier oben eingerichtet, so gut es geht.

My Black verlöre seine Macht, sobald er es auf die andere Seite schaffte. Wenn die Präsidenten weitergezogen sind, wählen die Zurückgebliebenen neue Führer. Seniorität zählt, Erfahrung und Charisma. „Wir suchen nach einem großartigen Menschen“, sagt Deseigne. Er selbst habe keine Ambitionen. „Zu viele politische Spielchen. Alle reden hinter dem Rücken über einen.“ Trotzdem fragt man sich, wie groß My Blacks Motivation ist, das Leben als Präsident der Migranten gegen eine ungewisse Zukunft in Europa einzutauschen. Es ist mehr als zwei Monate her, dass er zum Sturm auf die Grenze aufgerufen hat. „Dies ist unser Zuhause“, sagt er. „Es geht Schritt für Schritt voran.“

Deseigne bereitet Tee für seine Gruppe zu, gießt ihn in hohem Bogen in ein dreckiges Glas. Der Tee schäumt auf. Er reicht das Glas an seinen Nachbarn am Lagerfeuer weiter, lässt ihn trinken, füllt das Glas wieder auf und reicht es dem Nächsten. „Eines Tages verlassen wir Gourougou“, sagt Deseigne und schiebt ein „Ja“ hinterher als Versicherung, dass es so kommen werde. Hinter dem Zaun, so glaubt er, werden dann alle seine Wünsche war. Eine Frau, die ihn liebt, Arbeit, Geld.

Heute Abend sitzt er hier und unterhält sich mit seinen Freunden darüber, wie scheiße das Leben ist. ---
Die Menschen hier stehen früh auf – aus Angst vor Schikanen der Polizei
Willkommene Abwechslung: Mali tritt in einem Fußballspiel gegen die Elfenbeinküste an und gewinnt 3:0
Sie schlagen sich so durch: einer der provisorischen Läden im Flüchtlingslager
Träumt von einem besseren Leben: Abou Bakr alias Deseigne
Präsident der Elfenbeinküste im Lager: Timite Ben Kadjal alias My Black
Das Graffito bedeutet: Diese drei haben es nach Deutschland geschafft
Europa ist so nah: Blick vom Berg Gourougou in die Exklave Melilla