Kalte Blicke beim Kampf mit dem Spaten

In Russland funktioniert Arbeit als Mittel der Alltagsbewältigung traditionell nur sehr beschränkt.





• Meine russische Schwiegermutter war früher Buchhalterin, mit 55 ging sie in Pension. Sie arbeitete weiter, als Nachtwächterin einer Makkaroni-Fabrik. Zwei 24-Stunden-Schichten die Woche, sie am Tor, auf dem Tisch stand ein Bildschirm, der die Bilder der zehn Überwachungskameras zeigte. Ein ziemlich sowjetischer Job, bei dem es vor allem auf Anwesenheit ankam. „Man kann lesen, wenn gerade kein Lastwagen kommt“, sagte sie. Sie wollte die umgerechnet gut 170 Euro Monatsrente um weitere knappe 170 Euro aufbessern.

Es gibt zwei russische Wörter für Arbeit: Trud und Rabota. Trud heißt auch „Mühsal“, „Bemühen“, „Schaffen“ oder „Werk“, Trud ist gewichtig bis zur Feierlichkeit: Es findet sich auch in dem sowjetischen Ehrentitel „Held der Arbeit“, den Wladimir Putin vergangenes Jahr wiedereingeführt hat. Rabota ist alltäglicher, weniger pathetisch, aber es besitzt einen unguten Stamm: Rab heißt „Sklave“.

Früher arbeiteten in Russland vor allem Sklaven. Russland war eine Agrargesellschaft, fast alle Bauern bis 1861 Leibeigene, sie malochten, während ihre Herren, die Grundbesitzer, bestenfalls „dienten“, als Beamte oder Offiziere des Zaren, sie machten sich die Hände vielleicht blutig, aber nicht schmutzig. Körperliche Arbeit aber war das einzige Privileg der Leibeigenen. In Leo Tolstois „Anna Karenina“ blamiert sich der Landadlige Lewin vor den eigenen Bauern nur, als er mit einer Sense auftaucht und versucht, beim Mähen mit ihnen Schritt zu halten.

Nach 1917, unter der Sowjetmacht, waren die Arbeiter plötz-lich die Herrscherklasse. Arbeit, die wirklich taugte, hatte Maloche zu sein, Fabrikarbeiter bekamen mehr Gehalt als Ingenieure, kein Parteikarrierist, der nicht als Traktorist oder Dreher angefangen hätte. Maloche war Ehrensache, Wettkampf und Schlacht. Arbeiter wurden „Stoßarbeiter“, der Hauer Alexei Stachanow förderte 1935 in einer Schicht statt des Plansolls von sieben Tonnen Kohle 102 Tonnen (allerdings mit sieben Helfern). Man feierte ihn als einen der ersten sowjetischen Superhelden.

Aber auch die Seelen der Russen sind nicht aus Stahl. Stachanow ertränkte den eigenen Ruhm im Suff, Millionen andere Sowjetmenschen warteten vergeblich auf das kommunistische Paradies, für das sie schufteten. Die Stoßarbeiter bekamen Langeweile. Jobs und Gehälter waren garantiert, Arbeit bedeutete häufig nur noch Anwesenheit am Arbeitsplatz, man spielte Karten und stahl Schmirgelpapier.

Diese Zeiten sind vorbei, man muss sich anstrengen, um durchzukommen. Mangels Jobs vor Ort verdingt sich ein Großteil der Russen vom Dorf als Saisonarbeiter auf Großstadtbaustellen, dazwischen reparieren sie zu Hause Teekocher, Autogetriebe und Hühnerställe, ackern, melken, schlachten, fischen oder fällen Brennholz, um die Barschaft zu schonen. Diese Allround-Handwerker werden respektvoll Rabotjagi, „Malocher“, genannt, aber ihr saurer Überlebenskampf macht sie nicht glücklich.

Die Yuppies sind auf ihre Weise tüchtig. In Moskau, ihrem Hauptballungsgebiet, bedeutet allein der Weg zur Arbeit mehrere Stunden Mühsal in randvollen S- oder U-Bahnen. Viele studieren dort noch die neueste Fachliteratur, sie alle haben einen Hochschulabschluss, oft zwei. Im Büro angekommen, diskutieren Betriebsjuristinnen oder Personalmanager statt der neuen Frisur des Chefs seine fachlichen Schwächen. Sie selbst sind kompetent, verdienen gut, genug für den Urlaub auf den Kanaren und sogar für den 18-Prozent-Immobilienkredit ihrer Zweizimmer-Vorstadtwohnung.

Aber sie wissen, ihre Chance auf den Lift in die Chefetage ist ähnlich groß wie die eines zaristischen Leibeigenen, Gutsbesitzer zu werden. Sie setzen sich an den PC, diskutieren weiter. Nach einer halben Stunde wird es still. Und nach einer Stunde erscheinen in einigen Kilometern Entfernung, auf den Bildschirmen ihrer Ehepartner oder Schulfreundinnen, erste Mitteilungen: „Hier, die Adressen der Internetläden, wo die DeLonghi-Kaffeemaschine am billigsten ist.“

Ihre Chefs haben andere Deals im Kopf, viele gehören zur Verwandtschaft des Firmengründers oder zu seinen engsten Freunden. Sie sind so unkündbar wie einst sowjetische Fabrikarbeiter. Sie klauen kein Schmirgelpapier, sie machen lieber Geschäfte, bei denen sie sich mit den Managern auf der anderen Seite Schmiergeldmargen von mehr als 20 Prozent teilen, auf Kosten der eigenen Betriebe. Den Alltag überlassen sie der Belegschaft. Regelmäßige redliche Tätigkeit versuchen sie möglichst zu vermeiden. Arbeit scheint überhaupt ein sehr ungeeignetes Mittel zu sein, um den russischen Alltag zu bewältigen. Auch im Kapitalismus.

Meine Schwiegermutter hat als Nachtwächterin gekündigt: „Der neue Direktor hat die Prämien gekürzt und immer neue Dienste eingeteilt“, sagte sie eines Tages. Sie verkaufte ihre Stadtwohnung und zog auf die Datscha. Die ist von einem halben Quadratkilometer Kartoffel-, Gemüse- und Blumenbeete umgeben, von Himbeersträucher und Pflaumenbäumen. Alles blüht, alles trägt Frucht. Dort arbeitet meine Schwiegermutter nun. Wie viele Stunden täglich? Sie lacht fröhlich.

Ich helfe mit, wenn sie gerade zwei Dutzend neuer Steinfliesen im Rasen versenken will. Oder den Kartoffelacker umgräbt. Ich mag meine Schwiegermutter. Ihre Datscha aber meide ich. Ich mag beim Fliesenschleppen nicht stundenlang am Rande des Hexenschusses balancieren. Ich mag nicht in der Mückenwolke über dem Kartoffelacker schwitzen. Und ich mag die kalten Blicke meiner Frau nicht, wenn sie meinen Kampf mit dem Spaten verfolgt. Ich will kein Held der Gartenarbeit sein, ich schreibe lieber. Auch in Russland macht am Ende jene Arbeit glücklich, bei der man nicht reich wird. ---