Die Musterknaben

Wenig arbeiten, gut leben: Die Norweger haben es raus.





• Den Menschen fehlt es an nichts. „Norwegen ist das beste Land, in dem man auf der Welt wohnen kann – schon wieder“, schreiben die Zeitungen seit Jahren. „Norwegen hat die besten Arbeitsplätze der Welt.“ Falls die Beurteilung einmal nicht so gut ausfällt, ist die Verwunderung groß. Im „Human Capital Report 2013“ schaffte es Norwegen nur auf Platz sieben? Und in der Unterkategorie „work force and employment“, in der man es auf Rang fünf brachte, befand sich die Nation sogar hinter den Vereinigten Staaten! Wie bitter.

Die amerikanische Arbeitskultur gilt hier als eine der größten Bedrohungen der Lebensqualität. Eine gewerkschaftsnahe Wissenschaftlerin klagte neulich, dass diese auf verschiedenen Wegen „importiert“ werde. Zum Beispiel durch amerikanische Unternehmen, die sich in Norwegen niedergelassen haben. Und durch die Manager-Ausbildung und den steigenden Anteil von Management-Literatur aus den USA an den Hochschulen. Diese Klage ist allerdings nicht neu, es gab sie schon, als die Amis vor 40 Jahren die norwegische Ölindustrie aufbauten.

Bislang scheint sich der US-Einfluss in Grenzen zu halten. Das gilt vor allem, aber bei Weitem nicht nur für den öffentlichen Dienst, in dem ein Drittel der Beschäftigten seine Brötchen verdient. Mein deutscher Freund Henning, der als Arzt in einem norwegischen Krankenhaus arbeitet, bestätigt so ziemlich alles, was man von einem nordischen Arbeitsplatz erwartet: „Es geht deutlich ruhiger zu als in Deutschland“, sagt er. Der Arbeitsdruck sei geringer. Die Hierarchien flach. „Dass man miteinander auskommen muss“, hat einen hohen Stellenwert. Und das Gehalt reiche, um in dem Land mit den hohen Preisen zurechtzukommen. Ab und zu kann er sich sogar ein Bier leisten.

Vor allem aber, sagt Henning, gehe es sehr familienfreundlich zu. Auch der Abteilungsleiter bleibt mal daheim, wenn die Kinder krank sind. Und Hennings Frau berichtet, dass bei Veranstaltungen in der Kita fast immer beide Elternteile zu sehen seien. Drei Viertel der norwegischen Frauen sind übrigens erwerbstätig, 60 Prozent davon in Vollzeit.

So lässt sich’s aushalten – dank des Wohlfahrtsstaates, der ein engmaschiges soziales Netz geknüpft hat und im rohstoffreichen Norwegen weniger stark unter Druck steht als in den Nachbarländern. Das entspannte Verhältnis zur Arbeit hat allerdings auch Kehrseiten. Als er neu im Land war, erzählte Henning von den Kollegen, die seinen aus deutschen Kliniken gewohnten Einsatz freundlich abzubremsen versuchten. Und auch nach zehn Jahren im Norden hat er noch leise Zweifel an der Effizienz: „Die Norweger selber glauben, dank der Ruhe, der Eigenverantwortung, dem Vertrauen und den kurzen informellen Wegen sehr effektiv arbeiten zu können.“ Manchmal aber sei es schwer, sie zu einem nötigen Ruck zu bewegen.

Ähnlich sieht das der russische Computerspezialist Vadim Makarov. Der sagte dem »Teknisk Ukeblad« während seiner For-schungszeit in Trondheim 2011: „30 bis 60 Minuten mehr Ar-beitszeit pro Tag würden Norwegen zu einem mächtigeren und stärker respektierten Land in der Welt machen. Es ist zu früh, zwischen drei und vier nach Hause zu fahren.“

Tatsächlich liegt die norwegische Arbeitszeit mit 1420 Stunden pro Jahr unter dem OECD-Schnitt von 1765 Stunden. So wenig arbeitet man sonst nur in Deutschland und in den Niederlanden. Womöglich hat Makarov aber nicht erkannt, dass die Norweger morgens früh anfangen, mittags nur schnell ein Brot essen und abends zu Hause noch am Computer arbeiten. Viele haben flexible Arbeitszeiten oder ein Home Office. Weshalb sollte man im schönsten Land der Welt auch länger im Büro sein als nötig?

Aber auch hier ändern sich die Gewohnheiten. Ein Arbeitsrechtler wurde vor den diesjährigen Sommerferien von dem Onlineportal E24.no mit dem Hinweis zitiert: „Der Unterschied zwischen Ferien und Job ist in vielen Branchen verschwunden. Es wird nun stärker erwartet, dass man E-Mails beantwortet und erreichbar ist.“ Die Fahrt freitags zur einsamen „Hytte“, dem Gegenpol zur Arbeitswelt, den Norwegens Städter traditionell ansteuern, ist nicht mehr für alle selbstverständlich.

Für die Einwanderer, die das Fünf-Millionen-Einwohner-Land mit der übermächtigen Energie-Industrie braucht, ohnehin nicht. Zusätzlich zu den vielen Schweden, die als Servicekräfte in den Hotels und Restaurants arbeiten, kommen jedes Jahr mehr als 20 000 Gastarbeiter aus nicht skandinavischen Ländern ins Land, darunter viele Polen, Litauer und in jüngster Zeit auch Spanier. Sie schuften auf dem Bau, in der Landwirtschaft und als Reinigungskräfte, tragen so zu Norwegens Wohlstand bei, können ihn aber nicht so genießen wie die Alteingesessenen.

Das heißt nicht, dass in Norwegen bereits Zustände herrschen wie in den arabischen Erdöl-Scheichtümern mit ihrer großen Kluft zwischen Privilegierten und Wanderarbeitern. Das Forschungsinstitut Fafo lenkt den Blick aber auf Jobs mit wenig Verdienst, langen Arbeitstagen, schlechtem Arbeitsklima und hoher Belastung. Es bestehe die Gefahr des Sozial-Dumpings.

Das sagt man sonst nur den Firmen nach, die aus Kostengründen im Ausland produzieren. Ein Unternehmen, das jüngst mit dem „Utflagging“ Schlagzeilen machte, war die Fluglinie Norwegian, die den Langstreckenmarkt mit asiatischem Personal aufrollen will. Ein Trick, den die Norweger bislang nur Amerikanern zugetraut hatten. ---