Coop Genossenschaft

Manchester während der Industriellen Revolution: Die Löhne sinken, die Händler betrügen, das Geld reicht nicht zum Überleben. Da bleibt nur, sich selbst zu helfen.





• Samuel Ashworth ist eigentlich ein geschickter Mann. Aber an jenem Abend des 21. Dezember 1844 ist er ob seiner neuen Aufgabe ziemlich nervös. Zur Eröffnung des neuen Ladens in der Toad Lane in Rochdale drängen sich viele Menschen in den engen Verkaufsraum. Es ist finster, nur Kerzen erhellen das Geschäft, da der Versorgungsbetrieb sich geweigert hat, das Gas zu liefern.

Eine ältere Dame tritt als Erste an den Tresen und bestellt ein halbes Pfund Zucker. Mit zittrigen Händen wiegt Ashworth die Ware ab, dann schüttet er sie in eine Papiertüte. Leider hat er vergessen, die Tüte am unteren Ende zu verschließen. Der Zucker rieselt wieder heraus und auf die Theke. Das Malheur passiert ihm nicht nur einmal, auch der zweite Versuch geht daneben.

Dabei hatte er alles sorgfältig vorbereitet. Ein Jahr zuvor hatte Ashworth mit William Cooper, Charles Howarth und 25 weiteren beschlossen, eine Genossenschaft zu gründen, die Lebensmittel in guter Qualität preiswert verkauft.

Die Industrielle Revolution war in vollem Gang und Rochdale, nahe Manchester gelegen, eines der Zentren der Baumwollproduktion. Die 28 Genossenschafter arbeiteten tagsüber in den Webereien, und das bisschen, das sie dort verdienten, reichte nicht, um ihre Familien durchzukriegen. Also hatten Ashworth, Cooper und Howarth überlegt, wie sie sich und ihresgleichen helfen könnten.

In einem Nebenzimmer des Weaver’s Arms Pub tüfteln sie an ihrem Plan. Es gibt bei den Versammlungen keinen Alkohol, wer unentschuldigt fehlt, muss eine Strafe zahlen. Ashworth führt mit säuberlicher Handschrift Protokoll und notiert jedes Detail. Am 19. September 1843 haben sie noch keinen Laden – und erst recht kein Geld dafür. Daher wird zunächst beschlossen, dass jedes Mitglied drei Pence in der Woche für die Genossenschaft abgeben soll.

Das war viel Geld für einen Arbeiter. Seit die mechanischen Webstühle ratterten, hatten viele ihren Job verloren, die Löhne waren miserabel, Männer, Frauen und Kinder schufteten gemeinsam. Zwischen 40 und 80 Pence verdienten Erwachsene in der Woche.

Die Hungerlöhne waren nicht das einzige Problem, mit dem sich die Arbeiter herumschlagen mussten. Ebenso schlimm war die schlechte Qualität der Lebensmittel. Die Händler in Rochdale streckten das Mehl mit Kreide, den Zucker mit Sand, die Haferkörner mit Steinen. Außerdem stellten sie falsche Gewichte auf die Waage. Ein Pfund war niemals ein Pfund.

Das sollte sich ändern. Und weil Howarth, den seine Mitstreiter „den Anwalt“ nannten, schon einmal versucht hatte, einen Genossenschaftsladen aufzuziehen, sollte er die Idee entwickeln, wie das funktionieren konnte: billiger und besser zu sein als der Rest.

Während die anderen darüber debattierten, woher man eine preiswerte Theke bekam, zerbrach sich Howarth den Kopf mit der Frage, wie man Gewinn erwirtschaften und den Kunden trotzdem einen Vorteil bieten konnte.

Eines Nachts kam ihm plötzlich die Idee. Er sprang auf und rief: „Ich hab’s! Ich hab’s!“ Seine Frau dachte zuerst, er hätte einen Einbrecher gehört. Howarth konnte jetzt nicht mehr schlafen, er zog sich an und rannte hinüber zu Cooper. „Was ist los, Charles?“, fragte der. „Ich habe gerade herausgefunden, wie man die Profite vergemeinschaften kann.“

Am nächsten Abend erklärte er im Weaver’s Arms Pub auch den anderen seine Idee. Wer in die Genossenschaft investierte, erhielt einen jährlichen Zins von 3,5 Prozent auf das Kapital. Die verbliebenen Gewinne sollten dann unter allen Kunden aufgeteilt werden, abhängig von der Summe, die sie im Laden ausgegeben hatten. Mitglieder der Genossenschaft würden also doppelt profitieren, so Howarth: „Als Kapitalisten und als Kunden.“

Danach schrieb Howarth die Regeln auf. Sie sahen vor, dass jeder Mitglied werden konnte, egal ob Mann oder Frau, Arbeiter oder Angestellter. Jedes Mitglied hatte eine Stimme, egal wie viel Geld es in die Genossenschaft investierte. Die Genossenschaft war politisch neutral und konfessionell unabhängig. Die Regeln umfassten 63 Seiten, am 31. Oktober 1844 wurde beschlossen, sie als Buch herauszugeben und für zwei Pence pro Stück zu verkaufen.

Etwa drei Wochen später war auch das Ladenlokal gefunden. Am 25. November 1844 notierte der Protokollant Ashworth: „Das Lagerhaus von Mister Dunlop wird von der Gesellschaft genutzt, und die notwendigen Reparaturen werden ausgeführt, 10 Pfund Miete jährlich werden ihm für drei Jahre bezahlt.“ Weil Dunlop sein Lagerhaus aber nicht an eine Genossenschaft vermieten wollte, unterschrieb Charles Howarth den Vertrag als Privatmann.

Unter großen Anstrengungen war es den Mitgliedern gelungen, gemeinsam 28 Pfund zu sparen. Nach dem Umbau des Lokals blieben ihnen noch 16 Pfund und 11 Schilling. Doch in Rochdale wollte sie kein Händler mit Ware versorgen. Denn als die Ladenbesitzer der Stadt gehört hatten, dass die Arbeiter ihnen Konkurrenz machen wollten, setzten sie die Großhändler unter Druck, nichts an die Arbeiter herauszurücken.

Es blieb Samuel Ashworth, Charles Howarth und den anderen also nichts anderes übrig, als im englischen Winter zu Fuß nach Manchester zu laufen, um von dort die Waren per Schubkarre nach Rochdale zu schieben.

Am Eröffnungstag liegen im Laden 25 Pfund Butter, 56 Pfund Zucker, 672 Pfund Mehl, ein Sack Hafer und 24 Kerzen.

Zweimal in der Woche öffnen sie das Geschäft am Abend. Nach drei Monaten bleibt sogar ein kleiner Gewinn übrig. Es dauert nicht lange, da ist der Laden zu klein. Das Obergeschoss wird dazugemietet und eine Bibliothek eingerichtet, auch Kurse werden angeboten.

Das Beispiel der Pioniere von Rochdale macht Schule, auch andernorts entstehen Genossenschaften. Gute, preiswerte Produkte, verkauft von Händlern, die keine Profitinteressen verfolgen, das ist ein Geschäftsmodell. 1850 wird eine Großhandelsgesellschaft gegründet, und 1935 gibt es in Großbritannien 114 Coop-Läden.

Die Coop-Supermarktkette hat heute in Großbritannien einen Marktanteil von 6,4 Prozent und 2800 Filialen. Noch immer sammeln Mitglieder Punkte für jedes Pfund, das sie ausgeben. Sie erhalten dafür jährlich eine Dividende. Ganz ähnlich dem Modell, das Howarth sich einst ausgedacht hatte. ---