Andreas Eimer (Career Service) im Interview

Viele stöhnen über den Bildungs-Turbo.Dabei haben Abiturienten mehr Freiheit denn je. Sagt Andreas Eimer vom Career Service der Universität Münster.





• Als man sich daran machte, die Ausbildung an den Schulen und Universitäten zu straffen, waren die Absolventen vergleichsweise alt. Wo man auch hinkam, schwärmten Wirtschaftsvertreter im Namen der „internationalen Wettbewerbsfähigkeit“ von den Vorteilen eines verkürzten Gymnasiums und eines neuen Studienabschlusses nach drei Jahren. Das Ergebnis sind 17-jährige Abiturienten und 21-jährige Bachelor-Absolventen, die über das allzu stressige Turbo-Abi oder die verschulte Turbo-Uni klagen und nun von vielen Personalern als zu jung und unreif beschrieben werden. Prompt gibt es beim Thema Gymnasium die ersten Rückwärtsbewegungen von G8 zu G9. Und an den Hochschulen ist viel von Entschleunigung die Rede. Andreas Eimer, der Studenten der Universität Münster bei der Vorbereitung auf das Berufsleben berät, hat wenig Verständnis für den allgemeinen Unmut.

brand eins: Herr Eimer, warum mögen Sie nicht in das allgemeine Klagelied über das Turbo-Studium einstimmen?

Andreas Eimer: Da steckt mir zu viel emotionale Aufladung drin. Richtig ist, dass sich mit dem Bologna-Prozess seit 1999 viel verändert hat, und nicht alles hat gleich funktioniert. Frühere Generationen kamen aber mit ganz anderen Veränderungen zurecht. Es ist wenig hilfreich, wenn Veränderungen nur noch als Belastung gesehen werden. In meinen Workshops sage ich den Studenten: Jetzt atmen wir erst einmal durch und schauen, wie die Situation wirklich ist. Denn den Zeitdruck, den viele subjektiv empfinden, gibt es nicht.

Von den Studenten wird doch aber erwartet, dass sie zügig durchstudieren. Eben titelte eine Tageszeitung noch empört: „Bachelor-Studenten bummeln.“

Bei den Studienstrukturreformen ging es im Kern nicht um eine Verkürzung der Studienzeit. Das System wurde an eine Gesellschaft angepasst, die sich ständig und überall verändert. Wir leben nicht mehr in der alten Industriegesellschaft, in der die Erwerbsbiografien im Großen und Ganzen ähnlich verliefen: vorn die Ausbildung, in der Mitte der Beruf, hinten Wohlstand und Rente. Die heutige Berufswelt hat stark individualisierte Berufsprofile. Und die technische Entwicklung ist rasant. Schüler und Studenten werden nie ausgelernt haben. Sie werden sich immer wieder anpassen und ihre Kompetenzen aktualisieren müssen. Am Ende ihrer Berufstätigkeit haben die Leute heute insgesamt längere Qualifikationszeiten als früher. Insofern ist eine Diskussion über deren Verkürzung grotesk.

Jeder zweite Abiturient gibt in Umfragen an, beim Blick auf die vielen Tausend Bachelor-Studiengänge, die es heute gibt, überfordert zu sein. Haben die Reformer das Bedürfnis der jungen Leute unterschätzt, sich nach der Schule erst einmal zu orientieren, bevor man sich mit einem speziellen Studiengang auf den späteren Beruf festlegt?

Die individuelle Verantwortung für Bildungsentscheidungen ist natürlich gewachsen. Aber Sie müssen auch sehen, dass sich mehr Möglichkeiten zur persönlichen Entfaltung eröffnen als zuvor. Das neue System mit seinen kleineren Bildungseinheiten ist passgenauer und flexibler als das alte mit seinen langen Magister- oder Diplomstudiengängen.

Laut Deutschem Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung beginnt ein Viertel der Abiturienten nicht sofort eine Ausbildung oder ein Studium. Sie wollen erst mal darüber nachdenken, wie es in ihrem Leben weitergehen soll.

Viele von diesen Überbrückern machen „Work and Travel“, Praktika oder ein freiwilliges soziales oder ökologisches Jahr, und nebenher nutzen sie, was es an Informationsmöglichkeiten und Beratungsangeboten gibt. Einige Abiturienten belegen auch einjährige Orientierungsstudiengänge, die ein bisschen an das Studium Generale des Leibniz Kollegs in Tübingen erinnern. Ein solches Orientierungsjahr kann richtig sein, wenn man nicht einfach den Abflug nach Australien macht und hofft, dass einem nach der Rückkehr schon irgendwas einfällt. Allerdings kann man auch hier keine allgemeingültigen Ratschläge geben. Das ist ja der Punkt: Sie können sich heute nicht mehr mit dem Nachbarskind vergleichen. Was für den einen gut ist, kann für den anderen falsch sein. Den passenden Weg kann man nur selbst finden, indem man sich immer wieder fragt, wo man auf dem Spielfeld gerade steht. Das geht auch ohne Auszeit.

Viele junge Leute beklagen, dafür keine Zeit zu haben.

Es kann nicht sein, dass man sich vor einem Auto- oder Handykauf Zeit für monatelange Recherche nimmt, Entscheidungen über die persönliche Zukunft aber über den Zaun bricht. Gerade habe ich die E-Mail eines Abiturienten beantwortet, der mir schrieb, sich für die kommende Woche Zeit für die Berufsorientierung genommen zu haben, er erbat einen halbstündigen Beratungstermin. Solche Fragen kann man nicht mal eben in ein, zwei Gesprächen abarbeiten.

Was raten Sie ihm, damit er sich nicht zu sehr unter Druck setzt?

Es geht darum, sich von dem alten Denken zu lösen, dass es nur einen Ausbildungsblock direkt nach der Schule gibt. Vielleicht ist es für ihn persönlich richtig, erst einmal eine duale Ausbildung oder zunächst nur den Bachelor zu machen. Den Master kann er auch mit Mitte 30 noch draufsatteln, wenn er sich dann weiterqualifizieren oder neue Wege beschreiten will. Das wird ihm nicht als Schwäche ausgelegt werden.

Unterschätzen Sie da nicht die Angst, die entscheidende Weiche falsch zu stellen?

Diese Angst gibt es, häufig auch bei den Eltern. Und auch den Wunsch, möglichst direkt alle Abschlüsse einzufahren sowie die Vorstellung, dass irgendwann alles festgezurrt ist. Weiterlernen und Umorientieren heißt nicht, gescheitert zu sein. Eine Chance des neuen Systems besteht darin, dass es in vergleichsweise kurzen Abschnitten immer wieder Möglichkeiten bietet, sich neu zu orientieren. Es ist auch viel durchlässiger als das alte. Sie können vom Bachelor in den Beruf, aus dem Beruf zurück in den Master, berufsbegleitend einen Bachelor machen oder einen Master. Oder promovieren. Es gibt mehr Schnittstellen zwischen dem Qualifikations- und dem Berufssystem, und das finde ich gut. Das spiegelt eine Anforderung des Arbeitslebens wider. Der zweite Bildungsweg ist eine Erfolgsgeschichte des 20. Jahrhunderts. Vergleichbare Modelle brauchen wir heute noch viel mehr.

Wie viele Abiturienten und Studenten verstehen das?

Das verstehen alle, wenn man es ihnen erklärt. Ich kann bei unseren Veranstaltungen richtig sehen, wie die Studierenden diese Erklärung als große Entlastung begreifen.

Der Würzburger Bildungsforscher Heinz Reinders sagt: „Die Jugendlichen von heute wissen ganz genau, dass es die geradlinigen Lebensläufe früherer Jahre nicht mehr gibt. Sie sind entspannter, als man sich das als besorgte Eltern und Gesellschaft so vorstellen mag.“ Stimmen Sie zu?

Viele der jungen Leute sind hin- und hergerissen zwischen dem Entdecken der Möglichkeiten und dem Wunsch nach Sicherheit, die es allerdings so nicht mehr gibt. Doch bislang ist noch jede Generation von den Älteren unterschätzt worden. Jede Veränderung braucht Zeit, das kennen wir auch aus anderen Bildungsreformen. Wir sollten den Studierenden nur nicht einreden, dass ihr Studium so stressig ist, dass sie auf die Therapeutencouch gehören. Das reformierte Studiensystem ist viel besser als sein Ruf. Wir sollten nicht die Chancen zerreden, die darin stecken. ---
Orientierungsjahr
Auf das Bedürfnis nach einem ganzen Orientierungsjahr nach dem Abitur haben nicht nur die Anbieter von „Work and Travel“-Aufenthalten, Volunteer-Plattformen und die Coaching-Szene reagiert, sondern auch einige Bildungseinrichtungen. Das Elite-Internat Schloss Salem etwa hat ein „einjähriges Programm zum Kennenlernen der Wissenschaften“ eingerichtet, das es den Teilnehmern ermöglichen soll, ihre Talente zu entdecken. Die private Jacobs University Bremen wirbt mit einem „Foundation Year“, in dem es unter anderem um die Persönlichkeitsbildung und den Erwerb von Kenntnissen geht, für die in der Schule keine Zeit war. Die Leuphana Universität Lüneburg bietet ein „Gap Year“ in Kooperation mit China, die TU München ein einjähriges „Studium Naturale“. Und auch die TU Berlin richtete ein freiwilliges Orientierungsjahr ein. „Die Teilnehmer“, sagt Präsident Christian Thomsen, „sollen sich in aller Ruhe die unterschiedlichsten technischen Fächer anschauen, von denen man beim Abi noch keine Vorstellung hat. Wir beraten sie in dieser Zeit ergebnisoffen. Es ist ja zum Beispiel möglich, dass man für eine duale Ausbildung viel geeigneter ist als für ein Studium.“ Das „Orientierungsjahr“ sei eine „markante Erweiterung“ des Universitätswesens – und wichtig im Kampf gegen hohe Abbrecherquoten.