Lebe wohl, Arbeitsbiene!

Chinesen erkennen, dass Schuften nicht alles sein kann.





• Vor einigen Monaten hat meine Pekinger Lieblingskellnerin ihren Job geschmissen. Viele Jahre lang habe ich bei ihr gebratenen Fisch oder Rindfleisch auf Reis bestellt, und wir plauderten über unsere gleichaltrigen Kinder. Sie berichtete von Telefonaten, denn ihre Tochter lebte anderthalbtausend Kilometer entfernt bei den Großeltern, irgendwo in der Provinz. „Gestern hat meine Tochter mich ausgeschimpft“, erzählte sie einmal. Vorausgegangen war ein Missverständnis. Einige Tage zuvor hatte die Vierjährige am Telefon gefragt, wann Mama nach Hause komme. Zum chinesischen Neujahrsfest, lautete die Antwort. Wann das sei? Im Winter, wenn es kalt ist und Kinder ihre Pullover und wattierten Jacken tragen, erklärte die Mutter. Gestern habe sich die Tochter dann beschwert, dass Mama noch immer nicht da sei. Dabei habe die Kleine nach dem Telefonat sofort alle Wintersachen angezogen. Nun ist meine Lieblingskellnerin also mitten im Sommer zurück aufs Land gezogen, erzählen ihre Kolleginnen. Mehrere Jahre in der Hauptstadt haben sie offensichtlich gelehrt, dass ein Leben mehr sein kann als Geldverdienen. Jetzt will sie ausprobieren, ob sie sich diese Erkenntnis auch leisten kann.

Nicht nur bei ihr, im ganzen Land deutet sich ein fundamentaler Wandel an, nachdem China innerhalb von vier Jahrzehnten zur globalen Wirtschaftsmacht aufgestiegen ist. Das Arbeitsethos, die viel beschworene Bereitschaft zum „Bitternis essen“, machten die Volksrepublik zur Werkbank der Welt – und die Besitzer der Werkbänke zu Millionären. Doch inzwischen fragen sich immer mehr Arbeiter, ob der Wohlstand denn eines Tages auch bei ihnen ankommen wird oder ob sie sich vergeblich abmühen und darüber ihr Leben verpassen. Chinas Arbeitsbienen stellen die Sinnfrage.

Weil in dem riesigen Land kaum noch einer um seine bloße Existenz kämpfen muss, sind die Ansprüche gestiegen. Mehr als eine Milliarde Menschen hat in den vergangenen Jahrzehnten die Armutsgrenze überschritten; darunter leben laut offiziellen Statistiken nur noch 10,2 Prozent. Doch das große Versprechen vom Aufstieg durch Arbeit hat sich für viele abgenutzt. Studien belegen, was die Erfahrung vieler schon lange zeigt: Mit sozialer Mobilität ist es in China nicht weit her. Der Gini-Koeffizient, der die Kluft zwischen Arm und Reich misst, hat nach Berechnungen eines staatlichen Forschungsinstituts den bedrohlichen Wert von 0,61 erreicht (ein Wert von null bedeutet völlige Gleichheit, eins völlige Ungleichheit). Nur in Südafrika klafft die Schere weiter auseinander (0,70). Immer mehr der rund 200 Millionen Wanderarbeiter entscheiden sich daher, auf dem Land zu bleiben, wo das Leben zwar schlichter, aber auch billiger ist.

Viele junge Chinesen sind in den Achtzigern und Neunzigern mit großen Aufstiegsträumen aufgewachsen. Dass die Realität nicht mithalten kann, verdirbt ihnen den Spaß an der Arbeit. Ein Leben in der Stadt ist längst nicht mehr der Traum aller Landbewohner ist, wie eine Umfrage in der westchinesischen Provinz Sichuan belegt. Anlass war eine Reform, mit der die Regierung das aus der Mao-Zeit stammende System der Haushaltsregistrierung lockern will, damit Wanderarbeiter ihren Wohnsitz offiziell in die Stadt verlegen können. In Peking ging man davon aus, dass dies ihr größter Wunsch sei, doch nur 10,7 Prozent der Befragten gaben an, dauerhaft in die Stadt umziehen zu wollen. Fabrikbesitzer in den Produktionszentren der Süd- und Ostküste klagen, es werde immer schwieriger, Arbeiter zu finden und zu binden.

Das Proletariat tritt selbstbewusster auf und scheut sich nicht, höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen zu fordern. Was für die Industrie das Ende von „cheap China“ bedeutet, ist aus Sicht von Menschenrechtlern ein historischer Wendepunkt. „Die Arbeiter verstehen immer besser, dass sie es selbst mit in der Hand haben, wie sich China entwickelt“, sagt Han Dongfang, Gründer der Hongkonger Organisation China Labour Bulletin (CLB). Während sie in der Vergangenheit nur demonstriert hätten, wenn ihre Rechte stark verletzt worden seien, würden sie nun ihre eigenen Arbeitskämpfe auszufechten beginnen, beobachtet Han, der einst Chinas erste unabhängige Gewerkschaft mit begründete und 1989 zu den Gallionsfiguren der Tiananmen-Demonstrationen gehörte. „Sie erweisen dem Land damit einen großen Dienst.“

Meine Lieblingskellnerin sieht sich nur ihrer Familie verpflichtet. Dass ihre Tochter bisher ohne sie auskommen musste, ist ein Schicksal, das sie mit etwa 30 Millionen chinesischen Kindern teilt. Nach Auskunft des Allchinesischen Frauenverbands wächst heutzutage jedes fünfte Kind ohne seine Eltern auf. Das Einkommen der Wanderarbeiter ist die Lebensgrundlage für einen Großteil der chinesischen Landbewohner, die noch immer mehr als die Hälfte der Bevölkerung ausmachen, aber von ihrer traditionellen Agrarwirtschaft nicht mehr leben können. Doch allmählich wird der Gesellschaft bewusst, dass die Migranten mehr investieren als ihre Arbeitskraft. Psychologen warnen vor den Problemen, die damit einhergehen, wenn Kinder ohne ihre Eltern aufwachsen. Meine Lieblingskellnerin hat daraus Konsequenzen gezogen. Lebe wohl, du hast Besseres verdient! ---