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Broterwerb – eine Schande!

Warum Afrikaner sich von der Arbeit nicht treiben lassen.





• Herr Ziebart war der am weitesten gereiste Mann in meinem schwäbischen Heimatort. Mit ihm ließ es sich trefflich über Grundsätzliches streiten, etwa über die hartnäckige Armut der Afrikaner. Dazu erzählte er folgende Anekdote: In Asien habe er von seinen Hotelzimmern aus beobachtet, wie die Passanten an roten Fußgängerampeln Gruppen bildeten. Schalte die Ampel auf Grün, rasten sie wie emsige Ameisen los. Ganz anders in Afrika: Dort lungerten höchstens ein paar zweifelhafte Gestalten auf den Straßen herum, die sich einen Dreck um rote oder grüne Ampeln scherten. Afrikaner hätten sich ihr Dilemma selbst zuzuschreiben, so Ziebarts Fazit: Sie sind halt undiszipliniert und faul.

Jahre später und selbst in Afrika habe ich mich gefragt, ob Ziebart je aus seinen Hotelzimmern herausgekommen war. Afrikaner als faul zu bezeichnen ist so absurd wie Japaner als unhöflich: Nirgendwo kann man Menschen härter schuften sehen als auf dem schwarzen Kontinent. Schon dreijährige Kinder transportieren auf dem Kopf über Kilometer Eimer mit Wasser. Ihre Mütter schleppen halbe Bäume als Brennholz nach Hause. In Ghana, Tansania, Simbabwe oder Südafrika verbringen Zehntausende Männer Tag und Nacht in stillgelegten Minen oder selbst gegrabenen Gängen, um mit Hammer und Meißel gold- oder silberhaltiges Gestein aus dem Fels zu brechen. So haben die Deutschen seit den Weberaufständen nicht mehr geschuftet.

Und doch ist Ziebarts Missverständnis nicht zufällig zustande gekommen. Es ist nämlich gar nicht so einfach, einen Afrikaner beim Malochen zu beobachten, denn das ist nichts, was hier zur Schau gestellt wird. Ein Beispiel: Die jüngst kontaktierte Sprecherin einer UN-Mission irgendwo in Afrika klingt schon am Telefon wie ein aufgescheuchtes Huhn. Sie habe höchstens zehn Minuten Zeit, sagt die viel beschäftigte Mitteleuropäerin. Und als sie schließlich im vereinbarten Café zum Interview auftaucht, vergehen sechs der zehn Minuten mit der Aufzählung ihrer noch heute zu erledigenden Aufgaben. Die junge Frau lässt keinen Zweifel daran, wie wichtig sie für das Überleben der Menschheit ist: Verbrächte sie noch eine Minute länger mit uns, könnte ein Krieg ausbrechen oder der Himmel einstürzen. Offensichtlich ist die UN-Sprecherin ein Opfer des mitteleuropäischen Schaffens-Ethos: Ich arbeite, also bin ich.

Ein Afrikaner in derselben Position hätte – falls er tatsächlich sehr beschäftigt gewesen wäre – am Telefon trotzdem aus Höflichkeit ein Treffen vereinbart, wäre aber nie erschienen. Oder hätte sich die Zeit genommen, in aller Ruhe Kaffee zu trinken, und sämtliche späteren Verabredungen warten lassen. In jedem Fall ließe er sich niemals anmerken, dass nicht er seine Arbeit, sondern seine Arbeit ihn beherrscht.

Afrikanern ist es suspekt, Arbeit als einen Wert an sich zu sehen oder als Wirtschaftsgut. „Es ist keine Schande, für Arbeit Geld zu verdienen“, lautet ein tansanisches Sprichwort, das den Ostafrikanern wahrscheinlich von ihren deutschen Kolonialherren eingebläut wurde. Dass man es überhaupt als Schande betrachten könnte, durch Arbeit Geld zu verdienen, zeigt, wie anders die Tansanier ticken. Arbeit als Broterwerb gibt es erst seit der Kolonialzeit, als sich die Europäer einen Großteil des Kontinents unter den Nagel rissen.

In Südafrika musste die einheimische Bevölkerung wie in den meisten anderen afrikanischen Ländern zur Arbeit in den Minen und auf den Farmen regelrecht gezwungen werden – indem ihr der Landbesitz verboten und sie zur Zahlung einer Hüttensteuer in cash verdonnert wurde. Arbeit in den Gold- und Diamantenbergwerken bedeutete, von der Familie weit entfernt in der unheimlichen Finsternis unter Tage von einem weißen Wächter beaufsichtigt schuften zu müssen. Keine Umstände, in denen man ein Ethos vom hehren Wert der Arbeit hätte entwickeln können. „Es gibt eine deutliche Negativität in der Arbeitsethik von Südafrikanern, die womöglich historische und kulturelle Gründe hat“, stellten Andre Slabbert und Wilfred Ukpere im Rahmen ihrer Untersuchung der miserablen Produktivitätsrate am Kap der Guten Hoffnung fest. Man lebt nicht, um zu arbeiten. Man arbeitet, um zu überleben.

Eine typische Klage europäischer Unternehmer in Afrika ist, dass Kollege X bis zum ersten Zahltag ausgezeichnet gearbeitet habe, dann aber plötzlich weggeblieben sei. Recherchen ergeben in der Regel, dass der Mann mit dem ersten Gehalt bereits genug verdient hatte, um einen akuten Notstand zu beheben. Weiterzuarbeiten war deshalb gar nicht nötig. Dass man ein ganzes Leben lang malocht, um – wenn man schließlich ausgepowert ist – etwas Rente einzustreichen, ist den Leuten fremd. Allein schon, weil die durchschnittliche Lebenserwartung in vielen Staaten des Kontinents unter dem Rentenalter liegt. Der senegalesische Autor Alioune Diop wunderte sich bereits vor sechs Jahrzehnten: „Die gesamte europäische Persönlichkeit ist eine Arbeitsmaschine und findet gewisse Freuden lediglich in der Arbeit.“

Für diese merkwürdige Arbeitsfreude machte der deutsche Soziologe Max Weber die „protestantische Ethik“ verantwort-lich. Sie sei Folge der Reformation, die die Gläubigen bei der Frage nach ihrer Gottgefälligkeit auf sich allein gestellt hatte: Keine Kirche, kein Priester, kein Ablass und keine Beichte konnte hier helfen. Um sicherzugehen, dass sie tatsächlich zu den Erwählten gehörten, stürzten sich die verunsicherten Protestanten in die Arbeit, die sie im Idealfall zu wohlhabenden Bürgern machte – ein Indiz dafür, dass ihnen der Allmächtige tatsächlich Wohlwollen entgegenbrachte.

Eine solche Strategie sei den Afrikanern ganz und gar fremd, sagt der in Südafrika lebende simbabwische Ethik-Professor Munyaradzi Murove, der sich mit Max Webers Analysen beschäftigt hat. Dem Forscher zufolge betrachten Afrikaner Arbeit nicht als Mittel zur individuellen Selbstverwirklichung, sondern als kollektive Anstrengung. Das dazu passende Bild sind die auf den Feldern tätigen Dorfbewohner, die bei der Arbeit quatschen oder singen. Ihren nach einer guten Ernte erwirtschafteten Überfluss pflegten sie dem Chief oder dem König zu übergeben, der mit diesen Vorräten die Bevölkerung in Notfällen zu versorgen hatte. Der sich dahinter verbergende Grundsatz vom „Ubuntu“ – dass der Mensch nur in der Gemeinschaft mit anderen zum humanen Wesen wird – unterscheidet sich laut Murove diametral von der individualistischen europäischen Ethik.

Webers Analyse ging noch einen Schritt weiter: Er machte die protestantische Ethik auch für die Entstehung des Kapitalismus verantwortlich. Nur der von der bangen Frage nach dem Seelenheil ständig angetriebene Motor habe für jenes Übermaß an Anstrengung gesorgt, das zur Maximierung der Produktivität und der Akkumulation riesiger Kapitalmengen nötig war. Das machte die Europäer reich und mächtig – während die Afrikaner mit ihrem Verständnis von Arbeit als kollektive Überlebensstrategie diesen gewaltigen Entwicklungsschub nicht erlebten.

In gewisser Weise hatte Herr Ziebart also recht: So, wie sich das ein von der Arbeit getriebener Protestant vorstellt, werden sich die Afrikaner niemals entwickeln. ---